Auf dem Weg zur elternlosen Gesellschaft - die verlorene Hälfte der Weiblichkeit

Martin R. Textor

 

Ein Kind wurde geboren. Die erschöpfte Mutter schließt es in die Arme und strahlt es glücklich an. In den folgenden Wochen bildet sich eine enge Beziehung zwischen beiden heraus. Die Mutter nimmt dank zunehmender Sensibilität und Empathie immer schneller die Bedürfnisse ihres Kindes wahr und befriedigt sie angemessen. Das Kind fühlt sich in ihrer Anwesenheit sicher und geborgen. Es entwickelt sich in einem Kokon aus zärtlichen Berührungen und liebevollen Äußerungen. Jeder neue Entwicklungsschritt wird begrüßt und gewürdigt. Die Mutter empfindet intensive positive Emotionen in der Beziehung zu ihrem Kind. Sie fühlt sich so gebraucht wie noch nie in ihrem Leben. Die symbiotische Beziehung zu ihrem Kind erfüllt sie bis in die tiefsten Schichten ihres Wesens mit Glücksgefühlen.

Aber darf eine Frau heute noch so empfinden? "Ach, du Ärmste, die Entbindung hat dich so mitgenommen! Du siehst so schlecht aus!" - "Willst du nicht endlich etwas gegen deinen schlaffen Bauch tun?" - "Was, dein Baby schläft nachts immer noch nicht durch? Das muss ja ein Stress sein!" - "Die Zeit mit dem Kind daheim muss doch sehr langweilig sein! Sehnst du dich nicht schon nach deiner Arbeit?" - "Willst du wirklich drei Jahre zu Hause bleiben? Da verblödest du ja!" - "Müsst ihr euch sehr einschränken, seitdem du nicht mehr arbeitest? Und ein Baby ist doch so teuer!" - "Was, ihr fliegt im Sommer nicht in den Süden? Willst du wirklich hier in Deutschland versauern?" - "Meinst du, dein Kind ist nicht viel besser in der Krippe oder im Kindergarten aufgehoben? Dort wird es doch schließlich gebildet!"

Immer weniger Menschen in unserer Gesellschaft können sich noch vorstellen, dass man als junge Mutter wirklich glücklich sein kann. Frauen, die mit sechs Stunden Schlaf auskommen, weil sie nach der Arbeit oft Filme im Kino anschauen, Freunde besuchen, in Discos gehen oder lange fernsehen, beklagen den "Schlafentzug" durch das Baby - obwohl ein Säugling rund 16 bis 19 Stunden schläft und so auch die junge Mutter immer wieder die Gelegenheit zu einem "Nickerchen" hat. Das Baby wacht nur eben alle vier Stunden auf… Zweimal in der Nacht für jeweils eine halbe Stunde - ist das nicht schrecklich? Menschen, die wissen, dass die meisten Berufe stressig oder langweilig und eintönig sind, die sich wie viele Berufstätige kaum noch mit ihrer Arbeit identifizieren und nur "ihren Job" machen, bejammern, dass sich die junge Mutter nicht mehr an ihrem Arbeitsplatz "selbst verwirklichen" kann. Menschen, die den zunehmenden Materialismus in unserer Gesellschaft und die sich immer weiter ausbreitende "Haben-Mentalität" beklagen, unterstellen jungen Eltern, dass sie wegen ihres Kindes und der Berufsunterbrechung der Frau nun an der Armutsgrenze "dahinvegetieren" und sich nichts mehr "leisten" können.

Kaum jemand in unserer Gesellschaft kann sich noch vorstellen, dass ein junges Paar, das sich bewusst für ein Kind entschieden hat, damit auch freiwillig die damit verbundenen Einschränkungen in Kauf nimmt. Es scheint fast unvorstellbar zu sein, dass die Freude am Baby und an seiner Entwicklung, die intensiven Gefühle der Liebe und Zuneigung, die engen Bindungserfahrungen reichlich für Schlafentzug, Berufsverzicht und materielle Einschränkungen entschädigen können. Die junge Mutter macht sich fast schon lächerlich, wenn sie behauptet, sie könne sich in der Erziehung ihres Kleinkindes besser selbst verwirklichen als in ihrem Beruf, da ganz tiefe Schichten ihres Wesens angesprochen würden und sie nur hier intensive Glücksgefühle empfinden würde.

