Ein mathematisches Bilderbuch als Gesprächsanlass für Mathematik im Kindergarten

Anja Fried und Barbara Schmidt-Thieme

 

Seit der Einführung der Bildungspläne für den Kindergarten in den einzelnen Ländern steht es fest: Kinder sollen mathematische Erfahrungen machen! Mittlerweile gibt es unterschiedliche Konzepte, dieser Forderung gerecht zu werden. Stephanie Schuler (2008) teilt diese in die drei Kategorien Integration in den Alltag, punktuell einsetzbares Material und den Lehrgang ein. Innerhalb eines Lehrgangs sind Inhalte, Methoden und Materialien für eine feste Zeitspanne vorstrukturiert. Das punktuell einsetzbare Material sind Gegenstände, die potentiell für die Veranschaulichung von Mathematik geeignet sind. Diese können bei Bedarf genutzt werden, um mathematische Erfahrungen zu initiieren.

Um Mathematik in den Alltag zu integrieren, müssen die Erwachsenen mit offenen Augen durch die Lebenswelt der Kinder streifen, denn Kinder beschäftigen sich sehr häufig mit mathematischen Inhalten, ohne sie als solche wahrzunehmen. Beispielsweise kann das Tischdecken eine mathematische Erfahrung darstellen: Die Kinder müssen in einer Eins-zu-eins-Zuordnung je einen Teller, eine Gabel usw. für jedes Kind bereitlegen. Hierbei kann es je nach Kompetenz verschiedene Strategien nutzen: Entweder das Kind holt jedes Gedeck pro Kind, oder es zählt die Kinder und dann anschließend das Geschirr ab. Für die Umgebungsgestaltung im Kindergarten ist es wichtig, dass Erzieher/innen erkennen, welche Situationen oder Gegenstände mathematisches Potential besitzen und zur Unterstützung genutzt werden können. Weiterhin ist es von Bedeutung, dass die Kinder in ein Gespräch über diese Inhalte verwickelt werden und dabei ihr mathematisches Tun reflektieren.

Letzteres wurde in einer Fortbildung für Erzieher/innen am Institut für Mathematik und Angewandte Informatik an der Universität Hildesheim mit Hilfe eines mathematischen Bilderbuchs zu trainieren versucht. Das mathematische Bilderbuch enthält Fotos von Kindern, die sich in ihrem Lebensalltag in irgendeiner Weise mit Mathematik beschäftigen.

Die ursprüngliche Idee stammt aus der Mathematikdidaktik der Universität Oldenburg (zur Veranschaulichung gibt es eine Veröffentlichung, in der solche Bilder zusammengestellt sind: Peter-Koop/ Grüßing 2007). Dort wurden Eltern veranlasst, innerhalb eines Zeitraums von drei Monaten Fotos von ihren Kindern zu machen, wenn sich diese im weitesten Sinne mit Mathematik beschäftigen. Diese Bilder wurden gesichtet, sortiert und mit den Kindern besprochen, denn einige Bilder erhalten ihren "mathematischen" Wert erst, wenn die Kinder erklären, was dort gemacht wurde (vgl. Peter-Koop 2006). Innerhalb dieses Gesprächs werden die Kinder angeregt, über die mathematischen Inhalte zu sprechen. Hier kann der Anfang liegen, um weitere mathematische Erfahrungen zu verankern. Die Situation wird zurück ins Gedächtnis gerufen und kann durch ein angeleitetes Gespräch in den Mittelpunkt gerückt werden. Eine besondere Motivation für die Kinder entsteht durch das Wiedererkennen der eigenen Person bzw. von Freunden auf den Fotos.

Im Masterarbeitsprojekt der Studentin Farina Grote wurde die Grundidee für den Kindergarten modifiziert. Ziel war es, die Mathematik aus dem Alltag für die mathematische Bildung im Kindergarten zu nutzen. In einer sechswöchigen Beobachtungsphase in einer niedersächsischen Einrichtung entstanden viele Fotos von Kindern in mathematischen Situationen.

