In: Ingeborg Becker-Textor/ Martin R. Textor (Hrsg.): Handbuch der Kinder- und Jugendbetreuung. Neuwied, Kriftel, Berlin: Luchterhand 1993, S. 1-23

Kinder- und Jugendbetreuung im Kontext familialen und gesellschaftlichen Wandels

Martin R. Textor

 

Voraussetzung für die Entwicklung angemessener Angebote der Kinder- und Jugendbetreuung ist die gründliche Analyse der Lebensverhältnisse von Kindern und Jugendlichen. Dies sollte auf mindestens zwei Ebenen erfolgen: Auf der wissenschaftlichen, staatlichen und Verbandsebene wird man sich mit einer recht allgemeinen Analyse zufriedengeben müssen. Auf der örtlichen Ebene wird man hingegen genau die Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen untersuchen können, die im Einzugsbereich der jeweiligen Einrichtungen der Kinder- und Jugendbetreuung leben oder diese besuchen.

In diesem Kapitel werden wir uns auf die erste Ebene beschränken müssen. Da die Familie weiterhin der wichtigste Lebenskontext für Kinder und Jugendliche ist, werden wir zunächst einige relevante Aspekte des familialen Wandels und der Familienerziehung herausgreifen und beleuchten. Anschließend werden wir Charakteristika heutiger Kindheit und Jugend beschreiben.

Familien heute

Die Familie gibt es nicht - und hat es nie gegeben. Wissenschaftliche Untersuchungen haben eine Vielzahl verschiedener Familienformen in Vergangenheit und Gegenwart aufgezeigt. Heute unterscheiden sich Familien nicht nur hinsichtlich ihrer äußeren Form, sondern auch hinsichtlich der Gestaltung der inneren Strukturen und Beziehungen. Jedes Kind und jeder Jugendliche erlebt seine Kindheit bzw. seine Jugend, die immer einzigartig ist und durch ganz unterschiedliche Familienstrukturen und -prozesse geprägt wird. Dennoch lassen sich folgende recht allgemeine Aussagen zur gegenwärtigen Situation von Familien machen:

(1) Konkurrierende Leitbilder: In den letzten Jahrzehnten ist es zur Entkoppelung von Liebe und Ehe gekommen. Die Ehe ist nicht mehr die einzige legitime Existenzform zur Befriedigung bestimmter emotionaler und sexueller Bedürfnisse. Paare leben zunehmend in nichtehelichen Lebensgemeinschaften und entscheiden sich erst zur Eheschließung, wenn sie eine Familie gründen wollen. Jedoch haben nicht nur Normen über die äußere Form von Paarbeziehungen an Bedeutung verloren, sondern auch Erwartungen und Vorschriften über die Gestaltung der Familienbeziehungen. Es konkurrieren verschiedene Leitbilder über Partnerschaft, Geschlechtsrollen, Familienstruktur, Arbeitsteilung und Kindererziehung miteinander. (Ehe-) Partner und (ältere) Kinder müssen heute die Art ihres Verhältnisses zueinander aushandeln und immer wieder die Beziehungsdefinitionen neu bestimmen.

(2) Labilität der Familienverhältnisse: Je mehr Familienbeziehungen individuell gestaltet werden, um so größer wird das Konfliktpotential. Zudem steigen die Ansprüche an Ehe und Familie, streben die Partner beispielsweise nach emotionalem Ausgefülltsein, intensiver Liebe und Selbstverwirklichung in der Ehe. Werden diese Erwartungen nicht erfüllt, kommt es oft zu Konflikten und Entfremdung. So sind die Familienverhältnisse labiler geworden: Zum einen erleben Kinder und Jugendliche die Auseinandersetzungen ihrer Eltern mit, die sich früher eher hinter geschlossenen Türen abspielten. Da sie in der Regel Trennungen und Ehescheidungen in ihrem sozialen Umfeld miterlebt haben, befürchten sie die Auflösung ihrer Familie und fühlen sich nicht mehr geborgen. Zum anderen sind jedes Jahr in der Bundesrepublik rund 140.000 Kinder und Jugendliche von der Trennung ihrer Eltern betroffen. Sie durchleben die verschiedenen Phasen des Scheidungszyklus (Textor 1991b), der in der Regel drei und mehr Jahre umfaßt. Da diese Zeit und die vorausgegangenen Jahre meistens durch intensive Konflikte und psychische Probleme der Eltern geprägt sind, kommt es oft zu negativen Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung.

(3) Pluralität der Familienformen: Immer mehr Kinder und Jugendliche wachsen nur noch bei einem Elternteil auf. So gibt es in den alten Bundesländern knapp 1,9 Mio. Alleinerziehende; in den neuen Bundesländern leben gegenwärtig 30% der Kinder im Haushalt nur eines Elternteils. Generell müssen verschiedene Formen von Teilfamilien unterschieden werden, die durch andere materielle Lebensumstände, Sozialisationsbedingungen und Belastungen gekennzeichnet sind (Textor 1991c). So macht es einen Unterschied, ob der Elternteil ledig, getrenntlebend, geschieden oder verwitwet ist, ob er (voll-) erwerbstätig ist oder nicht, ob es sich um den Vater oder die Mutter handelt. Heiratet der Elternteil wieder, entsteht eine Zweitfamilie - in den alten Bundesländern wachsen bereits 10% aller Kinder mit einem Stiefvater oder einer Stiefmutter auf. Auch hier muß wieder zwischen verschiedenen Formen differenziert werden - je nachdem, ob beispielsweise der Vater, die Mutter oder beide Partner Kinder in die Zweitfamilie einbringen, ob gemeinsame Kinder gezeugt werden oder von welcher Art die Beziehung zu den nichtsorgeberechtigten (außenstehenden) Elternteilen ist (Koschorke 1990). Viele Kinder und Jugendliche wachsen auch in Pflege- und Adoptivfamilien, nichtehelichen Lebens- und Wohngemeinschaften oder Dreigenerationenfamilien auf. Es muß somit von einer Vielzahl familialer und familienähnlicher Lebensformen ausgegangen werden, die Kindern unterschiedliche Sozialisationsbedingungen bieten.

(4) Belastungen von Familien: Die Lebenssituation vieler Kinder und Jugendlicher ist durch familiale Belastungen geprägt. Sie leiden beispielsweise unter materieller Deprivation: So bezogen 1991 in den alten Bundesländern 17,1% der lohnsteuerpflichtigen Personen mit Kindern einen Bruttolohn von bis zu 2.000 DM und weitere 6,4% von 2.000 bis 3.000 DM. Teilfamilien waren besonders betroffen; von ihnen erhielten 46,2% einen Bruttolohn von bis zu 2.000 DM (Bertsch 1991). Für die neuen Bundesländern lauteten die Vergleichszahlen 41,6% bzw. 26,4% für alle lohnsteuerpflichtige Personen mit Kindern und 71,5% für alle Alleinerziehenden. Auch Mehrkinderfamilien haben oft finanzielle Probleme; so fielen Ende der 80er Jahre zwei Fünftel der Familien mit vier und mehr Kindern unter die relative Armutsgrenze. Im Jahr 1990 empfingen in den alten Bundesländern Eltern für 1.070.122 Kinder und Jugendliche Sozialhilfe (Statistisches Bundesamt 1992a). Zu den familialen Belastungen gehören aber auch Arbeitslosigkeit, Geburt eines behinderten Kindes, Versorgung eines pflegebedürftigen Angehörigen, Suchtkrankheit eines Familienmitgliedes, Gewalttätigkeit u.a. (Textor 1991a). Alle diese Belastungen sind Risikofaktoren für die kindliche Entwicklung.

(5) Wohnbedingungen: In den letzten Jahrzehnten ist die durchschnittliche Wohnfläche pro Bundesbürger weiterhin gestiegen. Je mehr Kinder jedoch in einem Haushalt leben, um so kleiner ist die Wohnfläche pro Person. Beispielsweise kamen Mitte der 80er Jahre auf jedes Mitglied einer Familie mit drei oder mehr Kindern 21 qm Wohnraum gegenüber 44 qm in kinderlosen Haushalten (Statistisches Bundesamt 1989). So leben manche Kinder und Jugendliche recht beengt und müssen ihr Zimmer mit Geschwistern teilen.

(6) Arbeitsteilung und Familienstruktur: Obwohl immer mehr Bundesbürger der Meinung sind, daß Hausarbeit gerecht zwischen den Partnern verteilt sein sollte, herrscht weiterhin die traditionelle Arbeitsteilung vor. Die Mitarbeit des Mannes ist in der Regel in nichtehelichen Lebensgemeinschaften und bei kinderlosen Ehepaaren stärker ausgeprägt; sie läßt nach der Geburt des ersten Kindes nach. Viele Väter kümmern sich heute intensiver um (Klein-) Kinder, sehen darin jedoch in erster Linie eine Freizeitbeschäftigung. Laut einer für Baden-Württemberg repräsentativen Untersuchung verwendeten sie Mitte der 1980er Jahre rund 20 Minuten pro Tag auf die Kinderbetreuung - unabhängig von der Zahl der Kinder und dem Ausmaß der mütterlichen Erwerbstätigkeit. Ehefrauen verwendeten im Durchschnitt 41 Minuten auf ein Kind, 59 Minuten auf zwei und 81 Minuten auf drei und mehr Kinder (Krüsselberg, Auge und Hilzenbecher 1986). In den letzten Jahrzehnten haben Väter einen großen Teil ihrer familialen Macht abgegeben. So sind patriarchalische Familienstrukturen selten geworden; zumeist herrschen partnerschaftliche Strukturen vor. Dies bedeutet, daß in der Regel auch Kinder und Jugendliche ein Mitspracherecht haben. Viele Familienentscheidungen kommen erst nach einem längeren Verhandlungsprozeß zustande.

