Aus: Martin R. Textor (Hrsg.): Elternarbeit mit neuen Akzenten. Reflexion und Praxis. Freiburg, Basel, Wien: Herder 1994, S. 88-101

Angebote im Freizeitbereich

Ingeborg Becker-Textor

 

Freie Kindheitsräume sind seltener geworden. Statt dessen spielt sich das Kinderleben heute mehr und mehr in einer strukturierten und pädagogisierten Umwelt ab, in der Kinder verplant werden und nur wenig Möglichkeiten haben, eigene Beobachtungen und Erfahrungen zu machen, unbeaufsichtigt zu spielen, zu experimentieren, zu träumen oder ganz einfach nichts zu tun. Über diese Tatsache darf auch der Situationsansatz oder das situationsorientierte Arbeiten nicht hinwegtäuschen.

Obwohl die Freizeit quantitativ zugenommen hat, hat diese Zeit, die eigentlich Möglichkeiten zur freien Entfaltung, zum kreativen Tun, zu Erholung und Entspannung bieten sollte, an Qualität verloren. Dies hat eine Vielzahl von Gründen: So hat sich eine regelrechte Freizeitindustrie entwickelt, die ihre Konsumenten in allen Altersstufen und allen Bevölkerungsschichten sucht. Sie lockt z.B. mit Aussagen wie

  • sinnvolle Freizeitgestaltung,
  • Unterhaltung,
  • keine Langeweile,
  • Loslösung vom Alltagsstreß und
  • attraktiven Angeboten für Kinder, so daß sich Väter und Mütter erholen, entspannen und ihren Hobbys nachgehen können.

Urlaubsorte werben mit familienfreundlichen Angeboten. Dahinter verbirgt sich dann nicht selten eine ganztägige Kinderbetreuung, bei der sich Angebot an Angebot reiht und die Kinder schon frühzeitig zu Freizeitkonsumenten erzogen werden. Eltern sind für diese Animationsprogramme dankbar, denn sie brauchen sich nun auch im Urlaub keine größeren Gedanken um die Beschäftigung ihrer Kinder zu machen.

Durch diese Entwicklungen entfernen sich Erwachsene immer mehr vom Tun ihrer Kinder, entwickeln nur wenig Ideen für gemeinsame Aktivitäten. So überrascht auch nicht, daß das Fernsehen Platzziffer Eins unter den Freizeitbeschäftigungen von Kindern und Erwachsenen einnimmt. Wir alle werten dies als ein Alarmzeichen, doch was ist dagegen zu tun? Welche Möglichkeiten gibt es, daß Eltern wieder lernen, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen und freie Zeit mit den Kindern nicht als Last, sondern als Chance zu sehen - für die eigene Entspannung ebenso wie für die Beziehung zu ihren Kindern? Ist es nicht an der Zeit, daß die Verplanung unserer Kinder aufhört, daß sie wieder Anregungen bekommen, selbst Aktivitäten zu entwickeln?

Hier tut sich ein Aufgabenfeld für den Kindergarten auf, das aber noch inhaltlich gefüllt werden muß. Erzieherinnen und Erzieher müssen den Mut finden, Angebote im Freizeitbereich als eine heute ganz wichtige Form der Elternarbeit zu sehen. Sie brauchen keine Angst zu haben, daß es einer besonderen Vorbereitung bedürfte oder daß - wie so oft - wertvolle Freizeit geopfert werden müßte. Eine Wanderung gemeinsam mit Eltern und Kindern, für die vielleicht fünf oder sechs Stunden angesetzt werden, bringt für alle Beteiligten wahrscheinlich mehr Gewinn als zwei Elternabende mit Referenten, die von wenigen und jeweils nur einem Elternteil besucht werden. Für die beiden Elternabende müßten die Erzieher aber mindestens die gleiche Zeit aufwenden wie für einen Wandertag.

Im folgenden sollten drei Berichte - aus der Sicht von Eltern und Erziehern - Angebote im Freizeitbereich aufzeigen. Anschließend wird die Frage gestellt, ob solche Formen der Elternarbeit bzw. des Miteinanders von Kindergarten und Eltern nicht ein Weg zu einer neuen Form der Elternarbeit sein können, bei der es Platz für Kinder, Eltern und Erzieher gibt.

