Der Einfluss der Wirtschaft auf die Kindertagesbetreuung

Martin R. Textor

 

Auf den ersten Blick scheint für Erzieher/innen kein Zusammenhang zwischen ihrer Tätigkeit und der Wirtschaft zu bestehen. Aber das ist falsch! Auf der einen Seite kann schon seit einigen Jahren eine "Wirtschaftspolitisierung" der Kindertagesbetreuung beobachtet werden. Auf der anderen Seite geht die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung nicht spurlos an Kindertageseinrichtungen und den Familien der dort betreuten Kinder vorbei.

Die Wirtschaftspolitisierung der Kindertagesbetreuung

Diese Entwicklung begann mit wissenschaftlichen Studien, in denen die Kosten berechnet wurden, die Unternehmen entstehen, wenn eine Arbeitnehmerin nach der Geburt eines Kindes Elternzeit nimmt. Diese sind relativ gering, wenn die junge Mutter nur einige wenige Monate ihrem Arbeitsplatz fortbleibt und die Kolleg/innen ihre Arbeit übernehmen können. Bleibt sie aber mehrere Jahre fort, entstehen hohe Kosten durch die Suche einer Ersatzkraft, deren Einarbeitung und die während dieser Zeit zu erwartende Minderleistung. Laut einer Studie der Prognos AG können die "Wiederbeschaffungskosten" bei einer Stelle in der oberen Einkommensklasse durchaus mehr als 43.000 EUR betragen (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2005). Kehrt die Mutter dann an ihren Arbeitsplatz zurück, sind ihre Qualifikationen veraltet, und das Unternehmen muss auch noch für ihre erneute Einarbeitung und Weiterqualifizierung zahlen.

Da die Qualifikationen junger Mütter heute viel höher als früher sind - an weiterführenden Schulen und Universitäten sind Frauen sogar überrepräsentiert und erwerben im Durchschnitt bessere Noten als gleichaltrige Männer -, sind bei den Unternehmen die vorgenannten Wiederbeschaffungs- und Einarbeitungskosten in den letzten Jahren stark angestiegen. Hinzu kommt, dass der Geburtenrückgang und die daraus resultierende Abnahme der Zahl junger Arbeitskräfte die Wirtschaft zwingt, nach ungenutztem Potenzial zu suchen - und sie hat es in jungen Müttern gefunden, die nicht oder nur Teilzeit erwerbstätig sind. Da laut Umfragen (z.B. Institut für Demoskopie Allensbach 2008) die meisten Mütter gerne (Vollzeit) arbeiten möchten, müssten nur noch die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen werden...

Und so fordert die Wirtschaft seit fünf, sechs Jahren, dass die Betreuungsangebote ausgeweitet werden sollten: Zum einen müssten mehr unter Dreijährige betreut werden, zum anderen sollten die Betreuungszeiten ausgeweitet werden. Auf diese Weise könnte einerseits die Arbeitsmarktreserve der jungen Mütter erschlossen werden, und andererseits könnten die Kosten reduziert werden, die durch Elternzeit entstehen.

Nachdem der Ausbau der Kindertagesbetreuung für unter Dreijährige bereits von der Politik beschlossen wurde und es bis 2013 für ein Drittel dieser Kinder einen Betreuungsplatz geben soll, wird nur seitens der Wirtschaft der Druck auf die Politik erhöht, die Öffnungszeiten weiter zu flexibilisieren. So wird kritisiert, dass von den kommunalen und freigemeinnützigen Trägern derzeit noch weitgehend ignoriert werde, dass immer mehr Eltern - insbesondere junge Mütter - auch am Abend oder am Wochenende arbeiten müssen. Am 06.11.2008 legte der Deutsche Industrie- und Handelskammertages den zweiten "Kita-Check" vor, in den die Antworten von mehr als 6.700 Kindertagesstätten eingeflossen sind. Der DIHK stellte einen "dringenden Handlungsbedarf" fest, denn 96 Prozent der Kindertageseinrichtungen hatten während der Woche nach 18 Uhr nicht mehr geöffnet, 99 Prozent waren am Samstag geschlossen und die meisten gaben lange Schließzeiten während der Ferien an. So forderte der DIHK unter anderem, generelle Schließzeiten am Samstag und in den Ferien ohne Ersatzangebot abzuschaffen. Auch müssten Elternwünsche nach individuellen Betreuungszeiten mehr Berücksichtigung finden.