(7) Erwerbstätigkeit von Müttern: Für (verheiratete) Frauen hat der Beruf in den letzten Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung gewonnen. Sie suchen in ihm Selbstverwirklichung, Freude und Bestätigung durch andere. Dementsprechend verwenden sie immer mehr Zeit auf ihre Aus- und Fortbildung. Obwohl in der Bevölkerung die Meinung vorherrscht, daß Frauen nach der Geburt eines Kindes für mehrere Jahre aus dem Berufsleben ausscheiden sollten, sind immer weniger Mütter bereit, entsprechend zu handeln. Im Jahr 1990 waren in den alten Bundesländern 36,6% aller Ehefrauen mit Kind(ern) unter drei Jahren und 47,2% aller Ehefrauen mit Kindern unter 15 Jahren erwerbstätig. In den neuen Bundesländern waren es 60% der Ehefrauen mit Kindern unter drei Jahren und 83% der Ehefrauen mit Kindern unter 16 Jahren (Statistisches Bundesamt 1992a, b), wobei seither ein deutlicher Rückgang bei der Muttererwerbstätigkeit zu verzeichnen ist. Für Alleinerziehende waren in West- und Ostdeutschland die Prozentsätze noch etwas höher. Viele dieser Frauen leiden unter der Mehrfachbelastung durch Beruf, Hausarbeit und Kindererziehung, sind gestreßt und gereizt, haben Probleme mit der Sicherstellung einer kontinuierlichen Kinderbetreuung. Ihr Lebensstil wird aber auch immer mehr zum Maßstab für nichterwerbstätige Mütter, die sich somit oft unausgelastet, unbefriedigt, isoliert und gelangweilt fühlen, ihre Kinder als "Fessel" erleben und ihre Frustrationen an ihnen auslassen. Andere Hausfrauen versuchen hingegen, über Erziehungserfolge zu Selbstverwirklichung und Selbstbestätigung zu kommen. Sie überfordern dann leicht ihre Kinder, behüten und verwöhnen sie.

(8) Abnehmende Kinderzahl: Im Verlauf der letzten Jahrzehnte sind die Zahl der Familien, die Haushaltsgröße und die Zahl der Kinder je Familie zurückgegangen. Bei vollständigen Familien geht der Trend hin zu zwei Kindern, bei Alleinerziehenden hin zu 1,6 Kindern (Statistisches Bundesamt 1990). Das bedeutet auch, daß viele Kinder und Jugendliche als Einzelkinder aufwachsen. So sind sie auf ihre Eltern als Spielkameraden und Gesprächspartner angewiesen, beanspruchen deren Zeit stark, sind von ihnen zumindest in jüngeren Jahren hinsichtlich ihrer Tagesgestaltung abhängig. Zugleich legen ihre Eltern alle ihre Wünsche und Erwartungen in sie hinein. Problematisch können sich Überforderung, Überbehütung und mangelnde Gelegenheit zum Kontakt mit Gleichaltrigen auswirken.

(9) Kinder als Wunschkinder: Aufgrund der frühzeitigen Sexualaufklärung, der weiten Verbreitung von Empfängnisverhütungsmitteln und der relativ liberalen Handhabung des Schwangerschaftsabbruchs werden heute die meisten Kinder absichtlich gezeugt. Sie sind Wunschkinder - und rücken so in den Mittelpunkt der Familie. Die Eltern orientieren sich an ihren Bedürfnissen und Wünschen, achten ihre Individualität und legen großen Wert auf ihre Erziehung. Sie wollen ihnen die bestmöglichen Entwicklungsbedingungen bieten, auch wenn dieses mit hohen finanziellen oder Zeitkosten verbunden sein sollte. Manche Eltern sehen zudem in der Erziehung einen Weg zur eigenen Selbstentfaltung. Dann kann diese oft in Konkurrenz mit anderen Formen der Selbstverwirklichung geraten. In solchen Situationen werden die Kinder leicht als Hindernis oder Belastung erlebt. Vielfach kommt es dann zur Vernachlässigung oder zu einem fortwährenden Wechsel zwischen Phasen der hohen Aufmerksamkeit und des Ignorierens - je nachdem, ob der Elternteil gerade die Kinder zur Befriedigung emotionaler Bedürfnisse benötigt oder sich durch sie in seiner Selbstentfaltung behindert fühlt.

(10) Emotionalisierung der Eltern-Kind-Beziehung: Kinder spielen eine immer größere Rolle im psychischen Haushalt ihrer Eltern. Sie sollen deren Leben Sinn und Fortbestand geben, werden als Vertraute und gleichberechtigte Gesprächspartner gesehen, sollen emotionale Bedürfnisse befriedigen. "Insbesondere für Alleinerziehende und für Mütter scheinen in vielen Fällen die Kinder mittlerweile die Position von Freunden/ Freundinnen oder Partnern einzunehmen" (Ferchhoff und Olk 1988, S. 20). Dieser große psychosoziale und emotionale Wert von Kindern läßt Eltern häufig ambivalente Gefühle bei deren Ablösung empfinden. Während sich Jugendliche immer früher von ihren Eltern unabhängig machen, zeigen diese zunehmend ein anklammerndes Verhalten aufgrund ihrer starken affektiven Bindungen. Manchmal kommt es zu dramatischen Ablösungskrisen.

(11) Aufwendige Erziehung: In den letzten Jahrzehnten sind die Erwartungen an die Familienerziehung immer mehr gestiegen - sowohl seitens der Gesellschaft und ihrer Institutionen als auch seitens der Eltern selbst. Die meisten Eltern informieren sich über pädagogisches Gedankengut, denken viel über die Erziehung ihrer Kinder nach und haben subjektive Erziehungstheorien entwickelt, welche dieselben Elemente wie wissenschaftliche Theorien enthalten (Dietrich 1985). Sie bemühen sich um altersgemäße Formen des Umgangs mit ihren Kindern, streben nach einem partnerschaftlichen Erziehungsstil und versuchen, Erziehungsziele wie Mündigkeit, Reife und Selbstverwirklichung der Kinder zu erreichen. Bei manchen Eltern ist aber auch ein pädagogischer Machbarkeitswahn festzustellen: Sie möchten ein perfektes Kind, wollen es bis zum Studium bringen, setzen es unter Erfolgsdruck und sehen seine Grenzen nicht. Problematisch ist auch, wenn sie für Problemkinder entwickelte psychologische Techniken einsetzen, ihre Kinder durch emotionale Zuwendung und Liebesentzug zu lenken versuchen oder durch materielle Belohnungen (Geld, Geschenke usw.) ihr Verhalten beeinflussen wollen.

(12) Schwierige Erziehung: Viele Eltern sind hinsichtlich der Erziehung ihrer Kinder verunsichert. Oft hatten sie in ihrer Jugend keinen Kontakt zu Kleinkindern oder fehlten Kinder in ihrem Verwandten- und Bekanntenkreis, so daß sie sich keine adäquaten Verhaltensweisen aneignen konnten. Auch haben die meisten Eltern mit der Erziehungstradition ihrer Eltern gebrochen, so daß sie sich nicht an der eigenen Erziehung orientieren können. Häufig fühlen sie sich durch Experten wie Lehrer oder Psychologen als Erzieher dequalifiziert oder durch widersprüchliche pädagogische Theorien und Erziehungsratschläge verwirrt. Zudem können sie sich nicht mehr auf ihre Modellwirkung verlassen, da sie nur noch von rund 3% aller Jugendlichen als Vorbilder akzeptiert werden (Jugendwerk der Deutschen Shell 1985).

(13) Pathogene Familienstrukturen und -prozesse: Das Familienleben wird von der Mehrzahl der Kinder positiv erlebt. Laut einer für Niedersachsen repräsentativen Umfrage fühlten sich 69% aller Jugendlichen daheim geborgen; 48% empfanden gemeinsame Lebensfreude. Nur 15% hatten häufig Ärger mit den Eltern (Heye, Borchers und Heuwinkel 1990). Jedoch kommt es bei vielen Kindern auch zu Fehlentwicklungen. Beispielsweise lassen sich bei rund 20% Symptome feststellen, bei etwa 12% kinder- und jugendpsychiatrische Störungen (Detzner und Schmidt 1988). Hier liegen die Ursachen häufig in pathogenen Familienstrukturen und -prozessen (Textor 1985). Risiken für die kindliche Entwicklung bestehen vor allem dann, wenn die Eltern unter psychischen Problemen oder Suchtkrankheiten leiden, in der Familie Kommunikationsstörungen vorliegen, die Familienatmosphäre durch häufige bzw. ungelöste Konflikte oder durch aus deren Verdrängung resultierenden Spannungen geprägt ist, Mitglieder isoliert oder in symbiotischen Beziehungen gefangen sind, Kinder von Rollenzuschreibungen, Projektionen oder Delegationen betroffen sind, Eltern bestimmte Rollen nicht übernehmen oder nur zum Teil ausfüllen, die Grenzen in der Familie und nach außen hin zu schwach oder zu stark ausgeprägt sind oder wenn das Äquilibrium (Gleichgewicht) zu starr oder zu instabil ist.

Implikationen für die Kinder- und Jugendbetreuung

Aus den skizzierten Charakteristika von Familien ergibt sich eine Vielzahl von Konsequenzen für die Kinder- und Jugendbetreuung. So dürfen sich Fachkräfte bei ihrer Arbeit nicht an einer bestimmten Familienform orientieren (z.B. an einem in erster Ehe verheirateten Paar mit zwei Kindern), sondern müssen genau untersuchen, aus welchen Familienverhältnissen die ihnen anvertrauten Kinder kommen und welche Entwicklungsbedingungen sie daheim vorfinden. Da die Kinder in unterschiedlichen Familienformen aufwachsen und in jeder Form die Mitglieder ihr Familienleben auf einzigartige Weise gestalten, können Fachkräfte den individuellen Bedürfnissen des einzelnen Kindes nur gerecht werden, wenn sie seine Familiensituation so gründlich wie möglich analysieren. Dabei sind Kenntnisse über typische Kennzeichen der jeweiligen Familienform hilfreich, wobei diese stark verallgemeinerten Aussagen jedoch nicht einfach auf den Einzelfall übertragen werden dürfen. Bei der Analyse der Familienverhältnisse der Kinder ist auch wichtig, daß Fachkräfte ihr Familien(leit)bild nicht verabsolutieren und zum Maßstab machen. Aus der Vielzahl miteinander konkurrierender Vorstellungen über die Gestaltung des Familienlebens in unserer Gesellschaft folgt die Notwendigkeit der Toleranz gegenüber anderen Leitbildern, sofern sie realisierbar sind und zu positiven Lebensbedingungen von Kindern führen.

