"Bildung für nachhaltige Entwicklung" - ein Thema für Tageseinrichtungen?

Freya Pausewang

 

"Die Generalversammlung der Vereinten Nationen (VN) hat am 20.12.2002 für die Jahre 2005 bis 2014 die Weltdekade 'Bildung für nachhaltige Entwicklung' ausgerufen. Das Ziel der Weltdekade ist es, allen Menschen Bildungschancen zu eröffnen, die es ihnen ermöglichen, sich Wissen und Werte anzueignen sowie Verhaltensweisen und Lebensstile zu erlernen, die für eine lebenswerte Zukunft und eine positive gesellschaftliche Veränderung im Sinne der Nachhaltigkeit erforderlich sind" (www.bne-portal.de). Diese Dekade wird von der Kultusministerkonferenz unterstützt.

In vielen Schulen und anderen Bildungseinrichtungen für die mittlere und spätere Kindheit wird die Thematik zunehmend ein wichtiger Bildungsinhalt. In Einrichtungen der Frühpädagogik wird über Bildung und Erziehung im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit allerdings wenig nachgedacht. Der Grund liegt vielleicht daran, dass mit dem Wort Bildung spontan an Wissen und Sachkompetenzen gedacht wird und nicht an Persönlichkeitsbildung und soziale Fähigkeiten. Für Persönlichkeitsaufbau und soziales Denken und Handeln wird aber gerade in der frühen Kindheit und insbesondere in den Tageseinrichtungen die Basis gelegt. Es geht darum, ob und wie Kinder in ihrem Persönlichkeitsaufbau und in ihren Werten für eine veränderte Zukunft vorbereitet und gestärkt werden können. Die Antwort muss deshalb heißen: Bildung für nachhaltige Entwicklung ist sehr wohl ein Thema für die Frühpädagogik.

Was heißt überhaupt "nachhaltige Entwicklung"?

Die internationale Brundtland-Kommission hat bereits 1987 definiert: "Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Lebensqualität der gegenwärtigen Generation sichert und gleichzeitig zukünftigen Generationen die Wahlmöglichkeit zur Gestaltung ihres Lebens erhält" (www.bne-portal.de).

Die globale Menschheit steckt zurzeit in schweren Krisen. Durch die augenblickliche Wirtschaftkrise werden weitere, noch schwerer zu bewältigenden Krisen weniger beachtet. Dazu gehören vor allem

  • die ökologische Krise mit den gefährlichen Veränderungen des Klimas, dem Verlust von fruchtbarem Boden durch Wüstenbildung, Überschwemmungen und anderer Zerstörung von Agrarflächen, mit dem Aussterben von Pflanzen- und Tierarten, mit Giftmüllproblemen und vielem mehr;
  • die zunehmende Krise der Ressourcenknappheit, insbesondere bei Öl und Nahrung;
  • die auseinander gehende Schere zwischen Arm und Reich mit steigender Armut, hoher Landflucht in den Ländern des Südens und der Gefahr von schweren kriegerischen Konflikten.

Diese Krisen haben nicht nur fatale Auswirkungen vorrangig auf die verarmten Länder, sondern auch auf die Lebensqualität der nächsten Generationen. Lebensformen im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung streben ein Verhalten der Menschen an, das das Lebens- und Menschenrecht der jetzigen und der zukünftigen Menschen weltweit berücksichtigt.

Was kann die Frühpädagogik im Rahmen der "Bildung für nachhaltige Entwicklung" leisten?

In den Bildungsplänen der meisten Bundesländer für die Kindertageseinrichtungen werden die zu fördernden Kompetenzen in vier Gruppen geteilt:

  • Selbstkompetenz,
  • Sozialkompetenz,
  • Sachkompetenz und
  • Lernkompetenz.

Die Bildungspläne bauen auf dem neuen Bild des Kindes auf, das aufgrund psychologisch-pädagogischer Forschungen entwickelt wurde: Das Kind ist der Konstrukteur seiner Bildung. Es bildet sich selbst. Der Erwachsene ist der Ko-Konstrukteur und unterstützt das Kind in seiner Selbstbildung. Das Wissen um die Bildungs- und Lernfähigkeit des Kindes ist eine gute Voraussetzung für die Bildung für nachhaltige Entwicklung. Wenn das Kind nämlich darin unterstützt wird, selbst seine Bildung in die Hand zu nehmen und seine hohe frühkindliche Lernbereitschaft und Lernfähigkeit möglichst lange zu erhalten, bleibt es deutlicher aufnahme- und anstrengungsbereit. Seine kindliche Lust, Hürden zu nehmen, wird länger wach gehalten. Für den Aufbau von Selbst- und Sozialkompetenzen werden Weichen gestellt. Deshalb: In der Kindergartenzeit werden Basiskompetenzen für die Bewältigung späterer Krisen entwickelt.

Und was bedeutet das konkret?

