Auf dem Weg zu einem neuen beteiligungsorientierten Alltag mit Kindern

Erika Brodbeck

 

Partizipation - die Beteiligung von Kindern an Entscheidungen, die sie betreffen - ist seit vielen Jahren ein fester Begriff und in unterschiedlichen Gesetzen geregelt. Dass man Kinder beteiligt, darüber gibt es kaum noch Diskussionen. Viel spannender ist die Frage, wie man Kinder beteiligt, ab welchem Alter man Kinder beteiligt, wie viel Beteiligung man zulässt und auf welche Prozesse man sich mit der Beteiligung einlässt.

"Wenn man den Leuten die Freiheit lässt zu denken, dann muss man auch damit rechnen, dass etwas rauskommt, was man vorher nicht gedacht hat" (Waldemar Stange).

Seit vielen Jahren führt der Verein SpielLandschaftStadt Beteiligungsprojekte zur Schulhofgestaltung, zur Spielplatzgestaltung oder auch zu größeren Planungsvorhaben, wie aktuell die Spielleitplanung, durch. Für diese projektbezogene Form der Beteiligung haben sich die Methode der Zukunftswerkstatt und das Modell der Beteiligungsspirale sehr bewährt. Die Kinder haben großen Spaß dabei, es gibt gute Ergebnisse, die Erwachsenen sind begeistert. Es entstehen sehr viel positive Energie nach einer Zukunftswerkstatt, Begeisterung, Tatkraft und neue Impulse. Oftmals gelingt es auch, die "Zweifler" oder auch die "Bequemen" anzustiften, mitzureißen: Eine Zukunftswerkstatt macht den Erwachsenen Mut, kann der Auslöser sein, mehr Demokratie auch in anderen Bereichen des Schul- oder Kindergartenalltags zu wagen.

Trotz vieler gelungener Projekte bleiben offene Fragen.

Immer wieder ist die Begeisterung der Erwachsenen über die Kompetenz der Kinder in Beteiligungsprojekten so groß, dass man sich kritisch fragen muss, warum sie mit solchen Ergebnissen nicht gerechnet hätten. Welches Bild haben wir als Erwachsene vom Kind, was trauen wir Kindern zu?

Die Zukunftswerkstatt sollte ein wertungsfreier Raum sein; die Ideen der Kinder sind nicht besser oder schlechter als andere Ideen; es gibt kein "Thema verfehlt", alle Äußerungen sind von Belang. In der Zusammenarbeit in Schulen oder Kindergärten fällt immer wieder auf, wie schwer es für viele Lehrer/innen aber auch Erzieher/innen ist, die permanenten Bewertungen (positive gleichermaßen wie negative) zu unterlassen.

Das Schwierigste an einer Zukunftswerkstatt ist die Zeit danach. Hier ist es sehr entscheidend, ob die jeweilige Einrichtung wirklich bereit ist, das Beteiligungsprojekt ernsthaft fortzuführen. Es geht nicht nur darum, ob die Ideen der Kinder in einem überschaubaren zeitlichen Rahmen umgesetzt werden. Es geht auch darum, ob die Kinder spüren, dass die Erwachsenen sie so ernst nehmen, wie sie es in der Zukunftswerkstatt erlebt haben. Wenn die Zukunftswerkstatt ein absolutes Ausnahmeerlebnis ist, wäre es für die Kinder manchmal besser gewesen, die Beteiligung hätte nicht stattgefunden.

Nach zehn Jahren praktischer Erfahrung mit Beteiligung in Schulen, Kindergärten und Jugendeinrichtungen ist es ein eindeutiges Ergebnis, dass die Kinder sich mit Begeisterung und viel Engagement auf Beteiligung einlassen, aber die Erwachsenen dieser Entwicklung oft "hinterherhinken", dass es viele wunderbare Methoden zur Beteiligung gibt, aber ein grundsätzlicher, beteiligungsorientierter Umgang mit Kindern sehr viel schwieriger zu etablieren ist.

Wir sind der Überzeugung, dass Partizipation ein Recht von Kindern ist (und kein Zugeständnis oder "Gnade" der Erwachsenen), dass Partizipation eine Haltung anderen Menschen gegenüber ist, (und keine Methode zur Beseitigung von Störfaktoren).

Partizipation beginnt mit der Geburt...

