Mutterbilder

Martin R. Textor

 

Mutterschaft dient der biologischen und der soziokulturellen Reproduktion; sie beinhaltet sowohl das Gebären und physische Versorgen als auch die Erziehung und Bildung von Kindern. Das bedeutet, dass Mutterschaft einerseits biologische und andererseits gesellschaftliche bzw. kulturelle Aspekte umfasst. Zu Letzteren gehören Vorstellungen in der Form von Leitbildern, wie Mutterschaft zu verstehen und zu leben ist. Bedenkt man, dass wir in einer pluralistischen, postmodernen Gesellschaft leben, so überrascht nicht, dass es heute mehrere miteinander konkurrierende Idealbilder gibt. In diesem Beitrag werden folgende Mutter- bzw. Frauenbilder dargestellt und kritisch reflektiert:

  • Das traditionelle Mutterideal
  • Die Madonna
  • Der Gegenentwurf: die berufstätige kinderlose Frau
  • Die Supermutter
  • Das Drei-Phasen-Modell
  • Die "neuen" Mütter
  • Das Mutterbild nicht dominanter bzw. ethnischer Gruppen

Das traditionelle Mutterideal

Das "traditionelle" Mutterbild erlebte seine Blütezeit in den 50er und frühen 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Alle Frauen sollen Mütter werden, da Mutterschaft als ihre Lebenserfüllung und als "Essenz" ihrer Weiblichkeit gesehen wird. Aus ihr würden sie eine tiefe Befriedigung gewinnen: Mutterschaft sei eine ganz und gar positive Erfahrung.

Mütter sollten verheiratet sein und ihren Beruf zugunsten ihrer Kinder aufgegeben haben, also Hausfrauen sein. Sie sind nahezu ausschließlich für die Erziehung, Versorgung und Betreuung der Kinder zuständig, da sie hierfür am besten geeignet seien: Sie wären von Natur aus liebevoll, selbstlos, fürsorglich, treusorgend, empathisch, zärtlich, emotional, aufopferungsbereit, familienorientiert usw. So wäre es ganz "normal" und selbstverständlich, wenn sie sich intensiv um ihre Kinder kümmern. Zudem benötigen Säuglinge und Kleinkinder für eine gesunde Entwicklung die totale Präsenz ihrer Mütter - wofür z. B. die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Hospitalismusforschung, der Bindungstheorie und klassischen Psychoanalyse sprechen. Sie könnten sich nur positiv entwickeln, wenn Mütter ihren Bedürfnissen die höchste Priorität einräumen, sich ihnen anpassen und sich emotional stark für sie engagieren. Vor allem müssten Mütter ihre Entwicklung in allen Bereichen konsequent, kontinuierlich und intensiv fördern. Außerdem sind sie für die Reproduktion der liberalen Demokratie und der (westlichen) Kultur verantwortlich.

Das traditionelle Mutterideal negiert weitestgehend die Bedeutung des Vaters. Dies ist selbst dann unverständlich, wenn man von dieser Sichtweise aus argumentiert. So macht Laub (1992) z. B. auf Folgendes aufmerksam: "Die permanente Unterstützung der Mutter durch den Vater als eine Conditio sine qua non für das Gelingen ihrer Aufgabe ist weder bei den Betroffenen noch in Fachpublikationen vermerkt. In Folge der hohen Isolation der Kleinfamilie stünde dem Vater die Aufgabe zu, der Mutter-Kind-Dyade jenen notwendigen emotionalen Rückhalt und Schutz zu vermitteln, der der Mutter die Teilregression, die ihr den adäquaten Kontakt mit ihrem Baby psychisch (und physisch!) überhaupt erst erlaubt", ermöglicht (S. 7). Noch weniger verständlich ist die Negierung der Bedeutung von Vaterschaft im Lichte der seit den 70er Jahren gesammelten Forschungsergebnisse, die den großen Einfluss von Vätern auf die kindliche Entwicklung belegen (vgl. z. B. Fthenakis 1988). Anzumerken ist, dass aber auch andere, z. B. von außen kommende Einflüsse (seitens der Gleichaltrigengruppe, Schule, Medien usw.) ignoriert werden - die gesamte Verantwortung für die Entwicklung der Kinder wird unberechtigterweise den Müttern aufgebürdet.