Die Zukunft (auch die Gegenwart) braucht starke Menschen, die sich den großen Herausforderungen stellen, die nicht so schnell aufgeben und die Ziele verantwortlich verfolgen. Erzieher/innen, die die Persönlichkeitsentwicklung ihrer Kinder ernst nehmen, bemühen sich um den Aufbau von Stärke, von Durchhaltekraft, von Verantwortung und gewissenhafter Mitbestimmung. Neben das sozial verantwortliche Denken und Handeln tritt ökologische Verantwortlichkeit, die in der frühen Kindheit durchaus bereits entwickelt werden kann.

Der Aufbau einer starken Persönlichkeit

Konkret bedeutet eine Stärkung der Persönlichkeit im Kindergarten zum Beispiel:

  • Die Erzieherin hält sich mit ihren Handlungsideen und Programmen zurück. Sie unterstützt das Kind in seiner Initiative und in seinen eigenständigen Ideen, anstatt das Nachmachen von Vorgaben zu erwarten (im Spiel, beim Werken, bei der Suche nach Problemlösungen). Wo immer möglich und sinnvoll, öffnet sie den Blick des Kindes für Hintergründe und Zusammenhänge. Sie wird z.B. nicht sagen: "Lass Ali bitte mitspielen, Sophie!", sondern vielleicht zunächst: "Ali ist bestimmt traurig, wenn ihn niemand mitspielen lässt!" Oder: "Hast du eine Idee, was wir tun könnten?"
  • Kleine Kinder haben gewöhnlich einen starken Drang, Dinge selbst zu tun: "Ich, ich!" oder "Allein!" rufen Zweijährige, wenn die Erwachsenen sie anziehen oder füttern wollen. Diese Anstrengungsbereitschaft nimmt unnötigerweise ab, wenn Eltern oder Erzieher/innen ihnen häufig das Leben vermeintlich "leichter" machen wollen und ihnen mehr Handlungen als nötig abnehmen oder Lösungen vorgeben.
  • Die Erzieherin bestärkt das Kind, wenn es Situationen beobachtet und bewertet, insbesondere, wenn es Initiative ergreift, um etwas Unbefriedigendes zu verändern, etwa wenn es ein weinendes Kind tröstet oder einen Regenwurm vom trocken werdenden Asphalt rettet und in den Rasen trägt.
  • Erzieher/innen in vielen Kindergärten benutzen in der Gruppe so genanntes "Zeug zum Spielen", d.h. Material, das in der Umwelt vorhanden ist und nicht von Erwachsenen für das Kinderspiel erschaffen wurde: Dinge aus der Natur wie Äste, Steine, Wildfrüchte; Wegwerfmaterial wie Verpackung, Material aus dem Haushalt wie Verkleidungssachen, Seile, Schnüre, Tücher, Gefäße. Hier erfindet das Kind selbst und wächst daran.
  • Erzieher/innen unterstützen die Kinder in ihrer Entwicklung von Stärken: Initiative ergreifen, Hindernisse überwinden, Hürden meistern, Ziele ausdauernd verfolgen, Handlungen selbst in die Hand nehmen und Verantwortung tragen.

Sozial verantwortliches Denken und Handeln

Die meisten Kinder erleben in der Tageseinrichtung zum ersten Mal eine Gruppe gleichberechtigter Mitglieder. Hier werden Weichen für soziales Denkens und Handeln gestellt. Glücklicherweise wird heute darauf geachtet, dass sich die Kinder langsam und vertrauensvoll in die Gruppe einleben und die Gemeinschaft nicht als beängstigend, sondern als faszinierend und bereichernd erleben. Allerdings sind die Gruppen viel zu groß, um die Kinder differenziert und in individueller Unterstützung in soziales Denken und Handeln einzuführen und zu bestärken.

Die Unterstützung sozialen Lernens kann im Kindergarten z.B. so aussehen:

  • Erzieher/innen beobachten, wie sich das einzelne Kind in kleinen Spielgruppen und auch in der großen Gruppe integriert. Bei seiner Suche nach einem angemessenen Standort ermutigen sie es, etwa
    • in einer Gruppe mitzuspielen,
    • sich in der Gruppe zu einem Beitrag zu trauen oder auch sich zurückzunehmen,
    • Initiative zu ergreifen und andere einzubeziehen oder auch sie angemessen zu begrenzen.
  • Erzieher/innen beobachten aber auch, wie das einzelne Kind anderen Gruppenmitgliedern die Integration ermöglicht oder behindert. Außenseiter und Marginalisierung soll es nicht geben. Jeder muss sich anerkannt fühlen. Die Kinder erleben das auch am Vorbild der Erzieher/innen.
  • Mitsprache, Mitentscheidung, Partizipation und demokratisches Verhalten werden in altersgemäßen Formen erprobt und gelebt.

