Persönliche, eklektische und integrative frühpädagogische Theorien

Martin R. Textor 

 

Jeder Kleinkinder erziehende Mensch - egal ob Elternteil oder sozialpädagogische Fachkraft - und jede sich mit frühkindlicher Bildung befassende Person - egal ob Wissenschaftler/in oder Lehrer/in an Fachschulen - entwickelt eine persönliche Theorie der Frühpädagogik. Diese Alltagstheorie umfasst ein Bild vom Kind und Vorstellungen darüber, was es für Bedürfnisse hat, wie es sich entwickelt, wie es lernt, was es in einem bestimmten Alter können müsste und wie es sich anderen Menschen gegenüber (z.B. in der Familie, in einer Klein- oder Kita-Gruppe) verhalten sollte. Die persönliche Theorie enthält Bildungs- und Erziehungsziele sowie Annahmen darüber, mit welchen Erziehungstechniken und Bildungsmethoden man diese Ziele erreichen kann. Hinzu kommen Mutmaßungen, wie die Beziehung zwischen Erwachsenen und Kleinkindern sein sollte, welche Bedeutung der Bindung zukommt und was ein Kind an Zuneigung, Fürsorge und Schutz benötigt. Alltagstheorien werden zumeist auf der Grundlage allgemeiner Erfahrungen im täglichen Leben entwickelt und im praktischen Handeln oder im Gespräch mit anderen überprüft.

Wie schon die Bezeichnung andeutet ist jede persönliche Theorie ein ganz individuelles Konglomerat aus Konzepten, Kenntnissen, Erfahrungen und Vermutungen - sie ist einzigartig. Alltagstheorien sind mehr oder weniger bewusst und reflektiert. Ferner unterscheiden sie sich hinsichtlich ihrer Komplexität, ihrer Schwerpunkte und der Wahrscheinlichkeit, ob sie als Grundlage für die Erziehung eines ganz bestimmten Kleinkindes taugt. So wird eine Lehrkraft, die an einer Fachschule Pädagogik der frühen Kindheit lehrt, vermutlich eine umfassendere und facettenreichere persönliche Theorie haben als ein Elternteil, wird dieser überwiegend über die Erziehung der eigenen Kinder nachdenken, während eine sozialpädagogische Fachkraft sich stärker mit Gruppenpädagogik, Bildungsinhalten und -methoden befassen muss, wird diese auf Grundlage ihrer persönlichen Theorie wahrscheinlich besser mit einem verhaltensauffälligen Kind umgehen können als ein Wissenschaftler, der im Bereich der Frühpädagogik forscht.

Hinzu kommt, dass Praktiker/innen - egal ob Eltern oder Erzieher/innen - mit zu komplexen Theorien nicht arbeiten können: In der konkreten Erziehungssituation werden sie mit einer solchen Unmenge von Verhaltensweisen, verbalen und nonverbalen Botschaften, psychischen und interpersonalen Prozessen konfrontiert, dass sie diese nicht in ihrer Gesamtheit, Vielschichtigkeit und Tiefe erfassen können. Genauso wenig können sie alle auf sie einströmenden Eindrücke und Informationen ordnen, aus ihnen Schlüsse über nicht beobachtbare Prozesse ziehen, sie bewerten und über eventuell notwendige Erziehungsmaßnahmen entscheiden. Hinzu kommt, dass Praktiker/innen sich selbst und ihre Wirkung auf die Kleinkinder beobachten und ihr pädagogisches Handeln bewusst und vorbewusst steuern müssen.

