Aus: Bildung Erziehung Betreuung. IFP-Infodienst 2004, Heft 1-2, S. 15-18

Blockaden in Elterngesprächen ausräumen

Michael Schnabel

 

"Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein..." singt Reinhard May. Auf dem harten Boden der Tatsachen schaut es ganz anders aus: Einschränkungen, Grenzen, Zäune, Mauern und Hindernisse erschweren Begegnungen. Gespräche sind da nicht ausgenommen. Ganz im Gegenteil: Manche Experten meinen, die meisten Gespräche strotzen von Hindernissen, Blockaden und Missverständnissen.

Dies trifft auch auf Elterngespräche zu. In der Untersuchung "Kommunikationsfördernde Gesprächsführung mit Eltern in Kindertageseinrichtungen", die am Institut für Frühpädagogik durchgeführt wurde, konnten Arten und Häufigkeiten von Gesprächsblockaden in Elterngesprächen registriert und beschrieben werden (Rückert/ Schnabel/ Minsel 2000). Wenn es gelingt, einige Blockaden und Gesprächskiller zu vermeiden, so ist ein entscheidender Schritt zum gegenseitigen Verstehen zwischen Eltern und Pädagogen/innen getan.

Die klassischen Blockierer

Es war der Psychologe und Pädagoge Thomas Gordon, der eindrucksvoll aufgezeigt hat, welche Gesprächsmuster das gegenseitige Verstehen behindern. In seinem Standardwerk "Familienkonferenz" zeigt er Eltern, wie sie offen und vertrauensvoll mit ihren Kindern reden können. Grundlage dafür ist, mit Achtung und Annahme den Kindern zu begegnen. Die Basis jeder verständnisvollen Kommunikation!

Gestört und verhindert wird die vertrauensvolle und offene Begegnung durch die so genannten Gesprächsblockaden. Sie erzeugen Ablehnung und Missachtung - das Ende eines gelingenden Gesprächs. Gordon führt folgende Gesprächsblockierer auf: Befehlen, drohen, moralisieren, Ratschläge erteilen, belehren, beschuldigen, beschimpfen, schmeicheln, bemitleiden, interpretieren, verhören und ablenken. Es folgt die praktische Umsetzung und Veranschaulichung für Elterngespräche.

Befehlen und kommandieren

Befehle und Kommandos sind uns alle wohl vertraut, weil sie allgegenwärtig sind. "Hefte herausnehmen!" haben wir aberhundertmal in der Schule gehört. Auch im Arbeitsleben sind Kommandos an der Tagesordnung. Und dennoch sind sie einem partnerschaftlichen Gespräch im Wege. Denn Befehle sind Kennzeichen der Über- und Unterordnung. Ein Gesprächspartner bzw. eine Gesprächspartnerin muss sich klein vorkommen, wenn er/sie Befehle erhält.

Musterbeispiele des Befehlens: "Das dürfen Sie nicht..." - "Ich erwarte, dass Sie pünktlich Ihr Kind abholen!" - "Hören Sie endlich auf mit Ihren Verwürfen!"

Warnen und drohen

Warnungen und Drohungen werden gleichsam von einer höheren Warte aus vorgebracht. Die Gesprächspartner/innen werden für uneinsichtig, stur und verantwortungslos gehalten. Eine katastrophale Basis für ein gelingendes Gespräch!

Praxisbeispiele für Warnen und Drohen: "Ich muss Sie warnen, wenn Sie sich nicht darum kümmern, dann wird Ihr Kind..." - "Wenn Sie nicht zu den Elterngesprächen kommen, dann müssen wir den Betreuungsvertrag lösen."

Zureden und moralisieren

Genauso wie beim Drohen unterstellt Moralisieren auch Überlegenheit und größere Verantwortung bei der Gesprächsleiterin bzw. beim Gesprächsleiter. Eltern sollen durch Zureden und moralische Appelle erst einsichtig gemacht werden. Es wird unterstellt, dass sie die Situation nicht richtig einschätzen können oder dass sie nicht die nötige Reife zum verantwortungsvollen Handeln besitzen. Dies ist eine grobe Missachtung von partnerschaftlicher Ebenbürtigkeit.

