"Koffer-Pädagogik"

Brigitte Schmalz

 

Was da alles drin steckt!?

Geht es Ihnen auch manchmal so, dass Sie Dinge in Ihrem Koffer haben, die Sie eigentlich auf Reisen gar nicht benötigen? Viel zu viel eingepackt, womöglich verkehrt ausgewählt? Dank der Überfüllung springt der Koffer auch noch auf? Und kostet unglaubliche Mühe der Bändigung, um ihn wieder zu schließen?

Sicher stellen Sie sich spätestens jetzt die Frage: Befinde ich mich bei www.kindergartenpaedagogik.de oder in einem Reisemagazin?

Der Begriff "Koffer-Pädagogik" ergab sich für mich auf dem Ökumenischen Kirchentag. Während eines Beratungsgespräches schilderte eine Pädagogin ganz euphorisch die hilfreichen Programme und Angebote für diverse Lernbereiche. Interessiert fragte ich nach. Es ging um den Einsatz von gezielt entwickelten Lernprogrammen, in Kästen und Koffern angeboten.

Wir diskutierten über diese Lernform - vorgefertigt durch Spieleentwickler -, die zur regelmäßigen Nutzung in der Gruppe empfohlen wird. Ist denn auch wirklich in den Koffern und Kisten das drin, was Kinder brauchen? Könnte es sich, provokant formuliert, nicht auch um eine "Pseudopädagogik" handeln? Verwalte ich, organisiere ich das Abhandeln und Behandeln der Lernprogramme nur noch? Oder müssen wir uns neu darauf besinnen, was Elementarpädagogik bedeutet?

Im Wirrwarr von einem unglaublich großen Angebot an Lernspielen und -programmen muss der Gedanke erlaubt sein, ob wir damit wirklich die Lebens- und Lernform unserer Kinder berücksichtigen. Es geht mir nicht um das Negieren von Programmen, es geht mir um den Einsatz derselben. Die eigentliche Frage muss und kann doch nur lauten: Kind, was brauchst du?

Wir sind das Fachpersonal, die Pädagogen, die aus dem Zuwenden und dem Beobachten der uns anvertrauten Kinder unsere Angebote situativ und individuell, den kindlichen Lernbedürfnissen angemessen, entwickeln und mit den Kindern gemeinsam gestalten. Die Lernform in der Elementarpädagogik ist das konkrete Lernen im ganzheitlichen Kontext. Das abstrakte Lernen kann dann in der Schule folgen.

An einem Beispiel möchte ich Ihnen aufzeigen, dass ich für die mathematische Bildung, das Erlernen von Mengen, Farben und Formen, kein gesondertes Programm benötige, sondern identische Ziele (und mehr!?) im lebenspraktischen Alltag erreichen kann. Lassen Sie uns gemeinsam einen Obstsalat herstellen!

Beim Einkauf und beim Zubereiten kann ich Mengen, Farben und Formen bewusst ansprechen: z.B. 1 gelbe Banane in Scheiben schneiden, 2 grüne Birnen in Würfel teilen, 5 große rote Erdbeeren vierteln, 1 gelbe Zitrone halbieren etc.

Durch gemeinsames Tun, Sinneserfahrungen, Spracheinsatz und lebenspraktische Erziehung lernen Kinder ganz nebenbei Mengen, Farben, Formen, Esskultur, das Einhalten von Reihenfolgen und vieles mehr.

Das Miteinander, das konkrete Lernen im Alltag, das Anregen durch Fragestellungen, bewusstes Hinschauen und Benennen sind für mich adäquates pädagogisches Handeln. Die Lernmotivation entwickelt sich beim praktischen Tun.

Mein Koffer bleibt auf dem Dachboden. Viel von dem, was unsere Kinder und was wir selbst brauchen, tragen wir nämlich in uns.

Habe ich auch Ihnen Geschmack auf einen frischen, vitaminreichen, farbenfrohen Obstsalat gemacht? In diesem Sinne: Guten Appetit!

Autorin

Brigitte Schmalz ist Leiterin des Evang.-Luth. Hauses für Kinder in Weilheim/Obb.