Wandertag - Bericht einer Mutter

Heute brachte mein Kind eine Einladung des Kindergartens zu einem gemeinsamen Wandertag heim. Das hat mich ganz schön überrascht. Im alten Kindergarten - dort waren die beiden Großen - hat es so etwas nie gegeben. Ich schaute mir die Einladung gleich gründlich an, denn neugierig war ich schon. Karin meinte auch gleich, daß wir alle mitkommen müßten: "Wirklich Mama, das ist für unsere ganze Familie. Auch für Papa, Peter und Christine. Da schauste, gell, wir haben uns das alles gemeinsam mit Frau X ausgedacht. Die findet nämlich Elternabende blöd, zu denen immer nur ein paar Mütter kommen. Sie hat gesagt, daß sie 'mal unsere Papas und unsere Geschwister kennenlernen will, halt die ganze Familie."

Ich muß zugeben, daß ich von der Idee auch sofort ganz begeistert war. Zu einem Elternabend zu gehen, dazu ließ sich mein Mann nie überreden. Als wir beim Abendessen nochmals die Einladung zum Familienwandertag lasen, hatten wir uns gleich entschieden: Die ganze Familie wollte mit. Die Tage bis zum Wandersamstag boten noch allerlei Gesprächsstoff.

Alle Wanderer trafen sich beim Kindergarten; von 47 Familien nahmen 32 teil. Mit der Straßenbahn fuhren wir bis zur Endstation am Stadtrand. Schon das war für uns alle ein Erlebnis. Karin sagte zu Recht: "Noch nie ist unsere ganze Familie, alle zusammen auf einmal, in der Straßenbahn gefahren!"

Dann wurde durch ein kleines Waldgebiet gewandert - die Kinder kannten den Weg schon von einem "Probeausflug". Wir hatten viel Spaß. Die Kinder entdeckten Pflanzen, Käfer, glitzernde Steine - viele von uns Erwachsenen sind einfach daran vorbeigegangen. So mußten wir uns die Bemerkung von einem Fünfjährigen gefallen lassen: "Also, Ihr Großen, Ihr seht wirklich die halbe Welt nicht. Ihr könnt schon wirklich froh sein, daß wir Euch alles zeigen!" Er hatte ja so Recht!

Immer wieder blieben kleine Grüppchen stehen, um etwas zu bestaunen. Besonders faszinierte alle der Riesenameisenberg und die fleißigen Ameisen, die da so allerlei herbeischleppten. Eines des älteren Schulkinder berichtete stolz, daß es die Ameisen eben im Heimat- und Sachkundeunterricht durchgenommen hätte. Die Kinder und die Erwachsenen lauschten gespannt seinen Ausführungen.

Bei einer kleinen Waldwiese machten wir die erste Rast. Wie war ich überrascht, als die Kinder nach dem Picknick den ganzen Rastplatz nochmals kontrollierten und uns Eltern über die Verschmutzung der Umwelt aufklärten: "Nichts darf man liegen lassen. Auch nicht das kleinste Bonbonpapier", wußte die vierjährige Susanne. Weiter ging es zu einem Waldspielplatz. Während die Kinder sich an den verschiedenen Geräten vergnügten, Gräser sammelten und versuchten, auf einem Grashalm zu blasen (der Mann einer Erzieherin hatte damit begonnen), fanden sich die Eltern zu Gesprächen zusammen. Nach der ausgiebigen Rast ging es auf dem Rundwanderweg weiter, und nach insgesamt vier Stunden erreichten wir die Straßenbahnhaltestelle wieder. Alle hatten rote Backen, aus den Hosentaschen quollen die Sammelergebnisse. Jetzt trennten sich unsere Wege; jede Familie machte sich auf den Heimweg.

Noch am gleichen Abend unterhielt ich mich mit meinem Mann über diesen Wandertag. Wir waren beide begeistert, hatten viele Kinder und viele Väter und Mütter kennengelernt, Gespräche verschiedensten Inhalts geführt und festgestellt, daß wir durch das gemeinsame Erleben viel Neues über unsere Kinder erfahren hatten. Bei Spaziergängen versuchen wir immer, den Kindern alles zu zeigen - auch wenn sie keine Lust haben. An diesem Wandertag war es anders: Die Kinder bestimmten das Tempo, zeigten uns ihre Entdeckungen und betrugen sich ordentlich. Ja, letzteres war uns besonders aufgefallen.

