Kindertagesbetreuung im Fokus von Bund, Ländern und Verbänden: die Jahre 2001 bis 2008 in 1600 Pressemitteilungen

Martin R. Textor

 

Über den Zeitraum von acht Jahren hinweg habe ich für das Mitte 2008 aufgelöste Portal "Kindertagesbetreuung" Pressemitteilungen von Ministerien, Behörden, Verbänden und Instituten gesammelt. Zum Schluss waren mehr als 1600 Pressetexte abrufbar. Sie bieten einen Überblick über das zweite Jahrzehnt in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, in der die Kindertagesbetreuung intensiv diskutiert wurde. Wie schon in den 1960er Jahren - damals als Folge des "Sputnik-Schocks" - wurden in den Jahren nach der Jahrtausendwende - nun als Folge des "PISA-Schocks" - sowohl die Bildungs- als auch die kompensatorische Funktion der Kindertagesbetreuung neu entdeckt. Wieder wird betont, wie wichtig das frühkindliche Lernen sei, dass es intensiver gefördert werden müsse und dass in den ersten Lebensjahren Entwicklungsunterschiede zwischen Kindern aus der Mittelschicht und aus unteren sozialen Schichten noch ausgeglichen werden könnten. Im Gegensatz zu den 1960er Jahren werden heute zusätzlich die kompensatorische Erziehung von Migrantenkindern (insbesondere die Sprachförderung) und die Notwendigkeit einer früher beginnenden und länger dauernden Kindertagesbetreuung zwecks besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf betont - wobei die Begriffe "früher" und "länger" sowohl das Alter der Kinder als auch die tägliche Betreuungszeit meinen.

Auf der Bundesebene wurden 2004 das Tagesbetreuungsausbaugesetz (TAG) und 2008 das Kinderförderungsgesetz (KiföG) verabschiedet. Ferner wurden laut den Pressemitteilungen besondere Förderprogramme für die betriebliche Kinderbetreuung und für die Tagespflege aufgelegt. Sowohl das Bundesfamilien- als auch das Bundesbildungsministerium finanzierten viele Studien (z.B. "Perspektiven zur Weiterentwicklung des Systems der Tageseinrichtungen für Kinder in Deutschland", "Auf den Anfang kommt es an: Perspektiven für eine Neuorientierung frühkindlicher Bildung", "Von der Tagespflege zur Familientagesbetreuung") und Projekte ("Nationale Qualitätsinitiative", "Bildungshäuser für die Drei- bis Zehnjährigen" u.a.).

In (nahezu) allen Bundesländern wurden laut den Pressemitteilungen zwischen 2001 und 2008

  • die Gesetze und Verordnungen zur Kindertagesbetreuung novelliert. Dabei wurden u.a. Bildungsaspekte stärker betont sowie Kindertagespflege und Angebote für unter Dreijährige besonders berücksichtigt.
  • Bildungspläne entwickelt und implementiert, wobei es oft eine wissenschaftliche Begleitung der Erprobungsphase gab bzw. noch gibt.
  • die Lehrpläne an Fach- bzw. Berufsfachschulen reformiert und vielerorts Aufbau- und BA-Studiengänge an Hochschulen gegründet.
  • Fortbildungskampagnen für Erzieher/innen und Qualifizierungsmaßnahmen für Tagespflegepersonen durchgeführt.
  • die Angebote für unter Dreijährige ausgebaut (in Krippen, Tagespflege und weit altersgemischten Gruppen).
  • Sprachtests und ähnliche diagnostische Verfahren sowie Sprachförderprogramme entwickelt und flächendeckend eingesetzt, wobei in einzelnen Bundesländern auch Sprachförderkoffer/ -kisten und Sprachlerntagebücher Verwendung finden oder Sprachberater tätig sind.
  • Maßnahmen zur Verbesserung der Kooperation von Kindergarten und Schule erprobt und implementiert.

In den Pressetexten wurde auch über besondere Projekte in den einzelnen Bundesländern berichtet, wie folgende Tabelle zeigt.

