Kindergartenpädagogik
- Online-Handbuch -

Herausgeber: Martin R. Textor

Startseite



Partizipation und Zukunftsfähigkeit

Freya Pausewang

 

Partizipation in der Kindertageseinrichtung ist Demokratie auf Kinderebene. Bei der Vorbereitung auf Demokratie darf es allerdings nicht nur um die Abstimmung von Wunschbefriedigungen der Gruppenmitglieder gehen. In der Zukunft werden materielle Wünsche eingeschränkt werden müssen, denn die Bewältigung der globalen Krisen verlangt schon jetzt nachhaltige und solidarische Grundhaltungen der Menschen, d.h. Reduzierung des Konsums und erweitertes Wir-Gefühl in Richtung globaler Solidarität.

Partizipation als Vorbereitung und Einübung von Demokratie muss deshalb anstreben, dass Kinder nachhaltige und solidarische Werthaltungen in ersten Ansätzen verinnerlichen und dass sie diese zukunftsfähige Grundhaltung bei ihrer Partizipation selbst in Ansätzen einbeziehen. Mit anderen Worten: Zukunftsfähigkeit muss bei gemeinsamen Entscheidungen, d.h. bereits bei der Partizipation im Kindergarten, im Rahmen des frühkindlichen Verständnisses berücksichtigt werden und muss die Entwicklung von Werthaltungen der Kinder beeinflussen.

Absehbare zukünftige Anforderungen an heutige Kinder

Die besorgniserregenden globalen Krisen machen deutlich, dass unser Leben mit dem augenblicklich hohen Konsum und dem übermäßigen Wegwerfverhalten so nicht fortgesetzt werden kann. Die Ressourcen für steigenden Verbrauch sind auf unserem Planeten nicht vorhanden, und die CO2-Emissionen, die durch jede Produktion und jeden Transport entstehen, sind für das Klima nicht mehr tragbar. Die Zukunft wird deshalb einen veränderten Lebensstil verlangen.

Die Veränderungen müssen allerdings keineswegs zu einem unangenehmen Leben führen, im Gegenteil! Konsum ist nicht die einzige und auch nicht die beste Quelle für das Wohlgefühl des Menschen. Anstelle von Haben kann unser Tun weit ausschlaggebender für unsere Lebenszufriedenheit sein - und das auch bereits beim Kind.

Veränderungen sind aber oft mit Ängsten verbunden, sie rufen Unsicherheiten hervor und stellen unbekannte Herausforderungen. Das bedeutet: Die Zukunft braucht starke Menschen, die Hürden nicht scheuen und die bereit sind, sich auf Neues einzulassen und auch Verantwortung zu übernehmen: Gemeint ist Verantwortung auf der Basis von Nachhaltigkeit und von solidarischem Denken und Handeln, und zwar in einer Solidarität, die in globale Richtung weist.

Deshalb ist es notwendig, bereits in der frühen Kindheit den jungen Menschen

  • in der Entwicklung zu einer starken Persönlichkeit zu unterstützen,
  • ihn durch Partizipation auf demokratische Beteiligung vorzubereiten,
  • ihm nachhaltige ethische Maßstäbe zu vermitteln und
  • ihn dabei mit dem Blick auf die Rechte aller Menschen - heutige und zukünftige - für die Bewältigung der beängstigenden globalen Krisen zu stärken.

Das bedeutet: Partizipation muss auch im Kindergarten bereits auf diese zukunftsfähigen Grundeinstellungen aufbauen.

Basisbildung für Zukunftsfähigkeit in der Kindertagesstätte

In der Tagesstätte, in der die meisten Kinder erstmals in Gruppen mit gleichberechtigten Mitgliedern und ohne Schutz der Eltern leben, werden Weichen für ihre Zukunft gestellt. Der Aufbau sozialer Kompetenzen sowie nachhaltige und solidarische Bildung als Kernbereiche für Zukunftsfähigkeit müssen im Zusammenleben der Gruppe einen wichtigen Standort einnehmen. Dafür ist Wohlgefühl in der Gruppe eine helfende Voraussetzung.