Mutterschaft als Teil der Weiblichkeit ist "out". Ihr Beitrag zur Selbstaktualisierung der Frau, zu ihrem gesellschaftlichen Ansehen und zu ihrer potenziellen Zufriedenheit wird nur noch als gering eingeschätzt. Der Beruf zählt viel, viel mehr, zumal er mit materiellen Gratifikationen verbunden ist. Und eine erwerbstätige Frau ist immer gut frisiert, chic gekleidet und körperlich "gut drauf"! Sie hat keinen so faltigen Bauch wie eine junge Mutter, die immer so "salopp" gekleidet ist und deren Pullover oft Spuren von Babybrei aufweist...

Nun gut, es sei zugegeben, Mutterschaft ist noch nicht ganz "out": Ein oder zwei Jahre mit einem "süßen" Baby zu verbringen, ist ganz schön - selbst prominente Film- und Popstars genießen das ja. Aber spätestens nach drei Jahren sollte frau zurück an ihren Arbeitsplatz! Dann kann sie sowieso nicht mehr die Entwicklung ihres Kindes angemessen fördern. Ab mit den "Sprösslingen" in den Kindergarten - dort werden sie acht Stunden am Tag von professionellen Fachkräften erzogen und gebildet. Da kann keine Mutter mithalten!

Genauso wie es ein Mythos ist, dass junge, nicht erwerbstätige Mütter sich nicht zu Hause selbst verwirklichen und zufrieden bzw. glücklich sein können, ist es auch ein Mythos, dass Fremdbetreuung generell besser als Familienerziehung sei:

  • Nach den wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen ist die Qualität der Kindertagesbetreuung zumeist mittelmäßig. Genauso wie es "schlechte" Familien gibt, gibt es auch "schlechte" Kindergärten - nach drei Jahren in einer solchen Einrichtung hinken Kinder um ein Jahr hinter der Entwicklung Gleichaltriger her, die einen "guten" Kindergarten besucht haben (z.B. Tietze 1998).
  • Selbstverständlich haben Kindertagesstätten und Schulen einen großen Einfluss auf die Entwicklung von Kindern - aber laut vielen, wirklich vielen Studien ist der Einfluss der Familie noch viel größer - etwa doppelt so hoch (z.B. Fraser et al. 1987, Krumm 1995). Obwohl Akademikerkinder zumeist dieselben Kindergärten und Grundschulen besuchen wie Facharbeiterkinder, haben sie eine viermal größere Abiturchance (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 2004). Und das liegt nicht an ihrer Intelligenz! Sie sind schon zu Beginn der Grundschulzeit weiter entwickelt, und trotz derselben Grundschulbildung hat sich die "Leistungsschere" am Ende der vier Jahre noch weiter geöffnet. Kinder aus höheren sozialen Schichten werden von ihren Eltern intensiver gefördert…
  • Und was sich die Deutschen überhaupt nicht vorstellen können: Eltern sind durchaus in der Lage, die Schule zu ersetzen! In den USA besuchen laut dem National Home Education Research Institute (2010) schätzungsweise 2,1 Mio. Kinder keine Schule, sondern werden von ihren Eltern gebildet. Und das mit großem Erfolg! Nach wissenschaftlichen Untersuchungen erhalten diese Kinder später genauso häufig eine universitäre bzw. höhere (Berufs-) Bildung wie Kinder, die eine Schule besuchten (Burns 1999, ERIC Development Team 2001, 2003). Auch ihre soziale und emotionale Entwicklung verläuft normal.

