Weiterhin Mittelmaß: Zur Qualität frühkindlicher Betreuung

Martin R. Textor

 

Ende April 2012 wurden erste Ergebnisse der "Nationalen Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit" (NUBBEK) vorgelegt. Bei dieser Studie wurden 1.242 Zweijährige (davon 315 mit Migrationshintergrund) und 714 Vierjährige (davon 213 mit Migrationshintergrund) untersucht, von denen 446 in Kindergartengruppen, 377 in Krippengruppen, 455 in weit altersgemischten Gruppen, 240 in Kindertagespflege und 438 in Familien betreut wurden (in Krippen, Tagespflege und Familien wurden ausschließlich Zweijährige erfasst). Dabei wurden ganz unterschiedliche Methoden wie Interviews, schriftliche Fragebögen, Tests und Beobachtungen eingesetzt.

Das Durchschnittsalter bei Eintritt in die Tagespflege lag bei 13 Monaten, bei Eintritt in die institutionelle Betreuung bei 27 Monaten. Eltern mit Migrationshintergrund nutzten die Kindertagespflege so gut wie nicht und meldeten ihre Kinder später in Tageseinrichtungen an als deutsche Eltern. So lag das Eintrittsalter bei den untersuchten vierjährigen Kindern mit russischem Migrationshintergrund bei 31 Monaten und bei denen mit türkischem Hintergrund bei 35 Monaten.

Hinsichtlich der Strukturqualität zeigten die NUBBEK-Ergebnisse "eine bemerkenswerte Variabilität in den Rahmenbedingungen der verschiedenen Betreuungsformen. Zusätzlich ist jeder Betreuungstypus durch eine beachtliche Heterogenität gekennzeichnet, die sich in hohen Standardabweichungen der Merkmalsausprägungen ausdrückt" (Tietze et al. 2012, S. 8). Die Rahmenbedingungen waren für Zweijährige günstiger in den Krippen- als in den weit altersgemischten Gruppen.

Für die pädagogische Prozessqualität, die mit der revidierten Kindergarten-Skala und ihren Zusatzmerkmalen (KES-RZ), der revidierten Krippen-Skala (KRIPS-R) und der revidierten Tagespflege-Skala (TAS-R) gemessen wurde, ergab sich folgendes Ergebnis: "Jeweils über 80 Prozent der außerfamiliären Betreuungsformen liegen ... in der Zone mittlerer Qualität (Werte zwischen 3 und 5). Gute pädagogische Prozessqualität kommt dabei in jedem der Betreuungssettings in weniger als 10 Prozent der Fälle vor; unzureichende Qualität dagegen - mit Ausnahme der Tagespflege - in zum Teil deutlich mehr als 10 Prozent der Fälle (...). In der auf die Bildungsbereiche Literalität, Mathematik, Naturwissenschaft und interkulturelles Lernen bezogenen KES-E kommen über 50 Prozent der untersuchten Kindergarten- und altersgemischten Gruppen in den Bereich unzureichender Qualität zu liegen" (Tietze et al. 2012, S. 8).

Die pädagogische Prozessqualität war höher in westdeutschen Kindertageseinrichtungen. Sie war niedriger in weit altersgemischten Gruppen im Vergleich zu Krippen- und Kindergartengruppen. Die Prozessqualität war höher bei offener Arbeit, wobei dieses Forschungsergebnis nicht für Gruppen mit Kindern im Krippenalter gilt. Sie war niedriger bei einem höheren Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in der Gruppe.

Ein Vergleich der Werte zur Qualität von Kindergärten in NUBBEK mit solchen von Mitte der 1990er Jahre ergab, dass sich in gut 15 Jahren die pädagogische Prozessqualität nicht verändert hat. Und so gilt das erschreckende Ergebnis von damals noch heute - dass die Entwicklungsunterschiede bei Kindern, die auf die pädagogische Qualität im Kindergarten zurückgeführt werden können, im Extremfall einem Altersunterschied von einem Jahr entsprechen (Tietze 1998).

Wie schon bei früheren Untersuchungen (z.B. Tietze/ Roßbach/ Grenner 2005) wurde auch bei NUBBEK festgestellt, dass der Bildungs- und Entwicklungsstand der Kinder stärker von Familienfaktoren als von Charakteristika der außerfamiliären Betreuung geprägt wird: "Die Zusammenhänge mit den Familienmerkmalen sind z.T. um ein Vielfaches stärker als die mit den Merkmalen der außerfamiliären Betreuung" (Tietze et al. 2012, S. 11).

Kommentar

Ab Mitte der 1990er Jahren wurden viele Maßnahmen zur Verbesserung der Qualität frühkindlicher Bildung in Kindertageseinrichtungen und Tagespflege initiiert. Sie reichten von der landesweiten Verbreitung von Bildungsplänen durch die Bundesländer über die Nationale Qualitätsinitiative bis hin zur Einführung von Qualitätssicherungsverfahren durch die Träger von Kindertagesstätten. Ferner wurden z.T. landesweite Fortbildungs- und Qualifizierungskampagnen für Erzieher/innen und Tagespflegepersonen durchgeführt. All diese Maßnahmen scheinen einfach verpufft zu sein - die Qualität der außerfamiliären Betreuung ist weiterhin nur Mittelmaß. So bleibt Wissenschaftler/innen wie vor 15 Jahren nicht weiter übrig als erneut zu fordern, "dass der quantitative Ausbau der Kinderbetreuung durch nicht minder intensive Anstrengungen zur Verbesserung der pädagogischen Qualität begleitet werden muss" (Pressemitteilung von NUBBEK vom 26.04.2012).

Literatur

Tietze, W. (Hrsg.): Wie gut sind unsere Kindergärten? Eine Untersuchung zur pädagogischen Qualität in deutschen Kindergärten. Weinheim, Basel: Beltz 1998

Tietze, W./Becker-Stoll, F./Bensel, J./Eckhardt, A.G./Haug-Schnabel, G./Kalicki, B./Keller, H./Leyendecker, B. (Hrsg.): NUBBEK. Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit. Fragestellungen und Ergebnisse im Überblick. www.nubbek.de/media/pdf/NUBBEK%20 Broschuere.pdf (04.05.2012)

Tietze, W./Roßbach, H.-G./Grenner, K.: Kinder von 4 bis 8 Jahren. Zur Qualität der Erziehung und Bildung in Kindergarten, Grundschule und Familie. Berlin, Düsseldorf, Mannheim: Cornelsen Verlag Scriptor 2005