Ungeachtet vieler guter Ansätze, einen ganz neuen Umgang mit Kindern zu wagen, scheint der heutige Erziehungsalltag vor großen Herausforderungen zu stehen und eher wieder auf "althergebrachte" Konzepte zurückzugreifen. Das Schreckgespenst des "kleinen Tyrannen", die zahlreichen Kinder, die zu Hause "grenzenlos" aufwachsen und sich in Schule und Kindergarten nicht mehr "bändigen" lassen, ist ein ernstzunehmendes Thema geworden. Dementsprechend sprießen Erziehungsratgeber aus dem Boden, die Werte wie Disziplin, Regeln und Grenzen als neue Wegweiser im Alltag mit Kindern hochhalten.

Jesper Juul, ein bekannter dänischer Familientherapeut, hält allein schon die Frage nach der richtigen Erziehungsmethode für falsch. Jegliche Erziehungsmaßnahme degradiert das Kind zum Objekt und ist schädlich. "Restriktionen, Kampagnen, Verhaltenssteuerung, Regeln, Verbote und Strafen sind kein Weg in die Zukunft. Sie reduzieren Kinder auf Objekte für Manipulation und Machtausübung" (Juul 2004, S. 26). Es geht für ihn um die Frage, ob wir Kinder beibringen wollen zu gehorchen, oder ob wir ihnen ihren eigenen Willen, ihre eigene Entwicklung zugestehen.

Herkömmliche Erziehung sieht in Kindern unfertige, unsoziale Wesen, die erst durch Erwachsene lernen müssen, wie man sich anpasst und sozial verhält. Die Mittel, dem Kind soziales Verhalten beizubringen, variieren und haben sich in den letzten Jahren deutlich "demokratisiert" - statt Schlägen als Erziehungsmaßnahme wird heute eher auf Dialog gesetzt. Aber die grundlegende Einstellung zu Kindern hat sich dabei kaum verändert; immer sind es die Erwachsenen, die dem Kind erklären, wie es sich angemessen verhalten soll.

Schon Dreikurs, Psychologe und Familientherapeut, hat in den 1960er Jahren festgestellt, dass in jeder Gesellschaft beim Übergang von autokratischen zu demokratischen politischen Verhältnissen einige Jahrzehnte später zahlreiche Probleme in der Erziehung auftauchen. Die Kinder bereiten den Erwachsenen "Schwierigkeiten", da sie die demokratischen Werte in der Gesellschaft spüren, diese sich aber nicht konsequent in der Erziehung niederschlagen.

Unsere Gesellschaft ist in einem spannenden Übergang. Die bisherige autoritäre Erziehung ist überholt, aber es gibt noch keine Vorbilder, wie ein wirklicher anderer Umgang mit Kindern gelebt werden kann. Die in den 1960er Jahren begonnene Entwicklung, demokratische Werte in Familie und Erziehungsalltag zu bringen, war sehr hilfreich, aber lange nicht ausreichend.

Juul entwickelt den Begriff des "gleichwürdigen" Umgangs mit Kindern. Gleichwürdigkeit meint dabei nicht Gleichheit: Kinder und Erwachsene sind nicht gleich, Gleichwürdigkeit strebt nicht danach, die Unterschiede auszugleichen oder aufzulösen. Es geht um eine neue Beziehungsqualität, egal ob zwischen Mann und Frau, Kind und Erwachsenem, Arzt und Patienten usw. (Juul 2008, S. 40) Juul sieht darin eine unglaubliche Chance für die künftige Entwicklung unserer Gesellschaft. Eine sehr hilfreiche Frage ist dabei, sich im Umgang mit Kindern immer wieder zu fragen, wie man sich als Erwachsener in einer vergleichbaren Situation gegenüber der besten Freundin, dem besten Freund verhalten würde.

Juul entwickelt in zahlreichen Büchern das Bild vom "kompetenten Kind", das von Geburt an sozial ist und gerne mit den Erwachsenen kooperiert. Nur kann das Kind nicht zwischen den konstruktiven und destruktiven Verhaltensweisen der erwachsenen Vorbilder unterscheiden. Jedes Kind kommt mit der Fähigkeit zur Welt, sich aktiv um sein Wohlbefinden zu kümmern, indem es Signale aussendet, wie es ihm geht, ob es Hunger hat, Nähe braucht oder Ruhe möchte.

Wenn Kinder immer wieder erleben, dass ihre Signale nicht wahrgenommen werden oder sogar von den Erwachsenen als falsch bewertet werden, geben viele Kinder auf und verlieren immer mehr die Fähigkeit, sich um sich selbst zu kümmern, für ihre Bedürfnisse zu sorgen. Meist sind dies die problemlosen, angepassten, gut erzogenen Kinder. Andere Kinder geben nicht so schnell auf und entwickeln Verhaltensweisen, die mitunter sehr störend für Erwachsene sind. Gerade an diesen störenden Verhaltensweisen haben die Erwachsenen jetzt die Chance etwas zu lernen.

