Hochbegabung - nur eine Fiktion?

Martin R. Textor

 

Wie wird man ein erfolgreicher Sportler? Man hat gute Trainer (gehabt) und trainiert, trainiert, trainiert. Wie wird man ein erfolgreicher Musiker? Man hat gute Lehrer (gehabt) und übt, übt, übt. Wie wird man ein erfolgreicher Naturwissenschaftler? Man hat jahrelang unter Anleitung in einem Labor gearbeitet und experimentiert, experimentiert, experimentiert.

Und was ist mit der Begabung? Muss man nicht ein besonderes Talent haben, wenn man ein guter Sportler oder Musiker werden will? Hat man nicht besonders intelligent zu sein, wenn man eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen möchte?

Laut Colvin (2008) ist es der Genforschung trotz großer Fortschritte in den letzten Jahren bisher nicht gelungen, einzelne Gene mit besonderen Begabungen in Beziehung zu setzen. Wenn aber eine genetische Grundlage fehlt (oder noch nicht entdeckt wurde), kann es keine "angeborenen" Talente geben!

Nach Ziegler (2008) konnte bisher weder die Intelligenzforschung hohe (kognitive) Leistungen alleine mit dem Intelligenzquotienten erklären noch die Expertiseforschung Anhaltspunkte für bestimmte Begabungen ausmachen. Einerseits wurde in mehreren Studien immer wieder herausgefunden, "dass der IQ weder mit dem Berufserfolg noch mit Leistungsexzellenz in einem eindeutigen Zusammenhang stand" (S. 28). Die prognostische Wirkung des IQ ist somit gering. Andererseits zeigte sich, dass herausragende Leistungen immer auf ein Spezialgebiet begrenzt sind und vor allem durch Lernprozesse erklärt werden können: Diese Personen - egal ob es Naturwissenschaftler, Mathematiker, Musiker oder Sportler sind - haben mindestens 10 Jahre lang intensiv gelernt. Das gelte auch für so genannte "Wunderkinder" wie z.B. der spätere Schachweltmeister Bobby Fischer oder der Komponist Wolfgang Amadeus Mozart: Sie haben oft schon im Vorschulalter mit dem Üben auf ihrem Spezialgebiet angefangen. Bei ihren ersten Erfolgen hatten sie bereits mindestens 10.000 intensive Lernstunden absolviert.

Hier wird deutlich, dass bei Menschen, die später durch besondere Leistungen hervorstechen, die systematische Förderung häufig sehr früh - vielfach schon vor dem 6. Lebensjahr - einsetzte. Zumeist wird durch die Beobachtung eines spielenden (Klein-) Kindes festgestellt, dass ihm bestimmte Aktivitäten besonders viel Freude machen. Dann wird der Lernprozess im Verlauf der Zeit immer stärker organisiert.

Ein bloßes Üben reicht aber nicht aus. Wichtig ist, dass die Lernprozesse des Kindes oder Jugendlichen von einer Person gesteuert werden, die sich auf dem Spezialgebiet gut auskennt. So hatten herausragende Sportler oft einen Elternteil, der ebenfalls ein guter Sportler war, hatten viele berühmte Musiker musikbegeisterte Eltern, hatten viele renommierte Wissenschaftler akademisch gebildete Eltern, die ihre besonderen Interessen erkannten und förderten. In anderen Fällen waren es Trainer von Sportvereinen, Musiklehrer oder andere Fachleute, die sich des Kindes bzw. Jugendlichen annahmen und deren Lernprozesse systematisierten.

Auch viele berühmte Sportler oder Musiker haben noch einen Trainer bzw. Lehrer. Der Grund hierfür ist, dass sie trotz ihres bereits erreichten Status noch einer Anleitung bedürfen: Oft sind ihre "Mängel" so klein, dass sie sie selbst nicht entdecken und sie nur mit Hilfe kontinuierlicher Rückmeldung beheben können. Hier wird deutlich, dass "Üben" nicht gleich "Üben" ist, wie Colvin (2008) an folgendem Beispiel verdeutlicht: Wenn ein "normaler" Musiker Klavier spielt, versucht er in der Regel, den einmal erreichten Standard zu halten. Ein herausragender Musiker wird hingegen danach trachten, jeden noch so kleinen Fehler auszumerzen und immer noch ein wenig besser zu werden. Ein "normaler" Marathonläufer wird während des Rennens an verschiedene Dinge denken, die ihn von der Beschäftigung mit seinen schmerzenden Muskeln und seiner zunehmenden Erschöpfung ablenken. Hervorragende Läufer beobachten hingegen sich selbst: Sie zählen beispielsweise, wie viele Schritte sie während des Ein- und Ausatmens machen, um ein bestimmtes Verhältnis zu erreichen.

Hier wird deutlich, dass die Leistungselite eine besondere Form des Lernens betreibt: das zielgerichtete, aktive, "bewusste Üben": "Deliberate Practice meint ausschließlich eine hoch organisierte, hoch konzentriert durchgeführte Lernaktivität, welche stets auf die Verbesserung der eigenen Leistung gerichtet ist" (Ziegler 2008, S. 41). Die Person überwacht also aufmerksam den eigenen Lernprozess und arbeitet kontinuierlich an sich selbst. Das gilt auch dann noch, wenn sie Leistungsexzellenz erreicht hat und aufgrund der erworbenen Expertise einen herausragenden Ruf besitzt.

