Mit dem Kindergarten in den Zoo

Peter-Klaus Beyer

 

Einleitung

Der Zoologische Garten ist für Kindergärten ein beliebtes Ausflugsziel, denn so ein Besuch ist für alle Beteiligten - auch für die Erzieherinnen - mit viel Freude verbunden. Die unmittelbare Begegnung mit lebenden und noch dazu großen und exotischen Tieren, die man nur aus dem Bilderbuch, dem Märchen oder dem Fernsehen kennt, stößt auf großes Interesse. Dem "großen, bösen Wolf" oder " Benjamin Blümchen" live zu begegnen, sie unmittelbar vor sich zu sehen und nur wenige Meter von ihnen entfernt zu sein, davon sind nicht nur Kinder begeistert sondern Erwachsene gleichermaßen. Einem Tier unmittelbar gegenüber zu stehen, es aus der Nähe zu betrachten und dabei alles genau sehen und eventuell auch hören und riechen zu können, das ist hat einen höheren Stellenwert als jedes andere Medium.

Vorbereitung

Der Ausflug in den Zoo bedarf wie jeder andere Ausflug auch einer guten, gemeinsamen Vorbereitung. Dabei geht es neben der organisatorischen Vorbereitung, wie Anfahrt, Eintrittskosten und Zeiteinteilung vor allen Dingen um die methodisch-didaktischen Vorbereitungen. So sollte der Besuch des Tierparks nicht nur aus einem Konsumieren im Vorbeigehen bestehen. Es sollte nicht der Anspruch erhoben werden, für das bezahlte Eintrittsgeld möglichst viele Tiere zu sehen, denn dies führt automatisch zu einer zu kurzen Verweildauer vor einem Gehege. "Qualität vor Quantität" muß das Motto des Zoobesuches lauten und mit Qualität ist ein möglichst ausführliches Betrachten eines beliebigen Tieres verbunden. Die Kinder sollen selbst die Entscheidung treffen, welches Tier sie ansehen möchten bzw. woran sie besonderes interessiert sind. Dieses Interesse kann in der Vorbereitung durch verschiedene Aktivitäten noch erhöht werden. So können Geschichten über das ausgewählte Tier vorgelesen werden, welche das Wissen über diese Tierart verbessern, eventuell Vorurteile gegenüber diesem Tier abbauen und die Fragehaltung der Kinder erhöhen, weil sie mehr über das Tier wissen wollen. Die Kinder können Bilder von diesem Tier sammeln, in den Kindergarten mitbringen und diese werden dort an geeigneter Stelle angeklebt, damit sie jeder sehen kann.

Eventuell gibt es Abbildungen zum Ausmalen für die Kinder. Geeignete Bilder kann man zerschneiden, um die einzelnen Teile als Puzzle wieder zusammenzusetzen. Alle diese Vorbereitungsmaßnahmen helfen mit, sowohl das Vorwissen der Kinder zu verbessern als auch die Neugierde auf das Tier zu erhöhen.

Durchführung

Spätestens an der Kasse des Zoos ist die Motivation der Kinder am höchsten, sie wollen nun endlich das Tier ihrer Wünsche erleben. Erleben heißt aber nicht nur sehen sondern auch hören, riechen und eventuell anfassen. Zu Beginn des Rundganges im Zoo ist es an der Zeit, die Kinder darauf aufmerksam zu machen möglichst leise durch den Zoo zu gehen, denn mit ein wenig Glück hört man den Löwen brüllen, den Pfau schreien und den Elefanten trompeten. Gerade der Besuch bei den Affen - sie stehen auf der Hitliste der Besucher an erster Stelle - ist in der Regel geprägt durch lautes Kreischen der Kinder, durch ihr Gelächter und das Klopfen an die Scheiben der Gehege. Die Chance dabei die Laute eines Affen zu hören, ist äußerst gering. Affen sind für Menschen und zwar für alle, egal ob alt oder jung, etwas Faszinierendes. Aussehen und Verhalten der Affen erinnern, bei den einen mehr bei den anderen weniger, an uns selbst. Doch Affe ist nicht gleich Affe! Genaueres hinsehen ist angesagt und gerade Kinder im Vorschulalter haben noch den Blick für das Wesentliche. Sie sind nicht "verkopft" wie Gymnasiasten, sondern sehen die Dinge noch wie sie sind. "Vergleichen wir doch einmal die Affen mit uns Menschen, was haben wir Gemeinsames mit ihnen und worin unterscheiden wir uns?" so könnte der Beobachtungsauftrag der Erzieherin lauten.