Auch im Erzieherteam des Kindergartens wurde wenige Tage später der Wandertag reflektiert und im Nachhinein als sehr eindrucksvoll, erfolgreich und entspannend erlebt. Am meisten freuten sich die Erzieherinnen darüber, daß sie endlich einmal die ganzen Familien ihrer Kinder kennenlernen konnten. Sie fanden es spannend und aufschlußreich zugleich, zu erleben, wie Eltern mit ihren Kindern umgehen und wie das Verhältnis von Geschwistern zueinander ist. Als ganz besonders positiv empfanden die Erzieherinnen aber die vielen Einzel- und Kleingruppengespräche, die sie so ganz unkompliziert beim Wandern oder beim Picknick mit Vätern und Müttern führen konnten. Sie beschlossen, derartige Aktivitäten immer wieder einmal anzubieten. Also: Zur Nachahmung empfohlen...

Familienfreizeit

Das Stichwort "Familienfreizeit am Wochenende" löst bei vielen Erzieherinnen und Erziehern auf Anhieb eine abweisende Reaktion oder gar den Kommentar aus: "Was sollen wir denn noch alles tun. Jetzt auch noch die Wochenenden für den Kindergarten opfern..." So erstaunt es nicht, daß die Familienfreizeit eine noch kaum praktizierte Form der Elternarbeit ist. Ist es wirklich zuviel Zeitaufwand, gemessen am Effekt für die Arbeit mit den Kindern und Eltern? Die regelmäßige Teilnahme von Erzieherinnen am monatlichen Elternstammtisch oder an Dutzenden von Bastelabenden für den Weihnachtsbasar scheint selbstverständlich. Es gilt also abzuwägen, was für die Arbeit des Kindergartens wichtiger ist.

So würde ich der Familienfreizeit den Vorzug geben - und habe dies auch in der Praxis zehn Jahre lang getan. Nach den ersten zwei bis drei Familienfreizeiten änderte sich unsere Elternarbeit im Kindergarten ganz wesentlich: Die Kommunikation mit den Eltern wurde offener, Probleme wurden leichter angesprochen, die Angst voreinander wurde abgebaut, aus Erzieherinnen und Vätern/Müttern wurden Partner in Sachen Erziehung. Lange nach der Kindergartenzeit trafen sich die Familien noch zu selbst organisierten Wochenenden. Wie gestaltet sich nun in etwa der Ablauf einer solchen Freizeit?

Für einen Termin im Juli hatten sich 12 Familien aus dem Kindergarten angemeldet - eigentlich eine etwas zu große Zahl. Aber da das ganze Kindergartenteam (einschließlich der Ehepartner) teilnehmen wollte und zudem uns das ganze Tagungshaus zur Verfügung stand, erteilten wir allen eine Zusage. Der Tagungsort war ein Schloß, auf einem Tafelberg gelegen, mit einem großen verwilderten Park, mit Feld, Wald, Wiese und sogar einem kleinen Waldmoorsee in unmittelbarer Nähe.

Anreise (30 Min. Fahrt) war am Freitagabend. Das Wochenende begann mit dem gemeinsamen Abendessen. Natürlich versuchten einige Eltern, ihre Kinder um sich zu scharen, doch wir Erzieher machten ihnen einen Strich durch die Rechnung. Durch Flüsterpropaganda hatten wir mit den Kindern schon vereinbart, daß wir einen großen Kindertisch machen würden. Die Kinder fanden das ganz toll; die Eltern verfolgten aber unser Vorhaben recht kritisch und meldeten allerlei Bedenken an: "Unser Franz kann noch nicht mit dem Messer umgehen", "Karl ißt nicht alles", usw.

Schon an diesem ersten Abend schmierten alle Kinder ihr Brot selbst und aßen bzw. probierten alles, was auf den Tisch kam. Einige Mütter waren sprachlos, wie reibungslos sich das Abendessen gestaltete. Franz erklärte seiner Mutter, daß er heute den Gebrauch des Messers geübt hätte und auch daheim künftig sein Brot selbst streichen wolle - ein Schritt zur Selbständigkeit und auf dem Weg zur Loslösung, was für die Mutter schwer zu begreifen war.

