Kindergartenpädagogik
- Online-Handbuch -

Herausgeber: Martin R. Textor

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Rezension

Fabienne Becker-Stoll, Bernhard Nagel (Hrsg.): Bildung und Erziehung in Deutschland. Pädagogik für Kinder von 0 bis 10 Jahren. Berlin, Düsseldorf, Mannheim: Cornelsen Verlag Scriptor 2009, 221 Seiten, EUR 21,95 - direkt bestellen durch anklicken

 

In diesem Sammelband geht es um die Grundlegung und Umsetzung der Bildungspläne für den Elementarbereich: "Wissenschaftler/innen aus den Disziplinen Psychologie, Pädagogik, Soziologie und Recht - von der Grundlagenforschung bis zur angewandten Feldforschung - haben aus ihrer Perspektive die Grundlagen kindlichen Lernens dargestellt. ... Der Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis wird jeweils durch einen Input eingeleitet, der den Erkenntnisstand der Forschung wiedergibt. Anschließend werden Projekte und Anregungen aus der Praxis in Bayern und Hessen vorgestellt, die durch ihre Qualität beeindrucken und echte 'Best Practice'-Beispiele sind" (S. 8). Im Mittelpunkt des Sammelbandes stehen somit der bayerische und der hessische Bildungsplan, an deren Erstellung mehr als die Hälfte der Autor/innen beteiligt war.

In der Einführung von Bernhard Nagel wird insbesondere der Beitrag von Wassilios E. Fthenakis hinsichtlich der Einführung von Bildungsplänen in Deutschland herausgestellt. So wird die von Letzterem eingeführte Unterscheidung zwischen Bildungsplänen der ersten und zweiten Generation referiert. Ferner wird auf die den neueren Bildungsplänen zugrunde liegende Philosophie eingegangen (z.B. Betonung der Stärken von Kleinkindern, Neukonzeptualisierung von Übergängen, Konsistenz in den Bildungsprozessen).

Im ersten Teil des Sammelbandes werden "Impulse aus der Forschung" präsentiert: Ingrid Pramling Samuelsson stellt das Konzept des "kompetenten Kindes" vor, arbeitet das Verhältnis zwischen Spielen und Lernen heraus und betont die Bedeutung der Zielorientiertheit frühpädagogischen Handelns. Dann beschreibt Fabienne Becker-Stoll für (Klein-) Kindheit und Jugendalter typische Entwicklungsaufgaben und Grundbedürfnisse (insbesondere nach Bindung, Kompetenz und Autonomie) sowie die Auswirkungen außerfamilialer Betreuung. Abschließend behandeln Beate Sodian und Claudia Thoermer die sozial-kognitive Entwicklung in der frühen Kindheit (Entstehung der "Theory of Mind").

Im zweiten Teil des Sammelbandes geht es um "wissenschaftliche Grundlagen und Beispiele aus der Praxis": Beate Minsel arbeitet die Bedeutung der Familie als Bildungsort heraus. Dann zeigt Michael Schnabel an den Beispielen einer Münchner Kinderkrippe und eines Frankfurter Familienzentrums auf, wie im Kontext einer Bildungs- und Erziehungspartnerschaft Eltern gestärkt werden. Annette Schmitt beschreibt entwicklungspsychologische Voraussetzungen, Grundpositionen, Ziele und Inhalte der mathematisch-naturwissenschaftlichen Bildung, während Dagmar Winterhalter-Salvatore das Projekt "Licht und Schatten" als Beispiel bringt und die Bedeutung der Partizipation der Kinder betont.

Ein weiteres Kapitel im zweiten Teil des Sammelbandes wurde von Christa Kieferle verfasst und behandelt verschiedene Aspekte der Sprachkompetenz, die Entwicklung von Literacy, den Zweitspracherwerb und dessen Förderung. Eva Schumacher beschreibt den gesellschaftlichen Wandel und insbesondere die damit verbundenen Ausdifferenzierungsprozesse, die zu einer zunehmenden Anzahl von Übergängen in den Lebensläufen führen. Dann stellt Wilfried Griebel den Transitionsansatz vor, skizziert die beim Übergang vom Kindergarten in die Grundschule zu bewältigenden Entwicklungsaufgaben und zeigt am Amberger Modell und am Tandem Bergstraße Süd auf, wie Erzieher/innen und Lehrer/innen dabei unterstützend wirken können. Anschließend befasst sich Angelika Speck-Hamdam mit dem Konzept der lernmethodischen Kompetenz und deren Förderung durch das pädagogische Personal. Dies wird von Magdalena Hellfritsch am Beispiel einer Münchner Kinderkrippe verdeutlicht.

Im dritten Teil des Sammelbandes geht es um die "Bildungspläne in Bayern und Hessen als ko-konstruktive Entwicklung" - beide Pläne wurden im Münchner Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP) erstellt. Zunächst beschreibt Eva Reichert-Garschhammer den Entstehungsprozess der beiden Bildungspläne sowie die zwischen ihnen bestehenden Unterschiede. Ferner geht sie auf die Implementation der Pläne ein, wobei sie Projektarbeit und die Öffnung von Gruppen für besonders sinnvoll erachtet. Anschließend skizzieren Dagmar Berwanger, Sigrid Lorenz und Beate Minsel Umfang und Methodik der wissenschaftlichen Begleitung durch das IFP und präsentieren ausgewählte Ergebnisse ihrer schriftlichen Befragungen in Bayern und Hessen.

Im Schlusskapitel zeigt Bernhard Nagel Perspektiven für die Weiterentwicklung der Kindertagesbetreuung auf, die sich aus dem von den Bildungsplänen proklamierten Paradigmenwechsel im Bildungsverständnis und im Bild vom Kind ergeben. Er listet die in den einzelnen Bundesländern geltenden Bildungspläne auf und benennt Ähnlichkeiten bzw. Unterschiede hinsichtlich ihrer Verbindlichkeit, ihres Geltungsbereichs und ihrer Implementation. Ferner behandelt Nagel die Notwendigkeit einer Qualitätssicherung, einer intensiven Weiterbildung des pädagogischen Personals, einer Bildungs- und Erziehungspartnerschaft mit den Eltern und weiterer relevanter Faktoren. Es folgen ein gemeinsames Literaturverzeichnis, eine Auflistung der Praxisstandorte sowie Kurztexte über die Autor/innen der Kapitel.

Der von Fabienne Becker-Stoll und Bernhard Nagel herausgegebene Sammelband ermöglicht der Leserin bzw. dem Leser, sich intensiv mit der Entstehung, der theoretischen Grundlegung, der Implementation und der praktischen Umsetzung von Bildungsplänen auseinanderzusetzen. Er ist nicht nur für das pädagogische Personal in Kindertageseinrichtungen empfehlenswert, sondern auch für Ausbildung, Fachberatung und Jugendhilfe-Verwaltung.

Martin R. Textor