"Haben alle Affen einen Schwanz? Erkennen wir Fingernägel oder haben sie Krallen, wie ein Hund oder eine Katze? Wie unterscheiden sich Hände und Füße von den unseren? Welche der Affen sind kleiner als Menschen, welche sind größer und wie heißen sie? Bewegen sich alle Affen auf die gleiche Art und Weise fort?" Alle diese Fragen sind Impulse, die zum Hinsehen auffordern und die zu interessanten Entdeckungen führen. Aus dem anfänglich nur "lustigen" Affen wird jetzt ein äußerst "interessanter" Affe. Unterschiede zwischen den einzelnen Arten werden bewußt gemacht. Die Kinder sollen nicht nur verschiedene Affen sehen, sie können unterscheiden lernen, Wichtiges vom Unwichtigen trennen usw.

"Kinder, wir wollen den größten und den kleinsten Affen im Zoo suchen und mal sehen was die beiden noch gemeinsames haben?" könnte ein anderer Auftrag für die Kinder lauten.

Ich bin überzeugt davon, dass auch die Erzieherinnen auf diese Art und Weise noch einiges entdecken, was sie bisher noch nicht gewußt haben, weil sie sich bisher nie solche Fragen gestellt haben.

Auf diese Art eines Zoobesuches werden aus oberflächlichen Konsumenten ganz schnell interessierte Entdecker. Der Besuch im Tiergarten wird zu einem wirklichen Erlebnis, weil wir etwas entdecken, was neu für uns ist. Viele der exotischen Zootiere, sind unseren Kindern vom Fernsehen oder aus Büchern bereits bekannt. Natürlich ist es eine andere Dimension diese Lebewesen nun in natürlicher Größe zu sehen. Vor einer sechs Meter hohen Giraffe zu stehen ist ein beeindruckendes Erlebnis, das einen nachhaltigeren Eindruck hinterläßt als ein noch so guter Tierfilm. Doch es ist schade, wenn wir uns mit dieser einzigen Erfahrung, dass die Giraffe einen langen Hals hat, zufrieden geben.

So sehe ich täglich Gruppen von Kindergartenkindern an dem Gehege der Giraffen vorbeiziehen und die einzige Bemerkung einer Begleitperson besteht darin: "Kinder, schaut mal eine Giraffe, hat die nicht einen langen Hals?" "Ja", antworten die Kinder ohne stehen zu bleiben. Weil Giraffen nur durch ihre Größe und nicht durch spektakuläre Bewegungen oder kräftige Lautäußerungen auf sich aufmerksam machen, ist für viele ein genaueres Betrachten nicht lohnenswert. "No action, no fun", lautet die Devise.

Einer Giraffe, die nur da steht und nichts anderes tut als kauen, braucht man keine gesteigerte Aufmerksamkeit entgegen bringen. Dabei entgeht den meisten ein lohnendes Erlebnis. Wenn ein Tier so häufig und lange kaut, dann muß es doch damit etwas auf sich haben. "Kinder, laßt uns also mal warten, bis die Giraffe aufhört zu kauen!" Sie schluckt dann erwartungsgemäß das Gekaute herunter, was sich an dem langen schlanken Hals gut beobachten läßt. Unser Blick ist noch immer auf den Hals gerichtet, und nur wenige Sekunden später, nach einem unauffälligen "Schluckauf" bewegt sich ein "Knödel" in umgekehrter Richtung am Hals nach oben. Oben angekommen, beginnt die Giraffe wieder zu kauen. Wir haben einen Wiederkäuer entdeckt, und bestimmt möchten die Kinder nun noch stehen bleiben, um das "Runter und Rauf" ein weiteres Mal zu sehen!

