Aus: Verkehrszeichen, Heft 4/2010, www.verkehrszeichen-online.de/vz.htm

Der Pedibus ist keine sinnvolle Form den Schulweg zu gestalten und sollte nicht gefördert werden

Marco Hüttenmoser

 

Der in letzter Zeit vom Bundesamt für Gesundheit und von verschiedenen Kantonen sowie Verkehrsclubs geförderte Pedibus muss scharf kritisiert werden. Unter Pedibus versteht man, dass eine oder zumeist zwei erwachsene Personen die Kindergarten- und Schulkinder eines Einzugsgebiets an einem bestimmten Ausgangspunkt sammeln und von dort in den Kindergarten oder die Schule begleiten. Verbreitet ist auch, dass man dazu ein Seil benutzt, an dem sich die Kinder auf dem Weg halten. Die Befürworter des Pedibus argumentieren vor allem damit, dass die Begleitung der Kinder in den Kindergarten und in die Schule mit dem Auto in den letzten Jahren stark zugenommen habe. Der Pedibus wirke diesem Trend entgegen. Der Pedibus, so wird weiter argumentiert, sei geeignet, die Kinder in die Gefahren des Straßenverkehrs einzuführen, und fördere den selbstständigen Umgang mit dem Straßenverkehr. Nicht zuletzt, so argumentieren vor allem das Bundesamt für Gesundheit und verschiedene Kantone, fördere der Pedibus das Gehen zu Fuß und helfe mit, Bewegungsmangel und Übergewicht bei den Kindern abzubauen.

Gegen den Pedibus sprechen zahlreiche Argumente:

a) Statistik

Die Anzahl Schulkinder, die mit dem Auto in die Schule gefahren werden, hat gemäß Mikrozensen 1994, 2000, 2005 nicht zugenommen (www.langsamverkehr.ch; Sauter 2010). Die Analyse von Grize et al. 2010 (www.ijbnpa.org/content/7/1/28), die zu einem andern Ergebnis kommt, geht, wie Daniel Sauter (2010) nachgewiesen hat, von falschen Voraussetzungen aus.

Die Kinder werden oft aus praktischen Gründen in die Schule gefahren (Länge des Schulweges, Wetter, gleichzeitiges Einkaufen etc.), und dies erfolgt entsprechend unregelmäßig (IKAÖ: Der Verkehr aus der Sicht der Kinder, Version vom 14. Oktober 2009).

Dies spricht gegen den Pedibus. Beim sehr hohen Anteil an Kindern, die in der Schweiz zu Fuß oder mit dem Fahrrad in die Schule gehen (gegen 80 Prozent) wirken Maßnahmen wie Pedibus eher kontraproduktiv: Das heißt, es werden Kinder begleitet, die zuvor zumindest teilweise selbstständig zu Fuß in den Kindergarten oder die Schule gingen, oder solche, die dazu ohne weiteres fähig sind.

b) Entwicklungspsychologische Argumente

Die große Bedeutung des Schulweges besteht darin, dass Kinder selbstständig in den Kindergarten oder in die Schule gehen. Im Idealfalle erfolgt dies gemeinsam mit anderen Kindern. Nur so ist es möglich, dass Kinder vielfältige Umwelterfahrungen machen, Tiere und Pflanzen beobachten, mit andern Kindern diskutieren, streiten und Konflikte lösen, fremden Erwachsenen begegnen etc. Kurz, sich auf kindliche Art intensiv und unvoreingenommen mit der ihnen begegnenden Umwelt auseinandersetzen.

Im Rahmen des Pedibus bestehen Zeitvorgaben und klare Ziele, die dem einzelnen Kind eine intensive Hingabe an seine Umwelt nicht erlauben. Dazu kommt die große Verantwortung der begleitenden Erwachsenen. Sie führt dazu, dass sich die Kinder auf den Weg und die Gefahren des Straßenverkehrs konzentrieren müssen.

Das gleiche gilt bezüglich der vielfältigen sozialen Kontakte. Wenn Kinder unterwegs sind, bilden sie oft verschiedenartige kleine Gruppen, in denen intensiv diskutiert wird. Man steht im Kreis zueinander, springt einander nach, versteckt sich hinter anderen oder hinter Objekten, streitet miteinander und versucht selbstständig die Konflikte wieder zu lösen. Derartiges Verhalten wird durch die begleitenden und ständig auf Sicherheit bedachten Erwachsenen radikal unterbunden.

Der Pedibus wirkt der kindlichen Selbstständigkeit, die für den Schulweg typisch und für die Entwicklung der Kinder von großer Bedeutung sind, entgegen, ja verunmöglicht deren Entfaltung.

c) Bewegungsmangel und Übergewicht

Die derzeit intensive Förderung des Pedibus durch das Bundesamt für Gesundheit und verschiedene Kantone ist darauf zurückzuführen, dass man im Pedibus ein geeignetes Mittel sieht, die Bewegung der Kinder zu fördern und damit die starke Zunahme von Übergewicht bei Kindern anzugehen (www.swissbalance.ch; Kanton Zürich: www.leichter-leben-zh.ch).