Musterbeispiele für Zureden und Moralisieren: "Sie sind als Eltern verpflichtet zum Wohle des Kindes zu entscheiden!" - "Sie sollten sich zusammen nehmen und Ihrer Verpflichtung nachkommen."

Ratschläge erteilen

Diskussionen über Erziehung sind häufig eine Tauschbörse von Ratschlägen. Dies ist sogar begrüßenswert! Warum sollen Eltern nicht von den Erfahrungen der Pädagogen/innen profitieren? Solange Ratschläge eine Auswahl und Offenheit bieten, sind sie eine Bereicherung. Beispielsweise: "Ich versuche es manchmal so..." - "Ich erlebe oft, wenn...". Wenn dem Gesprächspartner deutlich wird, dass Erfahrungen und Meinungen geäußert werden, besteht die Freiheit zur Annahme oder Ablehnung. Jedoch werden Ratschläge zu Gesprächshindernissen, wenn sie zu unausweichlichen Pflicht hochstilisiert werden. Verdächtige Sprachmuster sind: "Da muss man..." - "Es ist das Beste für Sie..." - "Sie müssen immer...".

Musterratschläge aus Elterngesprächen: "Das Beste für Sie ist, sich an die Regeln des Kindergartens zu halten." - "Ich habe die Erfahrungen gemacht und kann es Ihnen nur wärmstens empfehlen: Immer und überall konsequent sein." - "Ich rate Ihnen, jeden Tag zur gleichen Zeit die Hausaufgaben zu prüfen." - "Nach meinen Erfahrungen muss man bei Kindern sie jeden Tag aufs Neue zur Ordnung anhalten. Hervorragend hat sich bewährt..."

Belehren und unterrichten

Viele Menschen können sich kaum zügeln, andere zu belehren - vielleicht weil wir ein halbes Leben belehrt wurden, und jetzt endlich sind wir in der Lehrerrolle. Und weil Besserwissen vorteilhaft ist und der Wissensvorsprung Gesprächsleiter/innen schmeichelt. Und dennoch ist das Schulmeistern für ein partnerschaftliches Gespräch wie ein Klotz am Bein.

Beispiele für Belehrungen aus Elterngesprächen: "Aus wissenschaftlichen Untersuchungen weiß man, Kinder sollten schon vor dem Schuleintritt..." - "Aber es sind nun mal unsere langjährigen Erfahrungen, dass sich da nichts machen lässt..."

Vorwürfe machen und beschuldigen

Vorwürfe und Beschuldigung machen den Gesprächspartner bzw. die Gesprächspartnerin zum Sündenbock. Unwillkürlich stellt sich die Gesprächleiterin oder der Gesprächsleiter über seine Gesprächspartner/innen. Aber noch schlimmer, die Gesprächspartner/innen werden nicht nur klein, sondern auch schlecht gemacht. Eine solche Situation unterbindet ein verständnisvolles Gespräch und verhindert konstruktive Lösungen.

Wie zeigen sich Vorwürfe in Elterngesprächen? Folgende Beispiele veranschaulichen Vorwürfe und Beschuldigungen: "Ich kann Ihnen den Vorwurf nicht ersparen, Sie sind viel zu spät den Aufforderungen nachgekommen, Ihr Kind zu einem Logopäden zu schicken..." - "Sie verhalten sich in diesem Fall sehr verantwortungslos!"

Loben und schmeicheln

Lob hört jeder gern - auch unsere Gesprächspartner/innen! Lob schafft Wohlwollen und Vertrauen und kann Verständnis und Offenheit vertiefen. In der Regel sind es Komplimente, die Sympathie vermehren und Wohlwollen wachsen lassen und somit ein sehr persönliches Gespräch auf den Weg bringen. Sternstunden in Gesprächen mit Eltern!

Dagegen hat Gordon mit seiner Ablehnung mehr das Einschmeicheln - oder überspitzt das Einschleimen - gemeint. Also ein Lob, das nicht echt und ehrlich daherkommt: "Wenn nur alle Mütter so wären! So wie Sie um Ihr Kind bemüht sind, so jemand wird es kein zweites Mal geben..."