Es ist schon verwunderlich, dass inzwischen selbst höher gebildete Eltern glauben, dass Kleinkinder in einer Kindergartengruppe mit rund 25 Kindern durch eine Erzieherin mit mittlerem Bildungsabschluss und zweijährigem Besuch einer Fachschule für Sozialpädagogik und durch eine Zweitkraft mit Hauptschulabschluss und zweijährigem Besuch einer Berufsfachschule intensiver gefördert werden könnten als durch ihre Eltern. Wie viel Minuten pro Tag wird sich die Fachkraft wohl jedem einzelnen Kind widmen können? Zudem muss sie während der Betreuungszeit Eltern beim Bringen und Abholen ihrer Kinder (was sich durchaus über eine Stunde und länger hinziehen kann) begrüßen, die Brotzeit richten, das (Ab-) Decken des Tisches anleiten, das Mittagessen ausgeben, das Geschirr waschen, Kinder zum Aufräumen anhalten, Bildungsangebote vorbereiten, Telefonanrufe beantworten, Gespräche mit psychosozialen Diensten führen und oft auch Verwaltungsarbeiten erledigen. Eine Mutter, die sich eine halbe Stunde am Tag intensiv mit ihrem Kind beschäftigt - mit ihm längere Gespräche führt, seine Fragen beantwortet, mit ihm ein Bilderbuch betrachtet, mit ihm die Natur im Garten, im Wald oder im Park erkundet, mit ihm ein Lernspiel macht - widmet ihm mehr qualitativ wertvolle Zeit und bildet es intensiver, als eine Erzieherin dies kann.

Damit soll die Kindertagesbetreuung keinesfalls abqualifiziert werden: Für jedes Kind ist der Besuch einer Kindertagesstätte empfehlenswert, weil es hier viele neue (Lern-) Erfahrungen macht, gruppenfähig wird, kommunikative und Konfliktlösungsfertigkeiten entwickelt usw., sich also in der Regel positiv weiterentwickelt. Für Kinder aus unteren sozialen Schichten und aus Migrantenfamilie ist ein möglichst frühzeitig beginnender und langer Besuch besonders wichtig, da sie oft in ihren Familien nicht genügend sprachlich und intellektuell gefördert werden und insbesondere Migrantenkinder von den in nahezu allen Kindergärten angebotenen Sprachkursen profitieren können.

Hier geht es um etwas anderes: die Abqualifizierung der familialen Erziehungs- und Bildungsfunktion. Müttern (und natürlich auch Vätern) wird seitens der Gesellschaft und Politik immer offensiver vermittelt, dass Kleinkinder in Kindertageseinrichtungen besser aufgehoben wären als in der Familie und so früh wie möglich dort angemeldet werden sollten. In der Bildungseinrichtung "Kita" würde ihre Entwicklung allseitig gefördert.

Outsourcing Elternschaft: der Weg zu mehr Wirtschaftswachstum und höheren Steuereinnahmen - und zu glücklicheren Arbeitnehmerinnen!

Liebe Frauen-, Familien- und Bildungspolitiker, liebe Arbeitgeber und Gewerkschaftler,

warum haben Sie nicht Ihre Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf radikal zu Ende gedacht? Arbeitnehmerinnen mit Kindern könnten noch viel produktiver und mit ihrer Lebenssituation zufriedener sein; Familien könnten dank der Vollerwerbstätigkeit der Mütter finanziell besser dastehen; die Bildung der Kinder könnte durch eine Ausweitung der Bildungszeit verbessert werden; durch den Verbleib der Mütter am Arbeitsplatz nach Geburt eines Kindes könnte ihre Produktivität weiter gesteigert werden und der Arbeitgeber Geld für die Suche und Einarbeitung von Ersatzkräften sparen; durch die kontinuierliche Vollerwerbstätigkeit von Arbeitnehmerinnen wäre endlich Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern gegeben, könnten erstere im gleichen Maße fortgebildet werden und Karriere machen; durch die Ausweitung der Bildungszeit könnte die Schulzeit reduziert werden und junge Menschen früher dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. All dies zusammen würde zu mehr Wirtschaftswachstum und höheren Steuereinnahmen führen, durch die die durch das Outsourcen der Elternschaft entstehenden Kosten mit Leichtigkeit gedeckt werden könnten. Und das Schönste: Nur drei oder vier Maßnahmen sind nötig!