Wenn Sie den Kindern vor dem Weitergehen sagen: "Wir wollen auf unserem Spaziergang durch den Zoo einmal besonders auf die Tiere achten, die nur auf der Anlage stehen oder liegen und dabei auffällig oft kauen. Vielleicht entdecken wir noch weitere Wiederkäuer!"

Mit dieser Vorgabe erreichen Sie zwei Dinge. Zum einen lernen Sie und ihre Kinder verschiedene Wiederkäuer kennen, zum anderen lenken Sie die Aufmerksamkeit der Kinder auf das Unspektakuläre, das Unauffällige. Es muß nicht immer nur der brüllende Löwe, die kämpfenden Büffel, der trompetende Elefant oder die laut heulenden Robben sein, die im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen.

Kinder, schon frühzeitig auch für das Unauffällige, Ruhige und vermeintlich Uninteressante zu sensibilisieren, ist eine lohnenswerte Aufgabe in einer Zeit in der überwiegend "events" und "activity" das Interesse der Menschen beherrschen.

Gerade als sich die Gruppe auf den Weg machen will, um nach anderen Wiederkäuern Ausschau zu halten, beginnt die Giraffe sich auch in Marsch zu setzen. Ein Grund, noch ein wenig stehen zu bleiben und ihre langen, schlacksigen Beine in Bewegung zu sehen. Dabei fällt uns auf, dass sie nicht so läuft wie die meisten anderen Tiere. Sie setzt mal die rechten und mal die linken Beine vorwärts, also zwei rechts, zwei links, zwei rechts ...

"Ob wir das wohl nachmachen können?" Wenn ein Kind dem anderen von hinten die Hände auf die Schultern legt und die beiden "Giraffe" spielen, dann müssen sie sich absprechen, ob sie mit dem rechten oder dem linken Bein beginnen, wenn sie so laufen wollen wie die Giraffe es tut. Vielleicht gelingt zwei anderen Kindern so zu laufen, wie ein Pferd, nämlich in der Reihenfolge links vorne, rechts hinten und rechts vorne, links hinten. Nachmachen ist eine spielerische Form von Einprägen, und die Kinder werden eine Menge Spaß dabei haben.

"Mach's wie der Flamingo, steh' auf einem Bein", könnte eine andere Aufforderung zum Nachmachen lauten. "Wer kann von uns am längsten auf einem Bein stehen?" "Geht es besser auf dem linken oder dem rechten Bein?" Der Wettbewerb wird alle Kinder anspornen, sich bei dieser "Nachmach-Übung" zu beteiligen.

Regen sie ihre Kinder zum Sprechen an. Sie sollen sagen, was sie sehen, hören oder riechen. Hierbei geht es um die Erweiterung des Wortschatzes sowie das Erlernen oder Vertiefen der richtigen Begriffe. "Trägt das Tier, das wir gerade sehen, nun Hörner oder ein Geweih, wie nennt man die Haare am Hals des Pferdes oder spricht man beim Affen von einer Hand oder einer Pfote?" könnte eine Frage lauten oder "wie sieht das Fell des Tieres aus, ist glatt oder wuschelig, lang- oder kurzhaarig?" Probieren Sie es einmal selbst, vielleicht stellen Sie fest, dass Sie auch nicht die richtige Bezeichnung für das eine oder andere Körperteil wissen.

