Raster für die Entwicklung einer Konzeption für Kindertagesstätten

Heike Baum

 

Man sollte Kindern lehren, ohne Netz auf einem Seil zu tanzen,
bei Nacht allein unter freiem Himmel zu schlafen,
in einem Kahn auf das offene Meer hinaus zu rudern.
Man sollte sie lehren, Luftschlösser statt Eigenheime zu erträumen,
nirgendwo sonst, als im Leben zu Hause zu sein
und in sich Selbst Geborgenheit zu finden.
Hans-Herbert Dreiske

Was ist eine Konzeptionsentwicklung?

Konzeption bedeutet soviel wie einen Text, eine Idee zu verfassen. Das Wort selbst leitet sich vom lateinischen concipere ab. Im Hinblick auf die Konzeption einer Kindertagesstätte lässt sich die Konzeption vielleicht so umschreiben: Die (Weiter-) Entwicklung und die Verschriftlichung der pädagogischen Haltung, der Vorgehensweisen und der Alltagshandlungen der pädagogischen Mitarbeiter/innen. Es wird beschrieben, dass alles, was in der Kita passiert, von den pädagogischen Fachkräften durchdacht und gewollt ist. Also auch was unerwartet passiert, kann von den Erzieher/innen pädagogisch begründet werden. Die Themen, welche in einer Konzeption aufgenommen werden können, reichen von A wie Aufnahme der Kinder bis zu Z wie Zusammenarbeit im Team.

Die Konzeptionsentwicklung ist mit der Qualitätsentwicklung eng verbunden. Wir könnten sogar sagen: Wer an einer Konzeptionsentwicklung arbeitet, ist immer auch in einem Qualitätsentwicklungsprozess und umgekehrt. Sowohl die Qualitätsentwicklung als auch die Konzeptionsentwicklung sind ein nie endender Prozess.

Von der Idee zur Konzeption

Die Konzeptionsentwicklung kann für ein Team als Chance genutzt werden, sich pädagogisch neu zu orientieren und die bisherigen Haltungen zu überprüfen. So geht es nicht darum, den Status Quo schriftlich festzuzurren, sondern vielmehr dem Team die Möglichkeit zu geben, sich im Sinne von Qualitätsentwicklung weiterzuentwickeln.

Die Konzeptionsentwicklung ist ein Prozess, der viel Zeit und inneren Raum braucht, um Altes zu überdenken, sich mit aktuellem theoretischen Wissen auseinander zu setzen und um Neues zu entwickeln (zwei bis drei Jahre sind durchaus normal).

Sinnvoll ist es, ein Thema aus der unten aufgeführten Liste herauszunehmen, sich theoretisch mit aktuellen Texten zu diesem Thema zu beschäftigen und in einer Art Zukunftswerkstatt die Ideen zu sammeln, die es im Team zu diesem Thema gibt. Themen, welche sich gut für den Einstieg in die Konzeptionsentwicklung eignen, sind die Raumgestaltung oder die Tagesstruktur - dies jeweils im Kontext dessen, was die Fachwelt heute über gelingende Bildungsprozesse bei Kindern weiß. Bei beiden dieser Themen wird ein Team automatisch zu den pädagogischen Kernthemen kommen und sich damit erst einmal mit der pädagogischen Basis auseinander setzen müssen.

Wir wissen heute, dass die Rahmenbedingungen in Kitas das A und O von kindlicher Entwicklung und Bildung sind. Ich selbst bin der festen Überzeugung, dass aufgrund dieser Erkenntnisse sich jedes Team mit der funktionsraumbezogenen und situationsorientierten Pädagogik auseinander setzten muss. Dies führt meiner Erfahrung nach in den Teams zu folgenden "Leitsätzen":

  • Eine gute Bindung ist eine wichtige Basis für gelingendes Explorationsverhalten.
  • Nur wenn Erzieher/innen regelmäßig, systematisch und intensiv das Tun der Kinder beobachten, können sie den Kindern angemessene Interventionen anbieten und die Raumgestaltung den Bildungsinteressen der Kinder anpassen.
  • Kinder brauchen Bildungsräume (auch der Garten ist ein [Funktions-] Raum), die angemessen ausgestattet sind und in deren Summe sehr viel Raum für Bewegung ist.
  • Kinder brauchen so viel wie möglich selbst gestaltete Bildungszeit (auch Freispiel genannt), in der sie sich Themen, Spielpartner, Raum und den zeitlichen Rahmen selbst auswählen können. Diese selbst gestaltete Bildungszeit sollte nach Möglichkeit weder mit Angeboten von Seiten der Erzieher/innen noch durch sonstige Aktivitäten unterbrochen werden.
  • Lebendige Pädagogik lebt von vielseitiger Partizipation. Kinder, die selbst- und mitbestimmen dürfen, sind aktive Bildungspartner.