Laut DIHJ würden derzeit nur einige wenige Kindertagesstätten in Unternehmen bzw. mit einem privatgewerblichen Träger den Bedürfnissen erwerbstätiger Eltern entsprechen. Da das neue Kinderförderungsgesetz (KiföG) der Bundesregierung eine öffentliche Förderung dieser Einrichtungen analog zu solchen in kommunaler oder freier Trägerschaft ermöglicht, wird ihre Zahl in den kommenden Jahren ansteigen. Dies wird den Druck auf Regeleinrichtungen erhöhen, ihre Öffnungszeiten dem Bedarf anzupassen.

Erzieher/innen werden somit in den kommenden Jahren einerseits immer mehr Babys, Ein- und Zweijährige betreuen müssen - und das immer häufiger ganztags. Das wird vor allem für westdeutsche Fachkräfte ungewohnt sein, da bei ihrer Ausbildung die Pflege, Erziehung und Bildung von unter Dreijährigen kaum berücksichtigt wurde. Aber auch in Ostdeutschland werden keine Krippenerzieher/innen mehr ausgebildet; nimmt die Zahl entsprechend qualifizierter Fachkräfte immer mehr ab. Andererseits werden Erzieher/innen wegen der längerer Öffnungszeiten zunehmend Schicht arbeiten müssen und immer häufiger alleine in ihren Gruppen sein, wenn dort nur wenige Kinder anwesend sind und sich deshalb eine Zweitkraft nicht finanzieren lässt.

Das einzelne Kind wird während seiner - flexibel gestalteten - Betreuungszeit nicht mehr nur von zwei, sondern in der Regel von mehreren Personen betreut werden. Dies dürfte das Entstehen von Bindungen bzw. von engen Beziehungen erschweren, aber auch das Erfassen, Beurteilen und Dokumentieren seiner Entwicklung. Ferner kann das Kind nicht so leicht Freundschaften pflegen, da sich die Zusammensetzung seiner Gruppe während der Woche immer wieder ändert. Letzteres hat auch Implikationen für die pädagogische Arbeit: Wann sollen Erzieher/innen z.B. in einer solchen Gruppe Bildungsangebote machen? Wie können sie Projekte durchführen oder Monatsthemen behandeln, wenn Kinder während des Tages zu unterschiedlichen Zeiten kommen und gehen? Wann sollen sie Essens- und Ruhezeiten einplanen?

Vor drei, vier Jahren ist noch ein weiteres Motiv für die Wirtschaftspolitisierung der Kindertagesbetreuung hinzugekommen: Die Globalisierung, der zunehmende Wettbewerb auf den Weltmärkten und die Entwicklung hin zu einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft verlangen nach immer höher qualifizierten Schul- und Hochschulabsolvent/innen - deren Zahl aber aufgrund der zurückgehenden Geburtenzahlen in den nächsten Jahren eher stagnieren oder zurückgehen wird. Schon jetzt fehlen z.B. junge Ingenieure und Naturwissenschaftler.

Deshalb fordert die Wirtschaft eine intensivere frühkindliche Bildung, damit Kinder so früh wie möglich relevante Schlüsselkompetenzen erwerben können. Insbesondere sollten Kindertageseinrichtungen verstärkt mathematische, naturwissenschaftliche und technische Bildung sowie Literacy-Erziehung leisten - Bildungsbereiche, die traditionell wenig Bedeutung für Erzieher/innen hatten. Wirtschaftsverbände, Unternehmen und Stiftungen fördern diese Entwicklung z.B. durch Programme wie "Schlaumäuse" oder "KidSmart", durch Forscherkisten für Kindertageseinrichtungen und durch Handreichungen.