Wohlgefühl in der Gruppe und der Aufbau sozialer Kompetenzen

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er braucht die Zugehörigkeit, Anerkennung und Sicherheit in Gruppen. Wohlgefühl in Gruppen macht stark, hilft dem Menschen, sich selbst anzuerkennen und wertzuschätzen und erhöht die Selbstwirksamkeitserwartung (das Zutrauen, selbst etwas bewirken zu können). Das heißt, Wohlgefühl in Gruppen kann Lebensfreude und Glücksgefühle vermitteln. Deshalb trägt das Wohlgefühl in Gruppen deutlich zur Lebenszufriedenheit bei.

Das Gefühl von Zugehörigkeit, Anerkennung und Sicherheit in Gruppen kann es dem Einzelnen erleichtern, eigenständige Gedanken in Gruppen einzubringen und zu begründen, sich anders zu verhalten als die Masse und sich dafür einzusetzen, auch andere Gruppenmitglieder zu unpopulären Vorschläge zu überzeugen. Herausforderungen zu bewältigen, etwa den eigenen Lebensstil zu ändern und Konsum zu reduzieren, wird für die meisten Menschen leichter, wenn sie nicht alleine stehen. Wohlgefühl in der Gruppe ist deshalb eine gute Voraussetzung, um stark zu werden, Herausforderungen zu meistern und gemeinsam Veränderungen anzugehen.

In der Tagesstätte trägt das Freispiel viel dazu bei, wie Kinder sich fühlen. Glücklicherweise wird heute das Einleben der neu angemeldeten Kinder behutsam und einfühlend vorgenommen, sodass Kinder die ersten Gruppenerfahrungen, die sie ohne den Schutz der Eltern erleben, nicht mit Ängsten verbinden. Wenn die Kinder sich dann eingelebt haben, wird aber leider das Freispiel oft wenig betreut und kaum pädagogisch begleitet. Die Kinder bilden sich gegenseitig. Allerdings muss das nicht immer positiv sein. Erzieher/innen werden oft nur dann aufmerksam, wenn es Konflikte unter den Kindern gibt, die laut werden und auffallen. Eine genauere Beobachtung der gegenseitigen Beeinflussung und Bildung könnte manchen Kindern helfen, sich in dem breiten sozialen Lernfeld der Gruppe stabiler zu entwickeln.

In den kleinen Spielgruppen erproben und erweitern die Kinder ihre sozialen Kompetenzen: Sie bringen ihre Gedanken ein, erforschen den Umgang mit Kooperation und Konkurrenz, mit Dominanz und Unterordnung und übernehmen Führung. Dabei müssen sie sich für eigene Rechte einsetzen, aber auch die Rechte anderer Mitspieler anerkennen. Das ist für ein Kind ein schwieriger Prozess, für den es Unterstützung seitens der Erzieher/innen haben sollte. Gruppen sind nicht grundsätzlich gut. Eine kleine Spielgruppe kann Gruppenmitglieder abwerten und auch ausschließen oder in unangenehme Rollen drängen. Einzelne Kinder bleiben vielleicht verschüchtert oder provozieren und können ihre sozialen Kompetenzen nicht angemessen entwickeln, weil sie keinen Ausweg aus ihrer unangenehmen Rolle finden. Wenn sie ein ungünstiges Verhalten angenommen haben, können sie es in eine nächste Gruppe mitnehmen, indem sie dort wieder ähnliche Verhaltensweisen zeigen und entsprechende Reaktionen bei den Gruppenmitgliedern hervorrufen. Deshalb benötigen Kinder auch dann, wenn es sich nicht um auffallende Konflikte handelt, Beobachtung und Bestärkungen von positivem Verhalten.

Leider wird die Bedeutung des Freispiels für die Entwicklung sozialer Kompetenzen und des sozialen Wohlgefühls viel zu oft unterschätzt, auch und vor allem bei den Entscheidungsträgern. Dadurch wird die Personalbemessung für das Freispiel zu niedrig angesetzt. Dass die sozialen Kompetenzen für die Entwicklung des Kindes und sein Starkwerden viel bedeutsamer sind als Sachkompetenzen, wird für die Personalberechnung leider nicht angemessen erkannt.