Obwohl der Kindererziehung von der Gesellschaft eine große Bedeutung beigemessen wird, haben Mütter nur einen niedrigen Status - schließlich verdienen sie kein Geld, machen sie keinen Profit, haben sie keine Untergebenen. Vor allem aber wird am traditionellen Mutterbild kritisiert, dass eine so verstandene Mutterschaft zur patriarchalischen Struktur des Familienlebens und der Gesellschaft beitrage: Mütter hätten zu Hause zu bleiben und dort ihre Identität, Selbstbestätigung und Zufriedenheit zu finden - und nicht im Beruf oder gar in einem politischen Engagement.

Ferner erschwert das rosige Bild von Mutterschaft, dass sich Frauen die mit der Mutterrolle verbundenen negativen Gefühle wie Zorn, Widerwillen, Depressivität u. Ä., ihre Belastung, Erschöpfung, Isolation, Frustration, mangelnde Erfüllung usw. eingestehen. Zugleich birgt die Vorstellung von der "Natürlichkeit" des "Bemutterns" die Gefahr, die großen physischen und psychischen Leistungen und Belastungen von Müttern zu übersehen. Zudem könnten die extrem hohen gesellschaftlichen Erwartungen an die Kindererziehung von vielen Frauen nicht erfüllt werden, sodass sie unter Selbstzweifel, Versagensängsten und Schuldgefühlen litten. Schließlich würde die Betonung einer sehr engen, "symbiotischen" Bindung zwischen Mutter und Säugling bzw. Kleinkind verneinen, dass beide Personen separate, eigenständige, selbstbestimmte und handelnde Wesen seien (Glenn 1994).

Das traditionelle Mutterideal wird z. B. von Hays (1998) als "historisch konstruierte Ideologie" bezeichnet. Es wurde aus der Situation bürgerlicher Familien abgeleitet, wie sie vor allem in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts bestand. Dieses Mutterbild trägt zu einer negativen Sicht von erwerbstätigen Müttern, Alleinerziehenden, Stiefmüttern usw. bei - was verdeutlicht, dass es in einen moralischen Kontext eingebettet und mit "moralisierenden" Werthaltungen verbunden ist (Woodward 1997). Zugleich ist es mit der Ablehnung der Fremdbetreuung von Unter-Drei-Jährigen verknüpft. Noch heute wird das traditionelle Mutterideal von konservativen Politiker/innen vertreten, streben viele Mütter danach, diesem Verhaltensmodell zu entsprechen.

Die Madonna

Dieses Mutterbild hat seine Wurzeln im Christentum: Die ideale Frau ist - analog zur Jungfrau Maria - Mutter und asexuell. Diese Vorstellung ist auch heute noch weit verbreitet, wie z. B. zwei Untersuchungen von Friedman, Weinberg und Pines (1998) zeigten. Diese Wissenschaftler befragten mehr als 300 Israelis und stellten fest, dass eine Frau umso eher als eine gute, sorgende und engagierte Mutter erlebt wird, je weniger sie als sexuell aktiv beschrieben wurde. Schon die Information, dass sie gerne Lust empfindet und ihren Mann befriedigt, reichte den Befragten aus, um ihr als Mutter negative Eigenschaften anzudichten: Eine solche Frau würde nicht viel in ihre Kinder investieren, sich wenig um deren alltäglichen Bedürfnisse kümmern und sie oft als Bürde sehen.

Nach Auffassung von Friedman, Weinberg und Pines (a.a.O.) würden hier tief verwurzelte, weitgehend unbewusste Stereotype und Einstellungen offenbar: "Die Ergebnisse der jetzigen Studie belegen eindeutig die Existenz einer Aufspaltung von Mutterschaft und Sexualität. Sowohl die quantitativen als auch die qualitativen Analysen stimmen darin überein, dass in der Wahrnehmung von Frauen Sexualität und Mutterschaft einander ausschließen. Je sexueller eine Frau ist, umso weniger mütterlich wird sie wahrgenommen" (S. 796).