So ist zu akzeptieren, daß für eine zunehmende Zahl von Personen die Frauenrolle heute die (ununterbrochene) Berufstätigkeit beinhaltet - auch wenn Kleinkinder in der Familie sind. Fachkräfte sollten dazu beitragen, daß junge Mütter nicht gegen ihren Willen die Erwerbstätigkeit aufgeben müssen und zu unzufriedenen Hausfrauen werden, die ihre Frustrationen an ihren Kindern auslassen. Genauso wenig dürfen Frauen aber kritisiert werden, wen sie trotz des Vorhandenseins kleinerer Kinder ihren Beruf weiterhin ausüben wollen - Schuldgefühle können sich ebenfalls negativ auf die Erziehung auswirken. Selbstverständlich dürfen sie auch nicht als altmodisch bezeichnet werden, wenn sie um ihrer Kinder willen aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Vielmehr kommt es darauf an, daß ihnen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglicht wird. In unserem Kontext gehören dazu ausreichende Angebote der Tagesbetreuung in Einrichtungen oder in der Tagespflege, überzogene Gruppen (Betreuungsdauer von rund sechs Stunden) und flexible Öffnungszeiten. Nichterwerbstätige Mütter können von Krabbelgruppen, Gesprächskreisen, Elterngruppen oder Mütterzentren profitieren, da diese Maßnahmen z.B. Isolierung verhindern und Gesprächsmöglichkeiten bieten.

Im Rahmen der außerfamilialen Kinder- und Jugendbetreuung müssen Fachkräfte darauf hinwirken, daß häufig auftretende und sich eher negativ auswirkende Charakteristika von Familienerziehung kompensiert werden. Sie sollten

  • Kindern Sicherheit, Geborgenheit und Verläßlichkeit in ihren Beziehungen und in der von ihnen mitgeprägten Lebenswelt bieten.
  • sich Zeit für jedes einzelne Kind nehmen, ihm Zuwendung, Fürsorge und Empathie zukommen lassen.
  • Kinder als eigenständige Personen und Subjekte ihres Lebens akzeptieren, sie also nicht als Erziehungsobjekte wahrnehmen, sie nicht bevormunden oder manipulieren. Vielmehr sollten sie sie ernstnehmen, sie zu verstehen versuchen und ihnen die Möglichkeit zur Individuation und Selbstentfaltung gewähren.
  • den Kindern gegenüber als positive Verhaltensmodelle wirken, also z.B. mit ihnen offen kommunizieren, partnerschaftlich mit ihnen umgehen und ein effektives Problem- und Konfliktlösungsverhalten praktizieren.
  • einen eindeutigen und heutigen Anforderungen entsprechenden Erziehungsstil kontinuierlich praktizieren, der mit den Kollegen abgestimmt ist. Dazu gehört auch, daß sie bestimmte Regeln für das Zusammenleben vereinbaren und für deren Befolgung sorgen - Kinder benötigen zu ihrem Schutz Grenzen.
  • Kindern einen sich allmählich erweiternden Handlungsraum bieten, ihnen immer mehr Verantwortung für ihr Verhalten und ihre Entscheidungen zugestehen, ihre Selbständigkeit und Mündigkeit fördern.
  • Kindern, die daheim im Mittelpunkt stehen, die Erfahrung vermitteln, daß sie sich in Gruppen ein- und oft auch unterordnen müssen. Sie sollten lernen, mit anderen zu kooperieren, Kompromisse zu schließen und auch einmal zurückzustecken.
  • vor allem Einzelkindern helfen, soziale Fertigkeiten zu entwickeln. Bei frühreifen Kindern sollten die kindlichen Seiten stimuliert werden.
  • Geschlechtsrollen möglichst umfassend und offen definieren. Dazu gehört, daß sie Jungen und Mädchen vergleichbar behandeln, sie zu Gleichberechtigung führen und einer traditionellen Arbeitsteilung entgegenwirken - so sollten z.B. Buben genauso zum Kochen, Weben oder Aufräumen herangezogen werden.

Es ist wichtig, die auf einzelne Kinder einwirkenden pathogenen Einflüsse seitens ihrer Familie zu kompensieren. So müssen Fachkräfte beispielsweise versuchen, negative Folgen von Überforderung, Überbehütung, Vernachlässigung, Rollenzuschreibung, Kindesmißhandlung usw. zu verhindern. Hat das Kind bereits psychische Probleme oder Verhaltensauffälligkeiten ausgebildet, benötigt es besondere Hilfe. Generell stehen Fachkräften hier vier Wege offen: (1) die erzieherische, heilpädagogische oder therapeutische Arbeit am Kind, (2) die Nutzung von Gruppenprozessen, (3) Eltern- und Familienberatung sowie (4) die Vermittlung geeigneter Maßnahmen durch Dritte. Auf die beiden letztgenannten Möglichkeiten möchte ich noch etwas ausführlicher eingehen.

Heute können Sozialpädagogen und Erzieher davon ausgehen, daß die meisten Eltern sehr am Wohl ihrer Kinder interessiert sind und sich intensiv mit Erziehungsfragen beschäftigen. Damit sind gute Vorbedingungen für eine effektive Elternarbeit gegeben. Betrachten Fachkräfte Eltern zudem als Spezialisten hinsichtlich der Entwicklung ihrer eigenen Kinder und sehen sie sie als ihre Partner bei deren Erziehung, kann es zu einem offenen und vertrauensvollen Austausch kommen. In Gesprächen über das jeweilige Kind und über Erziehungsfragen können sie wichtige Informationen sammeln, Unsicherheiten der Eltern beheben, zur Lösung von Erziehungsproblemen beitragen und sinnvolle Ratschläge geben. Durch Angebote wie Elterngruppen, Alleinerziehendentreffs oder Gesprächskreise können sie Elternbildung betreiben und Eltern die Möglichkeit zum Austausch miteinander und zur Selbsthilfe bieten. Schließlich können sie Beratungsgespräche mit den Eltern führen und ihnen z.B. helfen, ihre Kinder loszulassen, ihren Erziehungsstil zu ändern oder ihren pädagogischen Machbarkeitswahn zu hinterfragen.

Oft stoßen Fachkräfte jedoch auf Grenzen bei ihren Bemühungen, einem Kind zu helfen, das Erziehungsverhalten seiner Eltern zu verändern oder pathogene Familienstrukturen und -prozesse zu modifizieren. Vielfach erkennen sie auch, daß die Probleme aus Belastungen wie Arbeitslosigkeit, Scheidung, Alkoholismus oder Verschuldung resultieren, auf die sie nicht einwirken können. Dann steht ihnen noch die Möglichkeit offen, die Eltern auf Hilfsangebote von heilpädagogischen Einrichtungen, Beratungsstellen oder psychosozialen Diensten aufmerksam zu machen oder sie über Rechtsansprüche (z.B. nach dem Bundessozialhilfegesetz oder dem Unterhaltsvorschußgesetz) zu informieren. Einrichtungen der Kinder- und Jugendbetreuung können mit Institutionen des Sozial-, Gesundheits- und Bildungsbereichs eng vernetzt werden und eine wichtige Vermittlungsfunktion übernehmen. Voraussetzung ist, daß die Fachkräfte die für ihre Zielgruppen wichtigsten psychosozialen Dienste, deren Maßnahmen und Arbeitsweisen kennen und bereits Kontakt mit ihnen aufgenommen hatten, so daß sie Familien direkt an ihre Ansprechpartner verweisen können. Dann ist es leichter, Eltern zur Nutzung dieser Angebote zu bewegen.

Kindheit heute

Kindheit spielt sich immer mehr in Institutionen ab - wobei diese Entwicklung in den neuen Bundesländern besonders weit fortgeschritten ist. Zum einen nehmen die Zahl der Kinder in Krippen, Kindergärten und Horten sowie die Dauer der Betreuung zu. Zum anderen verbringen Kinder nach dem Besuch einer Kindertagesstätte oder Schule viel Zeit in Sportvereinen, Musikschulen, Jugendgruppen, Ballettschulen usw. Beispielsweise ergab eine Befragung von 1.046 jüngeren Schulkindern und ihren Eltern, daß 82% der Schüler institutionelle Angebote in Anspruch nahmen. Der Durchschnitt lag bei zwei terminlich gebundenen Aktivitäten, wobei deren Zahl mit zunehmendem Alter der Kinder anstieg (Herzberg und Ledig 1990).

In diesen Institutionen werden Kinder aus der Lebenswelt Erwachsener ausgegrenzt und in relativ altershomogene Gruppen eingegliedert. Sie machen die Erfahrung einer kontinuierlichen Überwachung durch das pädagogische Personal, das ihnen zumeist mit einer Unterweisungs- und Bildungsabsicht gegenübertritt und nur an Teilbereichen ihrer Existenz (z.B. soziale Entwicklung, Beherrschung einer bestimmten Sportart oder eines Musikinstruments, Schulleistungen) interessiert ist. Ein großer Teil ihres Tages wird durch von Erwachsenen organisierte Aktivitäten und Programme geprägt. So wechseln Kinder fortwährend zwischen der Familie und "kindgemäßen" Sonderumwelten, werden mit verschiedenen Bezugspersonen, Normen, Regeln, Erwartungen und Anforderungen konfrontiert und müssen somit fortwährend große Umorientierungs- und Anpassungsleistungen erbringen. Oft wirken ihre Lebensräume unzusammenhängend, ist ihr Tagesablauf zerstückelt.

Neben die Familie treten also schon ab der frühen Kindheit Betreuungs-, Bildungs- und Freizeiteinrichtungen. Die Eltern organisieren bei jüngeren Kindern das außerfamiliale Programm und übernehmen ihren Transport zu der jeweiligen Institution; ältere Kinder haben hier mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten und sind seltener auf Fahrdienste angewiesen. Während Eltern konstante Bezugspersonen sind, die eine intensive, durch starke Emotionen geprägte Beziehung zu ihren Kindern eingehen, viel Anteil an ihrem Leben nehmen, ihre Individualität zumeist achten und sie umfassend erziehen wollen, handelt es sich bei Erziehern, Sozialpädagogen, Jugendpflegern, Trainern und Lehrern um Personen, die Kinder nur während einer kurzen Zeit ihres Lebens begleiten, aufgrund der Vielzahl der zu betreuenden Kinder dem einzelnen nur relativ wenig Aufmerksamkeit, Zuneigung, Interesse und Erziehung zukommen lassen können und sich - je nach ihrem Auftrag - auf bestimmte Aspekte der kindlichen Entwicklung konzentrieren.