Nachhaltigkeit

Die Vereinten Nationen (VN) haben 2002 zu einer internationalen Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" in allen Bildungseinrichtungen aufgerufen. Nachhaltigkeit in diesem Sinne meint ein Verhalten des Menschen, das den Planeten so nutzt, dass er nicht ausgebeutet wird, sondern regenerierbar bleibt. Die nachfolgenden Menschen sollen ebenso wie wir Wahlmöglichkeit für ihr Leben vorfinden.

In Deutschland setzt sich die Deutsche UNESCO-Kommission für die Umsetzung dieser Bildungsdekade ein. 2010 hat sie in einer Broschüre dazu aufgerufen, Bildung für nachhaltige Entwicklung auch in den Tageseinrichtungen ernst zu nehmen, weil in der frühen Kindheit und zudem in den ersten Bildungseinrichtungen Weichen gestellt werden: "Zukunftsfähigkeit im Kindergarten vermitteln: Kinder stärken, nachhaltige Entwicklung befördern" (www.bne-portal.de/elementarpaedagogik - hier an dritter Stelle). Darin wird dargestellt, dass Bildung für nachhaltige Entwicklung jedem Einzelnen die Möglichkeit bieten will, sich Werthaltungen, Kompetenzen und Kenntnisse anzueignen, die für eine zukunftsfähige Welt erforderlich sind. In der besonders sensiblen Phase der frühen Kindheit und im Kindergarten als der ersten Bildungseinrichtung muss bereits der Beginn liegen.

Wir-Denken und Solidarität

Für die Bewältigung der globalen Krisen und für das zukünftige Leben auf unserem Planeten muss das Wir-Denken von der kleinen Gemeinschaft, in der der Mensch lebt, hin zu einem globalen Wir-Verständnis, zu globaler Solidarität erweitert werden. Die knapper werdenden Ressourcen führen bereits jetzt zu Wirtschaftskämpfen und auch zu Kriegen um die verbleibenden Bestände. Edgar Morin, ehemaliger Präsident der Europäischen Agentur für Kultur der UNESCO, forderte globale Solidarität bereits 2001 in seinem Buch "Die sieben Fundamente des Wissens für eine Erziehung der Zukunft": "Die einzig wahre Globalisierung, die im Dienste der menschlichen Gattung stände, wäre die des Verstehens, der intellektuellen und moralischen Solidarität der Menschheit" (Morin 2001, S. 126).

Leider werden gerade die ärmeren Erdteile von den Klimakrisen mehr geschädigt als die Industrieländer, die durch ihren hohen Konsum die vorrangigen Verursacher sind. Die Klimaschäden, Überschwemmungen und Dürren sowie die Ausweitung der Wüsten führen bereits jetzt zu zunehmender Not bei den dort lebenden Menschen und zu Klimaflüchtlingen.

Die Forschung weiß bis jetzt noch wenig darüber, wann globale Krisen kippen können, d.h. wann zum Beispiel die Veränderung des Klimas sich verselbständigt und von Menschen nicht mehr beeinflusst werden kann. Deshalb drängt die Veränderung zu weniger Konsum sehr und auch zu sparsamer friedlicher Verteilung der weltweiten Ressourcen einschließlich einer menschenwürdigen Ernährung für alle Menschen.

In Tagesstätten muss es deshalb ein wichtiges Anliegen der Pädagogik sein, das Wir-Denken der Kinder über die Kindergartengruppe hinaus zu erweitern, damit für globale Solidarität erste Grundsteine gelegt werden.

Probleme bei der Umsetzung von Partizipation mit dem Blick auf Zukunftsfähigkeit

In der Ausbildung zur Erzieherin hat Partizipation einen zentralen Standort. In mehreren Bundesländern sollen z.B. die Berufspraktikant/innen in ihrem Jahresabschlussbericht offen legen, wie sie in ihre praktische Arbeit Partizipation einbezogen haben. Das fällt ihnen oft nicht leicht, etwa darzustellen, dass sie ein Thema nicht vorgegeben, sondern die Interessen der Gruppenmitglieder wahrgenommen haben. Noch schwieriger fällt es meist, die Mädchen und Jungen herauszufordern, ihre Wünsche, Kritik und Vorschläge in gemeinsame Vorhaben einzubringen oder in der Reflexion eigene Gedanken und Stellungnahmen zu formulieren. Zugleich muss es den Kindern deutlich werden, dass es ihre eigenen Gedanken und Vorschläge sind, die von der Gruppe umgesetzt werden. Durch dieses Bewusstsein werden sie gestärkt, sich zu beteiligen. Sie wachsen an ihren Ideen und erkennen ihr Recht auf Partizipation und Selbstbestimmung.

