"Damit kann 'Mann' ja keine Familie ernähren". Das Einkommen in der Kinderbetreuung als Grund für den geringen Männeranteil

Bernhard Koch

 

Einleitung

Kinderbetreuung gilt als Berufsbereich mit geringer Bezahlung. Studien (vgl. Rolfe 2005, 2006) zeigen, dass Arbeitgeber, Behörden, Beschäftigte und die Öffentlichkeit die geringe Bezahlung als wesentlichen Hinderungsgrund für Männer ansehen, in diesem Bereich tätig zu werden.

Viele Beschäftigte leben nach einer Studie in Großbritannien (Cameron et.al. 2002) mit ihren vollzeitbeschäftigten Partnern zusammen. Dies lasse vermuten, dass viele Beschäftigte in diesem Sektor nur deshalb arbeiten (können), weil sie von jemandem anderen finanziell unterstützt werden. Das Gehalt werde häufig als Unterstützung für das Haupteinkommen (des Mannes) angesehen (OECD 2006, S. 169). Die Einkommen von Beschäftigten in Kinderbetreuungseinrichtungen sind in den OECD Ländern höchst unterschiedlich.

Einkommen International

In vielen OECD Ländern ist das Personal nicht nur sehr schlecht bezahlt, sondern auch schlecht ausgebildet. (OECD 2006, S. 169). In Großbritannien verdienen Beschäftigte in Kinderbetreuungseinrichtungen weniger als die Hälfte als Volksschullehrer. In den Vereinigten Staaten ist das Gehalt vergleichbar mit dem Gehalt von Angestellten bei Begräbnisfeierlichkeiten (funeral attendance) und deutlich niedriger als die Gehälter bei der Müllabfuhr (S. 169). Ohne Zweifel scheint das geringe Lohnniveau damit zusammenzuhängen, dass der Beruf als "Frauenarbeit" gilt. Einen Überblick über die Gehälter des qualifizierten Personals in Kinderbetreuungseinrichtungen in einigen ausgewählten Ländern im Vergleich zu Gehältern von Grundschullehrern zeigt folgende Tabelle (vgl. OECD 2006, S. 160): 

 

Männeranteil in %

Gehalt in % von Grundschullehrern

Australien

2-3

75 - 100

Finnland

4

81

Irland

1

60 - 100

Italien

1

100

Schweden

5

84

Norwegen

9

88 - 96

USA

3

42

Es scheint keinen zwingenden Zusammenhang zu geben zwischen relativ hohem Gehalt und den Anteil von Männern. Italien beispielsweise hat bei einem Gehaltsniveau, das dem in der Grundschule entspricht, einen Männeranteil von einem Prozentpunkt. Doch wie das Beispiel Norwegen zeigt, scheint ein relativ hohes Lohnniveau für eine Erhöhung des Männeranteils durchaus förderlich zu sein.

Markus Tünte (2007) hat in seiner Untersuchung über männliche Erzieher in Deutschland die Einkommen im Erzieherberuf verglichen mit den Einkommen, die in den Berufen "Schlosser" und Maurer" erzielt werden. Er kommt zum Schluss, dass die Höhe der Gehälter im Erzieherberuf im Vergleich zu einigen (Männer-) Berufen, die sowohl ein geringeres Qualifikationsniveau als auch eine kürzere Ausbildungszeit verlangen, "sehr bescheiden" ausfallen. Basierend auf dem einheitlichen Merkmalen "30 Jahre, ledig" kann demnach ein Maurergeselle mit 2500 € brutto, der Schlossergeselle mit 2121 € brutto im Monat rechnen. Eine gruppenleitende Erzieherin kommt auf 2174 €, als Zweitkraft allerdings nur auf 1895 € (a.a.O., S. 114)

Nicht in allen Ländern wird übrigens schlecht bezahlt. In Liechtenstein etwa sind die Gehälter insgesamt, aber auch im Kindergartenbereich recht hoch. Eine Berufsanfängerin mit akademischem Abschluss erhält nach Auskunft der Liechtensteiner Landesregierung 3000 € brutto pro Monat (Holzknecht 2007).

Aufschlussreich für die Bewertung des Gehalts in Hinblick auf den Männeranteil im Kindergarten ist ein Vergleich mit anderen Berufen: Eine Aufstellung des Statistischen Bundesamtes in Deutschland (Destatis 2008) zeigt für das Jahr 2006, in welchen Berufen besonders gut und besonders schlecht verdient wird. Die befragten Unternehmen wurden nach dem Zufallsprinzip ausgewählt. Leitende Funktionen und einfache Positionen in einem Betrieb wurden in dieser Auswertung zusammengefasst.