  1. Kaiserschnitt-Geburt als Regel während der 30. bis 36. Schwangerschaftswoche: Der Säugling kann dann außerhalb des Mutterleibs leben, muss oft aber noch längere Zeit im Krankenhaus betreut werden. Der Mutter werden die großen körperlichen Belastungen der letzten Schwangerschaftswochen und die Schmerzen der Geburt erspart. Sie kann sich vom Kaiserschnitt in Ruhe erholen, da ihr Kind noch im Krankenhaus ist. So kann sie schon einige Wochen nach der Entbindung wieder arbeiten, sofern die Familie von der auf ein Jahr zu reduzierenden Elternzeit und dem Elterngeld keinen Gebrauch machen will.
  2. Einführung mobiler Tagesmütter: Möchte eine Mutter kurze Zeit nach der Entbindung wieder (Vollzeit) arbeiten, hat sie für ein Jahr Anspruch auf eine mobile Tagesmutter. Diese begleitet sie an ihren Arbeitsplatz; der Arbeitgeber hat ihr einen bedarfsgerecht ausgestatteten Raum zur Verfügung zu stellen. Die Mutter kann jederzeit ihr Kind besuchen und es stillen. Die Muttermilch fördert am besten die Entwicklung des Kindes und schützt es vor Krankheiten.Da die Mütter erwerbstätig bleiben (können), entfallen die mit dem bisherigen Berufsverzicht verbundenen Frustrationen: Sie müssen nicht mehr unzufrieden zu Hause herumsitzen, sondern können sich weiterhin im Beruf selbst verwirklichen und die damit verbundenen (auch materiellen) Gratifikationen genießen. Dies beugt dem bisher häufig zu beobachtenden starken Rückgang der Partnerschafts- bzw. Ehequalität nach der Geburt des ersten Kindes und dem gleichzeitig zu beobachtenden Rückzug des Mannes aus dem Haushalt vor. Die Partner teilen sich wie bisher die Haushaltspflichten; die Paarbeziehung bleibt befriedigend; die Scheidungswahrscheinlichkeit dürfte sinken.
  3. Einführung eines Rechtsanspruchs auf zehnstündige Kindertagesbetreuung ab dem ersten Lebensjahr: Vollerwerbstätige Mütter können ihre Kinder ab einer Stunde vor Arbeitsbeginn für insgesamt 10 Stunden in einer Tagesstätte in der Nähe ihres Arbeitsplatzes betreuen lassen. Die Hetze zur Kindertageseinrichtung entfällt; auf dem Weg können sogar noch Einkäufe erledigt werden. Da Tagesstätten aufgrund der unterschiedlichen Arbeitszeiten von Müttern bei Bedarf von 07.00 Uhr bis 21.00 Uhr geöffnet haben, können Mütter ihre Kinder nach Vorankündigung auch erst nach 11 oder 12 Stunden abholen, sodass sie z.B. noch in Ruhe zum Friseur oder ins Fitnessstudio gehen oder notwendig gewordene Überstunden ableisten können.Zumindest in Städten und Ballungsräumen sind bei Bedarf Kinderhotels zu schaffen, in denen Kinder bei Erkrankung oder nach dem Schließen von Kindertagesstätten sowie an Wochenenden betreut werden, falls ihre Mütter nachts, samstags oder sonntags arbeiten müssen, sich auf einer mehrtägigen Dienstreise befinden, eine berufliche Fortbildung an einem anderen Ort besuchen oder im Krankenhaus sind (und der Vater das Kind nicht versorgen kann). Die Eltern wissen ihre Kinder dann gut betreut und können sich entspannt ihren beruflichen Aufgaben widmen.
    Da Kindertagesstätten Bildungseinrichtungen sind, in denen professionelle Fachkräfte die kindliche Entwicklung allseitig und ganzheitlich fördern, wissen die Eltern auch, dass ihre Kinder die bestmögliche Bildung und Erziehung erhalten. Dadurch, dass nahezu alle Kinder den ganzen Tag in den Einrichtungen verbringen, ist Chancengleichheit ab dem ersten Lebensjahr gegeben. Kinder aus sozial schwachen und Migrantenfamilien erfahren dieselbe Bildung und Erziehung wie Kinder aus Mittelschicht- und Oberschichtfamilien.
  4. Verlängerung der Schulzeit auf 10 Zeitstunden am Tag und auf 48 Wochen im Jahr: Auf diese Weise wird die Bildung der Kinder intensiviert. Der Lernstoff kann schneller "durchgezogen" werden; zudem wird weniger vergessen, da die langen Ferien wegfallen. Zugleich werden an den Schulen anspruchsvolle Freizeitangebote (Sport, Schwimmen, Musik-, Tanz-, Theater-, Mal-, Werk- oder Technikkurse) in den Tagesablauf integriert, sodass z.B. das derzeit bestehende Defizit an körperlicher Tüchtigkeit abgebaut wird sowie kreative, motorische, musikalische, personale und andere Fähigkeiten gefördert werden, die derzeit von der Schule vernachlässigt werden. Ein gesundes Mittagessen in der Schulkantine wirkt der Tendenz zur Fettleibigkeit und Mangelernährung entgegen.Durch die intensivierte Bildung kann die Schulzeit auf 8 Jahre (Hauptschule) bis 11 Jahre (Gymnasium) reduziert werden, sodass junge Menschen etwa zwei Jahre früher als bisher ihre Ausbildung abschließen und berufstätig werden können. Durch diese Verlängerung der Lebensarbeitszeit steigen Produktivität, Steueraufkommen und Rentenanwartschaften. Da durch den Wegfall von bis zu zwei Schuljahren Lehrerkapazitäten frei werden, kann das Stundendeputat von Lehrer/innen - die dann wie alle anderen Arbeitnehmer/innen einen "normalen" Urlaubsanspruch haben - reduziert werden, was dem in dieser Berufsgruppe besonders häufigen Burn-out vorbeugen würde.
    Dank der zehnstündigen Öffnungszeit der Schulen können Eltern viel problemloser als bisher Familie und Vollerwerbstätigkeit miteinander vereinbaren. Bei Kindern von sechs bis zehn Jahren ist bei Bedarf eine kurzzeitige Kinderbetreuung vor Unterrichtsbeginn anzubieten. Nach der Schule und an Wochenenden können sie in Kinderhotels mitbetreut werden, falls die Eltern arbeiten müssen oder sich nicht am Wohnort befinden.
    Jede Schule legt zu Jahresbeginn fest, wann die dreiwöchigen Sommerferien stattfinden. Dabei haben sie sich mit den Schulen im Umkreis so abzustimmen, dass die Ferien zu unterschiedlichen Zeiten zwischen dem 1.7. und 10.9. beginnen. Das stellt sicher, dass in einem Betrieb nicht alle Eltern mit Schulkindern zum gleichen Zeitpunkt ihren Sommerurlaub beanspruchen. Zudem wird der Reiseverkehr in den Sommermonaten entzerrt.