Der Gegenentwurf: die berufstätige kinderlose Frau

Vor allem im "frühen" Feminismus der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde ein Frauenbild vertreten, das als Gegenentwurf zum traditionellen Stereotyp der idealen Mutter verstanden werden kann: Anstatt dass ihr Verhalten durch die Logik uneigennütziger Fürsorge geprägt wird, folgt die moderne Frau der in den weitaus meisten Lebensbereichen vorherrschenden Logik eigennützigen Profitstrebens - d.h., sie trachtet nach einer guten Schul- und Berufsbildung, ist voll erwerbstätig und karriereorientiert, strebt nach Selbstverwirklichung im Beruf und entspricht somit dem Paradigma des homo oeconomicus. Ein (Ehe-)Mann wird nur akzeptiert, wenn er für eine partnerschaftliche Beziehung und eine gerechte Aufteilung der Hausarbeit ist; auf Kinder wird verzichtet, wenn sie dem eigenen Streben nach beruflichem Erfolg, Macht und Prestige entgegenstehen.

Dieses Idealbild der erwerbstätigen, erfolgreichen, finanziell unabhängigen Frau wird heute vor allem durch Frauenmagazine weiter verbreitet. In ihnen findet man überwiegend Reportagen und Fotos von gut gekleideten, perfekt gestylten Frauen, die sexuell attraktiv und glücklich wirken. Über Mutterschaft wird hingegen selten berichtet; Kinder tauchen kaum auf den Fotos auf.

Vertreter/innen dieses Frauenbildes ignorieren, dass die meisten berufstätigen Frauen Tätigkeiten ausüben, die schlecht bezahlt sind, wenig Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung eröffnen und nur einen niedrigen sozialen Status mit sich bringen.

Die Supermutter

Dieses Idealbild wird ebenfalls von Medien und feministischen Gruppierungen verbreitet: Frauen sollen - und könnten - attraktive Sexualpartnerinnen, erfolgreiche Berufstätige, perfekte Hausfrauen und gute Mütter sein. Als "Beziehungsexpertinnen" sichern sie eine befriedigende Partnerschaft mit ihrem Mann und entwicklungsfördernde Eltern-Kind-Beziehungen, ohne dass die eigene Selbstverwirklichung und Persönlichkeitsintegration zu kurz kommen. Und trotz ihrer Vollerwerbstätigkeit erbringen sie einen enormen Aufwand an Zeit und Energie für die Betreuung und Erziehung ihrer Kinder. Hays (1998) fasst das Leitbild der Supermutter etwas überspitzt zusammen: "Mühelos schafft sie den Spagat zwischen Heim und Arbeit. Diese Mutter kann mit der einen Hand einen Kinderwagen schieben und mit der anderen die Aktentasche tragen. Sie ist immer gut frisiert, ihre Strumpfhosen haben nie Laufmaschen, ihr Kostüm ist stets frei von Knitterfalten, und ihr Heim ist natürlich blitzsauber. Ihre Kinder sind makellos: Sie haben gute Manieren, sind aber nicht passiv, sondern putzmunter und strotzen vor Selbstbewusstsein" (S. 174f.).

Es ist offensichtlich, dass dieses Leitbild mit einer enormen Überforderung von Frauen verbunden ist - mit Mehrfachbelastung, Zeitdruck und Stress. Viele scheitern an dem Versuch, sowohl Mutter als auch Karrierefrau und Idealpartnerin zu sein, und erleben sich dann als minderwertige Versager. Obwohl sie ihre Kinder intensiv "bemuttern", bleibt immer das schlechte Gewissen, ob sie diese aufgrund ihrer Erwerbstätigkeit nicht doch etwas vernachlässigen. Zugleich wird bei diesem Frauenbild die Notwendigkeit von Veränderungen in Familie, Wirtschaft und Gesellschaft ignoriert - z. B. sollten sich analog die Ehemann- und Vaterrolle ändern, müsste die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sichergestellt werden, sind adäquate Kinderbetreuungsangebote notwendig.