Kindertagesbetreuung: besondere Projekte der Bundesländer (Auswahl)
Baden-Württemberg
  • Bildungshäuser für Drei- bis Zehnjährige
  • Projekt "Schulreifes Kind"
  • Neukonzeption der Einschulungsuntersuchung
Bayern
  • Modellprojekt "KiDZ - Kindergarten der Zukunft in Bayern"
  • Präventionsprojekt "Tiger Kids"
Berlin
  • Projekte "Kitas bewegen" und "Anschub.de"
  • Projekt "BITS 21"
  • Abschaffung der Vorklassen
Brandenburg
  • Förderprogramm für Eltern-Kind-Gruppen an Kitas oder Eltern-Kind-Zentren
  • Aufbau von Eltern-Kind-Zentren
  • "Grenzsteine der Entwicklung" als Grundlage eines Frühwarnsystems für Risikoanlagen
  • Modellprojekt "Das ist unser Hort"
Bremen
  • kostenloses Mittagessen in Kita und Hort
  • Projekt "pro KiTa"
  • Aktion "BREMER FIT KIDS"
Hamburg
  • Aufbau von Eltern-Kind-Zentren
  • Vorklassen
  • Kita-Gutschein-System
Hessen
  • Projekt "frühstart"
Mecklenburg-Vorpommern
  • Einsatz von Elterntrainern in Kitas
  • jährliche Kindergartentage
Niedersachsen
  • Projekt "Bewegter Kindergarten"
  • Projekt "Elternlotsen"
NRW
  • 261 Kitas zu Familienzentren ausgebaut, knapp 1.000 auf dem Weg zu diesem Ziel
Rheinland-Pfalz
  • zertifizierte "Bewegungskindergärten"
Saarland
  • "Saarländisches Portfolio" als Beobachtungs- und Dokumentationsinstrument
  • zweisprachige Bildung - in 25% aller Kitas
Sachsen
  • Modellprojekt "Familienbildung in Kooperation mit Kitas"
  • Projekt "P.I.N.G.U.I.N. Pfiffig ins Netz gehen und Informationen nutzen"
Sachsen-Anhalt
  • Projekt "Weiterentwicklung von Kitas zu Kompetenzzentren frühkindlicher Bildung"
  • Aufbau von Kinder-Eltern-Zentren
  • Wettbewerbe "KiTa vital" und "Gesunde Büchse für schlaue Füchse"
  • Audit "Gesunde KiTa"
Schleswig-Holstein
  • Projekt "Kinderstube der Demokratie"
  • Initiative für mehr Männer in Erziehungsberufen
  • Projekt "Versuch macht klug"
  • Initiative "Kein Kind ohne Mahlzeit"
Thüringen
  • Projekt "Partizipation leben in Kindergarten und Grundschule"
  • Hörclubs an Kindergärten
  • Projekt "hi.bi.kus - Hirngerechte Bildung in Kindergarten und Schule"


In vielen Bundesländern wurden mit Unterstützung der Landesregierung auch von Wirtschaftsunternehmen oder Verbänden getragene Projekte durchgeführt, z.B. "Schlaumäuse" (Microsoft), "KidSmart" (IBM), "Fit von klein auf" (BKK), "Faustlos" (Heidelberger PräventionsZentrum), "Papilio" (beta Institut gemeinnützige GmbH), "Nase, Bauch und Po" (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) sowie "Kinder bewegen" (Deutsche Olympische Gesellschaft).

Laut den Pressemitteilungen initiierten und finanzierten Unternehmen (z.B. McKinsey, Siemens), Stiftungen (z.B. Bertelsmann, Robert Bosch und Deutsche Telekom Stiftung) sowie Wirtschaftsverbände (z.B. Deutscher Industrie- und Handelskammertag) viele Modellversuche, Projekte, Untersuchungen und Umfragen. Aber auch andere Verbände, Gewerkschaften wie die GEW und Berufsverbände beteiligten sich mit Stellungnahmen und Studien an der Diskussion um eine Ausweitung und Verbesserung der Kindertagesbetreuung sowie um die Qualifizierung und Bezahlung der Fachkräfte. Für die Kommunalen Spitzenverbände waren laut den Pressetexten Finanzierungsfragen vorrangig, während sich die Wohlfahrtsverbände darüber hinaus noch mit der Bildungsfunktion von Kindertageseinrichtungen, der Qualitätssicherung, der religiösen Erziehung und der Benachteiligung armer Kinder befassten.

So verweisen die zwischen 2001 und 2008 veröffentlichten Pressemitteilungen auf eine intensive und vielseitige Diskussion über alle mit der Kindertagesbetreuung verbundenen Themen und Fragestellungen. Besonders erfreulich ist, dass in diesem Zeitraum nicht nur geredet, sondern auch gehandelt wurde. Den Pressetexten und den dort erwähnten Studien kann aber auch entnommen werden, dass noch viel zu tun bleibt...

Anmerkung

Bis Ende Februar 2012 konnten alle 1600 Pressemitteilungen noch von diesem Artikel aus im Internet aufgerufen werden. Da zwischen 2008 und 2012 jedoch viele der in ihnen genannten Rechtsgrundlagen modifiziert wurden, Projekte und Programme ausgelaufen sind oder sonstige Veränderungen vorgenommen wurden, habe ich die Pressetexte am 01.03.2012 gelöscht.