Nach dem Abendessen ging es noch auf einen Erkundungsspaziergang in den Schloßpark. 20 Uhr war als Termin für die Gute-Nacht-Geschichte angesetzt - nur für Kinder, alle gewaschen, im Schlafanzug und mit geputzten Zähnen. Sie mußten alle auf einer großen Decke Platz finden - und das wurde ganz schön eng! Die Eltern durften nicht zuhören. Die Tür zum Geschichtenzimmer wurde geschlossen und außerdem wurde nur im Flüsterton erzählt (damit eventuelle Lauscher nichts hören konnten). Die Kinder saßen dicht an dicht, aber es gab kein Gedrängel, und bald hatte die Spannung alle eingefangen. Um halb neun konnten die Eltern ihre Kinder abholen und zu Bett bringen.

Für 21 Uhr war ein Treffen der Erwachsenen zu einem gemütlichen Beisammensein angesetzt, mit einigen kleinen Spielen zum Kennenlernen. Die meisten Mütter kannten sich vom Bringen und Abholen der Kinder. Die Väter fühlten sich hingegen anfangs noch etwas "fremd" in der Runde. Zu vorgerückter Stunde, als die letzten Holzscheite im Kamin knisterten, wurden reihum noch Feuergeschichten erzählt. Die Idee kam ganz spontan aus den Reihen der Eltern.

Der Samstag stand unter dem Thema "Schloß", das hatten sich die Eltern gewünscht. Nach einer Besichtigung des Tagungshauses - vom Keller bis zum Dachboden, mit Rittersaal und Schloßkapelle - teilten sich Eltern und Kinder auf verschiedene Gruppen auf. Sie sollten heimlich etwas für das "Schloßfest" vorbereiten. Alle waren so eifrig, daß der Gong zum Mittagessen überhört wurde...

Nach dem Mittagsschlaf ging es erst wieder in die Natur. Am Ufer des kleinen Moorsees erfanden wir gemeinsam die Geschichte vom versunkenen Schloß. Das wurde spannend! Die Eltern waren ganz überrascht, welch' phantasievolle Beiträge ihre Kinder beisteuerten. Es wurde fast zu einer "Elternfortbildung" im freien Erzählen...

Nach der Rückkehr wurden die letzten Vorbereitungen für das Schloßfest getroffen. Da nur unsere Familienfreizeitteilnehmer im Tagungshaus waren, hatten wir auch den ganzen Schloßhof für uns. Das große Tor wurde geschlossen und eine lange Tafel für das Abendessen aufgebaut. Einige Eltern hatten sich im Rahmen des freiwilligen Küchendienstes zum Streichen und Belegen von Broten bereit erklärt und die Tische gedeckt. Die Kinder schmückten sich mit ihren Kostümen, die sie am Vormittag vorbereitet hatten: Mit Hüten, Kronen, Spitzenkrägen aus Papier und langen Gewändern (aus der Verkleidungskiste des Kindergartens - Utensilien, die zu jeder Familienfreizeit mitgenommen wurden).

Mit dem Schlag der Turmuhr begann das Fest. Es wurde gespeist, Gaukler (Eltern) zeigten ihre Künste, Puppenspieler (ebenfalls Eltern) spielten die Geschichte vom Prinzenpaar und dem versunkenen Schloß. Die Kinder schauten wie gebannt zu. Nach Einbruch der Dämmerung wurde getanzt. Einige müde kleinere Kinder wurden von ihren Vätern auf den Arm genommen und in den Schlaf gewogen. Nach einer Weile begab sich eine lange Prozession aus Eltern und Kindern zu den Schlafzimmern.

Die Erzieher räumten mit einigen Eltern im Schloßhof auf. In der sich dann anschließenden Elternrunde tauschte man sich über die Erlebnisse des Tages aus. Die Eltern stellten fest, daß ihre Kinder bisher nicht anstrengend gewesen seien, daß sie alle viel Spaß an den Aktivitäten gehabt hätten. Sie stellten sich aber auch selbst die Frage, warum sie nicht mehr gemeinsam mit den Kindern machen würden...

Auch der Sonntag bot noch viele Gelegenheiten für neue Erlebnisse mit den Kindern. Außerdem erhielten die Eltern Anregungen für eine wirklich sinnvolle Freizeitgestaltung.