Aufgrund der Bevölkerungsentwicklung werden aber auch weniger Schulabgänger für Ausbildungsberufe zur Verfügung stehen. Hier beklagt die Wirtschaft, dass viele junge Menschen ohne Abschluss oder mit so geringen Kompetenzen die Hauptschule verlassen, dass sie nicht bzw. kaum ausbildungsfähig seien. In dieser Gruppe sind Jugendliche und Heranwachsende mit Migrationshintergrund überrepräsentiert. Viele von ihnen kamen wegen der schlechten Beherrschung der deutschen Sprache im Unterricht nicht mit - trotz durchschnittlicher Intelligenz und Begabung.

Da Kinder mit Migrationshintergrund aufgrund der Bevölkerungsentwicklung einen immer größer werdenden Anteil an allen Schüler/innen haben und für die Wirtschaft als Arbeitsmarktreserve immer wichtiger werden, müssen sie nun intensiver gefördert werden. Und weil ihre Benachteiligung vor allem aus ihren mangelnden Deutschkenntnissen resultiert, sind seit einigen Jahren vor allem die Kindertageseinrichtungen gefragt: Die Erzieher/innen sollen spezielle Sprachtests machen und Sprachförderprogramme durchführen.

Zu den Hauptschulabgängern ohne oder mit schlechtem Abschluss gehören aber auch viele deutsche Kinder aus bildungsfernen Familien, aus sozialen Brennpunkten, aus verarmten Familien oder mit langzeitarbeitslosen Eltern. Für ihre schlechten Leistungen werden vor allem die Eltern verantwortlich gemacht, die von klein auf ihre Entwicklung zu wenig gefördert hätten, die Neugier, Lern- und Leistungsmotivation verkümmern ließen, die sich nicht um die Hausaufgaben kümmerten usw. Diese Arbeitsmarktreserve könne mittelfristig nur erschlossen werden, wenn die Kinder so früh wie möglich dem negativen Einfluss ihres Milieus entzogen würden. Sie sollten mit zwei, spätestens mit drei Jahren (ganztags) in Kindertageseinrichtungen betreut werden, da sie nur dort richtig erzogen und ganzheitlich gebildet würden. Durch "kompensatorische Erziehung" sollen sie von den Erzieher/innen so intensiv gefördert werden, dass sie bei der Einschulung die gleichen Bildungschancen wie Mittelschichtskinder hätten. Die Forschung habe gezeigt, dass in der frühen Kindheit entstandenen Defizite später kaum noch ausgeglichen werden können (und wenn, dann nur unter hohen Kosten). Deshalb müsse deren Entstehung verhindert werden.

Die Wirtschaft hat also die Devise ausgegeben: "Kein Kind darf verloren gehen!". Das gilt aber nicht nur für benachteiligte Kinder, sondern auch für hoch begabte. Sie sollen die zukünftige Elite bilden, von der abhänge, ob Deutschland weiterhin große wirtschaftliche, wissenschaftliche, technische und kulturelle Leistungen erbringen könne. Jedoch wurde festgestellt, dass im Kindergarten hohe Begabungen nur selten identifiziert und noch seltener angemessen gefördert werden (z.B. Stapf 2003). Deshalb wird seit einigen Jahren überlegt, wie man Kleinkinder mit besonderen Begabungen im kognitiven, motorischen, musischen oder künstlerischen Bereich besser identifizieren und durch Maßnahmen der Akzeleration und des Enrichments fördern könne (z.B. Dippelreiter 2003).

Indirekte Auswirkungen der Wirtschaftsentwicklung

Kindertageseinrichtungen sind aber nicht nur von Forderungen der Wirtschaft nach mehr Betreuungsangeboten für unter Dreijährige, längeren und flexibleren Öffnungszeiten, intensiverer frühkindlicher Bildung und kompensatorischer Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund bzw. aus bildungsfernen Familien betroffen, sondern auch von der jeweils aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung. So stehen wir Anfang 2009 vor einer Wirtschaftskrise, die vielleicht einschneidender als alle Rezessionen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland werden wird. Sie wird auch Auswirkungen auf Familien und Kindertageseinrichtungen haben.