Das speziell für diese Einrichtung angefertigte Bilderbuch ist in die fünf Inhaltsbereiche Zahlen und Operationen, Raum und Form, Muster und Strukturen, Größen und Messen sowie Daten, Häufigkeiten und Wahrscheinlichkeiten eingeteilt. Die einzelnen Bilder wurden dementsprechend diesen Bereichen zugeordnet. Um den Einsatz des Buches zu erleichtern und den Erzieher/innen Hilfestellungen zu geben, gibt es eine strukturierte Aufteilung der Seiten. Links sind tabellarisch Erklärungen, mögliche Fragen, mögliche Übungen, Anmerkungen und Platz für eigene Ideen vorgegeben. So kann man bei der Betrachtung der rechten Seite, die mit den Fotos gefüllt ist, das mathematische Hintergrundwissen im Blick behalten.

Damit dieses Wissen um die Nutzbarkeit von Alltagsmathematik und einem leicht erstellbaren Material nicht im Regal verstaubt, wurde Anfang 2010 eine Fortbildung für Erzieher/innen initiiert, in der diese jeweils ein Bilderbuch erstellten. Die Fachkräfte diskutierten und verarbeiteten solche selbstgemachten Fotos. Insgesamt wurde das Gelernte von den Erzieher/innen als nutzbares Wissen beschrieben. Sie wollten das Buch einsetzen und gingen mit einem geschärften Blick zurück in ihre Einrichtungen.

Um so ein mathematisches Bilderbuch herzustellen, gilt es als erstes die erstellten Bilder aus dem Alltag zu sichten und in einzelne Bereiche einzuordnen. Notizen zu den Situationen oder Gedanken sind später hilfreich. Anschließend müssen die Fotos nur noch eingeklebt werden, und das Buch ist einsetzbar. Dies kann auf verschiedene Art und Weise passieren: Entweder es wird aus der Motivation des Kindes heraus betrachtet oder die Erzieherin bzw. der Erzieher regt eine Situation an, in der das mathematische Bilderbuch eine Rolle spielt. In beiden Fällen ist es wichtig, dass die Kinder Spaß an der Betrachtung der Bilder und weiteren Übungen oder Ähnlichem haben.

Grundsätzlich bietet das mathematische Bilderbuch eine gute Einstiegsmöglichkeit für mathematische Grundbildung im Kindergarten. Von dort aus können Gespräche, Erkundungen und Spiele mit Material von Erzieher/innen angeregt werden. In der Erprobung innerhalb des Masterarbeitsprojekts stellte sich heraus, dass man mit einer kleinen Gruppe von Kindern besser arbeiten kann. Die Kinder benötigen einen guten Blick auf die Bilder, um die Inhalte richtig zu erfassen.

Insgesamt ist deutlich geworden, dass Mathematik im Kindergarten nicht künstlich erzeugt werden muss. Die Kinder machen mathematische Erfahrungen im Alltag, die genutzt und mit den Erzieher/innen reflektiert werden können. Ein mathematisches Bilderbuch, d.h. ein Fotoalbum von Kindern, die in ihrer Lebenswelt Mathematik erfahren, ist mit einfachen Mitteln leicht herstellbar. Eine Vorlage finden Sie unter: http://www.uni-hildesheim.de/index.php?id=3031

Literatur

Peter-Koop, Andrea (2006): Mathematische Bilderbücher - Kooperation zwischen Elternhaus, Kindergarten und Grundschule. In: Grüßing, Meike/Peter-Koop, Andrea (Hg.): Die Entwicklung mathematischen Denkens in Kindergarten und Grundschule: Beobachten - Fördern - Dokumentieren. Offenburg: Mildenberger, S. 150-159.

Peter-Koop, Andrea/Grüßing, Meike (2007): Mit Kindern Mathematik erleben. Velber: Lernbuch Verlag.

Schuler, Stephanie (2008): Was können Mathematikmaterialien im Kindergarten leisten? - Kriterien für eine gezielte Bewertung. In: Vásárhelyi, Eva (Hg.): Beiträge zum Mathematikunterricht 2008. Vorträge auf der 42. Tagung für Didaktik der Mathematik vom 13.03.2008 bis zum 18.03.2008 in Budapest. Münster: Martin Stein Verlag, S. 721-724.

Autorinnen

Anja Fried ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Barbara Schmidt-Thieme Professorin für Mathematik Lehren und Lernen am Institut für Mathematik und Angewandte Informatik der Universität Hildesheim.