Sehr oft hat das störende Verhalten der Kinder mit den destruktiven Verhaltensweisen oder den "unerledigten Problemen" der Erwachsenen zu tun. Kinder bringen uns so schnell an unsere Grenzen, weil sie uns immer wieder mit unseren eigenen Defiziten konfrontieren. Der übliche Weg, das Kind zu problematisieren und es zu disziplinieren, hilft selten weiter. Wenn es gelingt, die wirklichen Ursachen herauszufinden und vor allem auch das eigene, erwachsene Verhalten zu hinterfragen und zu verändern, ist der Weg frei für echte Lösungen.

Wenn es einem Kind gelingt, ein gesundes Gefühl zu sich und seinen Bedürfnissen aufzubauen, wenn es immer wieder die Erfahrungen macht, in seinen Bedürfnissen ernst genommen zu werden, nur dann ist ein Kind in der Lage, später auch die Bedürfnisse anderer Menschen wahrzunehmen, sich in andere einzufühlen und zunehmend Verantwortung auch für soziale Gruppen zu übernehmen. Soziales Verhalten kann man einem Kind nicht beibringen; man kann nur die Grundlagen schaffen, damit es sich von selber entfalten kann. Oder anders formuliert: "Die Fürsorge für die Integrität des Kindes/ Individuums ist eine Bedingung für die gesunde Entwicklung von Gemeinschaften. Es gibt kein kollektives Wohlbefinden, wenn es sich nicht auf ein individuelles Wohlbefinden gründen kann" (Juul 2004). Eine Pädagogin aus der Reggio-Bewegung formuliert es noch einfacher: "Wenn ein Kind nicht 'ich' und 'mein' sagen kann, wie soll es dann 'du' und 'unser' sagen?"

Bei einem neuen, partizipativen Umgang mit Kindern geht es genau darum; Kinder wirklich wahrzunehmen, sich ernsthaft auf die Sichtweise der Kinder einzulassen, gerade auch in ihren unangenehmen, unpassenden, unlogischen und störenden Äußerungen. Es geht darum, Kinder zu begreifen als gleichwürdige kleine Menschen, die ihren eigenen Plan, ihre Aufgabe mitbringen und keine Belehrung oder Erziehung im herkömmlichen Sinn durch Erwachsene brauchen.

Wenn wir uns ehrlich darauf einlassen, nicht die Kinder zu verändern, sondern uns selbst zu verändern, bietet das Zusammensein mit Kindern große Chancen für die Erwachsenen. Aber es ist auch eine der größten Herausforderungen, die es überhaupt in unserem Leben gibt.

...und muss zuerst in den Köpfen der Erwachsenen entstehen

Die Bereitschaft, Beteiligung in einer Einrichtung zuzulassen, lässt sich nicht an der Anzahl schöner Beteiligungsprojekte messen. Es ist vielmehr die Bereitschaft, einen wirklich anderen Umgang mit Kindern zu wagen. Der Beginn und der Prozess der Partizipation liegen in der Verantwortung der Erwachsenen. Zuerst müssen diese sich mit ihren Bedenken auseinandersetzen, müssen im Team gemeinsam überlegen, was sie den Kindern zutrauen, welches eigene Selbstverständnis dem pädagogischen Handeln zugrunde liegt.

Im Modellprojekt "Die Kinderstube der Demokratie - Partizipation in Kindertagesstätten" (vgl. Hansen/ Knauer/ Friedrich 2004) wurden wichtige Eckpunkte eines neuen, beteiligungsorientierten Umgangs mit Kindern herausgearbeitet.

Partizipation bedeutet, freiwillig eigene Macht abzugeben. Die Bereitschaft dazu lässt sich nicht vorschreiben oder gar erzwingen; sie wurzelt in einer partizipativen Grundhaltung und wächst mit den positiven Erfahrungen. Es ist immer besser, mit kleinen Projekten anzufangen und sich als Erwachsener nicht zu überfordern. Denn erfahrungsgemäß fällt es den Erwachsenen viel schwerer, sich auf Beteiligung einzulassen als den Kindern. Vielleicht ist es in einer "beteiligungsunerfahrenen" Schule gut, erst einmal einen regelmäßigen Morgenkreis zu etablieren, bevor man sich an ein umfassendes Beteiligungsprojekt wagt.