Von 171 Berufen landet der Beruf der Kindergärtnerin demnach mit einem brutto Jahresverdienst von 32.819 € auf Platz 111. Damit liegt das Gehalt - knapp aber immerhin - im mittleren Drittel der erhobenen Berufe. Die folgende Tabelle zeigt das Brutto-Jahreseinkommen der Kindergärtnerin im Vergleich zu anderen ausgewählten Berufen. Darunter vor allem jene, die als "typische Männerberufe" gelten. Zu beachten ist, dass die ausgewählten "Männerberufe" großteils eine im Vergleich zur Kindergartenpädagogin geringwertigere Ausbildung voraussetzen.

Rangplatz (von 171)

Beruf

Brutto-Jahreseinkommen in Euro

171

Friseure

15.787,-

166

Wächter, Aufseher

22.307,-

146

Lager- und Transportarbeiter

28.083,-

143

Kraftfahrzeugführer

28.644,-

142

Schlosser

28.685,-

130

Maurer

29.978,-

119

Sozialarbeiter, Sozialpfleger

31.270,-

111

Kindergärtnerin, Kinderpflegerin

32.819,-

104

Schienenfahrzeugführer

33.728,-

51

Real-, Volks- und Sonderschullehrer

41.799,-

Die Tabelle verdeutlicht zweierlei:

  • Es gibt eine ganze Reihe von Männerberufen, die schlechter bezahlt sind als der Frauenberuf "Kindergärtnerin" und bei denen niemand auf die Idee käme zu fragen, ob ein Mann mit diesem Beruf eine Familie ernähren könne.
  • Im Grundschulbereich (Frauenanteil rd. 90 %) liegt das Gehalt deutlich über dem im Elementarbereich.

Gehälter in Österreich

Der Verdienst von Kindergartenpädagoginnen ist abhängig vom Bundesland, in dem sich die Einrichtung befindet, und vom Träger. Beispielsweise ist in Wien das Gehalt z.T. deutlich niedriger als in Niederösterreich. Dies wird auch als Mitgrund für den Personalmangel in Wien angesehen: Viele Wiener Pädagog/innen arbeiten im benachbarten Niederösterreich oder in anderen Bundesländern.

Insgesamt liegt das Gehalt in Österreich etwa 20% unter dem Gehalt der Volksschullehrer/ der Volksschullehrerin (OECD 2006). Die Einstiegsgehälter des Fachpersonals in öffentlichen Einrichtungen bewegen sich im Jahr 2013 bei etwa 1.850,- € brutto/ Monat, die höchste Gehaltsstufe bewegt sich bei etwa 3.300,- € brutto/ Monat (vgl. Baierl/ Kaindl 2011). Laut Arbeitsmarktservice Österreich beträgt das durchschnittliche Einstiegsgehalt ab 1.760 bis 1.950 € brutto pro Monat.

Für Schüler vor der Berufswahlentscheidung hält das Arbeitsmarktservice Österreich ein Berufsinformationssystem bereit, in denen auch über die zu erwartenden durchschnittlichen Einstiegsgehälter informiert wird. Demnach sind Männerberufe wie "Berufsfeuerwehrmann/frau" oder "Kraftfahrzeugtechniker/in" nicht deutlich besser bezahlt. Auch der vom Ausbildungsniveau vergleichbare Beruf "Sozialpädagoge" mit einem weit höheren Männeranteil hat ein vergleichbares Einkommen. Nicht berücksichtigt sind in diesem Vergleich der Einstiegsgehälter allerdings die unterschiedlichen Gehaltssteigerungen im Laufe der Dienstjahre, die unterschiedlichen Aufstiegsmöglichkeiten und die Möglichkeit von Wochenend- und Überstundenzuschlägen. Ebenfalls nicht berücksichtigt sind die Möglichkeiten des Zuverdienstes durch Nebentätigkeiten, die Berufe im Baugewerbe oder KFZ-Gewerbe zusätzlich attraktiv erscheinen lassen.

Das tatsächliche Einkommen einer Kindergartenpädagogin liegt im Durchschnitt weit unter den oben genannten Sätzen, denn über die Hälfte des Personals (53%) von Kinderbetreuungseinrichtungen arbeitet Teilzeit. Die Teilzeitquote im Bereich der Kinderbetreuung liegt damit weit über der durchschnittlichen Teilzeitquote. Zum Vergleich: In Österreich haben nur 5% der berufstätigen Männer und 41% der berufstätigen Frauen einen Teilzeitvertrag (weniger als 35 Stunden in der Woche) (Hofinger/ Enzenhofer 2006).