Nun ist es gewiss richtig, das zu Fuß gehen zu fördern. Dies sollte aber nicht im Rahmen von Pedibus erfolgen, sondern durch verkehrstechnische Maßnahmen. Die große Bedeutung des Schulweges liegt im sozialen Bereich sowie im Bereich der Umweltwahrnehmung. Was die Bewegungsförderung betrifft, so wird der Schulweg überschätzt: Zweimal oder auch viermal pro Tag in die Schule und nach Hause zu schlendern, bringt bewegungsmäßig wenig und von einer Gewichtsabnahme durch das zu Fuß in die Schule gehen kann schon gar nicht die Rede sein.

Weit wichtiger wäre die Förderung eines kinderfreundlichen Wohnumfeldes. Können Kinder die nähere Umgebung selbstständig erreichen, spielen sie dort in der Freizeit bei weit intensiveren motorischen Aktivitäten vier Stunden und länger. Von größter Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Einrichtung guter Begegnungszonen auf Quartierstraßen.

c) Verkehrserziehung

Es wird darauf hingewiesen, dass der Pedibus die Kinder in die Gefahren des Straßenverkehrs einführen würde, d.h. man würde auf dem Weg Verkehrserziehung betreiben. Dies muss als Utopie bezeichnet werden. Wenn eine oder zwei Mütter resp. andere Erwachsene eine Gruppe von 6 bis 10 Kinder sicher zur Schule oder in den Kindergarten bringen müssen, so bestehen andere Prioritäten als den Kindern zu erklären, wie der Straßenverkehr funktioniert und wie man diese Gefahren angehen kann. Die Pedibusführer/innen haben weder die Zeit noch die Möglichkeit, wie dies etwa bei der Verkehrsinstruktion der Fall ist, mit den Kindern bestimmte Situationen - z.B. das Begehen eines Fußgängerstreifens - einzeln zu üben. Der Pedibus hat insofern auch keine Zukunft: Die Kinder lernen den selbstständigen Umgang mit dem Straßenverkehr nicht, und es gibt auch keinen Zeitpunkt, an dem man sagen könnte, so jetzt ist es soweit und die Kinder können allein gehen. Selbst der Australier David Engwicht (o.J.), der Erfinder des Pedibus, bezeichnet diesen heute als Sackgasse!

d) Sozialpolitische Aspekte

Gewichtige sozialpolitische Argumente sprechen ebenfalls gegen den Pedibus. Einmal mehr werden bei Problemen, deren Ursachen im Straßenverkehr liegen, die Frauen und Mütter bemüht. Deren "unerschöpfliche Liebe zum Kind" und ihre Ängste um das Leben der Kinder werden gezielt missbraucht.

f) verkehrspolitische Argumente

Pedibus ist gewiss ein Vorgehen, das mögliche Verkehrsunfälle verhindert. Noch stärker auf den Rückgang der Verkehrsunfälle als dies der Pedibus oder ein ständiges "an die Hand nehmen" der Kinder bewirken, lässt sich nur noch durch das weit verbreitete Einsperren der Kinder in der Wohnung erreichen. Diese Art von Sicherheit hat allerdings den hohen und nicht akzeptablen Preis einer völlig ungenügenden Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit (Wahrnehmung, Motorik, Selbstständigkeit etc.).

e) Verhinderung wirksamer Maßnahmen im Straßenverkehr

Die Behörden, jede Gemeinde hat die Pflicht, die Wege im Quartier so zu gestalten, dass die Kinder sich im Freien selbstständig bewegen und schon früh nahe Ziele selbstständig erreichen können. Ein kinderfreundliches Wohnumfeld ermöglicht es den Eltern, ihre Kinder in die Gefahren des Straßenverkehrs einzuführen. Mit dem Alter von vier bis fünf Jahren muss ein Kind die Möglichkeit haben, den Kindergarten und später die Schule eigenständig zu erreichen. Diese Aufgabe obliegt der Gemeinde. Eine Einführung des Pedibus führt nun genau dazu, dass die Gemeinde die Sicherheit der Schulwege vernachlässigt. Wenn die Behörden merken, dass die Eltern die Sicherheit im Straßenverkehr selber an die Hand nehmen und dabei erst noch keine Kosten verursachen, werden sie rasch und gerne auf Maßnahmen zur größeren Sicherheit auf Schulwegen und auf unbeliebte Einschränkungen der Motorfahrzeugfahrer und -fahrerinnen verzichten. Pedibus sei Dank!

Literatur

Engwicht, D.: Is the Walking Bus stalled in an evolutionary cul-de-sac? o.J., www.creative-communities.com/wp-content/uploads/downloads/2010/08/Stalled.pdf

Sauter, D.: Wie viele Kinder werden tatsächlich mit dem Auto zur Schule gefahren? Manuskript vom 27.05.2010, siehe: www.kindundumwelt.ch/de/_files/Netzwerk10PedibusSauter.pdf

Sauter, D.: Mobilität von Kindern und Jugendlichen. Fakten und Trends aus den Mikrozensen zum Verkehrsverhalten 1994, 2000, und 2005, Materialien Astra zum Langsamverkehr Nr. 115, Bern 2008, www.langsamverkehr.ch

Autor

Marco Hüttenmoser vertritt das Netzwerk Kind und Verkehr, www.kindundumwelt.ch/de/netzwerk_kindundverkehr.htm