Indem die mit der Elternschaft verbundenen Betreuungs-, Erziehungs- und Bildungsfunktionen weitgehend an Kindertagesstätten und Ganztagsschulen outgesourct werden, wo sie von speziell (zumeist akademisch) ausgebildeten Professionellen übernommen werden, können sich Arbeitnehmer/innen mit Kindern Vollzeit und mit all ihren Kräften ihrer Erwerbsarbeit widmen. Berufsunterbrechungen, eine zeitweilige Reduzierung der Arbeitszeiten oder ein Fernbleiben bei Erkrankung eines Kindes entfallen weitestgehend. Für Arbeitgeber lohnt es sich mehr denn je, in die Aus- und Fortbildung von Frauen zu investieren. Dies wird zu mehr Produktivität und in der Kombination mit der kontinuierlichen Vollerwerbstätigkeit zu mehr Wirtschaftswachstum und höheren Steuereinnahmen führen. Die Quadratur des Kreises ist gelungen!

Und so ist es immer häufiger (und "normaler"), dass Eltern ihre Erziehungs- und Bildungsfunktion an die Kindertagesstätte delegieren. Dementsprechend verbringen sie auch immer weniger Zeit mit ihren Kindern: Laut Hochschild (2002) hatten amerikanische Eltern 1996 durchschnittlich 22 Stunden pro Woche weniger Zeit für ihre Kinder als 1969. Inzwischen wird die "Familienzeit" vermutlich noch weiter abgenommen haben. Ähnliches dürfte auch für Deutschland gelten.