Wer macht die Konzeption mit wem?

In erster Linie natürlich das Team mit seiner Leitung. In manchen Teams ist es sinnvoll, sich zur Begleitung der Konzeptionsentwicklung jemanden von außen dazu zu holen. Die Fachfrau oder der Fachmann berät das Team, gibt inhaltliche Inputs und moderiert den Prozess. Die Entscheidungen trifft das Team selbst.

Hilfreich ist es, wenn von Anfang an die Eltern und auch der Träger an diesem Prozess partizipieren können. Meine Erfahrung sagt: Je früher die Eltern Informationen erhalten und ihre Bedenken und Fragen äußern können, umso weniger Konflikte gibt es dann bei der Umsetzung.

Oft sind Eltern überrascht, dass Erzieher/innen sich so viele Gedanken über die Arbeit mit ihren Kindern machen, und der Respekt vor den pädagogischen Kompetenzen der Mitarbeitenden wächst.

Ist die Konzeption vom Team fertig gestellt, muss der Träger ihr zustimmen. Danach ist sie für alle pädagogischen Mitarbeiter/innen verbindlich. Das Team kann sich dann gegenüber Dritten auf die Konzeption berufen.

Wie geht es konkret?

Vor der Verschriftlichung der Konzeption sollte klar sein, für wen diese geschrieben ist: für die Mitarbeiter/innen, die Eltern, den Träger, die Öffentlichkeit usw. Ist die Konzeption sehr ausführlich geschrieben (was ich hinsichtlich der Klarheit des Inhaltes empfehle) macht es Sinn, für die Öffentlichkeitsarbeit und interessierte Eltern einen Auszug daraus zu drucken. Einige Komplettexemplare sollten aber in der Kita vorliegen, damit Interessenten sie ausleihen können.

Die Textformulierungen sollten deutlich machen, dass das Team die Inhalte der Konzeption auch umsetzen. Wörter wie "wollen", "müssten", "sollten" oder "könnten" sind gänzlich zu vermeiden. Um den Respekt und die Selbstverständlichkeit auch im geschriebenen Text zu verdeutlichen, schreiben Sie zum Beispiel: "In den Funktionsräumen gestalten die Kinder ihre Lernprozesse selbständig" statt: "In den Funktionsräumen dürfen die Kinder ihrer Lernprozesse selbständig gestalten". "Dürfen", "wir bieten die Gelegenheit" usw. impliziert immer die Möglichkeit, dass es verboten werden kann, dass Erzieher/innen die Macht haben. In der Konzeption geht es aber vor allem darum, welche Rechte und welche berechtigten Ansprüche die Kinder haben.

Es ist gut, wenn die Konzeption klar gegliedert und mit Seitenzahlen und dem Erstellungsdatum versehen ist. Werden Texte aus Büchern oder Manuskripten zitiert, sind diese selbstverständlich als Quellen anzugeben.

Es müssen nicht alle Themen in der Konzeption beschrieben werden, sondern es kann auch Verweise geben. Ein Beispiel: "Die pädagogische Ausrichtung der Einrichtung orientiert sich an unserem Leitbild, welches am 01.05.2012 verabschiedet wurde". Oder: "Die Stellenbeschreibung liegt dem Träger und den pädagogischen Mitarbeiter/innen vor. Sie ist für alle pädagogisch Mitarbeitenden verbindlich und kann im Büro der Leiterin eingesehen werden".

Beschreibungen von Rahmenbedingungen, die sich immer wieder verändern, können in die Anlage geheftet und somit bei Bedarf ausgetauscht werden.

Das Inhaltsverzeichnis einer Konzeption könnte so aussehen:

1. Vorwort des Trägers

2. Vorwort der Leiter/in im Namen ihres Teams

3. Die Einrichtung

  • Beschreibung des Sozialraumes
  • Beschreibung der Kindertagesstätte
  • Beschreibung des Auftrages zur Betreuung, Erziehung und Bildung

4. Rahmenbedingungen

  • Beschreibung der Betriebsformen, Betreuungsformen, Platzzahlen, Fachkräfte mit ihrer Qualifikation/ ihrem Schwerpunkt (Anlage)
  • Öffnungszeiten (Anlage)
  • Kosten (Anlage)
  • Aufnahme von Kindern
  • Struktur und Zusammensetzung der Kindergruppen
  • Gesundheitsvorsorge, Krankheit bei Kindern
  • Regeln der Einrichtung
  • Rechtliche Rahmenbedingungen: Kinderrechtskonvention; SGB VIII; KiTaG; Schutzauftrag § 8a SGB VIII
  • Orientierung am Orientierungsplan für Kindertagesstätten in Baden-Württemberg (bzw. an dem Bildungsplan des jeweiligen Bundeslandes)