Hohe Wertschätzung im Sinne von Anerkennung und Gehalt kann nicht nur "von außen" in den Elementarbereich hineingetragen werden, sondern muss auch "von innen" kommen. Ein hohes Selbstbewusstsein und die Überzeugung, eine wichtige Arbeit zu machen, wirken auch auf das Umfeld und die Gesellschaft zurück. Im gesellschaftlichen und medialen Diskursiv erscheint die Elementarpädagogik häufig in einer "Opferrolle", und viele Fachkräfte tragen mit z.T. berechtigten Klagen über Gehalt und Image das Ihre dazu bei. Auch wenn unbestritten ist, dass die Elementarpädagogik im Vergleich etwa zur Schulpädagogik weniger Wertschätzung erhält, scheinen das Gehalt und das Image von Teilen der Bevölkerung aber auch vom Kindergartenpersonal bisweilen schlechter eingeschätzt zu werden als es tatsächlich ist.

Zusammenfassung

Die Gehälter im Elementarbereich sind niedrig und müssten deutlich angehoben werden - entsprechend den Anforderungen, dem Qualifikationsniveau und dem gesellschaftlichen Nutzen des Berufsfeldes. Das Gehaltsniveau ist dabei nur einer von vielen Faktoren für die Höhe der Männerbeteiligung, denn in vielen Ländern, in denen das Vorschulpersonal gleich wie verdient wie etwa das Grundschulpersonal, liegt der Männeranteil bei unter 2%. In einigen typischen Männerberufen ist das Gehalt etwa gleich hoch bzw. niedriger.

Das in der Öffentlichkeit wahrgenommene äußerst niedrige Einkommen im Bereich der Kinderbetreuung könnte neben der Geringbewertung als "Frauenarbeit" auch mit zwei Faktoren zusammenhängen, die ebenfalls für das niedrige Einkommen von Frauen Erklärungskraft besitzen:

  • ein überdurchschnittlich hoher Anteil von Teilzeitarbeit
  • die Unterbrechung der Erwerbstätigkeit durch Karenz bzw. familiäre Kinderbetreuung.

Es scheint so zu sein, dass das Gehalt ein Grund, aber wohl nicht der entscheidende Grund für die geringe Repräsentanz von Männern im Berufsbereich der elementaren Bildung ist. Die nach wie vor starke Ideologie einer Parallele von "Kinderbetreuung" und "Mütterlichkeit", die immer noch sichtbare Konzeptualisierung des Kindergartens als Substitut für das "mütterliche Heim" sowie die unterschätzte Bedeutung der Elementarpädagogik für das "Lebenslange Lernen" in Verbindung mit einer gering ausgeprägten Forschungslandschaft und institutionellen Verankerung dürften weitere Gründe darstellen.

Literatur

Arbeitsmarktservice Österreich AMS (2013): Qualifikationsbarometer. http://bis.ams.or.at/qualibarometer/ beruf.php?id=375 (10.10.2013)

Baierl, A./Kaindl, M. (2011): Kinderbetreuung in Österreich. Rechtliche Bestimmungen und die reale Betreuungssituation. Working Paper Nr. 77/2011. Wien: Österreichisches Institut für Familienforschung

Cameron, C./Mooney, A./Moss, P. (2002): The childcare workforce: current conditions and future directions. In: Critical Social Policy 22 (4), S. 572-595

Destatis/Statistisches Bundesamt Deutschland (2008): Verdienststrukturerhebung. Pressemitteilung Nr. 266 vom 23.07.2008, http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Presse/pm/2008/07/ PD08__266__621,templateId=renderPrint.psml (10.10.2008), vgl. auch: Die Welt online, 23. Juli 2008, http://www.welt.de/finanzen/article2242552/170_Berufe_und_was_dort_verdient_wird.html (10.10.2008)

Hofinger, C./Enzenhofer, E. (2006): Mehr Beruf, weniger Familie? Zur Lage der berufstätigen Väter in Österreich. In: Werneck, H./Beham, M./Pfalz, D. (Hrsg): Aktive Vaterschaft - Männer zwischen Familie und Beruf. Frankfurt: Psychosozial Verlag

Holzknecht, A. (2007): Kindergarten Vorarlberg - (beinahe) mannfreie Zone. In: Obwohl - Zeitschrift für Kindergarten und Kinderbetreuung in Vorarlberg Nr. 4, Dezember

OECD (2006): Starting Strong II - Early childhood education and care. "Österreich". http://www.oecd.org/education/school/36657509.pdf (10.10.2008)

Rolfe, H. (2006): Where are the men? Gender Segregation in the Childcare and Early Years Sector. National Institute Economic Review 195, S. 103

Rolfe, H. (2005): Men in childcare. National Institute of Economic and Social Research. http://www.eoc.org.uk/pdf/wp35_men_and_childcare_full_report.pdf

Tünte, M. (2007): Männer im Erzieherberuf. Die Relevanz von Geschlecht in einer traditionellen Frauenprofession. Saarbrücken

Autor

Dr. Mag. Bernhard Koch (geb. 1962), wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Innsbruck, Kontakt: bernhard.j.koch@uibk.ac.at, 0043/512/507-4018