Viele Eltern beschränken sich heute auf Betreuungsaufgaben (Ernährung der Kinder, Waschen, An-/ Auskleiden, Schlaf) und Freizeitangebote (Fernsehen, Ausflüge, Versorgen mit Spielen, CDs, Spielsachen usw.). Die Mutter- und die Vaterrolle werden somit auf Teilaspekte reduziert. Dazu trägt auch die weit verbreitete Erziehungsunsicherheit - oft in Verbindung mit mangelnden Erziehungskompetenzen - und die abnehmende Bereitschaft bei, sich auf die eigene Intuition im Umgang mit dem Kind zu verlassen. Es ist dann leichter, Erziehung an "Fachleute" zu delegieren...

Wenn die Familie aber in höherem Maße als Kindertagesstätte und Schule den Schulerfolg von Kindern prägt, ist es sehr gefährlich, wenn Elternschaft auf Betreuung und Freizeitgestaltung der Kinder beschränkt wird. Diese Kinder sind - selbst wenn sie einen guten Kindergarten besuchen und das Glück haben, in der Grundschule gute Lehrer/innen zu haben - gegenüber Kindern aus Familien mit folgenden bildungsrelevanten Merkmalen benachteiligt:

  1. "eine qualitativ gute Kommunikation zwischen Eltern und Kindern (also auch bezogen auf Wortschatz, Begriffsverständnis, Komplexität von Sätzen usw.),
  2. Unterstützung des (Klein-) Kindes bei der Erkundung der Welt und bei der Aufnahme sozialer Beziehungen,
  3. bildende Aktivitäten in der Familie, z.B. Beschäftigung mit Lernspielen, Vorlesen, Experimentieren, Gespräche über Fernsehfilme, Bücher, naturwissenschaftliche Themen oder politische Ereignisse,
  4. eine positive Einstellung zu Lernen und Leistung, zu Kindertageseinrichtung, Schule und Berufsausbildung bzw. Studium,
  5. positive Interaktionen über das, was in der Schule und im Unterricht passiert, Unterstützung bei den Hausaufgaben, ein hohes Anspruchsniveau hinsichtlich Schulleistung und -abschluss,
  6. ein enger Kontakt zwischen Eltern und Erzieher/innen bzw. Lehrer/innen, damit erstere wissen, wie sie außerfamilale Bildungs- und Erziehungsbemühungen zu Hause unterstützen können" (Textor 2005, S. 156).

Eins sollte deutlich geworden sein: Mutterschaft - traditionell ein zentraler Teil der Weiblichkeit - wird auf der einen Seite immer mehr abgewertet (gegenüber dem Beruf) und immer mehr auf die ersten zwei, drei Jahre im Leben eines Kindes bezogen sowie zum anderen immer mehr seiner erzieherischen und bildenden Komponenten entkleidet. Beides ist sicherlich nicht zum Wohl des Kindes.

Hinzu kommt, dass Elternschaft aufgrund der skizzierten Entwicklung auch zunehmend unbefriedigend wird. Die enge Beziehung zum Kleinkind wird sehr schnell locker, Konflikte werden häufiger, Eltern und Kind leben sich rasch auseinander. Eine der negativsten Ergebnisse der PISA-Studie war, dass in Deutschland Jugendliche viel weniger mit ihren Eltern sprechen als in anderen Ländern, und kaum über Themen, die sie wirklich interessieren (Deutsches PISA-Konsortium 2001). Die Elternrolle ist hier weiter reduziert worden: auf Ernährung und Wäschepflege sowie auf das Bereitstellen von Geld für die Konsumwünsche und Freizeitaktivitäten der Jugendlichen.

Aufgrund der höheren Lebenserwartung von Frauen und der kleinen Zahl von Kindern ist Mutterschaft im Vergleich zu früheren Jahrhunderten sowieso nur noch eine relativ kurze Phase im Leben einer Frau. Die frühzeitig beginnende Reduzierung der Mutterrolle um Erziehungs- und Bildungsfunktionen lässt Mutterschaft aber noch bedeutungsloser werden - und führt damit zum Verlust eines "klassischen" Bestandteils der Weiblichkeit.

Das "gemachte" Kind

Erziehungs- und Bildungsfunktionen werden von Eltern aber nicht nur an Kindertagesstätten und Schulen delegiert, sondern auch an eine Vielzahl weiterer Institutionen und Einzelpersonen: Musik-, Mal- und Ballettschulen, Sportvereine, Anbieter von Computer- und Sprachkursen usw.