Je mehr sich Kindheit in Institutionen und deren Außenanlagen abspielt, um so seltener haben Kinder Gelegenheit zum unbeaufsichtigten Spiel, zum Herumtoben und zu spontanen Aktivitäten. Auch in ihrer Wohnumwelt haben sie immer weniger Möglichkeiten, unbeobachtet draußen zu spielen und die Natur zu erkunden - die wenigsten Stadtkinder finden in der Nachbarschaft unbebaute Grundstücke oder naturbelassene Flächen; viele Kinder in Landgemeinden dürfen die nächste Wohnumgebung nicht verlassen, weil die Eltern Angst vor Unfällen oder sexueller Belästigung haben. Fast die Hälfte aller jüngeren Schulkinder darf nicht auf der Straße, ein Drittel darf nicht im Wald spielen (Herzberg und Ledig 1990). Auf diese Weise werden spontane Kontakte zu Gleichaltrigen erschwert, werden Grobmotorik und Muskelbildung weniger gefördert (Folgen sind z.B. auch die immer häufiger feststellbaren Haltungsschäden), wird Körperbeherrschung oft nicht erreicht. Wenn man bedenkt, wie wichtig letzteres für gute Leistungen im Sportunterricht ist und wie sehr diese die soziale Anerkennung durch Gleichaltrige mitbedingen, werden die Konsequenzen für Selbstbild, Selbstsicherheit und Selbstwerterleben deutlich.

Hinzu kommt, daß es oft auch an Möglichkeiten zur Schulung der Feinmotorik und zur Entwicklung handwerklicher Fertigkeiten mangelt. So eigneten sich Kinder früher ihre Umwelt vor allem durch Eigentätigkeit an, spielten mit denselben Werkstoffen wie Erwachsene, ahmten Arbeitsvorgänge ihrer Eltern nach und mußten bestimmte Aufgaben im Haushalt, auf dem Hof oder in der Werkstatt übernehmen. Heute können nur noch wenige Kinder auf diese Weise motorische Kompetenzen entwickeln, und es wird ihnen nur selten Verantwortung übertragen. Damit bleibt ihnen ein wichtiger Weg verschlossen, der zu Selbstvertrauen, Produktivität, Befriedigung und sozialer Anerkennung führt. Heute steht das schulische, rein kognitive Lernen im Mittelpunkt. Auf diesem Weg kommt aber nur ein Teil der Kinder zu Erfolgserlebnissen und Selbstbewußtsein.

Während früher unbeaufsichtigtes Spielen auf dem Wohngrundstück, auf der Straße und in der freien Natur, die Ausübung übertragener Aufgaben und das selbsttätige Produzieren von Gegenständen das außerschulische Leben von Kindern prägten, zeigt sich kindliche Tätigkeit heute vor allem im Konsum. Kinder sind von einem Überangebot von Spielsachen umgeben, die immer häufiger vorprogrammiert sind und nur noch bedient werden müssen. In Kinderbetreuungseinrichtungen, Sportvereinen, Musikschulen usw. konsumieren sie von Fachleuten entwikelte Spielprogramme, in der Schule nehmen sie mehr oder minder passiv Wissen auf, in der Freizeit bummeln ältere Kinder durch die Stadt und kaufen Zeitschriften, Kleidung, Süßigkeiten und andere Gegenstände, wobei durch die Werbung immer neue Bedürfnisse geweckt werden. So verursachen Kinder ihren Eltern zunehmend größere Kosten, beanspruchen sie ein immer höher werdendes Taschengeld, kommt es oft zu Konflikten um Geld.

Eine große Rolle spielt auch der Medienkonsum. Rund die Hälfte aller Kinder besitzt bereits einen eigenen Fernsehapparat; drei Stunden Fernsehen pro Tag ist für viele Kinder bereits die Regel (Barthelmes und Sander 1988). Da das Fernsehen im Gegensatz zu Büchern weniger den Intellekt und die Phantasie anspricht, sind Kinder hier rein rezeptiv aktiv. Ihre Artikulationsfähigkeit, ihr Sozialverhalten, ihre kognitive und motorische Entwicklung werden nicht gefördert. Für kleinere Kinder ist auch alles wahr, was auf dem Bildschirm passiert - sie wissen nicht, daß sie "Wirklichkeit aus zweiter Hand" erfahren. Ferner werden Kinder mit Bildern von Gewalt, Krieg, Umweltverschmutzung usw. überschüttet, scheint die Welt der Erwachsenen voller Probleme zu sein, wirken die Hauptpersonen in Filmen zumeist eher als negative Vorbilder, werden fast ausschließlich konflikthafte Formen der Beziehungsgestaltung gezeigt. Bedenkt man, daß Kinder auch viele Kino- und Videofilme sehen, in denen Gewalt und Horror im Mittelpunkt stehen, dürfte der Medienkonsum eher mit negativen als mit positiven Folgen verbunden sein.

Ferner leisten die Medien einen entscheidenden Beitrag zur Aufhebung der Trennung zwischen den Lebensbereichen von Eltern und Kindern: "Die Verallgemeinerung des Fernsehens rückte die kindliche Erlebniswelt näher an die Erwachsenenwelt heran und hatte maßgeblichen Anteil an der Aufhebung pädagogischer 'Schutzräume'" (Ferchhoff und Olk 1988, S. 21). Kinder "wissen" schon alles über Liebe, Sexualität, Tod usw., bevor sie es als Jugendliche oder Erwachsene selbst erfahren. So werden die Medien auch zur Interpretationskonkurrenz für Eltern und können deren Autorität untergraben. Sie vermitteln zeitgenössische Jugendbilder als Orientierungsmaßstäbe, bieten alternative Werte und Meinungen, liefern Stoff zur Bearbeitung von Lebensthemen (wie Ablösung oder sexuelle Beziehungen) und führen zur Anpassung an eine Art "internationale Kultur", indem dieselben Filme, Fernsehserien und Bücher in verschiedenen Staaten zu Bestsellern werden.

Medien sind auch von großer Bedeutung für die geschlechtsspezifische Sozialisation. So werden Jungen mit einem männlichen Rollenmodell konfrontiert, das Härte, Stärke, Aggressivität, sexuelle Erfolge und ähnliches beinhaltet - nicht aber die Mitwirkung im Haushalt, die Miterziehung von Kindern oder die emotionale Expressivität. Das von den Medien vermittelte weibliche Rollenmodell betont z.B. die Notwendigkeit eines guten Aussehens (schlanker Körperbau, aktuelle Mode, moderne Frisuren usw.), die sexuelle Attraktivität und das Nachgeben gegenüber den Wünschen von Männern. Da Eltern heute bei weitem weniger Unterschiede in der Erziehung von Jungen und Mädchen machen als früher und zunehmend geschlechtsuntypisches Verhalten als Zeichen von Individualität akzeptieren (Hagemann-White 1984), erfolgt die Ausprägung geschlechtsspezifischen Verhaltens vor allem unter dem Einfluß der Medien und der Gleichaltrigen in der Pubertät. So erfahren Mädchen die Sexualisierung ihres Körpers, werden von ihren Eltern vor der aggressiven Sexualität der Männer gewarnt und in ihrem Bewegungsradius eingeschränkt. "Die Dominanz des männlichen Körpers, sowohl hinsichtlich der kraftvollen Ausdrucksformen als auch im Blick auf das Verhältnis zu sich als starkem Geschlecht, führt dazu, daß Mädchen sich früh als 'schwaches', vor allem schutzbedürftiges Geschlecht erleben" (Frasch 1983, S. 87). Dementsprechend wird ihr Sexualverhalten überwiegend durch den männlichen Partner geprägt; das Mädchen ordnet sich ihm unter und wird Mitglied seiner Bezugsgruppe - die vorher so intensiven und wichtigen Mädchenfreundschaften finden dann oft ein abruptes Ende.

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Mädchenrolle in mancherlei Hinsicht gewandelt. Beispielsweise haben Schule und Beruf im Leben von Mädchen an Bedeutung gewonnen, sind sie selbständiger und selbstbewußter geworden, leben sie nicht mehr nur auf eine spätere Ehe und das Hausfrauendasein hin. Während sie im Bildungsbereich nicht mehr benachteiligt werden, haben sie jedoch schlechtere Chancen als Männer in Ausbildung und Beruf. Auch ist man sich der Probleme von Mädchen bewußter geworden. So werden viele von ihnen Opfer sexueller Gewalt (Inzest, Vergewaltigung), akzeptieren manche ihre Geschlechtsrolle nicht (häufige Symptome hierfür sind Eßstörungen und Menstruationsbeschwerden), leiden sie stärker unter Alltagsbelastungen (wie Streß, zu hohe Erwartungen, mangelnde Anerkennung) als Jungen - letzteres zeigt sich z.B. in Nervosität, Schlaflosigkeit oder Magenbeschwerden. Statistiken über Verhaltensauffälligkeiten, kinderpsychiatrische Befunde und die höhere Zahl männlicher Sonderschüler verweisen aber auch auf gravierende Jungennöte.

Implikationen für die Kinder- und Jugendbetreuung

Aus den beschriebenen Charakteristika von Kindheit ergeben sich viele Konsequenzen für die Kinderbetreuung. Je mehr Zeit Kinder in verschiedenen Institutionen verbringen, um so wichtiger ist es, sie vor Überforderung durch zu viele Angebote, Aktivitäten und Anforderungen zu schützen. Dazu müssen die pädagogischen Fachkräfte darüber informiert sein, wie sich die ihnen anvertrauten Kinder in anderen Einrichtungen verhalten, welche Erfahrungen sie dort machen, mit welchen Erwartungen und Regeln sie konfrontiert und nach welchem Konzept sie erzogen werden. So kommt der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Institutionen eine große Bedeutung zu. Sie sollte regelmäßige Gespräche, Hospitationen, teilnehmende Beobachtung u.ä. umfassen. Insbesondere dort, wo Verordnungen oder interne Regelungen die Zusammenarbeit zwischen Einrichtungen - wie zwischen Hort und Schule oder zwischen Heimen und heimeigenen Sonderschulen - fordern, sollten die hier eröffneten Möglichkeiten mehr als bisher genutzt werden.