Das Drei-Phasen-Modell

Dieses Leitbild wurde vor allem in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts proklamiert. Hier wurde nach einem Kompromiss gesucht zwischen dem traditionellen Mutterideal und der rasch zunehmenden Frauenerwerbstätigkeit: Junge Frauen sollten nach einer guten Schul- und Berufsausbildung trachten und ihren Beruf so lange ausüben, bis das erste Kind geboren ist (1. Phase). Dann sollten sie sich ausschließlich um Kindererziehung und Haushalt kümmern (2. Phase). Wenn die Kinder sie nicht mehr in hohem Maße gebrauchen würden, könnten die Mütter wieder erwerbstätig werden (3. Phase).

Das Drei-Phasen-Modell wird auch heute noch von vielen Eltern, von (konservativen) Politiker/innen und anderen Meinungsmachern vertreten. Allerdings lässt sich feststellen, dass der Zeitpunkt des Wiedereintritts in die Arbeitswelt immer mehr nach vorne verlegt wird: Während früher viele Frauen bis zur Pubertät oder gar bis zum Jugendalter ihrer Kinder warteten, erfolgt heute der Wiedereinstieg zumeist während der ersten Grundschuljahre oder schon nach dem Kindergarteneintritt. Ein Grund für diese Entwicklung liegt darin, dass aufgrund des raschen wirtschaftlichen und technologischen Wandels einmal erworbene berufliche Qualifikationen immer schneller veralten und damit ein Wiedereintritt in die Arbeitswelt mit zunehmender Dauer der Familienphase immer schwieriger wird. Andere Gründe liegen z. B. im Ausbau von (ganztägigen) Kinderbetreuungsangeboten und im Erziehungsgeldgesetz, das einer Mutter (oder einem Vater) während des dreijährigen Erziehungsurlaubs Kündigungsschutz seitens ihres bisherigen Arbeitgebers gewährt. So bietet es sich an, nach Ablauf des Erziehungsurlaubs das Kind in einer Kindertagesstätte unterzubringen und wieder erwerbstätig zu werden.

Die "neuen" Mütter

In den letzten Jahren ist zu beobachten, dass vor allem Frauen aus der Mittelschicht nach der Geburt eines Kindes bewusst auf die Berufsausübung verzichten, ohne jedoch das traditionelle Mutterbild zu übernehmen: "Wenn sich sogar erfolgreiche Berufsfrauen aus dem Erwerbsleben partiell wieder zurückziehen und zugleich in Familienbeziehungen leben, so muss das nicht gemäß der traditionellen Frauenrolle aus Rücksicht für Mann und Kinder geschehen, sondern kann auch erfolgen, um sich selbst einerseits den Belastungen der Konkurrenz, Vereinzelung und Austauschbarkeit im Beruf zu entziehen (…), und andererseits, um die vorrangig in primären Beziehungen mögliche Befriedigung emotionaler Bedürfnisse und Sicherung der eigenen Identität zu gewinnen" (Herlyn et al., 1993, S. 55).

Diese Mütter folgen in mehr oder minder bewusster Abgrenzung vom Feminismus einem Leitbild, nach dem Individualisierung, Selbstverwirklichung und Personalisation in der Ausübung der Hausfrauen- und Mutterrolle realisierbar sind - und zwar eher als in der fremdbestimmten, rational geprägten und wettbewerbsorientierten Arbeitswelt. Nur in der Familie können Frauen sie selbst sein und ihre eigenen Vorstellungen vom Leben realisieren. Vor allem in der Mutter-(Eltern-)Kind-Beziehung sind Liebe, Fürsorge, Selbstlosigkeit, Uneigennutz u. Ä. lebbar und erlebbar - nur in der Familie kann somit letztlich nach moralischen Prinzipien gelebt werden (vgl. Hays 1998).