Tauchen auch nur kleine Abweichungen von der Norm auf, denken Eltern nicht wie früher "Das wird schon werden" oder "Das renkt sich von selbst wieder ein". Sie versuchen nicht mehr, selbst dem Kind zu helfen, sondern beanspruchen gleich beratende oder therapeutische Dienste. So hat jedes vierte Kind mit acht Jahren bereits eine (Ergo-, Logo-, Psycho-) Therapie hinter sich (STERN 39/2007). Entsprechen die Schulleistungen nicht den Erwartungen der Eltern, werden Nachhilfeinstitute und -lehrer genutzt; beispielsweise bekommt schon jeder fünfte Dritt- und Viertklässler in Bayern Nachhilfeunterricht (a.a.O.).

Kinder werden also immer seltener sich selbst überlassen, haben immer weniger Freizeit, sind immer seltener draußen, können immer weniger mit Freunden spielen. Anstatt sich relativ frei und selbstbestimmt entwickeln zu können, werden sie von Fachleuten besonders gefördert. Viele Klein- und Grundschulkinder haben bereits einen vollen Terminkalender und wechseln im Verlauf eines Tages mehrfach die "Bildungsstätte". Sie sollen entsprechend der Vorstellungen ihrer Eltern von den beauftragten Professionellen "gemacht" werden. So fühlen sich Kinder in ihrer Familie nicht mehr wohl, weil sie nicht mehr so angenommen und akzeptiert werden, wie sie sind.

Gemütlichkeit ade

Noch ein anderer wichtiger Bestandteil der Frauenrolle neben der Mutterschaft wird immer unwichtiger: die Haushaltsführung. Zum einen ist diese Familienfunktion noch stärker von der Gesellschaft abgewertet worden wie die Elternschaft: Eine Hausfrau ohne Kinder zu sein heißt inzwischen, ganz am Ende der gesellschaftlichen Rangskala zu stehen. Wer mehrere Kinder hat, sollte die Hausfrauenrolle spätestens dann abstoßen, wenn das jüngste Kind eingeschult wird. Zum anderen fehlt Frauen aufgrund der zunehmenden Erwerbstätigkeit einfach die Zeit für die Haushaltsführung. Fertiggerichte aus dem Tiefkühlfach oder aus der Dose, der Besuch eines Fastfoodrestaurants bzw. einer Imbissbude, eine Breze aus der Hand oder Süßigkeiten bzw. Snacks ersetzen selbst gekochte Gerichte und tragen damit zu der sich in Deutschland immer mehr ausbreitenden Mangelernährung und Fettleibigkeit bei. Gut kochen zu können wird immer weniger zu einem Teil der Frauenrolle - und die wirklich guten Köche sind sowieso Männer…

Die mangelnde Wertschätzung und die geringe Zeit für die Haushaltsführung bedingen aber auch die in immer mehr Familien fehlende "Gemütlichkeit". Dieser Begriff wirkt schon fast wie ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert, als treusorgende Bürgerfrauen das traute Heim mit Pflanzen, selbst gepflückten Blumensträußen und selbst gehäkelten Deckchen ausstatteten, den Ehemann abends liebevoll empfingen, ihm auf dem Klavier vorspielten und dazu sangen, den Tisch geschmackvoll deckten, selbst gekochte Speisen auftrugen, mit ihren Kinder malten und Plätzchen backten, ihnen am Ofen sitzend Märchen erzählten usw. Viele Wohnungen sind heute rationell ausgestattet, wirken kühl und unwohnlich. Oft sind sie nur noch Durchgangsstationen von der Arbeit zur Arbeit oder von der einen außerhäuslichen Freizeitaktivität zur nächsten. Selbst wenn Kinder im Haushalt leben, sehen sich die Familienmitglieder nur selten, da sich das Leben des Einzelnen in "seinem" oder "ihrem" Raum bzw. außerhalb der Wohnung abspielt und gemeinsame Aktivitäten (selbst das Fernsehen miteinander) die Ausnahme sind.