Die Kinder zum Mitbestimmen zu veranlassen und anzuleiten, verlangt deshalb einen hohen Einsatz der Erzieher/innen. Dazu gehören vor allem Einfühlung, Geduld und eine geschickte Moderation, bei der die Erzieherin eigene Vorschläge so weit wie möglich zurückhält. Mitbestimmung der Gruppenmitglieder setzt zudem eine Haltung der Pädagog/innen voraus, die Macht abgibt und bereit ist, Vorschläge der Kinder anzunehmen und deren Umsetzung zu riskieren.

Zusätzlich auch noch Zukunftsfähigkeit in die Partizipation einzubringen - und das mit möglich geringer eigener Initiative - bedeutet eine weitere Herausforderung für die Praktikantin und die Erzieherin. Manchmal können Impulse anstelle von Vorschlägen helfen. Kinder könnten die noch vagen Anregungen eines Impulses konkretisieren und den formulierten Vorschlag dann als ihren eigenen wahrnehmen und daran wachsen.

Beispiele:

  • Die Erzieherin breitet für die Kinderkonferenz in der Kreismitte eine alte Plastikdecke aus und leert den Abfallkorb darauf aus. Fällt Euch etwas auf? (Dabei kann es sich z.B. um nicht getrennten Abfall oder auch um wenig genutzten Papieraufwand und sonstige Wegwerfmengen handeln.)
  • In der Kinderkonferenz berichtet die Kleingruppe, die am Vortag im Wald gewesen war, von ihrem Ausflug. Als jemand vom Tümpel berichtet, ergänzt die Erzieherin, dass alle erschrocken waren wegen weggeworfenem Müll. Kinder, die gewohnt sind, dass ihre Ideen aufgegriffen werden, denken vielleicht über Handlungsmöglichkeiten nach und schlagen eine Initiative vor (siehe unten).

Partizipation äußerst sich allerdings nicht nur in Kinderkonferenzen. Partizipation ist eine Grundhaltung, die im Alltag vielfältig zum Ausdruck kommt: in den Regeln, durch breite von Kindern mitbestimmte Spielmöglichkeiten im Freispiel drinnen und draußen, durch die Beiträge der Gruppenmitglieder zur Raumgestaltung, bei den Mahlzeiten, in der Zusammenarbeit mit den Eltern und vielem mehr.

Bei Personalmangel ist es schwierig, Partizipation im Tagesablauf kontinuierlich zu praktizieren und dabei zusätzlich Zukunftsfähigkeit einzubeziehen. Im Stress des Alltags fehlt bei der Personalknappheit oft die Zeit, sich mit diesem Entwicklungsbereich im Team und in der täglichen Gruppenarbeit ausreichend auseinanderzusetzen und kontinuierlich dran zu bleiben. In manchen Einrichtungen wird deshalb Partizipation nur wenig umgesetzt.

Partizipation und Demokratie werden vor allem durch das Tun gelernt und nicht durch das Wissen. Das ist mit ein Grund, dass so früh wie möglich damit angefangen werden muss, Partizipation in den Bildungseinrichtungen umzusetzen. Allerdings darf das eben nicht nur als Bewusstmachung von Kinderwünschen und deren Abstimmung geschehen, sondern als beginnende und motivierende Erfahrung für Kinder, sich ethisch nachhaltig und sozial verantwortlich für Demokratie einzusetzen und sie in Form von Partizipation der Gruppe zu leben.