Beschimpfen und lächerlich machen

"Sind Sie von allen guten Geistern verlassen! Wie konnten Sie einen solchen Unsinn..." - "Das ist doch das Allerletzte, was Sie uns bieten wollen!" Nur keine Aufregung! Es sind dies keine Sätze aus Elterngesprächen. Durch die Bank sind die Pädagogen/innen in den Kindertageseinrichtungen gegenüber den Eltern sehr freundlich und höflich. Daher ist dieses Blockademuster in Elterngesprächen nicht zu finden.

Leichte Anklänge des Lächerlich-Machens findet sich in solcher Bemerkung: "Mit ein bisschen Fantasie müsste Ihnen gelingen, das Kind zu beschäftigen..."

Interpretieren

Interpretationen fassen oftmals Schwierigkeiten griffig zusammen. Daher sind sie für Gesprächsleiter/innen verlockend. Zusätzlich geben sie dem Gespräch einen fachlichen Anstrich. Allzu schnell sollen daher in schwierigen Gesprächen Interpretationen Erklärungen und Lösungen liefern. Meist enthalten sie jedoch eine Menge Unterstellungen und verschleiern eher das Anliegen des Gespräches. Denn Gespräche profitieren von möglichst genauen und konkreten Schilderungen. Interpretationen unterlaufen diesen Anspruch.

Ein Beispiel zur Veranschaulichung: "Vermutlich verwöhnen Sie Ihr Kind zu sehr, weil Sie Schuldgefühle wegen ihrer Berufstätigkeit haben."

Beruhigen und bemitleiden

Regelmäßig wird in Gesprächstrainings die Vermutung geäußert, dass Beruhigen und Bemitleiden den Gesprächspartner/innen gut tun würden. Bemitleiden wird in diesem Fall mit Einfühlung verwechselt, denn Bemitleiden und Beruhigen helfen den Gesprächspartnern/innen nicht weiter, weil deren Schwierigkeiten nicht ernst genommen werden.

Einige Gesprächsbeispiele: "Das ist doch kein Grund sich aufzuregen!" - "Wenn Sie eine Nacht darüber geschlafen haben, werden Sie darüber lachen."

Fragen und verhören

In manchen Elterngesprächen häufen sich Fragen, und Eltern könnten meinen, sie sind im Kreuzverhör. Beispielsweise wenn so massiert Fragen gestellt werden: "Wie viel arbeiten Sie? ... Wie stark sind Sie dadurch beansprucht? ... Warum müssen Sie arbeiten? ..." - "Welches Problem steht an? ... Wie lange sind Sie dadurch schon belastet? ... Was soll sich ändern? ... Wie wollen Sie etwas ändern? ..."

Nur das penetrante und überzogene Fragen in Elterngesprächen ist beklemmend und peinlich. Geschickte und einfühlsame Fragen entfalten das Anliegen der Gesprächspartner/innen. Sie sind eine sehr effektive und brauchbare Technik, um in einem Gespräch Zusammenhänge und Lösungen aufzeigen zu können.

Nur 7% der Redebeiträge in den untersuchten Elterngesprächen waren Fragen. Viel zu wenig wurde das Fragen effektiv eingesetzt; somit konnten die Anliegen in den Elterngesprächen nur zum Teil befriedigend bearbeitet werden.

Ablenken und zerstreuen

Ebenso wie Beruhigen und Bemitleiden sind Ablenken und Zerstreuen wenig geeignet, ein Gespräch partnerschaftlich und konstruktiv zu führen. Das Problem oder Anliegen der Gesprächspartner/innen wird zwar scheinbar gemildert oder beigelegt. Wenn jedoch ein Anliegen zur Seite geschoben wird, ist eine Veränderung oder eine Lösung verhindert oder ausgeschlossen.

Gesprächmuster dazu: "Nach einigen Monaten hat sich die Angelegenheit selbst gelöst!" - "Das ist ganz normal, da macht sich jede Mutter Sorgen..."

Der Holzhammer blieb in der Kiste!

Es klingt paradox, aber es ist dennoch die Überzeugung vieler Gesprächleiter und Gesprächsleiterinnen: Drohen, zureden, belehren, loben und beruhigen muss ich deshalb, um möglichst viel im Gespräch erreichen zu können. Aber ganz im Gegenteil hemmen und blockieren diese Gesprächmuster das gegenseitige Verstehen, sie laufen somit einem partnerschaftlichen Gespräch zuwider.