Während einer solchen Wochenendfreizeit laufen viele Prozesse in der Familie ab. So erleben sich die Ehepartner in einer ganz andersartigen Situation, ebenso die Eltern ihre Kinder und umgekehrt. Zugleich lösen sich die Kinder von ihren Eltern ab und fühlen sich dabei durch Gleichaltrige oder andere Erwachsene unterstützt. Sie wagen Dinge, die sie sich im häuslichen Bereich oft nicht zutrauen würden. Viele Eltern berichteten nach der Teilnahme an mehreren Freizeiten, daß die dort gemachten Erfahrungen ihr Verhältnis zum Partner, aber auch zu den Kindern, stark beeinflußt hätten. Ganz besonders bedeutsam aber ist die Wirkung auf die Erziehung der Kinder:

"Ohne daß Verhaltensweisen reflektiert oder diskutiert werden, kommt es durch das enge Zusammenleben mit anderen Familien und deren Vorbildwirkung zu Einsichten, Verhaltensänderungen und einem Umdenken hinsichtlich von Erziehungszielen und -stilen. Ferner können den Eltern im Rahmen dieser Veranstaltungen Informationen, Wissen und Verhaltensmaßstäbe für die Erziehung ihrer Kinder mitgegeben werden. Ziel aller Maßnahmen ist es, den Eltern einerseits mehr Sicherheit in ihrem erzieherischen Handeln durch die Vermittlung von Kenntnissen und den Austausch mit Dritten zu geben sowie ihnen andererseits die Möglichkeit zu bieten, ihr eigenes Verhalten im Kontakt mit anderen kritisch zu überdenken und von diesen zu lernen" (Becker-Textor 1990, S. 417 f.).

Feste und Feiern

Auch Feste und Feiern im Kindergarten stehen im engen Bezug zur Elternarbeit. Allerdings dürfen Feste nicht länger eine "Leistungsschau" der Kinder sein. Üblicherweise veranstalten nämlich noch immer die meisten Kindergärten Aufführungen für die Eltern. Wochenlang werden Spiele, Lieder, Tänze u.ä. mit den Kindern eingeübt. Dann sitzen Eltern, Großeltern und andere Erwachsene als Zuschauer im Kindergarten und beurteilen nicht selten die Qualität einer Einrichtung am vorgeführten Programm. Dies ist für Erzieherinnen und Kinder ein unerfreulicher Zustand. Vielfach begreifen die Eltern gar nicht, welche Mühe und welcher Einsatz den Kindern abverlangt wird. Auch sind die Kinder an ihrem großen Tag oft so aufgeregt, daß sie einen Text vergessen, eine Spielform mit der anderen verwechseln und dann unglücklich über ihre "Fehler" sind. Häufig wird ihnen später gesagt, wie sie sich "angestellt" hätten und daß ihre Eltern enttäuscht seien.

Feste und Feiern können aber auch anders verlaufen, wenn im Rahmen der Elternarbeit Väter und Mütter dafür in die Pflicht genommen werden. Eltern, die selbst einmal bei einem Fest im Kindergarten aufgetreten sind, werden dies so schnell nicht mehr ihrem Kind abverlangen. Am Beispiel einer Weihnachtsfeier soll nun eine wünschenswerte "Arbeitsteilung" zwischen Kindern und Eltern verdeutlicht werden.

Eine Gruppe von Vätern und Müttern hat sich für einen Schattenspielarbeitskreis zur Gestaltung der Weihnachtsfeier eingetragen. Sie will die Weihnachtsgeschichte als Menschenschattenspiel aufführen. Zum ersten Treffen kommen die Eltern sehr aufgeregt und voller komplizierter Vorüberlegungen. Im Kindergarten hängt ein weißes Bettuch im Türrahmen, und dahinter steht eine Lampe. Jede Mutter, jeder Vater kann so Erfahrungen mit ihrem/seinem Schatten machen.

Anfangs stellen sich alle - so machen es übrigens auch die Kinder - frontal vor das Tuch. Die zuschauenden Eltern sind von den Schattenbildern etwas enttäuscht. Die Erzieherin regt an, es doch im Profil zu versuchen. Gleich bricht Begeisterung bei den Zuschauern aus: "Jetzt sieht man die Wimpern sich bewegen, die Lippen. Und wenn die Hände nach vorne gestreckt und die Finger etwas gespreizt werden, dann sieht das wirklich toll aus!"

Es wird an diesem ersten Abend viel experimentiert. Besonders schwer fällt es den Eltern - und hier kann man wieder eine Übereinstimmung mit dem Kinderverhalten feststellen -, alle Bewegungen gemächlich, ruhig, nahezu in Zeitlupentempo auszuführen und dabei nicht zu vergessen, sich immer im Profil entlang des Bettuches zu bewegen.