Beispiele für Partizipation unter Einbezug der Zukunftsfähigkeit

Für manche Teams sind Nachhaltigkeit und die Erweiterung sozialen Denkens hin zu größeren Gemeinschaften und Solidarität ein wichtiges pädagogisches Anliegen, das in den Alltag der Gruppe einbezogen wird und auch bei der Partizipation zum Ausdruck kommt. Andere Teams haben einen Nachholbedarf. Gesellschaftlich scheint sich hinsichtlich Nachhaltigkeit und Ökologie zurzeit endlich etwas zu bewegen: In der Bevölkerung nimmt die Erkenntnis zu, dass Konsum reduziert werden muss. Zum Beispiel werden zahlreiche Städte initiativ: ein fleischloser Wochentag in den Kantinen, Veränderung von Verkehrskonzepten hin zu mehr 30-Stunden-Zonen in ganzen Städten, um Autoverkehr zu minimieren und zu verlangsamen, ausleihbare Fahrräder an Bahnhöfen und vieles mehr. Für ein Team bedeutet das, diesbezüglich wach zu sein und lokale Veränderungen wahrzunehmen. Wenn Kinder solche Gedanken einbringen, sollten Erzieher/innen reagieren können oder sagen, dass sie sich danach erkundigen werden.

Einige nachhaltige und solidarische Verhaltensweisen werden seit längerem in das Gruppenleben von Tageseinrichtungen integriert, etwa die Mülltrennung und die Reduzierung des Wegwerfverhaltens (z.B. Frühstücksdosen anstelle von Papierverpackung). Weitere ökologische Verhaltensweisen kommen langsam dazu, beispielsweise die Verminderung des Fleischkonsums bei der Zusammenstellung des Speisenplans für das Mittagessen.

Berücksichtigung von Nachhaltigkeit

Nachhaltig gezieltes Verhalten bedeutet, dass auf manche Dinge verzichtet werden muss, etwa auf großzügigen Verbrauch von Energie oder Konsum, auf bestimmte Lebensmittel mit weitem Transport oder auf bequemes Reisen mit Auto und Flugzeug. Nachhaltigkeit bedeutet, dass großzügige Wunschbefriedigung eingegrenzt werden muss. Partizipation mit Einbezug der Zukunftsfähigkeit setzt deshalb nicht nur Grenzen, die sich aus den unterschiedlichen Wünschen der Gruppenmitglieder ergeben, sondern eben auch durch die Rechte aller heutigen und zukünftigen Menschen.

Grenzen sind für Kindergruppen aber nichts Neues. Tagesstätten sind es gewohnt und Eltern verlassen sich darauf, dass die Selbstbestimmung der Kinder Grenzen hat. Dazu gehört zum Beispiel, dass Kinder sich nicht in Gefahr bringen: Etwa bei Wegen durch das Gemeinwesen dürfen die Kinder den Bürgersteig nicht verlassen, oft müssen sie sich auch zu zweit an den Händen fassen, damit sie nicht versehentlich auf die Straße laufen. Für das Klettern im Wald müssen sie sich die Erlaubnis bei der Erzieherin holen. Auch bei Ernährungsfragen gibt es Grenzen, etwa begrenzter Zuckerkonsum. Finanzen sind ein weiterer Grund für das Vetorecht der Erzieher/innen, wenn Wünsche das vorhandene finanzielle Kontingent übersteigen. Genauso wird ein verantwortliches Team die Berücksichtigung ökologischer Grenzen als grundlegende Regel ansehen. Wenn immer möglich wird ein Veto von den Erzieher/innen den Kindern natürlich begründet.

Bei der Veränderung und Aktualisierung entsprechender Regeln für das gemeinsame Gruppenleben werden die Gruppenmitglieder weitmöglich beteiligt, etwa bei der Sparsamkeit bei Verbrauchsgütern wie Papier, Klebstoff, Wasser oder Strom oder der Zusammenstellung des Speisenplans. Das Team kann Themen der Nachhaltigkeit der Gruppe als Projekte vorschlagen oder entsprechende Anregungen von Kindern oder deren Eltern auffangen und in der Kinderkonferenz zum Thema machen:

Beispiele:

  • Erzieher/innen und Kinder bauen in einer Ecke des Spielhofes einen Komposthaufen. Recycling von Biomüll wird den Kindern dadurch bewusst, und sie werden dabei selbst aktiv und verantwortlich.
  • Wenn es gelingt, irgendwo ein paar Gemüsepflanzen oder Kartoffeln anzubauen, kann die Wertschätzung von Ernährung zunehmen, denn Mühe und Warten machen Dinge wertvoller. Viele Kinder kennen die Quelle von Nahrungsmitteln leider nur aus den gefüllten Regalen im Supermarkt. Oft wird auch das Wegwerfen von Lebensmitteln in der Familie sehr großzügig gehalten. Hier können Tagesstätten entgegen wirken.
  • Beim Sommerfest mit den Eltern wird z.B. nicht wie in früheren Jahren Fleisch gegrillt, sondern die älteren Kinder bereiten das Grillen von Stockbrot vor, indem sie Stöcke beim Waldspaziergang sammeln und beschnitzen und beim Sommerfest für kreisförmige Sitzgelegenheiten um das Grillfeuer sorgen (Reduzierter Fleischkonsum ist ein Kriterium von Nachhaltigkeit, weil über vegetarische Ernährung auffallend mehr Menschen von der gleichen Landfläche ernährt werden können und zudem die klimaschädlichen Abgase durch Tierhaltung reduziert werden). Vielleicht wird das Sommerfest auch bewusst im Wald gefeiert. Gespielt wird dann mit vorhandenem Naturmaterial, wobei gezielt keine lebenden Pflanzen einbezogen werden, sondern Stöcke, Steine, (liegende) Baumstämme, Gräben und was es sonst noch alles im Wald gibt.
  • Das Gruppenteam entwickelt mit interessierten Kindern ein Projekt zu unscheinbaren Kleintieren. Ziel ist weniger die Wissenserweiterung, sondern vor allem Wertschätzung und Abbau von Ekel. Das kann so weit gehen, dass die Gruppe eine große Spinne (oder andere Kleintiere) in einem Terrarium eine Zeitlang hält, mit Fliegen füttert und sie beobachtet und fotografiert.

Soziale Kompetenzen und Erweiterung des Wir-Denkens

Im Zusammenleben und in Projekten ergeben sich viele Möglichkeiten, das beginnende Wir-Denken über die Gruppe hinaus zu erweitern bis hin zu Ansätzen von globaler Solidarität.

Beispiele:

  • Die Erzieherin fängt die Interessen von - meist älteren - Kindern auf, das Gemeinwesen mit seiner Verwaltung, den Berufen, der Infrastruktur und den sozialen Aufgaben kennen zu lernen. Vielleicht ergeben sich sogar Aktivitäten für die Kinder im Gemeinwesen, etwa indem sie in einem Seniorenheim singen, mit den Bewohnern basteln, eine kirchliche Feier mitgestalten oder in einer Obstplantage kurz bei der Ernte helfen.
  • Die Gemeingüter, die allen Bewohnern zur Verfügung stehen, werden von der Kindergruppe bewusst genutzt: der Wald, der Park, der öffentliche Spielplatz, das Museum, Kirchen und die Bibliothek. Auch hier können Kinder sich einbringen, zum Beispiel, indem sie einen gemeindeeigenen Blumenkasten pflegen, einen öffentlichen Spielplatz reinigen, Bücher aus der Bibliothek ausleihen, sie pfleglich behandeln und sich bewusst machen, dass sie von vielen benutzt werden. Wenn Kinder solche Erfahrungen machen und dabei Erfolge erleben, werden sie ideenreich und schlagen selbst Handlungsvorschläge vor.
  • Beim Waldtag stellen Kinder vielleicht fest, dass in einen Tümpel, in dem kleine Tiere leben, Müll geworfen wurde oder dass das Wegzeichen eines Wanderweges herunter gefallen ist. Sie entwickeln Lösungsvorschläge. Vielleicht rufen sie mit Hilfe der Erzieherin an der zutreffenden Stelle für den Wanderweg an und entwerfen für die Spaziergänger ein Schild mit durchgestrichenem Müll und stellen es beim Tümpel auf. Oft treten wie hier Nachhaltigkeit und soziale Verantwortlichkeit gemeinsam auf.
  • Die Kinder haben beim Spaziergang Holunderbeeren entdeckt. Interesse entsteht. Holunderbeeren sind nicht giftig, aber sie schmecken nicht. Marmelade kann man daraus kochen? Das wollen sie ausprobieren. Ergebnis: Die Kinder haben die Marmelade zubereitet, selbst probiert und kleine Gläser an Eltern und Nachbarn verkauft. Der Erlös wurde einer Organisation zur Verfügung gestellt, die in armen Ländern Kinderprojekte unterstützt. Auf die Menge des Geldes kommt es bei so einer Aktion nicht an, sondern nur auf die Einstellung.