Ökologische Verantwortlichkeit

Ein großer Teil der heutigen Menschheit (insbesondere in den Industrieländern) blendet nicht nur global soziale Aspekte - den Anspruch auf Menschenwürde und Menschenrechte aller Menschen - aus der eigenen Lebensstilfrage völlig aus, sondern verkennt auch die Endlichkeit und die Verletzbarkeit der Erde. Um zu verdeutlichen, wo sich Lebensstil und Verhalten bei uns ändern müssen, zunächst einige Beispiele:

  • Obwohl wir wissen, dass CO2 das Klima aufheizt, reduzieren die Menschen ihre CO2-produzierenden Verhaltensweisen kaum:
    • Das Verkehrsverhalten muss sich deutlich verändern, sowohl im Individualverkehr als auch beim Warentransport und vor allem bei den klimaschädlichen Flugreisen.
    • Der Fleischkonsum, der neben äußerst klimaschädlichen Gasen auch zu hohem Verbrauch landwirtschaftlicher Flächen führt und dadurch den Hunger der Armen vergrößert, nimmt bei uns nur sehr langsam ab.
    • Biologische Ernährung nimmt zwar zu, aber gedankenlos werden dabei Bohnen aus Kenia oder Äpfel auch Chile gekauft, ohne sich zu überlegen, wie umweltschädlich der Transport ist. Zudem müssten faire Arbeitsbedingungen deutlicher beachtet und von Konsumenten gefordert werden, damit die Produzenten angemessen bezahlt werden.
    • Der private Verbrauch von Energie wird nur sehr langsam in Frage gestellt, etwa bei der eigenen Nutzung von Strom, bei der Ummeldung auf Produzenten erneuerbarer Energieerzeugung (Wind, Sonne, Wasser) oder auch beim Konsum, etwa beim Kauf von Produkten, die bei der Herstellung und im Verbrauch äußerst energieaufwendig sind.
  • Müllprobleme - vor allem in den Industrieländern - erreichen ungeahnte Ausmaße.

Auch wenn es zunächst nicht so erscheint, können Kindergartenkinder in ökologischer Verantwortlichkeit sensibilisiert und bestärkt werden, und zwar in zweierlei Richtung: dem emotionalen Bezug zur Natur und deren Wertschätzung sowie einem Natur schützenden und erhaltenden eigenen Verhalten. Beispiele:

  • Die Zunahme der Waldkindergärten beeinflusst Tagesstätten, jedem Kind wenigstens einmal monatlich einen Naturtag zu ermöglichen. Diese Wandertage sind bei den Kindern in der Regel sehr beliebt. Die Kinder fühlen sich angeregt und herausgefordert, sie entwickeln vielseitige Spiele und erleben dadurch den Reichtum der Natur. Sie lernen kleine Tiere und Pflanzen zu beobachten, deren Leben zu hinterfragen und sie zu schützen.
  • In den Spielhöfen der Kindergärten wird häufig wieder ein kleines Stückchen Erde für Gartenarbeit reserviert: Wenigstens eine Kräuterschnecke und ein Komposthaufen werden angelegt.
  • Gruppenregeln veranlassen die Kinder zu wertschätzendem und sparsamem Umgang mit Ressourcen:
    • Beim Essen nimmt sich jedes Kind wenig, damit keine Speisen weggeworfen werden müssen; Nachholen ist immer möglich.
    • Papier wird sparsam verwendet (etwa werden Rückseiten benutzt oder ein benötigtes Teil wird vom Rand her ausgeschnitten und nicht aus der Mitte des Blattes heraus), und zwar auch dann, wenn das Papier dem Kindergarten als Abfallpapier ausreichend geschenkt worden war.
    • Erzieher/innen vermitteln den Kindern, dass unendlich erscheinende Materialien nicht unendlich vorhanden sind, etwa Wasser, Strom, Heizung, Werkmaterial. Wichtig ist dabei klarzustellen, dass deren Begrenzung nicht allein vom vorhandenen Geld abhängt.
    • Pflanzen und kleine Tiere werden nicht mutwillig beschädigt, verletzt oder getötet.

Die Persönlichkeit der Erzieherin ist das A und O

Regeln und Verhaltensanweisungen nutzen wenig, wenn sie nicht aus Überzeugung und mit konsequentem Vorbildverhalten vermittelt werden. Bezug, Wertschätzung und überzeugtes Verhalten können Erzieher/innen nur vermitteln, wenn sie selbst voll dahinter stehen. Selbstverständlich ist niemand perfekt. Eine Erzieherin kann sich beispielsweise vor Regenwürmern ekeln. Sie kann den Kindern sagen, dass sie es nicht schafft, einen Regenwurm, der auf dem Asphalt zu vertrocknen droht, in die Hand zu nehmen und in den Rasen nebenan zu tragen. Aber sie kann sagen, dass sie es gerne tun würde, und kann Kinder anerkennen, die das leisten. Wenn sie allerdings dem Regenwurm gegenüber gleichgültig ist und nur vor den Kindern schützendes Verhalten vortäuscht, wird sie Kinder nicht überzeugen.

Autorin

Freya Pausewang
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