5. Der Träger

  • Leitbild
  • Selbstverständnis und Selbstverpflichtung des Trägers, warum ist er Träger einer Kita
  • Verständnis von Erziehung, Bildung und Betreuung der Kinder
  • Beschreibung des Lebensumfeldes der Familien
  • Bedarfsermittlung
  • Stellenwert der Erziehung und der Erziehenden; Bewertung der Arbeit im Kontext der heutigen gesellschaftlichen Anforderungen
  • Das Personal: Stellenanzahl, Stellenbeschreibungen, Zusammensetzung, Arbeitszeit, Verteilung der Arbeit mit dem Kind, Teamzeiten, Vorbereitungszeit und Zeit für Elterngespräche usw.
  • Diversity Management; Gender; Interkulturalität/ Intrakulturalität, Inklusion
  • Qualitätsentwicklungsverfahren
  • Zusammenarbeit Team, Leitung, Träger
  • Zielvereinbarungsgespräche und Fortbildungen, Rahmenbedingungen
  • Verständnis von Aufsichtspflicht

6. Die Leiterin/ der Leiter

  • Anforderungen an die Leitung; Arbeitsplatzbeschreibung
  • Zusammenarbeit Team, Träger, Leitung
  • Vertretung
  • Entscheidungskompetenzen, Zuständigkeiten und Weisungsbefugnis
  • Führen und Leiten als Konzept
  • Personalentwicklung
  • Zielvereinbarungsgespräche
  • Pädagogische Verantwortung
  • Fortbildung, Supervision und Qualitätsentwicklung
  • Umgang mit Konflikten
  • Einarbeiten von neuen Mitarbeiter/innen
  • Teambesprechungen: Inhalte, Vorbereitung und Struktur
  • Organisation und Verwaltung
  • Diversity Management; Gender; Interkulturalität/ Intrakulturalität, Inklusion
  • Öffentlichkeitsarbeit

7. Das Team

  • Gemeinsames Verständnis der Teamarbeit
  • Aufgaben in der Verfügungszeit
  • spezielle Aufgaben, die im Team verteilt sind
  • Fortbildungen: Themenfindung, Regelmäßigkeit, Praxistransfer, Supervision
  • Umgang mit Konflikten
  • Umgang mit dem Fremden, Diversity Management; Gender; Interkulturalität/ Intrakulturalität, Inklusion
  • Evaluationen und Qualitätsentwicklung
  • Reflexionszeiten und -methoden der gesamten Arbeit

8. Die Einrichtung als Ausbildungsstätte

  • Warum sich die Einrichtung als Ausbildungsstätte zur Verfügung stellt
  • Konzept zur Anleitung von Praktikant/innen
  • Aufgaben der Praktikant/innen
  • Formen und Formales der Praktika
  • Praktikumsvertrag

9. Das Wirtschaftspersonal

  • Aufgabenbeschreibungen (Reinigungskräfte, Hausmeister...)
  • Hygieneplan

10. Das pädagogische Konzept

  • Vorwort - pädagogischer Grundgedanke
  • Sozialraumanalyse, Situationsanalyse im Hinblick auf das Einzugsgebiet, das Wohnumfeld, die Bevölkerungsstruktur, Angebote für Familien, Lernorte als Orientierung für das Angebot in der Kita
  • Die Pädagogik und ihre Ziele
  • Beschreibung des Verständnisses vom Lernen
  • Selbstverständnis der Erzieherin
  • Der Tagesablauf
  • Die selbst gestaltete Bildungszeit (Freispiel)
  • Die Bildungsbereiche: Körper; Sinne; Sprache; Denken; Gefühl und Mitgefühl; Sinn, Werte, Religion (laut dem Orientierungsplan in Baden-Württemberg)
  • Gesundheitsförderung: Bewegung und Ruhe, Essen und Trinken, Körperpflege etc.
  • Beschreibung der geschlechtersensiblen Pädagogik
  • Das Eingewöhnungskonzept, auch die Eingewöhnung der Dreijährigen aus der Krippengruppe
  • Das Beobachtungs- und Dokumentationskonzept
  • Partizipation der Kinder
  • Teilhabe am gesellschaftlichen Leben
  • Umgang mit dem Fremden, Diversity Management; Gender; Interkulturalität/ Intrakulturalität, Inklusion
  • Konzept der Partizipation von Kindern mit besonderen Bedürfnissen im Alltag
  • Übergang in die Grundschule, Kooperation mit Schulen
  • Die Rechte der Kinder, Gewährleistungspflicht im Rahmen vom Kinderschutz
  • Besonderheiten unserer Kindertagesstätte
  • Verfahren bei Beschwerden der Kinder

