Spielen als Vision für ein anderes gesellschaftliches Miteinander

Erika Brodbeck

 

Wie wichtig das Spielen nicht nur für Kinder, sondern für alle Menschen ist, damit haben sich schon viele Denker, Philosophen, Pädagogen und Psychologen beschäftigt. Mittlerweile ist es sogar bei modernen Managementschulungen angekommen, dass Spielen eine wunderbare Methode ist, neue, kreative, innovative Ergebnisse zu finden. Umso verwunderlicher, dass es sogar in Kindergärten immer wieder nötig ist zu erklären, warum die Kinder "nur gespielt" haben. "Im Zeitgeist unserer Tage wird es (das Spiel) in seiner Bedeutung nur schlecht verstanden, degradiert zum bloßen 'Zeitvertreib', als probates Mittel gegen Langeweile, Beschäftigungsprogramm. ... Spiel ist etwas, das Erwachsene ihren Aufmerksamkeit fordernden Kindern zu tun empfehlen, um sie loszuwerden" (Papousek, in Gebauer/ Hüther 2003, S. 26 f.).

Seit einigen Jahren gibt es Unterstützung von ungewohnter Seite: Neueste Erkenntnisse aus der Hirnforschung kommen zu den Ergebnissen, dass es für die menschliche Entwicklung der Hirnfähigkeiten von großer Bedeutung ist, dass ein Kind ausreichend spielen kann. Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie, berichtet von einem bemerkenswerten Zusammenhang bei allen Säugetierarten: "Je mehr und je länger die Jungen einer bestimmten Art spielen, desto plastischer und lernfähiger ist ihr Gehirn" (Gebauer/ Hüther 2003, S. 164). Hindert man z.B. junge Katzen am Spielen, erlischt ihr Spieltrieb, und sie entwickeln sich zu einer Kümmerversion dessen, was aus ihnen hätte werden können. Der Mensch besitzt das am wenigsten genetisch programmierte, offenste und lernfähigste Gehirn. "Menschenkinder müssen deshalb auch fast alles erlernen, worauf es in ihrem späteren Leben einmal ankommt. Logischerweise wäre also zu erwarten, dass sie weitaus mehr Zeit als alle anderen Säugetiere einfach nur spielend verbringen - und dass ihr Gehirn - wenn man sie am Spielen hindert - sich besonders leicht zu einer Kümmerversion dessen entwickelt, was daraus hätte werden können" (Gebauer/ Hüther 2003, S. 164).

Aber was meint eigentlich "spielen"? Ein Kind, das drei Stunden vorm PC sitzt und spielt, Kinder, die unter fachlicher Anleitung ein Spiel zur Entwicklung ihrer motorischen Fähigkeiten lernen, ein Kind, das verträumt vor seinem Frühstücksbrett sitzt und mit den Brotkrümeln "Vater, Mutter, Kind" spielt, Kinder, die, angefeuert von ihren Eltern, ein Fußball-Punkt-Spiel gewinnen wollen? In der schwedischen Sprache gibt es zwei Wörter für spielen: "spelar" verwendet man, wenn es um Brettspiele, Wettkampfspiele geht, "lekar" meint das zweckfreie Spielen.

Remo Largo (in Gebauer/ Hüther 2003), ein bekannter Schweizer Kinderarzt und Fachbuchautor, formuliert zum Spielen: "Das Spiel wurzelt in dem genuinen Bedürfnis des Kindes, sich mit seiner sozialen und materiellen Umwelt vertraut zu machen, sie zu begreifen und auf sie einzuwirken. Die treibenden Kräfte sind seine Neugier und Eigenaktivität". Eindrucksvoll schildert er in seinen Büchern, dass Kinder vor allem im Spiel ihre Welt entdecken und wichtige Dinge über sich und die Welt lernen. Kinder entdecken im Spiel ihre eigene "Selbstwirksamkeit". In spannenden Versuchsreihen zeigt Largo, dass man diese Entwicklung bei Kindern nicht beschleunigen kann. Wenn die Erwachsenen sich in das konzentrierte Spiel von Kindern einmischen und Impulse geben, die nicht dem eigenen Entwicklungsstand des Kindes entsprechen, verlieren die Kinder sehr schnell die Lust am Spielen.