Die mit der zunehmenden "Institutionalisierung" von Kindheit verbundene fast schon kontinuierliche Überwachung macht es notwendig, Kindern bewußt Freiräume und Rückzugsecken anzubieten, wo sie unbeaufsichtigt spielen oder miteinander reden, herumtollen und ihre Kräfte aneinander messen können. Der mit der Schaffung "kindgemäßer" Sonderumwelten verknüpften Ausgrenzung aus den Lebensbereichen Erwachsener können Fachkräfte dadurch begegnen, daß sie sehr viel häufiger als bisher mit Kindergruppen die Grenzen der eigenen Einrichtung überschreiten. Viel zu selten sieht man Kindergartengruppen die Nachbarschaft erkunden, Grundschüler Werkstätten, Fabriken oder kommunale Einrichtungen besichtigen, Behinderte durch die Innenstadt bummeln oder Stadtkinder einen Bauernhof besuchen. Viele Eltern sind bereit, (kleineren) Kindergruppen ihren Arbeitsplatz zu zeigen oder sie bei Exkursionen, Besichtigungen, Spaziergängen oder Museumsbesuchen zu begleiten. Auch lassen sich leicht ältere Menschen finden, die z.B. erzählen wollen, wie man vor 50 Jahren in der Stadt oder auf dem Land gelebt hat, oder die alte Produktionsmethoden wie Spinnen oder Seildrehen vormachen können.

Ferner ist wichtig, Kindern mehr Naturerfahrungen zu ermöglichen. Gartenbeete und Kleintierhaltung waren früher in Kindergärten und Schulen viel häufiger anzutreffen als heute. Oft lassen sich auf dem Gelände der Einrichtung Biotope anlegen oder es können solche in der Nachbarschaft ausfindig und gepflegt werden. Auf Spaziergängen ergeben sich viele Möglichkeiten zu Naturbeobachtungen - auch in der Stadt. Die Untersuchung eines Rasenstücks mit der Lupe ist für Kinder viel interessanter als ein Tierfilm. Auch benötigen Kinder mehr Gelegenheiten zur körperlichen Bewährung in der Natur. Anstatt Ausflüge in deutsche oder europäische Großstädte zu machen, die Kinder häufig schon mit ihren Eltern besucht haben oder später auf eigene Faust erkunden werden, könnten mit ihnen erlebnispädagogische Maßnahmen durchgeführt werden.

Grob- und Feinmotorik, Muskelbildung und Körperbeherrschung sollten vermehrt durch handwerkliche Tätigkeiten gefördert werden. Schon im Kindergarten kann mit Werken oder Töpfern begonnen werden; ältere Kinder können durchaus Einrichtungsgegenstände herstellen oder Renovierungsarbeiten durchführen. Das selbsttätige Produzieren von Gebrauchs- oder kunstgewerblichen Gegenständen lehrt nicht nur den Umgang mit Werkzeugen und verschiedenen Materialien, sondern ermöglicht auch die Entfaltung kreativer und kognitiver Fähigkeiten. Erfolgserlebnisse, Stolz auf das gelungene Produkt und das Wissen um die eigene Körperbeherrschung führen zu Selbstvertrauen, Selbstsicherheit, Leistungsmotivation und einem positiven Selbstbild.

Die Förderung von Selbsttätigkeit, körperlicher Aktivität und kreativer Fähigkeiten zeigt Kindern auch Alternativen zum bloßen Konsum auf. Sie entwickeln eher Hobbys, betätigen sich künstlerisch oder üben Sportarten aus. Ferner sollten sie in Einrichtungen der Kinder- und Jugendbetreuung immer wieder mit ihren Konsumgewohnheiten und ihrem Medienverhalten konfrontiert werden. Der Gesundheits- und Medienerziehung kommt eine immer größer werdende Bedeutung zu. Die Erziehung zu Selbständigkeit und die Förderung von Individuation, Mündigkeit und Selbstverwirklichung erlauben es Kindern, sich Trends und der heimlichen Versuchung durch Werbung und Medien zu widersetzen.

Die letztgenannten Erziehungsziele sind für die Arbeit mit Mädchen besonders wichtig. Nur wenn sie Eigenständigkeit, Selbstbewußtsein und Durchsetzungsfähigkeit entwickeln, können sie sich Männern und ihren Partnern gegenüber behaupten. Außerdem sollten heterosexuelle Beziehungen und Sexualverhalten immer wieder thematisiert werden, so daß Mädchen einen eigenen Standpunkt entwickeln, diesen bei der Anbahnung einer Partnerbeziehung äußern und somit das Verhältnis von Anfang an mitgestalten. Dazu gehört auch, daß sie sich über die Bedeutung ihrer Mädchenfreundschaften bewußt werden und diese nicht mehr so schnell zugunsten der Beziehung zu ihrem Partner und dessen Freunden aufgeben. Einrichtungen der Kinder- und Jugendbetreuung sollten Mädchen besondere "Mädchenräume" bieten, in denen sie vor "Anmache" sicher sind, gleichgeschlechtliche Freundschaften pflegen können und zusätzliche Entfaltungsmöglichkeiten finden. Das pädagogische Personal sollte auch immer für Symptome sexuellen Mißbrauchs sensibel sein und in solchen Fällen umgehend aktiv werden.

Die derzeitige Betonung der Mädchenerziehung darf aber nicht dazu führen, daß die besonderen Bedürfnisse von Jungen übersehen werden. Bedenkt man, daß diese in den ersten zehn Lebensjahren überwiegend von Frauen erzogen werden, wird deutlich, daß sie Hilfe beim Hineinwachsen in die männliche Geschlechtsrolle benötigen - sonst orientieren sie sich zu leicht an Fernsehhelden. So benötigen sie mehr Begegnung mit Männern, mehr erfahrbare Männlichkeit. Beispielsweise könnten Kindertagesstätten häufiger männliche Praktikanten aufnehmen oder sich um Zivildienstleistende bemühen. Jungen brauchen aber auch Unterstützung beim Erlernen zeitgemäßer Aspekte der männlichen Rolle, die bisher eher unterdrückt wurden. Gerade in Einrichtungen der Kinder- und Jugendbetreuung kann ihnen die Möglichkeit geboten werden, neue Erlebnis- und Ausdrucksformen, mehr Offenheit und Nähe, einen besseren Umgang mit dem eigenen Körper und intensivere Beziehungen mit Geschlechtsgenossen zu erproben. Sieht man die hohe Zahl verhaltensauffälliger Jungen, so wird deutlich, wie wichtig auch Prävention, Beratung sowie heilpädagogische und therapeutische Interventionen sind. Viel zu viele Fachkräfte versuchen, mit den Verhaltensauffälligkeiten von Kindern zu leben oder sie nur zu kontrollieren, anstatt ihre Symptome als Hilferufe zu verstehen und so früh wie möglich helfend zu reagieren.

Jugend heute

Die Jugend ist eine schwierige Zeit. Die Jugendlichen müssen sich mit einer Vielzahl von Entwicklungsaufgaben auseinandersetzen: Sie sollen ihren Körper und seine Veränderung annehmen, sexuelle Identität, ein Selbstbild, emotionale und intellektuelle Fähigkeiten und Werthaltungen entwickeln, sich von ihren Eltern ablösen, erste Erfahrungen mit heterosexueller Partnerschaft machen, einen Beruf bzw. Studiengang wählen und sich in die Gesellschaft integrieren. Die Komplexität der Anforderungen, denen sie sich stellen müssen, wird noch durch die zunehmende Differenzierung von Orientierungs- und Verhaltensmustern, die fortschreitende Individualisierung, die wachsende Zahl der Lebensstile und -entwürfe sowie die abnehmende Planbarkeit der persönlichen Zukunft erschwert. Viele Jugendliche fühlen sich in dieser Situation verunsichert und orientierungslos. Manche tendieren dann zu Jugendsekten, Okkultismus, New Age, links- und rechtsradikalen Gruppen.

Während die Jugendphase aufgrund der körperlichen Akzeleration früher als z.B. in den fünfziger Jahren beginnt, ist kein deutlich feststellbarer Übergang in das Erwachsenenalter mehr zu erkennen. Statusübergänge wie der Beginn einer Berufsausbildung oder die Aufnahme von Erwerbsarbeit, das Verlassen der Herkunftsfamilie und das Eingehen der ersten sexuellen Beziehung treten zu verschiedenen Zeitpunkten im Leben von Jugendlichen auf. "Darüber hinaus scheint die Zäsur zwischen Jugend und Erwachsensein auch dadurch verwischt zu werden, weil nicht nur der Jugendstatus vor allem an seinem oberen Ende ausfranst, sondern auch der Erwachsenenstatus nicht zuletzt aufgrund von allgemeinen Verjugendlichungstendenzen selbst ins Rutschen geraten ist. Schließlich sind vor allem auf der Basis verlängerter Bildungszeiten mit dem sogenannten Stadium der Post-Adoleszenz ... neue und in gewisser Hinsicht oftmals bis in das vierte Lebensjahrzehnt sich ausdehnende jugendkulturelle Lebensmilieus entstanden" (Ferchhoff und Olk 1988, S. 10). So ist eine Destandardisierung und Entstrukturierung der Jugendphase festzustellen.

Die Vielzahl von Jugendstilen und -milieus läßt sich nur schwer kategorisieren. Jedoch werden noch immer Versuche unternommen. Da eine Typisierung Fachkräften die Orientierung erleichtert, sollen nun beispielhaft die von Lenz (1988) ermittelten vier Handlungstypen dargestellt werden:

  1. familienorientierter Handlungstypus: Für diese Jugendlichen ist die Herkunftsfamilie das zentrale Bezugssystem. Sie haben ein positives Verhältnis zu ihren Eltern, aber auch zu anderen Erwachsenen. Es gibt relativ wenig Konflikte, da die Jugendlichen die Vorschriften ihrer Eltern befolgen und über ihren Umgang offen Auskunft geben. Auch wird die Ablösung von der Herkunftsfamilie auf das Ende der Jugendphase verschoben - wenn die Berufsrolle übernommen und finanzielle Unabhängigkeit erreicht wird. Familienorientierte Jugendliche folgen einem eher traditionellen Lebensplan. Sie sind fleißige, ordentliche Schüler, kleiden sich unauffällig, betonen geschlechtsspezifische Unterschiede, streben nach beruflicher Sicherheit und sehen in der Familiengründung ein wichtiges Lebensziel. Einen großen Teil ihrer Freizeit verbringen sie daheim, aber auch in einem kleinen Freundeskreis oder in Vereinen bzw. Verbandsgruppen. Heterosexuelle Beziehungen werden relativ spät eingegangen und sind oft mit Heiratsabsichten verknüpft.
  2. hedonistisch-orientierter Handlungstypus: Auch diese Jugendlichen beurteilen die Beziehung zu mindestens einem Elternteil positiv und wohnen ebenfalls relativ lange daheim. Sie streben aber schon früh nach Selbständigkeit und Unabhängigkeit und scheuen nicht vor Konflikten mit den Eltern zurück, wenn sie sich durchsetzen wollen. Zumeist gelingt es ihnen aber, sich mit den Eltern in einem längeren Aushandlungsprozeß auf einen von beiden Seiten als altersadäquat angesehenen Handlungsfreiraum zu verständigen. Hedonistisch-orientierte Jugendliche verbringen jedoch nur wenig Zeit mit ihren Eltern oder anderen Erwachsenen. Vielmehr treffen sie sich in relativ großen Gruppen Gleichaltriger, oft in Wirtschaften, Cafés oder Diskotheken. Sie wollen Spaß und Abwechslung haben, klammern also ernstere Themen oder eigene Probleme aus ihren Gesprächen aus. Viele Freunde gehören dem anderen Geschlecht an; sexuelle Verhältnisse werden frühzeitig eingegangen - wobei Mädchen mehr zu festen und Jungen zu lockeren Beziehungen tendieren. Zumeist werden relativ schnell viele sexuelle Erfahrungen gesammelt. Der Lebensplan ist genußorientiert: Die Jugendlichen streben nach Wohlstand, wollen einen Beruf, der sie in Kontakt mit vielen anderen Menschen bringt und Spaß macht, möchten mit ihrem zukünftigen Ehepartner zunächst probehalber zusammenleben und wollen nicht mehr als ein bis zwei Kinder. Die Schule wird zumindest phasenweise vernachlässigt; ein bestimmter (höherer) Schulabschluß wird aber als unerläßlich für die berufliche Zukunft angesehen.
  3. maskulin-orientierter Handlungstypus: Diese Jugendlichen erobern sich einen großen Freiraum, den sie eigeninitiativ nutzen. "Zu Eltern bzw. Elternteilen, die diese Freiräume eher duldend tolerieren, wird die Beziehung durchgehend als gut bewertet, und es ist auch möglich, sich auszusprechen. Versuchen dagegen die Eltern oder versucht ein Elternteil, Handlungsfreiräume konfrontativ einzuschränken, so ist die Beziehung konfliktreich, weist ein hohes Maß an Distanz auf, und es fehlt auch die Möglichkeit des Sich-aussprechens" (Lenz 1988, S. 86). Zumeist besteht wenig Kontakt zu anderen Erwachsenen. Viel Zeit wird in der Clique (tägliches Zusammensein, feste Mitgliedschaft) oder in einem lockeren Bekanntenkreis verbracht, wobei bevorzugte Treffpunkte Gaststätten, öffentliche Plätze und Jugendzentren sind. Nur Jungen sind Vollmitglieder dieser Gruppen; anwesende Mädchen sind in der Regel Freundinnen. Sexuelle Beziehungen werden frühzeitig eingegangen und sind zumeist auf Dauer angelegt. Im Mittelpunkt des Gruppenlebens steht meist das Nichtstun - durch exzessiven Alkoholkonsum, die Provokation Dritter oder andere "Abenteuer" wird aber oft versucht, aus der Langeweile auszubrechen. Der Lebensplan ist traditionell und sieht z.B. auch eine "klassische" Arbeitsteilung in der Zeugungsfamilie vor. Es wird wenig Wert auf Schulbildung gelegt; bei der Berufswahl sind Sicherheit und ein hohes Einkommen entscheidend.
  4. subjektorientierter Handlungstypus: Diese Jugendlichen kommen in der Regel mit ihren Eltern nicht aus - sie lehnen deren Werte und Einstellungen ab, können mit ihnen nicht reden, erleben massive Konflikte mit ihnen. So verbringen sie nur wenig Zeit daheim (oder mit anderen Erwachsenen). Sie halten sich mit ihren Freunden vor allem in Alternativkneipen, Jugendzentren oder Cafés auf, wo sie lange Gespräche über anspruchsvolle Themen, gegenkulturelle Vorstellungen, sich selbst und die eigenen Probleme führen. Subjektorientierte Jugendliche machen relativ spät sexuelle Erfahrungen. Sie stellen hohe Anforderungen an die Partnerbeziehung, in der ein intensiver verbaler Austausch möglich sein muß, beide Partner gleichberechtigt sind, Jungen auch schwach und Mädchen stark sein dürfen. In der Lebensplanung spielt das Heiraten keine große Rolle; ein Zusammenleben in neuen Beziehungsformen wird durchaus in Betracht gezogen. Die Jugendlichen streben nach einem sinnerfüllten und authentischen Leben, wobei diese Zielsetzung auch die Berufswahl mitbestimmt. Sie sind vielfach keine besonders erfolgreichen Schüler, obwohl sie oft das Abitur erreichen.

Deutlich wird, wie unterschiedlich Jugend sein kann und in welchem Maße die Weichen für die Zukunft in dieser Lebensphase gestellt werden. Ferner fällt auf, daß die Familie weiterhin ein wichtiges Lebensfeld ist und die meisten Jugendlichen die Beziehung zu den Eltern positiv sehen - was durch (bereits erwähnte) Befragungsergebnisse bestätigt wird (Heye, Borchers und Heuwinkel 1990; vgl. Jugendwerk der Deutschen Shell 1985). Obwohl bereits etwa die Hälfte der 18- bis 21jährigen über ein eigenes Einkommen verfügt, bleiben Jugendliche und Heranwachsende in der Regel daheim wohnen.

Neben der Familie prägt die Schule entscheidend das Leben von Kindern und Jugendlichen. Sie vermittelt ihnen ihren gesellschaftlichen Status ("Schüler"), bestimmt ihren Tagesablauf, beeinflußt die Entwicklung kognitiver und verbaler Fähigkeiten, wirkt sich mehr oder minder positiv auf die Leistungsmotivation aus und bestimmt über die Bewertung individueller Leistungen die Ausprägung von Selbstbild und Selbstvertrauen mit. Durch ihre Auslese- und Plazierungsfunktion vergibt die Schule Sozialchancen. Hier ist aber auch die familiale Herkunft der Schüler von Bedeutung: Ihr Bildungsweg variiert mit dem Schulabschluß ihrer Eltern. Beispielsweise besuchten 1989 rund 54% der Kinder von verheirateten Vätern mit Hochschul- reife ein Gymnasium, aber nur 13% der Kinder, deren Väter eine Volks- oder Hauptschule absolviert hatten (Statistisches Bundesamt 1990).

Aufgrund der großen Bedeutung des Schulabschlusses für die eigene Zukunft und der Rolle, die Schulleistungen im Interaktionsgeschehen der Familie spielen, fühlen sich viele Schüler gestreßt und belastet. Beispielsweise ergab eine für Niedersachsen repräsentative Befragung von 14- bis 20jährigen (Heye, Borchers und Heuwinkel 1990), daß 26% der Schüler (insbesondere Hauptschüler) das Gefühl hatten, den Anforderungen der Schule nicht gewachsen zu sein. Rund 34% erlebten in ihrer Klasse Konkurrenzdruck; 33% fürchteten, den Erwartungen ihrer Eltern nicht gerecht zu werden. Aber auch andere Aspekte des Schullebens wurden kritisiert: Beispielsweise waren 43% der Befragten (insbesondere Realschüler und Gymnasiasten) der Meinung, daß sie das in der Schule Erlernte später nicht gut gebrauchen könnten. Nach anderen Befragungen wird das Lehrer-Schüler-Verhältnis negativ bewertet, werden viele Lehrer für ungerecht gehalten, fühlen sich Schüler in Schulgebäuden unwohl (Allerbeck und Hoag 1985; Friedel 1989). Ferner werden die zu großen Klassen, die Stoffülle, die einseitige geistige Belastung, der häufige Unterrichtsausfall sowie die Dominanz und mangelnden erzieherischen Fähigkeiten vieler Lehrer kritisiert. Probleme in der Schule beeinträchtigen nicht nur das psychische Wohlbefinden, sondern belasten oft auch die Beziehung zu den Eltern. Manchmal führen sie zur Entwicklung von psychischen Problemen oder Verhaltensauffälligkeiten.

Jugendliche und Heranwachsende, die bereits im Berufsleben stehen, beurteilen ihre Situation positiver als Schüler ihre Lage bewerten. So hatten bei der erwähnten Umfrage aus Niedersachsen nur 12% der Berufstätigen das Gefühl, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein; 30% sprachen von Konkurrenzdruck (Heye, Borchers und Heuwinkel 1990). Probleme beim Übergang von der Schule in das Berufsleben können aus der mangelhaften Vorbereitung auf die Arbeitswelt, aus unrealistischen Erwartungen oder unzureichend ausgeprägten Arbeitstugenden resultieren. In diesem Zusammenhang muß man auch beachten, daß dieser Statuswechsel immer später erfolgt, da die Schulzeit länger wird, viele Jugendliche berufliche Vollzeitschulen besuchen und eine zunehmende Zahl junger Menschen studiert - so befanden sich 1991 in den alten Bundesländern zum ersten Mal mehr Heranwachsende an Hochschulen als in der betrieblichen Ausbildung. Es ist zu vermuten, daß die Anpassungsbereitschaft mit zunehmendem Alter geringer wird. Auch können postmaterialistische Werte stärker verinnerlicht worden sein, nach denen Arbeit und Beruf eine geringere Bedeutung als früher zukommt. Hingegen werden Freizeit, das Zusammensein mit netten Menschen, Selbstverwirklichung und die Sinnhaftigkeit des Tuns stärker betont.

Jugendliche verfügen werktags über knapp fünf und an Wochenenden über rund neun Stunden Freizeit. Nach einer für Niedersachsen repräsentativen Studie verbrachten sie diese vor allem zu Hause (66%), bei Freunden/Freundinnen (66%), in Diskotheken (31%), in Kneipen/Cafés (20%), in der Natur (20%), in Sporthallen (19%), Schwimmbädern (13%) und Jugendfreizeiteinrichtungen (12%) oder auf Sportplätzen (12%); 68% waren in Verbänden und (Sport-)Vereinen aktiv (Heye, Borchers und Heuwinkel 1990). Zwei Fünftel der befragten Jugendlichen und Heranwachsenden waren mit den Freizeitmöglichkeiten und -angeboten (zum Teil) unzufrieden, vermißten z.B. Musikveranstaltungen, Kneipen, Cafés, Diskotheken oder Erholungsmöglichkeiten. Fast genauso viele würden sich gerne (noch) mehr in Vereinen, Verbänden oder Initiativen engagieren.