Um nicht die Orientierung in der konkreten Erziehungssituation zu verlieren, müssen Eltern und Erzieher/innen ihre Beobachtungen, Denkprozesse und Handlungsalternativen auf eine sinnvolle und handhabbare Anzahl beschränken - sie müssen die Komplexität der Realität bis hin zur Simplifikation reduzieren. Hier hilft die jeweilige persönliche Theorie (sofern sie nicht zu komplex ist), weil sie die Aufmerksamkeit auf bestimmte Vorgänge lenkt, eine begrenzte Anzahl von Erklärungen oder Vermutungen anbietet sowie dementsprechend auch die Zahl der Handlungsmöglichkeiten einschränkt. Die persönliche Theorie dient also als eine Art "Leitfaden" durch im Grunde vielschichtige und unübersichtliche Erziehungs- und Bildungssituationen. Mit ihrer Hilfe möchte der Erziehende

  • bestimmte Verhaltensweisen der ihm anvertrauten Kinder erklären und aus ihnen Rückschlüsse auf psychische Prozesse ziehen,
  • individuelle (und gemeinschaftliche) Erziehungs- und Bildungsziele formulieren,
  • eine Strategie zum Erreichen dieser Ziele entwerfen,
  • passende Bildungsmethoden und Erziehungsmaßnahmen finden,
  • problematische Entwicklungen erkennen und ihnen entgegenwirken,
  • die eigene Rolle definieren sowie
  • den Erziehungs- und Bildungserfolg messen können.

So dienen Alltagstheorien der Verhaltenssteuerung, sind zur praktischen Anwendung gedacht und somit zumeist zweckgerichtet. Für die Erziehenden ist es wichtiger, dass sie ein effektives Arbeiten und einen raschen Erfolg ermöglichen, als dass sie allumfassend, "wahr" oder "richtig" sind.

Es lassen sich viele Gründe aufführen, weshalb jeder Mensch, der Kleinkinder erzieht oder sich auf einer anderen Ebene mit frühkindlicher Bildung befasst, eine eigene persönliche Theorie entwickelt:

  • So spielt seine Lebensgeschichte eine große Rolle. Beispielsweise orientiert er sich häufig an der selbst erfahrenen Erziehung (in Familie, Kita und Schule) und an den Erfahrungen, die er bei der Erziehung eigener Kinder macht bzw. gemacht hat. Sozialpädagogische Fachkräfte verändern ihre persönlichen Theorien mit zunehmender Berufserfahrung und verbessern auf diese Weise deren Anwendbarkeit.
  • Eine große Bedeutung kommt den eigenen Werten und Einstellungen zu. So wird z.B. ein strenggläubiger muslimischer Elternteil sicherlich eine andere persönliche Theorie haben als ein Elternteil, der nur noch auf dem Papier einer christlichen Religionsgemeinschaft angehört. Und eine Erzieherin, die von der Emanzipationsbewegung beeinflusst wurde, wird sich diesbezüglich von einer Fachkraft unterscheiden, die eher traditionelle Geschlechtsrollenleitbilder hat.
  • Meist besteht eine Beziehung zwischen der Persönlichkeit der jeweiligen Person und ihrer Alltagstheorie. Ist sie z.B. dominant und durchsetzungskräftig, so wird sie eher eine autoritative oder gar autoritäre Erziehung befürworten, während jemand, der alles leicht nimmt und ein "dickes Fell" besitzt, eher zu "Laissez faire" tendieren wird.
  • Häufig gibt es Parallelen zwischen Alter bzw. Geschlecht des jeweiligen Menschen und seiner persönlichen Theorie. So wird ein junger männlicher Erzieher sicherlich andere Schwerpunkte setzen als eine sozialpädagogische Fachkraft, die kurz vor der Rente steht.
  • Ganz offensichtlich besteht eine Beziehung zwischen dem Bild vom Kind der jeweiligen Person und ihrer Alltagstheorie. So spielt es beispielsweise eine Rolle, ob sie das Kleinkind als ein autonomes Individuum, das nach Selbstverwirklichung strebt, als ein von starken Bedürfnissen und Trieben bestimmtes Wesen oder als ein sich nach einem angeborenen Plan entwickelnden Menschen sieht.
  • Schließlich wird der Inhalt von Alltagstheorien durch den soziokulturellen Kontext (z.B. einer Großstadt oder eines Dorfes), den Geist einer bestimmten historischen Epoche (z.B. durch den Sozialismus zu DDR-Zeiten) und den jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis (z.B. durch die neuen Veröffentlichungen von Hirnforschern) mitbestimmt.