In den analysierten Elterngesprächen gab es kein Donnerwetter: Befehlen, drohen, beschuldigen und beschimpfen konnten in keinem der Gespräche ausfindig gemacht werden. Auch Lehrerallüren sind so gut wie ausgemerzt in den Elterngesprächen: Ansätze von Moralisieren, Belehren und Interpretieren konnten nur "mit der Lupe" erkannt werden. Gleiches gilt für Einschmeicheln, Beruhigen und Ablenken.

Nur einen Ausreißer gibt es bei den Blockaden: das Erteilen von Ratschlägen. In vereinzelten Gesprächen häuften sich die Ratschläge über Gebühr. Dafür kamen die meisten Gesprächsleiterinnen ohne Ratschläge in ihren Elterngesprächen aus. So blieben diese insgesamt gesehen in tolerierbarer Häufigkeit.

Kurzum: Die Gesprächleiterinnen in den untersuchten Elterngesprächen verstanden es überraschend gut, ohne die beschriebenen Gesprächsblockaden auszukommen!

Sand im Getriebe der Elterngespräche

Videoaufzeichnungen können viele Facetten eines Gespräches sichtbar und beobachtbar machen. So zeigten sich in den analysierten Elterngesprächen Hemmnisse und Barrieren, die häufig unbeachtet und ungenannt bleiben. Auch sie können sich zu größeren Blockaden auswachsen, wenn sie im Übermaß auftreten. Oft beobachtete kleine Sandkörner im Verlauf der Elterngespräche waren: keine gestalteten Pausen, Spickzettel, Mitschrift, Zicken und Ticks, Satz- und Wortfetzen, Sitzblockaden.

Das Pausenproblem

In einigen Elterngesprächen drängte sich der Eindruck auf: Die Gesprächsleiterin möchte im Eiltempo das Elterngespräch zu Ende bringen. Sie gönnte sich selbst und der Gesprächspartnerin bzw. dem Gesprächspartner keine Zeit, um zwanglos überlegen zu können. In die kleinsten Pausen wurden sofort Fragen geschoben oder Erklärungen nachgeschickt. Schlag auf Schlag folgten Informationen, und ein echtes Suchen und Ergründen wurden abgewürgt.

Gespräche - vor allem mit schwierigen Themen - brauchen gestaltete Pausen. Das heißt, den Gesprächspartnern/innen wird ganz bewusst Zeit eingeräumt, um in Ruhe über Aussagen und Einsichten nachdenken zu können.

Probleme mit den Gesprächspausen hatten auch diejenigen Gesprächsleiterinnen, die zwar Pausen zuließen, aber dabei von Unruhe und Stress erfasst wurden. Sie befürchteten nämlich, das Gespräch könnte ins Stocken geraten oder ganz versanden.

Berge von Unterlagen

"Hier lege ich meine Vorbereitung hin...", erklärt eine Erzieherin ihrer Gesprächspartnerin. Als sie sich nach einer sehr ausgiebigen Vorbereitung zum Elterngespräch aufmacht, hat sie sieben voll geschriebene DIN A4 Blätter unter dem Arm. Nichts gegen eine gründliche Vorbereitung auf ein Elterngespräch! Aber eine minutiöse Vorbereitung des Gesprächsverlaufs mit eventuellen Antworten verhindert ein spontanes Eingehen auf Anliegen. Das Gespräch kommt so richtig ins Stottern, wenn die Gesprächsleiterin zwischendurch in ihren Unterlagen blättert und nachliest. "Ja, Frau Lehrer haben wir alles durchgenommen?" wird sich die Mutter bzw. der Vater fragen.

Diese Schilderung ist nur ein Einzelfall, aber dennoch zeigte es sich häufiger, dass vorbereitete Spickzettel im Gespräch Blockaden hervorrufen.

Gespräche mitschreiben?