Da der Bund und Länder derzeit Hunderte von Milliarden Euro zur Unterstützung von Banken und Wirtschaftsunternehmen sowie für Konjunkturpakete zur Verfügung stellt und sich dabei in höchstem Maße verschuldet, wird aktuell und in den kommenden Jahren (wegen des hohen Schuldendienstes) kaum Geld für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen in der Kindertagesbetreuung oder für die Freistellung von Leiter/innen zur Verfügung stehen. Erzieher/innen müssen somit auf absehbare Zeit versuchen, mit denselben Ressourcen den höheren Anforderungen zu entsprechen. Zudem werden Bund, Länder und Kommunen noch stärker als bisher nach "billigen" Lösungen suchen. Schon jetzt ist beim geplanten Ausbau der Betreuungsangebote für unter Dreijährige geplant, dass ein Drittel der neuen Plätze in der sehr viel preiswerteren Tagespflege entstehen sollen. Und viele weitere Plätze werden wahrscheinlich durch die Aufnahme unter Dreijähriger in Kindergartengruppen geschaffen werden - auch das kostet weniger als der Bau von Kinderkrippen bzw. die Einrichtung von Krippengruppen. In Zeiten knapper Kassen ist es außerdem unwahrscheinlich, dass sich die Tarifparteien auf eine höhere Bezahlung von (Fach-) Hochschulabsolvent/innen mit einem BA in Frühpädagogik bei einer Tätigkeit in Kindertageseinrichtungen einigen werden.

Schon vor Beginn der Wirtschaftskrise verspürten viele (Mittelschichts-) Eltern Angst vor Arbeitsplatzverlust bzw. einem sozialen Abstieg (z.B. laut Merkle/ Wippermann 2008). Sie wollen ihren Kindern so früh wie möglich die besten Entwicklungschancen bieten, damit diese später den immer größer werdenden Leistungserwartungen der globalen Wissensgesellschaft entsprechen und ein gutes Einkommen erzielen können. Zudem wurden Eltern durch internationale Vergleichsstudien wie IGLU und PISA verunsichert, nach denen deutsche Schüler/innen schlechtere Leistungen erbringen als Gleichaltrige in anderen Staaten. Gleichzeitig wurden ihnen von den Medien neue Erkenntnisse aus Hirnforschung, Lern- und Entwicklungspsychologie erschlossen, nach denen die Kleinkindheit für die spätere Schullaufbahn entscheidend sei.

Nachdem aufgrund der Rezession die Angst vor einem sozialen Abstieg ihrer Kinder noch größer werden dürfte, werden Eltern den sowieso schon auf Kindertageseinrichtungen ausgeübten Druck weiter verstärken, die frühe Bildung zu intensivieren. Dabei sollten vor allem diejenigen Bildungsbereiche berücksichtigt werden, die - wie bereits erwähnt - von der Wirtschaft für wichtig gehalten werden: Mathematik, Naturwissenschaften, Technik, Sprache, Literacy usw. Bildungspläne, aber auch Medienberichte über besondere Modelleinrichtungen oder über "ausgefallene Angebote" einzelner Kindertagesstätten, zeigen Eltern, was sie von Kindertagesstätten erwarten können.

Noch bewusster als bisher werden Mittelschichtseltern nun nach Kindertageseinrichtungen suchen, die ein besonders gutes Bildungsprogramm bieten - möglichst inklusive bilingualer Erziehung (z.B. durch Muttersprachler aus dem angloamerikanischen Raum). Sie werden bereit sein, dafür höhere Elternbeiträge zu zahlen. Auch werden sie zunehmend Tagesstätten mit Kindern aus problematischen Verhältnissen meiden. So wird sich die schon zu beobachtende Tendenz fortsetzen, dass sich "privilegierte" Kinder in den einen Kindertagesstätten und Kinder aus bildungsfernen oder armen Familien in den anderen Einrichtungen ballen. Bei Migrantenkindern ist bereits jetzt diese Entwicklung statistisch nachweisbar: Bundesweit gesehen (ohne Berlin) hatten 2006 in 9,2% aller Kindertagesstätten schon mehr als die Hälfte und in 3,4% der Einrichtungen sogar mehr als drei Viertel aller Kinder einen Migrationshintergrund (Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut/Universität Dortmund 2008).