Bei Erzieher/innen, Lehrkräften an Fachschulen und Wissenschaftler/innen werden die persönlichen Theorien natürlich durch die Aus- und Fortbildung, den Austausch mit Kolleg/innen und das Lesen von Fachliteratur geprägt (Letzteres gilt begrenzt für Eltern, die z.B. Erziehungsratgeber und Elternzeitschriften nutzen, relevante Informationen im Internet suchen oder mit anderen Erwachsenen über die Erziehung ihrer Kinder sprechen). Hier werden sie mit etablierten pädagogischen Ansätzen wie z.B. der Fröbel-, Montessori-, Waldorf- oder Reggio-Pädagogik, dem situationsorientierten Ansatz oder der offenen Arbeit mit Kleinkindern konfrontiert. Auch dies sind im Grunde persönliche Theorien, die jedoch aufgrund der Veröffentlichungen ihrer Begründer und entsprechender Aus- bzw. Weiterbildungen eine große Verbreitung gefunden haben. So hat letztlich z.B. nur Maria Montessori die Montessori-Pädagogik vertreten und praktiziert - ihre Anhänger/innen haben auf Grundlage ihrer Aussagen eigene persönliche Theorien entwickelt, die sich alle voneinander unterscheiden, aber eben auch viele Gemeinsamkeiten beinhalten.

Die großen Unterschiede zwischen den etablierten pädagogischen Ansätzen verdeutlichen, dass sie wie persönliche Theorien auf verschiedenen Menschenbildern, Vorstellungen von der kindlichen Entwicklung, Lernmodellen, Werten, Erziehungszielen und Bildungskonzepten beruhen. Sie sind aber umfassender, komplexer und durchdachter als die meisten (anderen) persönlichen Theorien. Das liegt daran, dass sie fast ausschließlich von Personen mit einem akademischen Abschluss - meistens Wissenschaftler/innen - entwickelt wurden, die ihre Gedanken in vielen Publikationen niederlegten. Auch zur weiteren Verbreitung der pädagogischen Ansätze bis in die Gegenwart hinein trugen Fachautor/innen bei, die zumeist einen Hochschulabschluss erworben hatten. Deren Schriften enthalten oftmals unterschiedliche Interpretationen von Aussagen der Begründer der pädagogischen Ansätze sowie eigene Gedanken und neue Ideen - man kann Kleinkinder im 21. Jahrhundert schließlich nicht mehr so erziehen und bilden wie z.B. im 19. Jahrhundert (Entstehung der Fröbel-Pädagogik), zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Entwicklung der Montessori- und Waldorf-Pädagogik) oder in den 1970er Jahren (Begründung des Situationsansatzes und der Reggio-Pädagogik).

Wenn Menschen, die Kleinkinder erziehen und bilden, ihre persönlichen Theorien mit Elementen etablierter (elementar-) pädagogischer Ansätze oder mit ausgewählten wissenschaftlichen Erkenntnissen bereichern, entstehen eklektische Theorien. Dabei wählen sie diejenigen Konzepte, Vorgehensweisen und Methoden aus, die der Individualität des jeweiligen Kindes und den anstehenden Erziehungsaufgaben am ehesten entsprechen, die sich ihrer Meinung nach am besten für die pädagogische Arbeit in der Kindergruppe eignen bzw. mit denen der Erziehende als Person mit ganz bestimmten Eigenschaften, Stärken und Schwächen am besten arbeiten kann und bereits Erfolge erzielt hat.

Eklektisch orientierte sozialpädagogische Fachkräfte verbinden also Konzepte, Bildungsmethoden und Erziehungstechniken aus verschiedenen pädagogischen Ansätzen in unendlich vielen Variationen miteinander, wobei sie aber immer nur einige wenige Theorieelemente und Methoden auswählen - schließlich muss eine eklektische Theorie genauso wie eine persönliche Theorie handhabbar sein. Im Gegensatz zu den Vertreter/innen eines pädagogischen Ansatzes haben Eklektiker/innen jedoch in der Regel kein in sich geschlossenes "Theoriegebäude" entwickelt. Letztlich verfügen auch sie nur über eine von ihren Werten, ihren Einstellungen und ihrem Menschenbild abhängige persönliche Theorie.