Partizipation beginnt damit, dass Erwachsene sich ihrer Bilder, die sie von Kindern haben, bewusst werden und diese hinterfragen. Je konkreter das Bild ist, das Erwachsene sich vom Kind machen, desto mehr sind sie dazu verleitet, Kinder dementsprechend wahrzunehmen. Viel zu oft ist unser Blick auf Kinder an den Defiziten orientiert; die Ressourcen und Kompetenzen werden weniger wahrgenommen. Partizipation bietet die Chance, an den Ressourcen der Kinder anzusetzen. Ein Hauptergebnis unserer Beteiligungsprozesse ist immer die große Begeisterung der Erwachsenen über die Kompetenzen "ihrer" Kinder. Aber oft brauchen die Pädagogen Unterstützung von außen, denn es braucht Mut, sich auf Prozesse einzulassen, die man eigentlich den Kindern nicht zutraut.

Partizipation bedeutet, in einen gleichwürdigen Dialog mit Kindern zu kommen. Kinder brauchen Menschen, die ihnen wirklich zuhören können, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme, mit einer Haltung, die Neugier und Interesse ausdrückt an dem, was das Kind zu sagen hat, und ihm signalisiert, dass sein Beitrag einmalig und wertvoll ist. Wenn ein Kind sich bei einer Zukunftswerkstatt zur Außengeländegestaltung ein Schwimmbad wünscht, dann ist es nicht dumm oder unverschämt oder hat das Thema nicht verstanden. Nur in einem gleichwürdigen, einfühlsamen Dialog kann es gelingen herauszufinden, was hinter diesem Wunsch steht. Und manchmal können sich erstaunliche Projekte aus solch verrückten Ideen entwickeln, z.B. ein regelmäßiger Schwimmtag im Kindergarten oder ein Wasserspielbereich auf dem Außengelände.

Partizipation verlangt, dass Kinder Verantwortung für sich selbst übernehmen dürfen. Kinder sind sehr wohl in der Lage, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Wenn ein Kind sich z.B. an einer Zukunftswerkstatt beteiligt, aber deutlich signalisiert, dass es sich nicht auf eine Gruppenarbeit einlassen möchte, dann wird das Kind seine Gründe dafür haben, und ich helfe dem Kind wenig, wenn ich es zur Teilnahme überrede. In diesem Beispiel war das Kind schließlich bereit, weiter an der Werkstatt mitzumachen, nachdem es die Sicherheit spürte, in seinem Bedürfnis nach Abgrenzung ernst genommen zu werden.

Partizipation bedeutet auch die Formulierung und Wahrung eigener Interessen der Erwachsenen. Partizipation heißt nicht, dass Kinder alle ihre Wünsche verwirklichen können. Kein Kind hat Probleme damit, wenn die Erwachsenen ihre Interessen vertreten und durchsetzen, wenn dies ohne Manipulation oder moralischen Druck geschieht.

Die Ergebnisse aus dem Modellprojekt "Kinderstube der Demokratie - Partizipation in Kindertagesstätten" sind eindeutig und decken sich mit unserer praktischen Arbeit. Partizipation ist möglich und gerade auch im Alltag mit kleinen Kindern machbar. Kinder lassen sich mit großer Begeisterung darauf ein. Aber die Erwachsene müssen sich ihrer Verantwortung bewusst sein. Kleine aber ehrliche Schritte zu mehr Partizipation sind besser als große öffentlichkeitswirksame aber nur halbherzig angegangene Beteiligungsprojekte.

Partizipation ist für die Kinder nie, aber für die Erwachsenen um so mehr eine große Herausforderung. Es bedeutet, ohne klaren "Fahrplan" immer wieder neu zu lernen, immer wieder eigene Veränderungen zuzulassen. Kurz: es fordert reife, professionelle Erwachsene, die sich ihrer eigenen Ängste und Probleme bewusst sind und diese nicht auf die Kinder übertragen.

Literatur

Juul, J.: Das kompetente Kind. Hamburg 2008

Juul, J.: Vom Gehorsam zur Verantwortung - über eine neue Erziehungskultur. Weinheim 2004

Hansen, R./Knauer, R./Friedrich, B., Ministerium für Frauen, Jugend, Wohnungs- und Städtebau des Landes Schleswig-Holstein (Hrsg.): Von Kindern lernen - Partizipation im Kleinkindalter. Kiel 2004

Anmerkung/Kontakt

In Bremen wurden in den vergangenen Jahren viele Projekte auf Spielplätzen, im Kindergarten und auf Schulhöfen mit der Beteiligung von Kindern entwickelt. U.a. konnten Kinder bei der Gestaltung der neuen Zentralbibliothek mitarbeiten, das große Stadion-Schwimmbad mitplanen, Schul- und Kindergartenwege verbessern, Skulpturen für Kinderrechte entwickeln.

Adresse:

SpielLandschaftStadt e.V.
Horner Heerstr. 19
28359 Bremen
Tel.: 0421/24289550
Website: www.spiellandschaft-bremen.de