Ferner werden in Zeiten der Rezession sowohl gut als auch schlecht verdienende Eltern aus Angst um ihren Arbeitsplatz mehr Überstunden machen. Immer mehr Eltern werden auch bereit sein, eine Stelle an einem weiter entfernten Ort anzutreten. Dadurch werden die Wegezeiten länger werden; aber auch die Zahl der Wochenendehen wird steigen. All dies hat zur Konsequenz, dass erwerbstätige Eltern weniger Zeit als heute für die Pflege der Paarbeziehung und die Kindererziehung haben werden. So werden einerseits Entfremdung, Stress und Konflikte die Ehen noch labiler machen; wird es häufiger zu Trennung, Scheidung und Alleinerzieherschaft kommen. Andererseits werden die Bedürfnisse von immer mehr Kindern mangels Zeit vernachlässigt werden - auch dann, wenn sie in relativem Wohlstand aufwachsen.

Pflege, Betreuung, Erziehung und Bildung der eigenen Kinder bei abnehmender "Familienzeit" und wachsendem Stress im Beruf zu leisten, bringt Eltern an ihre Grenzen - insbesondere wenn sie zusätzlich noch Probleme mit ihrem Partner haben, sich hinsichtlich der "richtigen" Erziehung unsicher sind, in ihrem bisherigen Leben keine bzw. kaum Erfahrungen mit Babys und Kleinkindern sammeln konnten, viele Erziehungsfehler machen und mit zusätzlichen Belastungen wie z.B. der Behinderung eines Kindes oder der Pflegebedürftigkeit eines Großelternteils kämpfen müssen. Andere Eltern sind mit ihren eigenen Problemen - Armut, Langzeitarbeitslosigkeit, Diskriminierung, Suchterkrankung usw. - so beschäftigt, dass sie keine Kraft mehr für die Erziehung ihrer Kinder haben.

Erzieher/innen müssen deshalb damit rechnen, dass der Anteil von Kindern mit psychischen Problemen und Verhaltensauffälligkeiten in ihren Gruppen noch größer werden wird. Da der Umgang mit diesen Kindern besonders schwierig ist, werden berufliche Belastung und Stress weiter zunehmen. Die Fachkräfte werden vermehrt heilpädagogisch arbeiten, Eltern beraten und Hilfsangebote von Frühfördereinrichtungen, Erziehungsberatungsstellen und anderen psychosozialen Diensten vermitteln müssen.

Weitere politische Einflüsse

In diesem Artikel wurde zunächst die Wirtschaftspolitisierung der Kindertagesbetreuung skizziert. Die Erwartungen und Wünsche der Wirtschaft werden von (Landes-) Regierungen, Kommunen und Träger (-verbänden) an die Kindertageseinrichtungen "weitergeleitet". Dabei werden sie oft noch von der Politik verstärkt: Beispielsweise plädieren Frauenpolitiker/innen für die Gleichstellung von Frauen und Männern am Arbeitsplatz - und diese sei nur zu erreichen, wenn Frauen nach der Geburt eines Kindes weiter (Vollzeit) arbeiten können. Familienpolitiker/innen setzen sich für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein, während Bildungspolitiker/innen aufgrund des durch die internationalen Vergleichsuntersuchungen erzeugten öffentlichen Drucks das Bildungssystem verbessern wollen. Und so fordert auch die Politik aus eigenen Interessen heraus mehr Betreuungsangebote für unter Dreijährige, eine Verlängerung und Flexibilisierung der Öffnungszeiten von Kindertageseinrichtungen und eine intensivere frühkindliche Bildung.

Oft kommen sogar noch weitere Forderungen hinzu: So wollen z.B. Sozialpolitiker/innen nicht nur die Bildungschancen von Kindern mit Migrationshintergrund oder aus sozial schwachen Familien verbessern. Sie erwarten zusätzlich von Kindertageseinrichtungen, dass sie Migrantenkinder in die Gesellschaft integrieren und deutsche Kinder durch interkulturelle Erziehung auf das Leben in einem multikulturellen Land vorbereiten. Erzieher/innen sollen dazu beitragen, "dass Menschen unabhängig ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Sprache oder ihrer religiösen oder kulturellen Orientierung gleichwertig behandelt" (Leisau 2008) und ihre Besonderheiten anerkannt werden. Außerdem sollen sie behinderte Kinder integrieren - nicht nur, weil dies von deren Eltern und von Verbänden gefordert wird, sondern weil dies auch kostengünstiger als die Unterbringung in Sondereinrichtungen (mit kleineren Gruppen, Fahrdiensten etc.) ist.