Ebenso gibt es mittlerweile viele Hinweise, dass auch ein zu großes Angebot an Spielmaterialien das Spielen von Kindern eher behindert als fördert. In Untersuchungen zu Naturspielräumen gibt es ähnliche Ergebnisse. In naturbelassenen Räumen mit wenig Spielangebot spielen Kinder länger und konzentrierter als auf herkömmlichen Spielplätzen mit einem klassischen Geräteangebot (vgl. Hans-Joachim Schemel, www.naturerfahrungsraum.de).

Welche Rolle kommt nun den Erwachsenen zu? Sollte man sich als Erwachsener am besten ganz raushalten und die Kinder sich selbst überlassen, damit man sie nicht beim Spielen stört? In erster Linie ist es die Aufgabe der Erwachsenen, den Kindern eine sichere emotionale Bindung zu ermöglichen. Remo Largo nennt "ein körperliches und seelisches Wohlbefinden, Geborgenheit und Sicherheit in der Beziehung zu seinen wichtigsten Betreuungspersonen" als wichtigste Voraussetzungen für das Spielerische (Largo, in Gebauer/ Hüther 2003, S. 28). Dann kommt den Erwachsenen die aktive Aufgabe zu, den Kindern gefahrlose Räume zur Verfügung zu stellen, in denen sie sich spielerisch entdecken können. Dies fängt bei der eigenen Wohnung, dem Treppenhaus, dem Vorgarten und Garten an, und mit zunehmendem Alter brauchen Kinder öffentliche Räume, die Straße, Brachflächen, Vorhöfe und Spielplätze zum Spielen.

Aber auch wenn diese Bedingungen erfüllt sind, kann den Erwachsenen eine durchaus aktive Rolle zukommen, mit den Kindern ins Spiel zu kommen. Wieder können wir als Erwachsene von den Kindern lernen. Wir können uns von der Spielbegeisterung der Kinder anstecken lassen - wenn es uns gelingt, jeglichen Anspruch an Nutzen oder Lerneffekte für die Kinder beiseite zu lassen.

Fred O. Donaldson hat den Begriff des "ursprünglichen Spiels" entwickelt, das er vor allem im jahrelangen Spielen zuerst mit Tieren und dann mit Kindern erforscht hat und mittlerweile in zahlreichen Workshops vermittelt. "Spiel ist eine Vision ... und der einzige Weg dorthin ist, beim Spielen all Ihre Erwachsenenrollen aufzugeben" (Donaldson 2007, S. 59). Jedes Kind gibt uns Erwachsenen wieder die Chance, teilzuhaben an der machtvollen Erfahrung im Spielen. Jenseits von Leistungsdruck und Wettbewerb, was immer mit der Abwertung anderer verbunden ist, geht es im Spielen um das kreative Entdecken der eigenen Fähigkeiten und um das wertungsfreie Entdecken des anderen. Viele Kinder im Kindergarten können noch so spielen: Sie spielen mit Kindern verschiedenster kultureller oder sozialer Herkunft, ohne sich an den vorhandenen Unterschieden zu stören. Für Fred O. Donaldson liegt damit im Spiel von Kindern eine große Chance: "Nachdem ich 34 Jahre mit Kindern gespielt habe, weiß ich aus Erfahrung, dass sie tatsächlich Träger eines Friedensversprechens sind. Sie weisen uns eine Richtung, die von den uns bekannten Wettbewerbsbeziehungen wegführt" (Donaldson 2007, S. 15).

Eckhard Schiffer, Arzt und Autor zahlreicher Bücher, verwendet den Begriff des "fair play": "Ein Spiel, in dem alle Mitspieler sich nach ihren Möglichkeiten entfalten und darstellen können, ohne dass einer untergebuttert, zur Seite gedrängt oder ausgeschaltet wird, ist die Grundform des Fairplay. Im Fairplay sind die Begegnung und das Spielen selbst, der Prozess, mindestens genauso wichtig wie das Ergebnis, das Produkt oder ggf. der Sieg" (Schiffer 2004, S. 64). Von dieser Form des Spielens profitieren nicht nur die Kinder, sondern vor allem auch die Erwachsenen.