Generell lassen sich verschiedene Stile der Freizeitgestaltung unterscheiden: Bei vielen Jugendlichen stehen sportliche Aktivitäten, der Besuch von Kneipen, Cafés oder Diskotheken, der Medienkonsum oder die Entspannung bzw. das Nichtstun im Vordergrund, andere sind Computer- oder Motorradfans, sind kreativ oder musisch aktiv, beschäftigen sich mit Kulturprodukten (Lesen von Büchern, Theater- und Konzertbesuche), engagieren sich in alternativen Bewegungen, in links- oder rechtsgerichteten Gruppierungen, treffen sich mit Bekannten oder halten sich im Kreise ihrer Familie auf. Generell ändert sich das Freizeitverhalten mit zunehmendem Alter; beispielsweise werden Heranwachsende häuslicher, sehen mehr Fernsehsendungen und hören weniger lange Musik. Auch lassen sich geschlechtsspezifische Unterschiede feststellen. So wählen Mädchen häufiger häusliche Freizeitaktivitäten, lesen mehr Bücher, sind weniger an neuen Medien oder Videos interessiert als Jungen.

In der Freizeit übt die Gleichaltrigengruppe den größten Einfluß auf den einzelnen Jugendlichen oder Heranwachsenden aus. Sie bietet Gesprächs- und Freizeitpartner, Vertrauens- und Orientierungspersonen. Je früher und je schneller sich Jugendliche von den Eltern und tradierten Erziehungsmächten (Schule, Kirche) ablösen, um so mehr orientieren sie sich an Gleichaltrigengruppen und jugendkulturellen Szenen. Um so größer werden aber auch die Probleme, wenn es ihnen z.B. aufgrund mangelnder sozialer Fertigkeiten nicht gelingt, sich in eine Gruppe zu integrieren oder wenn sie in ihr unbefriedigende Rollen wie die des Sündenbocks zugewiesen bekommen. Dann kommt es oft zur Ausbildung von Verhaltensauffälligkeiten, zu negativen Auswirkungen auf ihr psychisches Leben und Selbstbild oder zur Flucht in Alkohol und Drogen. Problematisch ist aber auch, wenn Jugendliche völlig in der Gleichaltrigengruppe aufgehen, sich der Gruppenideologie unterwerfen und so in ihrer Individuation gehemmt werden. Auch mag z.B. die jeweilige Gruppe antisoziale Einstellungen und Handlungen fördern oder den Übergang in die Erwachsenenwelt erschweren.

Die meisten Jugendlichen finden in der Gleichaltrigengruppe die ersten Sexualpartner. Im Vergleich zu den letzten Jahrzehnten beginnt die sexuelle Betätigung früher - rund zwei Drittel der Jugendlichen haben mit 16 Jahren bereits sexuelle Erfahrungen gemacht, wobei Mädchen in der Regel früher aktiv werden als Jungen. Auch nimmt die Zahl der Partner zu. Etwa die Hälfte der Jugendlichen und Heranwachsenden befindet sich in einer festen Partnerbeziehung. Jedoch ist in dieser Altersgruppe das Wohnen in einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft noch selten - nach dem 20. Lebensjahr wird diese Lebensform aber immer häufiger praktiziert.

Gleichaltrigengruppe und Partnerbeziehung sind die Orte, wo Jugendliche über ihre Probleme, Ängste und Sorgen sprechen können. Laut einer aktuellen Umfrage (Heye, Borchers und Heuwinkel 1990) werden vor allem Umwelt- und Naturschutz (78%), Krieg und Frieden (65%), die Schulsituation (51%) und die Beziehung zu Freunden (51%) thematisiert. "Was die Zukunft bringen wird, sieht etwa ein Viertel der jungen Menschen (23%) mit Hoffnung auf sich zukommen; knapp 20% macht die Zukunft oft richtig Angst. 55% bereitet die Zukunft manchmal Sorgen; lediglich 3% ist sie ziemlich egal" (a.a.O., S. 44). Besonders groß war die Angst vor Umweltzerstörung (86%), Arbeitslosigkeit (48%), gefährlichen Krankheiten (35%) und einer weiteren Einschränkung des Lebensraums für Kinder (32%).

Besonders stark sind Verunsicherung und Zukunftsangst in den neuen Bundesländern ausgeprägt: "Die heute 14 - 25jährigen haben grundlegende Sozialisationserfahrungen noch im 'realen Sozialismus' gemacht und entsprechende Denk- und Verhaltensmuster entwikelt. Nun ist die Gesellschaft, auf die sie sich vorbereitet haben bzw. vorbereitet wurden, wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen. An ihre Stelle tritt ein auf völlig anderen, den jungen Menschen bisher weitgehend fremden Grundlagen beruhendes System mit vielen neuen Anforderungen" (Schubarth 1991, S. 208). Jugendliche und Heranwachsende müssen nun selbst ihr Leben planen und verantworten, einen von nunmehr vielen Ausbildungs- oder Studiengängen wählen, bei der Ausbildungsplatz- oder Stellensuche selbst aktiv werden, den Umgang mit einem Überangebot von Konsumgütern und Freizeitmöglichkeiten lernen, eine eigene Position in einer durch konkurrierende Werte und Meinungen gekennzeichneten Gesellschaft finden und neuen Gefahren wie Drogen, Jugendsekten oder radikalen politischen Gruppen widerstehen.

Eine Befragung von 450 Berufseinsteigern im Alter von 17 und 18 Jahren in Jena, Brandenburg und Ost-Berlin (Meier 1991) ergab, daß mehr als die Hälfte einen Beruf erlernte, den sie sich ursprünglich nicht vorgestellt hatten. Nur jeder vierte männliche und jede sechste weibliche Auszubildende rechnete damit, später im Ausbildungsbetrieb verbleiben zu können. Auch fühlten sich die meisten Jugendlichen den Anforderungen der Marktwirtschaft nicht hinreichend gewachsen, da sie z.B. nicht auf Verantwortungsbereitschaft, Selbständigkeit und Durchsetzungsvermögen hin erzogen wurden. Dennoch waren Leistungsmotivation, Arbeitsorientierung und Mobilitätsbereitschaft stark ausgeprägt. Generell waren mehr als die Hälfte der männlichen und sogar mehr als zwei Drittel der weiblichen Auszubildenden der Meinung, daß das Leben seit der Wende viel schwieriger geworden sei.

Jugendliche und Heranwachsende aus den neuen Bundesländern reagieren auf vielfältige Weise auf die derzeitige Situation. Einige ziehen sich ins Private zurück, andere flüchten in den Konsum, um sich von den Alltagssorgen abzulenken. Wieder andere werden politisch aktiv, wobei manche in alternative oder rechtsradikale Gruppierungen geraten. Viele passen sich künstlich an, selbst wenn sie die eigene Identität verleugnen müssen. Andere entscheiden sich jedoch bewußt für das neue Gesellschafts- und Wirtschaftssystem. Sie ziehen oft in die alten Bundesländer um, da sie dort eher einen akzeptablen Ausbildungs- oder Studienplatz finden oder glauben, dann schneller erfolgreich und wohlhabend zu werden.

Implikationen für die Kinder- und Jugendbetreuung

Aus der Analyse der Situation Jugendlicher ergeben sich viele Konsequenzen für die Einrichtungen der Jugendbetreuung. Da diese Lebensphase aufgrund der Vielzahl von Entwicklungsaufgaben und der zu treffenden, den weiteren Lebensverlauf festlegenden Entscheidungen als schwierig erlebt wird, benötigen Jugendliche viel Verständnis, Empathie, Geduld und Unterstützung. Sie brauchen Gespräche mit Gleichaltrigen und Erwachsenen zur Selbstfindung, Orientierung und Lebensplanung. Dabei ist wichtig, daß ihnen lebenswerte Perspektiven eröffnet und sinnhafte Lebensentwürfe vorgestellt werden. Eine große Bedeutung kommt auch dem erzieherischen Jugendschutz zu: Insbesondere labile, verunsicherte oder sozial wenig integrierte Jugendliche müssen vor Jugendsekten, radikalen Gruppierungen, der Drogenszene usw. geschützt werden.

Aus der großen Zahl von Jugendstilen und Handlungstypen folgt, daß der einzelne Jugendliche von Fachkräften der Jugendbetreuung als einzigartiges Individuum zu betrachten ist und daß sein Lebenskontext und -stil, seine Bedürfnisse und Schwierigkeiten erfaßt werden müssen. Nur dann kann er auf eine Weise betreut, gefördert und erzieherisch beeinflußt werden, die seiner speziellen Situation gerecht wird. Dabei ist wichtig, ihm Erfahrungsmöglichkeiten zu eröffnen, die er in seiner besonderen Lebenswelt nur selten findet. Beispielsweise benötigt der hedonistisch-orientierte Handlungstyp Gelegenheiten zur Aussprache über eigene Probleme. Auch ist sinnvoll, ihm die Bedeutung guter Schulleistungen für seinen weiteren Lebensweg bewußt zu machen und ihn entsprechend zu motivieren.

Fachkräfte im Bereich der Kinder- und Jugendbetreuung werden immer wieder mit dem Einfluß der Schule konfrontiert. Hier kommt es vor allem darauf an, kompensatorisch zu wirken: Jugendliche benötigen einen Ausgleich zur rein kognitiven Belastung und zum Schulstreß. Auch wollen sie außerhalb der Schule als Individuum angesprochen werden. Wichtig ist ferner, ihnen Aussprachemöglichkeiten über ihre Probleme mit der Schule und den sich oft daraus ergebenden Schwierigkeiten mit den Eltern zu bieten. Gelingt es ihnen aufgrund schlechter Leistungen nicht, ein positives Selbstbild zu entwickeln, können ihnen Erfolgserlebnisse im außerschulischen Bereich dazu verhelfen. Je weniger es dem Bildungswesen gelingt, Behinderte in Regeleinrichtungen zu integrieren, um so wichtiger ist es, Behinderte und Nichtbehinderte in sozialpädagogischen Institutionen zusammenzubringen. Ähnliches gilt natürlich auch für ausländische Jugendliche und Heranwachsende. Durch die Vermittlung von Kontakten können Fachkräfte zudem einen entscheidenden Beitrag zum Abbau von Vorurteilen und ausländerfeindlichen Einstellungen leisten. Generell sollten sie sich nicht scheuen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten auf das Bildungswesen und die Schulen vor Ort einzuwirken: Fachkräfte im Kinder- und Jugendhilfebereich sollten als Anwälte der Kinder aktiv werden, wenn das Bildungssystem deren Bedürfnisse aus den Augen verliert ("offensive Jugendhilfe").