Fazit

In diesem Artikel wurde aufgezeigt, dass Erzieher/innen sich vielen von außen kommenden Anforderungen stellen müssen. Es wird für sie aufgrund der sich eher verschlechternden Arbeitsbedingungen (z.B. Aufnahme von unter dreijährigen und behinderten Kindern bei kaum abgesenkter Gruppenstärke, mehr verhaltensauffällige Kinder, intensivere Elternarbeit, weniger Verfügungszeit, mehr Verwaltungstätigkeit usw.) immer schwieriger werden, die Erwartungen von Politik und Wirtschaft zu erfüllen - und dazu kommen ja noch die Wünsche der Eltern und die Bedürfnisse der Kinder...

Sollten Erzieher/innen die politischen Aufträge nicht zufriedenstellend erfüllen können, werden sie die Konsequenzen zu tragen haben - und so soll zum Schluss dieses Artikels aus einer Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums (2009) zitiert werden: "Angesichts der einseitig am quantitativen Ausbau und an Kosten ausgerichteten tagespolitischen Debatten zu Kindertageseinrichtungen muss Kinder- und Jugendpolitik der Gefahr entgegenwirken, dass qualitative Elemente vernachlässigt werden. Ohne eine offensive Debatte zu qualitativen Elementen in der Weiterentwicklung von Kindertageseinrichtungen ist eine Dynamik in der Weise zu befürchten, dass bei voraussehbarem Ausbleiben der erwarteten 'Erfolge' die Verantwortung personalisiert sowie einseitig und ungerechtfertigt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Einrichtungen zugeordnet wird. Eine nachgehende Personalisierung bei der Suche nach den Ursachen möglicher Misserfolge, bei der vorwiegend auf die mangelnde Kompetenz des Personals, auf deren vermeintlich mangelndes Engagement, auf ein zu starres Kleben an alten Konzepten etc. verwiesen würde, würde den Reformprozess des Systems 'Kindertageseinrichtungen' behindern. Notwendig ist also, neben einem quantitativen Ausbau der Plätze in Kindertageseinrichtungen und in der Kindertagespflege, eine Qualitätsoffensive, in die Überlegungen zur zielbewussten Qualifizierung der vorhandenen Einrichtungen und des vorhandenen Personals einzubeziehen sind" (S. 9).

Literatur

Bundesjugendkuratorium: Zukunftsfähigkeit von Kindertageseinrichtungen. www.bundesjugend kuratorium.de/pdf/2007-2009/bjk_2008_2_stellungnahme_zukunftsfaehigeKitas.pdf (17.01.2009)

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Betriebswirtschaftliche Effekte familienfreundlicher Maßnahmen. Kosten-Nutzen-Analyse. Berlin: Selbstverlag 2005

Deutscher Industrie- und Handelskammertag: Der Kita-Check. Kinderbetreuung in Deutschland 2008. www.dihk.de/inhalt/download/kita_check_2008.pdf (21.01.2009)

Dippelreiter, M. (Red.): (Hoch)Begabung im Vorschulalter erkennen und fördern? Annäherung an ein Thema. Wien: bm:bwk 2003

Institut für Demoskopie Allensbach: Familienmonitor 2008. Allensbach: Selbstverlag 2008

Leisau, A.: Kindergärten für Weltkinder: Zur interkulturellen Pädagogik im Elementarbereich. www.kindergartenpaedagogik.de/1525.html (03.11.2008)

Merkle, T./Wippermann, C.: Eltern unter Druck. Selbstverständnisse, Befindlichkeiten und Bedürfnisse von Eltern in verschiedenen Lebenswelten. Stuttgart: Lucius & Lucius 2008

Stapf, A.: Hochbegabte Kinder. Persönlichkeit, Entwicklung, Förderung. München: Beck 2003