Insbesondere im letzten Beispiel haben Kinder ihr Wir-Denken in erstem Ansatz globalisieren können. Ihr Denken und Handeln ging in Richtung globaler Solidarität.

Fazit: Partizipation kann und muss Zukunftsfähigkeit einbeziehen

Wenn Nachhaltigkeit und Wir-Denken im täglichen Zusammenleben der Kindergruppe einen wichtigen Standort einnehmen, wird auch die Partizipation davon beeinflusst sein. Kinder, die von Anfang an in der Kita im Rahmen ihres Verständnisses nachhaltig und solidarisch zu denken und handeln gewohnt sind, bringen entsprechende Gedanken auch in gemeinsame Entscheidungen ein oder können solche Vorgaben von Seiten der Erwachsenen nachvollziehen. Ihr späteres demokratisches Denken und Handeln wird hinsichtlich Nachhaltigkeit und Solidarität beeinflusst sein, vor allem wenn die späteren Bildungseinrichtungen ebenfalls Zukunftsfähigkeit umsetzen.

Für Erzieher/innen ist eine entsprechende Bildungsanregung allerdings überaus arbeitsaufwendig. Eine verantwortliche, zukunftsbedachte Bildung mit Einbezug der Partizipation verlangt deshalb eine bessere Personalausstattung und auch eine deutlicher zukunftsweisende Berufsausbildung und Fortbildung für das pädagogische Personal. Die hohe Bedeutung der Basisbildung in der Kindertagesstätte wird von der Öffentlichkeit, vielen Eltern und vor allem von Entscheidungsträgern viel zu wenig erkannt und eben auch personell zu wenig berücksichtigt.

Mangelnde Basisbildung kann später nur schwer nachgeholt werden. Deshalb: Partizipation in der Kindertagesstätte immer mit dem Blick auf Zukunftsfähigkeit!

Literatur

Brandes, Holger: Selbstbildung in Kindergruppen - Die Konstruktion sozialer Beziehungen. München: Ernst Reinhardt Verlag 2008

Hansen, Rüdiger/Knauer, Reingard/Sturzenhecker, Benedikt: Partizipation in Kindertageseinrichtungen. So gelingt Demokratiebildung mit Kindern! Weimar, Berlin: Verlag das netz 2011

Morin, Edgar: Die sieben Fundamente des Wissens für eine Erziehung der Zukunft. Hamburg: Krämer 2001

Pausewang, Freya: Macht mich stark für meine Zukunft - Wie Eltern und Erzieherinnen die Kinder in der frühen Kindheit stärken können. München: Oekom Verlag 2012

Regner, Richard/Schubert-Suffrian/Franziska/Saggau, Monika: kindergarten heute - praxis kompakt: Partizipation in der Kita. Freiburg: Herder 2009

Internetadressen, Zugriff März 2013

Deutsche UNESCO-Kommission: Zukunftsfähigkeit im Kindergarten vermitteln: Kinder stärken, nachhaltige Entwicklung befördern: www.bne-portal.de/elementarpaedagogik - hier an dritter Stelle

Hansen, Rüdiger: Die Kinderstube der Demokratie - Partizipation in Kindertagesstätten: www.kindergartenpaedagogik.de/1087.html

Buchtipp

Die Thematik "Zukunftsfähige Erziehung" wird differenziert behandelt in: Pausewang, Freya: Macht mich stark für meine Zukunft - Wie Eltern und Erzieherinnen die Kinder in der frühen Kindheit stärken können. München: Oekom Verlag 2012

Autorin

Freya Pausewang: Erzieherin, Sozialpädagogin, Dozentin an einer Fachschule für Sozialpädagogik a. D. E-Mail: F.Pausewang@t-online.de