Bevor aber eine Person dieses Stadium erreicht, ist sie in der Regel - wie bereits erwähnt - auf einen Lehrer, Mentor oder Trainer angewiesen, der "Deliberate Practice" initiiert, anleitet und überprüft. Er muss Folgendes sicherstellen:

  • "Die Lernaktivität muss explizit auf Lernzuwächse hin konzipiert sein.
  • Der Schwierigkeitsgrad der Lernaktivität muss dem individuellen Leistungsstand angepasst sein, das heißt, genau einen Lernschritt darüber liegen.
  • Der Lernende erhält ein aussagekräftiges Feedback, das ihm den Erfolg beziehungsweise Misserfolg seines Lernens klar anzeigt.
  • Es bestehen ausreichende Übungsgelegenheiten, insbesondere für die Fehlerkorrektur" (Ziegler 2008, S. 42).

Es ist offensichtlich, dass eine entsprechende Förderung in einer Kindergartengruppe bzw. Schulklasse mit 25 Kindern oder in einem Hochschulseminar mit 20 oder gar 40 Studierenden nicht möglich ist. Sie setzt eine kontinuierliche genaue Beobachtung des Lernenden bzw. der aktuellen Lernprozesse voraus. Dann müssen genau für diese Person bestimmte Lernaktivitäten konzipiert werden, die im Sinne Wygotskis (1987) in der "Zone der nächsten Entwicklung" liegen und somit gezielt die sich gerade "im Reifungsstadium" befindlichen Fähigkeiten beeinflussen: "Was das Kind heute in Zusammenarbeit und unter Anleitung vollbringt, wird es morgen selbständig ausführen können. Und das bedeutet: Indem wir die Möglichkeiten eines Kindes in der Zusammenarbeit ermitteln, bestimmen wir das Gebiet der reifenden geistigen Funktionen, die im allernächsten Entwicklungsstadium sicherlich Früchte tragen und folglich zum realen geistigen Entwicklungsniveau des Kindes werden. Wenn wir also untersuchen, wozu das Kind selbständig fähig ist, untersuchen wir den gestrigen Tag. Erkunden wir jedoch, was das Kind in Zusammenarbeit zu leisten vermag, dann ermitteln wir damit seine morgige Entwicklung" (a.a.O., S. 83).

Dasselbe gilt natürlich auch für Jugendliche und Heranwachsende: Der Lehrer, Mentor oder Trainer muss immer sowohl das aktuelle als auch das potentielle Entwicklungsstadium erfassen, individuelle Lernaktivitäten konzipieren, die ein wenig über dem derzeitigen Kompetenzniveau liegen, und deren Verlauf so überwachen, dass er ein angemessenes Feedback geben kann. "Deliberate Practice" ist somit für den Lehrenden als auch für den Lernenden extrem anstrengend. Entsprechende Lernaktivitäten sind somit nur an wenigen Stunden des Tages möglich und sinnvoll - so lange bis der Lernende geistig bzw. körperlich erschöpft ist. Dann kann er aber immer noch das wiederholen, was er gelernt hat - also im klassischen Sinne üben.

Die mit "Deliberate Practice" verbundene große Anstrengung - die ja mindestens 10 Jahre lang beibehalten werden muss, wenn jemand Leistungsexzellenz erreichen will - erklärt, wieso nur so wenige Menschen ihr Potential realisieren. Aber auch die geringe Zahl von Lehrern, Trainern und Mentoren, die sich so intensiv um eine einzelne Person kümmern können und die Fähigkeit besitzen, für sie "Deliberate Practice" zu gestalten, ist hierfür verantwortlich. Hinzu kommt, dass es in manchen Berufsfeldern - z.B. in der Wirtschaft oder in der Verwaltung - unüblich ist, (junge) Mitarbeiter kontinuierlich anzuleiten. Wessen Leistung nur einmal im Jahr oder noch seltener in einem Personalgespräch besprochen wird, der verfällt leicht in Routine: Er macht weitgehend das, was er schon kann - und viel mehr wird in der Regel von ihm auch nicht erwartet. Setzt sich diese Person aber kontinuierlich kleine, erreichbare Ziele (die also in der "Zone der nächsten Entwicklung" liegen), beobachtet sie sich selbst während des Erledigens ihrer Aufgaben, bewertet sie das erreichte Ergebnis, arbeitet sie dann an sich selbst und verbessert sie so immer wieder die eigene Arbeitsleistung, dann kann sie zu den wenigen Menschen gehören, die aufgrund ihrer Fähigkeiten Karriere in Unternehmen oder Behörden machen.

Leistungsexzellenz ist somit nicht abhängig von besonderen Begabungen. Sie verlangt vielmehr, dass eine Person über viele Jahre hinweg große Opfer bringt - also lernt, lernt, lernt. Erst nach vielen - mindestens 10 - Jahren wird sie erleben, dass sich die Opfer gelohnt haben. Die meisten Menschen werden aber nicht bereit sein, einen so hohen Preis für Leistungsexzellenz zu zahlen. Und viele Menschen werden überhaupt keine Chance haben, einen solchen Weg einzuschlagen, da sie weder in der Familie noch in Kindergarten, Schule oder sozialem Umfeld einen Menschen gefunden haben, der sie auf den Weg der "Deliberate Practice" führt...

Literatur

Geoffrey Colvin: Talent Is Overrated: What Really Separates World-Class Performers from Everybody Else: Practice, Passion and the Good News About Great Performance. New York: Portfolio 2008

Wygotski, L.: Ausgewählte Schriften. Band 2: Arbeiten zur psychischen Entwicklung der Persönlichkeit. Köln: Pahl-Rugenstein 1987

Albert Ziegler: Hochbegabung. München, Basel: Ernst Reinhardt Verlag 2008