Für Schiffer (2004) hat diese Form der Spielerfahrung sehr viel mit Gesundheit zu tun: "Freiheit und Gesundheit, die höchsten Güter unserer ... Gegenwart, sind untrennbar mit der schöpferischen Aufsässigkeit des Spielens miteinander verknüpft. Wir müssen nur darum wissen. ... Beim Spielen ... entfalten sich dann zugleich auch erfahrene Hoffnung gegen Beschämung, Versagensängste und Schuldgefühle. Und diese Hoffnung wiederum kann ziemlich ansteckend sein" (S. 189).

Auch der Gehirnforscher Hüther kommt zu dem Schluss, dass es höchste Zeit ist, nicht länger den Wettbewerb als einzige Grundlage unserer Lebensgestaltung zu machen, und dass die zukünftige Entwicklung unserer Gesellschaft entscheidend davon abhängt, dass Kinder wie auch Erwachsene nicht die Lust am Spielen verlieren.

Spielwiese in Bremen

Spielen als Vision, einen anderen Umgang miteinander zu leben - in unseren Bremer Spielraum-Projekten können wir diese Erfahrung immer wieder machen. Wirklich "gelungen" ist ein Projekt, wenn es diese Erfahrung gibt, wenn neben der Aufstellung von Spielgeräten etwas anderes passiert ist, wenn die Erwachsenen zusammengekommen sind, wenn das Bild von Kindern sich verändert hat, wenn, vielleicht auch nur für Momente, ein neues Miteinander fernab von Leistungsdruck und Konkurrenz entsteht.

Eltern einer Bremer Straße haben sich vor einigen Jahren zusammengefunden und wollten für ihre Kinder einen Spielraum schaffen. Eine große Wiese zwischen Häusern und Straße wurde hauptsächlich von Hunden genutzt, die Kinder hatten wenig Freude, hier zu spielen. Von Anfang an ging es den Eltern vor allem darum: die Fläche zurückzuerobern, ihren Kindern durch kleine Veränderungen eine Spielmöglichkeit zu schaffen und einen Ort zu schaffen, miteinander in Kontakt zu kommen. Das Aufstellen von Spielgeräten war dabei zweitrangig. Nach ersten Treffen einigte man sich darauf, dass Hundebesitzer höflich angesprochen wurden, diesen Platz in Zukunft zu meiden, und vom Ortsamt gab es ein Schild mit dem Aufdruck "Spielwiese - Hunde fernhalten". Dann gab es das erste große Erlebnis, die Findlinge wurden geliefert und mit einem Kleinbagger an "Ort und Stelle" gerückt. Zusammen mit Baumstämmen schafften sie eine optische Umgrenzung der Wiese. An den neuen Baumstämmen konnten die Kinder dann aktiv werden und die Rinde abschälen. Seit es die Findlinge gab, "trauten" sich auch vorbeikommende Eltern, sich auf die Findlinge zu setzen und ihre Kinder auf der Wiese toben zu lassen.

Nachdem diese ersten Veränderungen positiv angenommen wurden, wurden in einer gemeinsamen Aktion ein Weidentipi und ein Weidenzaun gebaut und schließlich als einziges Spielgerät zwei Reckstangen aufgestellt. Der Hauptteil der Wiese soll auch weiterhin frei bleiben, frei fürs Spielen aller Art.

Die Nachbarn verbindet mittlerweile einiges: das gemeinsame Mähen und Laubaufräumen, Schneemänner und -frauen bauen, Feste auf der Wiese und sogar ein spontaner Wiesenchor.

Literatur

Hüther, Gerald/ Gebauer, Karl (Hrsg.): Kinder brauchen Spielräume - Perspektiven für eine kreative Erziehung. Düsseldorf 2003

Donaldson, Fred O.: Von Herzen spielen - die Grundlagen des ursprünglichen Spiels. Freiamt 2007

Schiffer, Eckhard und Heidrun: LernGesundheit - Lebensfreude und Lernfreude in der Schule und anderswo. Weinheim und Basel 2004

Anmerkung/Kontakt

In Bremen gibt es seit über 10 Jahren die bundesweit einmalige, sehr erfolgreiche Gemeinschaftsaktion "SpielRäume schaffen": Spielraumprojekte in Bremen können sich kostenlos beraten lassen und einen Förderfonds in Anspruch nehmen.

Adresse:

MobilTeam SpielRäume schaffen
SpielLandschaftStadt e.V.
Horner Heerstr. 19
28359 Bremen
Tel.: 0421/24289550
Fax: 0421/24289552
Website: www.spiellandschaft-bremen.de