Manche Jugendliche und Heranwachsende gebrauchen auch Unterstützung beim Übergang von der Schule in den Beruf. Oft genügt die Möglichkeit zur Aussprache über die neuen Erfahrungen und Erlebnisse. Einige Gruppen benötigen jedoch eine besondere Betreuung. Das gilt z.B. für Auszubildende, die weitab von daheim einen Ausbildungsplatz gefunden haben. Oft bieten nur Wohnheime eine ihrem Einkommen angemessene Unterkunft und Hilfe bei der Integration an einem ihnen unbekannten Ort. Auch ausländische Jugendliche müssen häufig unterstützt werden, insbesondere wenn sie keinen Hauptschulabschluß erreicht haben und die deutsche Sprache noch nicht beherrschen. Eine weitere Problemgruppe sind Ausbildungsabbrecher und Jugendliche, die keine Ausbildung absolvieren wollen, weil sie sofort Geld verdienen möchten. Ihnen muß die Bedeutung eines Ausbildungsabschlusses verdeutlicht werden, den sie mit entsprechender Motivierung und Betreuung durchaus erreichen können.

Einrichtungen der Kinder- und Jugendbetreuung können Jugendlichen vielseitige und attraktive Freizeitangebote machen - der Fantasie und Kreativität der Fachkräfte sind hier kaum Grenzen gesetzt. Dabei sollten Jugendlichen auch andere Freizeitstile erschlossen werden, als sie sich angeeignet haben. Durch die Förderung von Hobbys, musischen und künstlerischen Aktivitäten oder der sportlichen Betätigung kann passiven und konsumorientierten Freizeitstilen entgegengewirkt werden. Auf diese Weise können auch Fähigkeiten und Begabungen gefördert werden, die im Bildungsbereich nicht oder nur unzureichend aktiviert werden. Hinsichtlich der Bereitstellung attraktiver Freizeitangebote besteht auf dem Land und in den neuen Bundesländern ein besonderer Nachholbedarf - in letzteren müssen Jugendverbände und offene Jugendarbeit beschleunigt aufgebaut werden. Ferner sind die Bemühungen seitens der Fachkräfte zu verstärken, weibliche Jugendliche und Heranwachsende sowie ausländische Jugendliche zu erreichen.

Da die Gleichaltrigengruppe für Jugendliche ein wichtiges Sozialisations- und Bezugsfeld ist, müssen Einrichtungen der Kinder- und Jugendbetreuung auf sie ihr Augenmerk richten. Manche Jugendliche müssen zu entwicklungsfördernden Gruppen hingeführt und bei der Aneignung sozialer Fertigkeiten unterstützt werden. Andere sind aus links- oder rechtsradikalen Gruppen, aus Jugendsekten oder Banden zu befreien. Manche benötigen Unterstützung, wenn sie sich aus unbefriedigenden Rollen herauslösen wollen. Anderen muß geholfen werden, dem Gruppendruck zu widerstehen und ein Ich auszudifferenzieren. Fachkräfte werden auch immer wieder mit Problemen konfrontiert, die sich aus der Partnersuche oder aus Paarbeziehungen ergeben. Beispielsweise sind sie gefordert, Jugendliche sexuell aufzuklären und über Gefahren wie Geschlechtskrankheiten oder AIDS zu informieren. Manchmal werden sie bei Liebeskummer oder Beziehungsabbrüchen ins Vertrauen gezogen und müssen dann unterstützend und beratend tätig werden.

Abschließend soll in die Erinnerung zurückgerufen werden, daß Jugendliche aus den neuen Bundesländern besondere Bedürfnisse haben. Sie benötigen z.B. Informationen über das politische und wirtschaftliche System der Bundesrepublik, so daß sie die an sie gestellten Anforderungen erkennen und sich auf sie vorbereiten können. Im Rahmen der Kinder- und Jugendbetreuung müssen vor allem Fähigkeiten wie Selbständigkeit, Durchsetzungsvermögen und Risikobereitschaft gefördert werden. Auch ist wichtig, die Jugendlichen zur eigenverantwortlichen Lebensgestaltung zu motivieren.

Literatur

Allerbeck, K., Hoag, W.J.: Jugend ohne Zukunft? Einstellungen, Umwelt, Lebensperspektiven. München, Zürich: Piper 1985

Barthelmes, J., Sander, E.: Familie trotz Fernsehen? Medien im Familienalltag. In: Deutsches Jugendinstitut (Hg.): Wie geht's der Familie? Ein Handbuch zur Situation der Familie heute. München: Kösel 1988, S. 381-391

Bertsch, F.: Wirtschaftliche Situation der Familien. Referat beim Werkstattgespräch der Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Familienorganisationen zur Situation von Familien im wiedervereinigten Deutschland. Gera, 18./19.11.1991

Detzner, M., Schmidt, M.H.: Epidemiologische Methoden. In: Remschmidt, H., Schmidt, M.H. (Hg.): Kinder- und Jugendpsychiatrie in Klinik und Praxis. Band 1: Grundprobleme, Pathogenese, Diagnostik, Therapie. Stuttgart, New York: Thieme 1988, S. 320-337

Dietrich, G.: Erziehungsvorstellungen von Eltern. Ein Beitrag zur Aufklärung der subjektiven Theorie der Erziehung. Göttingen, Toronto, Zürich: Verlag für Psychologie - Dr. C.J. Hogrefe 1985

Engelbert, A.: Kinderalltag und Familienumwelt. Eine Studie über die Lebenssituation von Vorschulkindern. Frankfurt, New York: Campus 1986

Ferchhoff, W., Olk, T.: Strukturwandel der Jugend in internationaler Perspektive. In: Ferchhoff, W., Olk, T. (Hg.): Jugend im internationalen Vergleich. Sozialhistorische und sozialkulturelle Perspektiven. Weinheim, München: Juventa 1988, S. 9-30

Frasch, G.: Weibliche Jugendliche in der Forschung. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Politische Bildung mit Jugendlichen. Beiträge einer Fachtagung. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Band 201. Bonn: Selbstverlag 1983, S. 81-90

Friedel, H.: Wie macht Schule Spaß? Humane Schule 1989, 15 (10), S. 16-17

Hagemann-White, C.: Sozialisation: Weiblich - männlich? Opladen: Leske + Budrich 1984

Hammer, E.: Wege zu einer reflektierten Jungenerziehung. Unsere Jugend 1991, 43, S. 281-284

Herzberg, I., Ledig, M.: Was tun Kinder nach der Schule? Eine empirische Studie zum Freizeitverhalten von Kindern in der mittleren Kindheit. Pädagogik der Frühen Kindheit 1990, Nr. 1, S. 42-43

Heye, W., Borchers, A., Heuwinkel, D.: Lebenssituation von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Niedersachsen. Befragungsergebnisse zum Jugendkompass Niedersachsen 1989 im Überblick. Hannover: Niedersächsisches Kultusministerium 1990

Jugendwerk der Deutschen Shell: Jugendliche und Erwachsene '85. Generationen im Vergleich. Band 3. Jugend der fünfziger Jahre - heute. Opladen: Leske + Budrich 1985

Koschorke, M.: Zweite Partnerschaften und zweite Familien - Ihre Dynamik und ihre Probleme in Beratung und Therapie. In: Textor, M.R. (Hg.): Hilfen für Familien. Ein Handbuch für psychosoziale Berufe. Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag 1990, S. 603-626

Krüsselberg, H.-G., Auge, M., Hilzenbecher, M.: Verhaltenshypothesen und Familienzeitbudgets - Die Ansatzpunkte der "Neuen Haushaltsökonomik" für Familienpolitik. Schriftenreihe des Bundesministers für Jugend, Familie und Gesundheit, Band 182. Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz: Kohlhammer 1986

Lenz, K.: Die vielen Gesichter der Jugend. Jugendliche Handlungstypen in biographischen Portraits. Frankfurt, New York: Campus 1988

Markefka, M., Nave-Herz, R. (Hg.): Handbuch der Familien- und Jugendforschung. Band 2. Jugendforschung. Neuwied, Frankfurt: Luchterhand 1989

Meier, U.: Generation auf gepackten Koffern. Erste Ergebnisse einer Befragung von Auszubildenden in ostdeutschen Städten. DJI-Bulletin 1991, Nr. 20, S. 9-12

Pettinger, R.: Gegenwärtige Trends in der Familienentwicklung in ihrem Bezug zur Jugendhilfe. Vortrag auf der Tagung "Familie im Wandel" der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Jugendfragen in Berlin, 23. - 29.09.1990

Schubarth, W.: Gesellschaftlicher Umbruch und subjektive Verarbeitungsformen bei ostdeutschen Jugendlichen. Jugendhilfe 1991, 29, S. 208-215

Statistisches Bundesamt (Hg.): Datenreport 1989. Zahlen und Fakten über die Bundesrepublik Deutschland. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Band 280. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 1989

Statistisches Bundesamt (Hg.): Familien heute. Strukturen, Verläufe und Einstellungen. Ausgabe 1990. Stuttgart: Metzler-Poeschel 1990

Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Statistisches Jahrbuch 1992 für die Bundesrepublik Deutschland. Stuttgart: Metzler-Poeschel 1992a

Statistisches Bundesamt (Hg.): Datenreport 1992. Zahlen und Fakten über die Bundesrepublik Deutschland. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Band 309. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 1992b

Textor, M.R.: Integrative Familientherapie. Eine systematische Darstellung der Konzepte, Hypothesen und Techniken amerikanischer Therapeuten. Berlin, Heidelberg, New York, Tokyo: Springer 1985

Textor, M.R.: Familien: Soziologie, Psychologie. Eine Einführung für soziale Berufe. Freiburg: Lambertus 1991a

Textor, M.R.: Scheidungszyklus und Scheidungsberatung: Ein Handbuch. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1991b

Textor, M.R.: Teilfamilien: Strukturen, Probleme, Beratung. Soziale Arbeit 1991c, 40, S. 358-365