Auch wird besprochen, welche Requisiten für die Aufführung notwendig sind. Die Eltern stellen fest, daß keine große Bastelaktion notwendig ist, denn eine Krone aus Pappkarton wirkt im Schatten nicht anders als eine kunstvoll verzierte aus Goldfolie. So können bereit an diesem ersten Abend nahezu alle Requisiten zusammengestellt werden. Besonders groß zeigt sich der Bedarf an Decken, Tüchern und Sicherheitsnadeln für die vielen langen Gewänder und Umhänge.

Für die nächste Probe - zugleich die Hauptprobe - verabredet man sich in der Kirche. Einige Mütter erklären sich bereit, vorher noch mehrere weiße Bettücher aneinanderzunähen, und die Väter basteln mit Hilfe von Leitern eine Vorrichtung zum Befestigen der Leinwand. Als stärkere Beleuchtung kommt eine Photolampe zum Einsatz.

Und die Hauptprobe? Die Eltern sind mehr als aufgeregt. Die Erzieherin erzählt die Weihnachtsgeschichte und flicht alle Regieanweisungen in die Erzählung ein: "Langsamen Schrittes näherten sich Maria und Josef der Stadt Bethlehem. Vor dem Gasthaus blieben sie stehen..." Zweimal wird die Geschichte gespielt, immer detailliertere Regieanweisungen werden eingebaut. Ein Vater meint: "Jetzt begreife ich erst, was Kinder leisten, wenn sie solche Schattenspiele machen und dann vielleicht noch vor Zuschauern aufführen. Ich bin schon jetzt durchgeschwitzt - ohne Publikum. Aber Spaß macht es. Wir Eltern sollten öfters etwas für Kinder spielen bzw. uns durch solche Spielbeiträge an der Fest- und Feiergestaltung des Kindergartens beteiligen!"

Bei der Weihnachtsfeier klappt alles wunderbar. Die Kinder verfolgen gespannt die Geschichte, beteiligen sich mit Singen und Musizieren. Ihre Gesichter glühen vor Stolz, daß ihre Mütter und Väter mitspielen. Nichtakteure unter den Eltern sagen: "Nächstes Mal machen wir aber auch mit!" Am Ende der Geschichte - zu sehen ist das Schattenbild mit der Krippe, mit Maria und Josef - sagt die Erzieherin: "Und auch alle Kinder machten sich auf den Weg nach Bethlehem, das neugeborene Kind zu sehen." Bei leiser Orgelmusik zum Lied "Ihr Kinderlein kommet" stehen die Kinder leise auf und gehen in einer langen Reihe zur Krippe, halten inne und kehren dann wieder zu ihren Plätzen zurück. Es ist ein eindrucksvolles Bild - nicht geplant und nicht vorbereitet.

Alle waren sich einig, daß dies wirklich eine gemeinsame Feier war, bei der alle Zuschauer und Mitwirkende reich beschenkt wurden. Es blieb nicht bei dieser einen Elternspielaktion...

Eine Reflexion, was eine solche Feier für die Elternarbeit insgesamt bedeutet, erübrigt sich. Der Bericht sagt alles.

Schlußgedanken

Die drei hier beschriebenen Formen der Elternarbeit werden bei der Aufzählung der klassischen Angebote nur selten genannt. Sind sie zu wenig bekannt? Schrecken sie Erzieher ab, weil sie im Zeitplan für die Elternarbeit nicht untergebracht werden können? Fühlen sich Erzieher überfordert, wenn sie auch noch im Freizeitbereich aktiv werden sollen? Geben die Aus- und die Fortbildung zu wenig Informationen, Anregungen und Hilfen für die Gestaltung solcher Maßnahmen?

Viele spekulative Fragen, auf die nicht spontan geantwortet werden kann. Dennoch will ich Erziehern, Vätern, Müttern und Kindern Mut machen, gemeinsam solche (anderen) Formen der (Eltern- bzw.) Familienarbeit auszuprobieren. Vorurteile, daß z.B. doch keiner oder nur die gleichen Eltern teilnehmen würden, werden schnell widerlegt werden. Ein Versuch lohnt und wird überzeugen!

Literatur

Becker-Textor, I.: Die (therapeutische) Familienfreizeit. In: Textor, M.R. (Hrsg.): Hilfen für Familien. Ein Handbuch für psychosoziale Berufe. Frankfurt: Fischer 1990, S. 407-418