11. Besonderheiten der Pädagogik für Kinder unter drei Jahren

  • Die Pädagogik und ihre Ziele
  • Beschreibung des Verständnisses vom Lernen bei Kindern unter drei Jahren
  • Der Tagesablauf
  • Gesundheitsförderung
  • Bewegung und Ruhe
  • Essen und Trinken
  • Beziehungsvolle Pflege/ Körperpflege, Sauberkeitserziehung, Wickelbereich
  • Die selbst gestaltete Bildungszeit (Freispiel)
  • Der Alltag ist Programm; die Bildungsbereiche: Körper; Sinne; Sprache; Denken; Gefühl und Mitgefühl; Sinn, Werte, Religion
  • Das Eingewöhnungskonzept in die Krippe und in die Kita
  • Das Beobachtungs- und Dokumentationskonzept
  • Partizipation der Kinder
  • Umgang mit dem Fremden, Diversity Management; Gender; Interkulturalität/ Intrakulturalität, Inklusion
  • Konzept der Partizipation von Kindern mit besonderen Bedürfnissen im Alltag
  • Teilhabe am gesellschaftlichen Leben
  • Die Rechte der Kinder, Gewährleistungspflicht im Rahmen vom Kinderschutz
  • Verfahren bei Beschwerden der Kinder

12. Glaube (für Kitas mit kirchlichem Träger)

  • Konzept der religiösen Erziehung
  • Anbindung der Kita in der Kirchengemeinde, wo wird diese Gemeinschaft gepflegt?
  • Dialog mit fremden Religionen und Kulturen

13. Die Räume

  • Das Raumkonzept: was, wie und warum (der Garten ist auch ein Funktionsraum)
  • erfolgte Prüfung, dass die Räume den gesetzlichen Richtlinien UKBW, BGBI und den Mindestflächen entsprechen
  • Wie Sicherheitsbestimmungen (UKBW) hinsichtlich der Spielgeräte und der Bepflanzung eingehalten und regelmäßig überprüft werden

14. Erziehungspartnerschaft mit den Eltern

  • Grundverständnis des Miteinanders
  • Erstgespräch
  • Entwicklungsgespräch
  • Beteiligung von Eltern, Partizipation
  • Elternabend
  • Angebote an Eltern
  • Elternbefragungen
  • Gestaltung von Übergängen

15. Elternbeirat

  • Formales, Aufgaben, Rechte und Pflichten, vor allem Schweigepflicht, Protokollierung der Elternbeiratsitzungen
  • Geschäftsordnung (Anhang)

16. Kooperation mit Schule

  • Konzept für den Übergang Kita - Grundschule
  • Kooperation
  • Schuluntersuchungen

17. Weitere Kooperationen

  • Therapeuten, Beratungsstellen usw.
  • Soziale Einrichtungen wie Altenheim etc.
  • Andere Bildungsorte wie Bibliotheken, Theater usw.
  • Andere Institutionen wie Kitas, Kirchengemeinde, Kommunen

Anhang

  • Leitbild
  • eventuell Stellenbeschreibungen
  • Gesetz über Tageseinrichtungen für Kinder (GTS) in Baden Württemberg
  • Beobachtungsbogen
  • Kindergartenheft
  • eventuell weitere Verträge (Eingewöhnung, Fotovereinbarung etc.)
  • Hygieneverordnung
  • usw.

Dieses Raster orientiert sich am Qualitätsentwicklungsverfahren "Quintessenz" des Caritasverbandes der Erzdiözese Freiburg e.V. und am Orientierungsplan für Kindertagesstätten in Baden-Württemberg

Autorin

Heike Baum ist Erzieherin, Spielpädagogin, Gruppendynamikerin, Supervisorin (DGSv) und Balintgruppenleiterin sowie Autorin zahlreicher pädagogischer Bücher. Sie ist seit 21 Jahren freiberuflich tätig. Seit 15 Jahren begleitet sie Kindertagesstätten in ihrer Konzeptionsentwicklung. Heike Baum führt Seminare u.a. im Bereich Elementarpädagogik durch und leitet drei Qualifizierungen:

  • Facherzieher/in für Frühpädagogik
  • Facherzieher/in für Integrations- und Inklusionspädagogik
  • Facherzieher/in für Sprachpädagogik

Weitere Informationen unter www.heike-baum.de