"Darf ich mir beim Gespräch Notizen machen?" fragte eine Erzieherin die Mutter im Elterngespräch. Sie habe nichts dagegen, antwortete diese mit etwas säuerlicher Mine. Wenn bei einem Gespräch wiederholt mitgeschrieben wird, so drängen sich der Gesprächspartnerin bzw. dem Gesprächspartner Befürchtungen und Vermutungen auf: "Habe ich jetzt etwas ganz Wichtiges oder vielleicht etwas Schlimmes gesagt?" - "Was werden die aus meinen Äußerungen herausfinden, was werden sie hineininterpretieren?"

Wenn jemanden in einem Gespräch derartige Gedanken plagen, so sind die Chancen sehr gering, dass er offen und ehrlich die Probleme ansprechen wird. Auch werden sich die Eltern mit ihren Anliegen zurückhalten, wenn alles gleich schriftlich fixiert wird. Und wer kann schon gut zuhören, während er schreibt?

Für eine überlegte und gezielte Elternarbeit ist es unumgänglich, Inhalte und Gesprächverlauf eines Elterngesprächs festzuhalten. Das entsprechende Protokoll muss ausnahmslos erst nach dem Gespräch abgefasst werden.

Zicken und Ticks

In den Veröffentlichungen wird dafür der Ausdruck "Gesprächsmanierismen" gebraucht. Viele Menschen haben eigenartige Verhaltensweisen, wenn sie ein Gespräch führen. Bei einer sehr großen Häufung führen diese Zickigkeiten oder Ticks zu Unsicherheiten und Irritationen bei den Gesprächspartner/innen. Beispielsweise sagte eine Erzieherin in einem 30minütigen Gespräch 65 mal "drinnen". Bekannter sind die Lückenfüller "Äh", "Aha", "Ach, ja!" und andere.

Weiterhin wurden folgende Verhaltensweisen in einigen Elterngesprächen sehr häufig registriert: Bei schwierigen Gesprächspassagen zupften sich Gesprächleiterinnen an den Haaren, strichen mit der Hand durchs Haar, wippten mit den Füssen oder zeigten unbewusst ihre Ablehnung durch Kopfschütteln.

Satz- und Wortfetzen

In Alltagsgesprächen und auch in Elterngesprächen redet niemand ein fehlerfreies und geschliffenes Hochdeutsch. Zum Teil kommen die Sätze in Gesprächen verkürzt und verdreht daher. In einigen Elterngesprächen fand sich eine sehr hohe Anzahl von Satzabbrüchen, sodass Hemmschwellen entstanden sind. Notierte Beispiele: "Dass Sie da ein bisschen... Oder aber... Ich denke einfach, dass Christoph... Oder aber wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie einfach kommen..."

Auch das Meistern dieser Probleme konnte beobachtet werden: Ruhig und souverän begannen manche Gesprächsleiterinnen den Satz nochmals, wenn sie sich verhaspelt hatten. Dadurch wurde sogar der Eindruck eines gründlicheren Nachdenkens erweckt, und der neue Satz kam mit mehr Eleganz zum Tragen.

Sitzblockaden

Die meisten Gesprächsleiterinnen kleben während eines Elterngespräches geradezu an ihrem Stuhl. Sie führen das ganze Gespräch in der gleichen Sitzanordnung. Dagegen verstehen es einige Gesprächleiterinnen vorzüglich, mit Abwechslung in der Sitzanordnung auch Dynamik und neue Aspekte ins Gespräch zu bringen. "Darf ich Ihnen Wasser einschenken?" - "Darf ich ein Fenster öffnen, um etwas frische Luft zu bekommen?" - "Ich zeige Ihnen einige Bilder Ihres Kindes."

Gespräche, die in der Klemme stecken, können durch kleine äußere Veränderungen wieder Schwung und Dynamik gewinnen.

Blockaden schleifen lernen

"Welche Fehler sollten Sie unbedingt in Elterngesprächen vermeiden?" Bei diesem Auftrag im Gesprächstraining können die Teilnehmer/innen äußerst umfängliche Fehlerlisten vorlegen. Wer den Fehler kennt, hat ihn schon in Griff - zwar vorerst nur sprachlich. Ist immerhin auch schon ein Vorteil. Die weit schwierigere Frage ist: Wie sollen die aufgespürten Fehler vermindert werden?