Die mangelnde Gemütlichkeit, für die traditionell die Ehefrauen zuständig waren, trägt zu der schon erwähnten frühzeitigen Lockerung der Mutter-(Eltern-)Kind-Beziehung bei: Es ist einfach nicht mehr schön, zu Hause zu sein. Die Wohnung ist nicht mehr das "traute Heim", der "ruhige Pol" oder der "Hort der Geborgenheit". Es hält einen nichts mehr zu Hause - und dieser eine ist oft auch der (Ehe-) Partner, dem das Ausziehen nicht schwer fällt, wenn ein neuer Partner lockt oder die Beziehung zu problematisch geworden ist. Wenn zwei vollerwerbstätige Menschen mit separaten Berufsverläufen und eigenen sozialen Netzwerken zusammenleben und sich dieses Zusammenleben auf gelegentliche Freizeitaktivitäten beschränkt, ist eine Entfremdung oft vorprogrammiert…

Schlusswort

Dieser Artikel ist keinesfalls als ein Plädoyer "Zurück zur bürgerlichen Familie des 19. Jahrhunderts!" zu verstehen. Er ist auch nicht als Schuldzuweisung an Frauen gedacht. Zum einen ist er eine Zustandsbeschreibung: Die Frauenrolle hat sich geändert, wichtige Bestandteile haben an Bedeutung verloren, andere sind hinzugekommen (z.B. eigene Berufsausbildung, außerhäusliche Erwerbstätigkeit, Emanzipation). Zum anderen sollte verdeutlicht werden, dass negativen Entwicklungen dringend entgegengewirkt werden sollte: Insbesondere sind Mutter- und Vaterschaft sowie die Bildungs- und Erziehungsfunktion von Familien aufzuwerten, sind Eltern entsprechend zu unterstützen. Mütter und Väter sollten motiviert werden, sich bei der Erziehung mehr auf ihre Intuition zu verlassen, den Selbstzweck des Kindes zu respektieren und ihm mehr Freiraum für die selbstbestimmte Entwicklung zu lassen sowie sich von der Vorstellung zu lösen, ein Kind könnte "gemacht" werden. Aber auch das Bewusstsein ist (wieder) zu wecken, dass die Wohnung ein gemütliches Heim sein sollte, wo Menschen sich wohl und geborgen fühlen, häufig miteinander kommunizieren und Zeit gemeinsam aktiv gestalten. Und hierfür sollten alle Familienmitglieder verantwortlich sein - nicht mehr nur die Frauen!

Literatur

Burns, J.: The Correlational Relationship between Homeschooling Demographics and High Test Scores. Manuskript 1999, http://www.eric.ed.gov/PDFS/ED439141.pdf (19.07.2013)

Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.): PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich. Opladen: Leske + Budrich 2001

Eric Development Team: Homeschooling. ERIC Digest ED457539, 2001, http://www.eric.ed.gov/PDFS/ED457539.pdf (19.07.2013)

Eric Development Team: Homeschooling and Higher Education. ERIC Digest ED480468, 2003, http://www.eric.ed.gov/PDFS/ED480468.pdf (19.07.2013)

Fraser, B.J. et al.: Syntheses of Educational Productivity Research. International Journal of Educational Research 1987, 11, S. 147-251

Hochschild, A.R.: Keine Zeit. Wenn die Firma zum Zuhause wird und zu Hause nur Arbeit wartet. Opladen: Leske + Budrich 2002

Krumm, V.: Schulleistung - auch eine Leistung der Eltern. Die heimliche und die offene Zusammenarbeit von Eltern und Lehrern und wie sie verbessert werden kann. In: Specht, W./Thonhauser, J. (Hrsg.): Schulqualität. Innsbruck: StudienVerlag 1995, S. 256-290

National Home Education Research Institute: Homeschool Population Report 2010. 2.04 Million Homeschool Students in the United States in 2010. http://www.nheri.org/research/nheri-news/homeschool-population-report-2010.html (19.07.2013)

Textor, M.R.: Die Bildungsfunktion der Familie stärken: Neue Aufgabe der Familienbildung, Kindergärten und Schulen? Nachrichtendienst des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge 2005, 85 (5), S. 155-159

Tietze, W. (Hrsg.): Wie gut sind unsere Kindergärten? Eine Untersuchung zur pädagogischen Qualität in deutschen Kindergärten. Neuwied, Kriftel, Berlin: Luchterhand Verlag 1998