Das Riechen ist schon mehrmals erwähnt worden. Gerade in den Tierhäusern ist ein mehr oder weniger intensiver Stallgeruch wahrzunehmen. Die Kinder, vor allem ältere, neigen dazu, sich schnell die Nase zu zu halten, um den unangenehmen Gestank nicht riechen zu müssen. Versuchen Sie, den Kindern verständlich zu machen, dass Gerüche nun einmal in der Natur dazu gehören. Natürlich unterscheiden wir wohlriechende Düfte und übelriechenden Gestank, doch letzterer ist bei Tieren in der Regel selten. Meist sind es für uns fremde Gerüche, die in einem Stall recht intensiv sein können, vor allen Dingen im Winter bei geschlossenen Türen. Kinder sollen lernen, Gerüche zu akzeptieren, sie als etwas zu nehmen, was bei Tieren mit dazu gehört. Ich erwarte kein begeistertes, tiefes Einatmen verbunden mit der Bemerkung "aah, Elefanten", sondern vielleicht nur den Versuch, die Gerüche einem bestimmten Tier zuzuordnen oder vielleicht dem Futter, wie Heu oder Silage. Natur ist immer mit Geruch verbunden, ob auf der Wiese, im Wald, am Wasser oder im Zoo, und ohne diese Erfahrung werden wir im späteren Leben nur die von uns Menschen geschaffene sterile, künstliche Welt akzeptieren und nicht die Realität unserer Umwelt.

Zusammenfassung

Mit Kindern den Zoo erleben, heißt Erfahrung sammeln mit Kopf, Herz und Hand. Dies erfordert eine gezielte Vorbereitung auf den Zoobesuch und soll sich nicht nur auf ein planloses Laufen von Gehege zu Gehege beschränken. Besuchen Sie nur wenige Tiere aber bleiben Sie bei diesen lange stehen, um sie gründlich zu beobachten und sie multisensorisch zu erleben. Zwischen den Beobachtungen muß man Pausen einlegen, um den soeben gewonnenen Eindruck nicht mit dem nächsten zu verwischen. Es ist ein verkehrter Ansatz bei einem Zoobesuch möglichst viele Tiere sehen zu wollen, denn dies führt automatisch zum Konsumieren. Um die Erlebnisse zu vertiefen und nachhaltig werden zu lassen empfiehlt es sich, wenn möglich, das eine oder andere Verhalten der Tiere nachmachen zu lassen. Eine Nachbereitung des Besuchs im Zoo ist in jedem Falle sinnvoll. Wie wär's mit der Zubereitung eines "Affensalates" nachdem wir gesehen haben, was die Affen im Zoo am liebsten mögen? Die Einbettung des Zoobesuches in ein Projekt zum Thema "Wir lernen fremde Tiere kennen" halte ich für sehr empfehlenswert. Viel Spaß, bei Ihrem nächsten Ausflug in den Zoo, egal ob Sie ihn mit oder ohne Kinder besuchen.

Biografie

Peter-Klaus Beyer, geb. 1941, ist Realschulkonrektor und seit 1987 als Leiter der Münchner Tierparkschule Hellabrunn tätig. Seine zoopädagogische Tätigkeit reicht von täglichen Unterrichtsgängen mit Schülern im Tierpark Hellabrunn über Fortbildungsveranstaltungen für Lehrer aller Schularten , Facharbeitsbetreuungen von Kollegiaten bis zur Ausbildung von Lehramtsstudierenden. Seit 1991 ist er Lehrbeauftragter an der Ludwigs-Maximilians Universität in München sowie als Dozent am Päd. Institut der Landeshauptstadt München und an der Akademie für Lehrerfortbildung in Dillingen tätig. Mit seiner fachlichen Beratung entstand 1997 im Rahmen des Projektes "Sinnenreich für Kinder" die Broschüre " Sinnenreich - Tierpark" für Münchner Kindergärten. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen in Fachzeitschriften und Mitautor in verschiedenen Büchern des Fachbereichs Biologie.