Das Mutterbild nicht dominanter bzw. ethnischer Gruppen

Die vorgenannten Mutterbilder werden vor allem im Bürgertum bzw. in der Mittelschicht vertreten. Ihre Realisierbarkeit beruht zum Teil darauf, dass weniger privilegierte Frauen die wohlhabenden Mütter unterstützen: als Tagesmütter, Kindermädchen, Haushälterinnen, Zugehfrauen usw. Schon hier wird deutlich, dass es sich Frauen aus unteren sozialen Schichten oder aus bestimmten ethnischen Subgruppen (z. B. Schwarze, Indianer) nicht leisten können, diesen dominanten Leitbildern zu folgen: Sie können vielfach nicht von dem Einkommen ihres Ehemannes leben, sondern sind gezwungen, auch nach der Geburt eines Kindes erwerbstätig zu sein und Geld zu verdienen. Dasselbe gilt natürlich in weitaus stärkerem Maße für die meisten Alleinerziehende. Und bei den für diese wenig qualifizierten Mütter zur Verfügung stehenden Jobs ist es illusorisch, von Möglichkeiten der Selbstverwirklichung im Beruf, von Karrierechancen o. Ä. zu sprechen. Hier steht im Vordergrund, die Arbeit zu behalten - schließlich sind diese Arbeitnehmerinnen besonders stark durch Arbeitslosigkeit bedroht - bzw. nach deren Verlust eine neue Stelle zu finden. Da die Arbeitgeber solcher Frauen wenig Rücksicht auf Mutterschaft nehmen, muss die Arbeit vorgehen: Bei Nacht-, Schicht- oder Wochenendarbeit müssen oft Großeltern, ältere Geschwister oder Nachbarn die Kinderbetreuung übernehmen.

Frauen aus unteren sozialen Schichten, Angehörige ethnischer Subgruppen und Alleinerziehende müssen also einem Leitbild folgen, das Erwerbstätigkeit und Mutterschaft vorschreibt und als miteinander vereinbar ansieht. Das Streben nach Emanzipation, Gleichberechtigung, Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung - wichtige Themen für Mittelschichtfrauen - ist hingegen zweitrangig: Im Vordergrund steht der alltägliche Überlebenskampf in einer bürgerlichen Gesellschaft, die diesen Gruppen gegenüber eher negativ eingestellt ist. Glenn (1994) ergänzt: "Die divergierenden Konstruktionen [von Mutterschaft] resultieren auch aus dem unterschiedlichen Wert, der Kindern aus verschiedenen Rassen und Schichten zugesprochen wird. Weiße Mittelschichtkinder haben den höchsten Wert und sind somit ganztags zu Hause bleibender Mütter würdig, die sie zur vollen Entfaltung ihres Potentials führen" (S. 20).

Schlusswort

Eine Mutter wird also in unserer Gesellschaft mit mehreren Mutterbildern konfrontiert, die widersprüchlich sind und miteinander konkurrieren. Sie hat somit einerseits die Wahlfreiheit, kann sich also für das eine oder andere Ideal entscheiden, ohne mit irgendwelchen größeren gesellschaftlichen Sanktionen rechnen zu müssen. Andererseits kann diese Situation zu Desorientierung, Verunsicherung und Ambivalenz führen: Die Frau mag es als sehr schwierig erleben, eine eigene Mutteridentität zu entwickeln.

Aber auch wenn eine Mutter sich (unbewusst) an einem bestimmten Leitbild orientiert, muss sie mit Problemen rechnen - wie zuvor immer wieder angedeutet wurde: mit Problemen wie Isolation und einem niedrigen sozialen Status (als Hausfrau), wie Überforderung (als Erziehende) oder wie Mehrfachbelastung und Stress (als Erwerbstätige). Es ist offensichtlich, dass das Befolgen eines jeden der skizzierten Leitbilder mit ganz spezifischen Chancen und Schwierigkeiten verbunden ist. Und immer bleibt das Gefühl der Unzulänglichkeit - dass man irgendetwas hinsichtlich der eigenen Individuation, der Partnerschaft oder der Kindererziehung versäumt, weil man sich für ein bestimmtes Mutterbild entschieden hat.

Darüber hinaus müssen sich Mütter mit einer Reihe weiterer Paradoxien auseinander setzen, die hier nur beispielhaft angedeutet werden können:

  • Als soziale Rolle erfährt Mutterschaft nur wenig gesellschaftliche Wertschätzung; für die Mutter selbst hat sie aber eine sehr große persönliche Bedeutung und moralischen Wert.
  • Kindererziehung wird auf der einen Seite als etwas "Instinktives" und "Intuitives" bezeichnet; Mütter wüssten von Natur aus, wie sie sich Kindern gegenüber zu verhalten hätten. Auf der anderen Seite wird eine fachmännische, wissenschaftlich fundierte Anleitung gefordert, veröffentlichen Fachleute Erziehungsratgeber, die hohe Auflagen erreichen und deren Ratschläge von Müttern unwidersprochen übernommen werden (vgl. Marshall 1991).
  • Müttern wird einerseits ein großer erzieherischer Einfluss zugesprochen; andererseits gelten Kinder als durch ihr Erbgut und durch die Gesellschaft (Kindergarten, Schule, Gleichaltrigengruppe, Medien usw.) geprägt.
  • Viele (Erziehungs-) Probleme von Müttern sind gesellschaftlich bedingt, sollen aber in der Familie gelöst werden. Gelingt dies nicht, werden vor allem die Mütter als unfähig etikettiert.
  • Kindererziehung in der Familie ist einerseits Privatsache, unterliegt aber andererseits auch der gesellschaftlichen Kontrolle - wobei vor allem die Mütter (insbesondere aus unterprivilegierten sozialen Gruppen) von Interventionen seitens der Institutionen Schule, Kindergarten, Jugendamt, Polizei usw. betroffen sind.
  • Kinder gelten einerseits als Zukunft unserer Gesellschaft. Andererseits erleben aber insbesondere Mütter mit Kleinkindern viel Kinderfeindlichkeit außerhalb der Familie, z. B. in Kaufhäusern oder Restaurants.
  • (Klein-)Kinder sollen sich einerseits in der Wohnung frei entfalten können, andererseits soll diese aufgeräumt, ordentlich und sauber wirken.

Besonders problematisch ist aber, dass die in unserer Gesellschaft vorherrschenden Mutterbilder den Blick dafür verstellen, dass es neben den Müttern viele (potentiell) wichtige Bezugs- und Erziehungspersonen für Kinder gibt. Im familialen Bereich können dies neben Vätern auch Großeltern oder ältere Geschwister sein; im außerfamilialen Bereich sind dies Erzieher/innen, Lehrer/innen, Nachbar/innen u.v.a.m. Deren Einbeziehung in ein umfassendes Erziehungs- und Sozialisationskonzept würde Mütter von einer Überbewertung ihrer Rolle sowie von der damit verbundenen Überlastung und anderen negativen Folgen (s.o.) befreien.

Literatur

Friedman, A./Weinberg, H./Pines, A.M.: Sexuality and motherhood: mutually exclusive in perception of women. Sex Roles 1998, 38, S. 781-800

Fthenakis, W.E.: Väter. Band 1 und 2. München 1988

Glenn, E.N.: Social constructions of mothering: A thematic overview. In: Glenn, E.N./Chang, G./Forcey, L.R. (Hrsg.): Mothering: Ideology, experience, and agency. New York 1994, S. 1-29

Hays, S.: Die Identität der Mütter. Zwischen Selbstlosigkeit und Eigennutz. Stuttgart 1998

Herlyn, I./Vogel, U./Kistner, A./Langer, H./Mangels-Voegt, B./Wolde, A.: Begrenzte Freiheit - Familienfrauen nach ihrer aktiven Mutterschaft. Eine Untersuchung von Individualisierungschancen in biographischer Perspektive. Bielefeld 1993

Laub, T.: Aspekte des Mutter-Seins. System Familie 1992, 5, S. 3-9

LBS-Initiative Junge Familie (Hrsg.): Wassilios E. Fthenakis u.a.: Engagierte Vaterschaft. Die sanfte Revolution in der Familie. Opladen 1999

Marshall, H.: The social construction of motherhood: An analysis of childcare and parenting manuals. In: Phoenix, A./Woollett, A./Lloyd, E. (Hrsg.): Motherhood: Meanings, practices and ideologies. London 1991, S. 66-85

Textor, M.R.: Väter im Kindergarten. Bildung, Erziehung, Betreuung 1999, 4 (1), S. 10-13

Textor, M.: Kooperation mit den Eltern. Erziehungspartnerschaft von Familie und Kindertagesstätte. München 2000

Woodward, K.: Motherhood: Identities, meanings and myths. In: Woodward, K. (Hrsg.): Identity and difference. Culture, media and identities. Milton Keynes 1997, S. 239-297