Die Empfehlung mancher Autoren, im Besprechungsraum gut sichtbar eine Liste der häufigsten Fehler anzubringen, dürfte mehr hinderlich sein, als dass dadurch Gesprächsblockaden ausgemerzt würden. Vielleicht ist aber folgender Trick erfolgreich: Wenn Sie in einem Gespräch einen Lückenfüller sehr häufig benutzen - sagen wir "drinnen" oder "ach, ja" -, so sollten Sie kurz vor dem Elterngespräch dieses Wort mehr als hundertmal herunterrattern. Dann ist in unserem Gedächtnis dieses Wort blockiert, und es taucht im Gespräch nicht mehr auf. Ein Versuch ist diese Empfehlung wert!

Den Gesprächsblockaden soll man mit Konzept und Plan zu Leibe rücken. Dazu ist als erstes eine gründliche Analyse der durchgeführten Elterngespräche nötig. Wenn nach dem Elterngespräch eine Dokumentation und Auswertung des Elterngespräches vorgenommen wird, so sollten auch einige Anmerkungen zur Gesprächsführung angefügt werden. Beispielsweise: Was ist mir im Gespräch gut gelungen? Wo hatte ich Schwierigkeiten, das Gespräch zu führen? Die Beantwortung dieser Fragen hilft, das Gesprächsverhalten kontinuierlich zu verbessern. Bei solchen Überlegungen kann auch einfließen, welche Blockaden das Gespräch schwieriger werden ließen.

Einen Schritt weiter als die aufgezeigte Selbstreflexion führt eine geplante Beobachtung durch eine Kollegin bzw. einen Kollegen. Dazu gibt es zwei Wege: Die zweite Fachkraft beschreibt generell, wie sie die Gesprächsführung einschätzt. Weit ertragreicher ist jedoch die Konzentration auf eine Gesprächstechnik oder auf das Auftreten von Blockaden. Beispielsweise wird in einem Elterngespräch auf das Aktiv-Zuhören geachtet, beim nächsten auf das Fragen-Stellen und dann werden in einem weiteren Elterngespräch die Blockaden aufgestöbert. Dieses Vorgehen verlangt Offenheit und gegenseitiges Vertrauen der Kollegen/innen untereinander. Denn nur wenn es möglich ist, offen und ehrlich alle Schwierigkeiten und Fehler anzusprechen, können auch Verbesserungen und Fortschritte erzielt werden.

Noch höhere Aussagekraft und somit eine wesentliche Steigerung der Verbesserungschancen werden erreicht, wenn Elterngespräche durch eine Tonbandaufnahme oder durch eine Videoaufnahme dokumentiert werden. Ohne Frage müssen Eltern damit einverstanden sein, dass das Gespräch mit ihnen aufgezeichnet wird. Beispielsweise stechen bei einer Videoaufnahme bestimmte Zicken und Ticks sofort ins Auge. Und wenn sich manche Gesprächsleiterin so auffällig gesehen hat, wird auf der Stelle das komische Verhalten eingestellt!

Weiterhin lässt sich eine Tonband- oder Videoaufnahme mit einem ganz einfachen Kriterienkatalog analysieren: beispielsweise eine Liste mit Blockaden anlegen und bei jedem Auftreten mit einem Strich registrieren. Oder notieren Sie: Wie häufig setzen Sie Fragen ein? Wie häufig Aktiv-Zuhören?

Wenn diese Analyseverfahren auch sehr aufwändig sind, sie zeigen ohne Abstriche alle Probleme und Unzulänglichkeiten auf. Daher lohnt sich die Mühe reichlich.

Viele erschrecken bei den langen Listen, die oftmals in Gesprächstrainings vorgelegt werden, bei der Frage, welche Fehler in Gesprächen gemieden werden sollten. Ein Gespräch ohne Blockaden und Hemmnissen gibt es nicht. Als der renommierte Kommunikationsforscher Paul Watzlawick gefragt wurde, ob er nach 30 Jahren Forschung über die menschliche Kommunikation in den Gesprächen alles richtig mache, meinte er, er sei selbst ein Anfänger, wenn es darum gehe, gelingende Gespräche zu führen...

Literatur

Rückert, E./Schnabel, M./Minsel, B.: Kommunikationsfördernde Gesprächsführung mit Eltern in Kindertageseinrichtungen. Ergebnisse aus Analysen von Video-Elterngesprächen. München 2000