Die Verwendung von persönlichen bzw. eklektischen Theorien ist u.a. mit Problemen verbunden. Dazu gehören beispielsweise:

  • Aus der Beschränkung auf ausgewählte Konzepte, Erziehungsziele, Bildungsmethoden usw. resultiert eine gewisse Einseitigkeit dieser Theorien. Sie eignen sich nicht zur Erklärung aller Verhaltensweisen, die ein Erziehender beobachtet. Auch bleiben viele Variablen der Erziehungssituation unberücksichtigt. Diese Beschränkung auf einzelne Aspekte steht im Widerspruch zur Komplexität der Wirklichkeit.
  • Alle persönlichen bzw. eklektischen Theorien haben praktische Grenzen, d.h. kein Ansatz eignet sich für alle Kleinkinder, für die Schulung aller von ihnen zu entwickelnden Kompetenzen und für die Vermittlung aller Bildungsinhalte.
  • Die Konzentration auf bestimmte Aspekte und Methoden beschränkt den Wahrnehmungsrahmen und Aktionsradius des Erziehenden. Sie macht ihn blind gegenüber wichtigen Eindrücken, hilfreichen Informationen und sinnvollen Ansatzpunkten für Bildungsangebote und Erziehungsmaßnahmen, die von seiner Theorie nicht erfasst werden.
  • Persönliche bzw. eklektische Theorien genügen nicht den Kriterien der Wissenschaftlichkeit, da sie in der Regel viele implizite, nicht überprüfte Annahmen enthalten, nicht auf empirischen Forschungsergebnissen beruhen und nicht evaluiert wurden.
  • Da ein Erziehender in seine persönliche Theorie emotional investiert, tendiert er dazu, sie zu verabsolutieren und auf dogmatische Weise zu vertreten. Daraus können Konflikte mit dem anderen Elternteil bzw. mit Kolleg/innen resultieren.

Aus diesen Überlegungen ergibt sich, dass sich alle Erziehenden der Grenzen ihrer persönlichen bzw. eklektischen Theorien bewusst sein sollten. Dies gilt auch dann, wenn sie ihrer Meinung nach in vielen Erziehungssituationen von Nutzen waren.

Während eine persönliche bzw. eklektische Theorie daran gemessen werden muss, ob sie sich bei der Erziehung der eigenen Kinder (Eltern) bzw. in der pädagogischen Arbeit in einer Kita (Erzieher/innen) bewährt, müssen Wissenschaftler/innen (und Lehrkräfte an Fachschulen) danach trachten, über den individuellen Nutzen hinausgehende Theorien der frühkindlichen Entwicklung zu entwickeln (bzw. zu lehren). Als integrative Theorien sollten sie

  • möglichst viele empirische Daten und wissenschaftliche Erkenntnisse über das Wesen von Kleinkindern, ihre Entwicklung, ihre Betreuung, Erziehung und Bildung systematisch und logisch zu einem umfassenden und möglichst wirklichkeitsnahen Modell verknüpfen und daraus
  • den größtmöglichen Erfolg versprechende Bildungsmethoden und Erziehungsmaßnahmen sowie Qualitätskriterien für eine gute Familienerziehung bzw. pädagogische Arbeit in Kitas ableiten.

Integrative Theorien fassen also möglichst viele für die frühkindliche Betreuung, Erziehung und Bildung relevante Forschungsergebnisse, Kenntnisse, Erfahrungen, Konzepte und Methoden zusammen. Dies geschieht durch Integration, d.h. durch die Verknüpfung komplementärer Aspekte, die Synthese berechtigter gegensätzlicher Positionen und die Inkorporation einander ergänzender Elemente zwecks Herstellung eines harmonischen Ganzen. Dementsprechend müssen z.B. auch die etablierten pädagogischen Ansätze in sie eingegliedert werden, soweit dies sinnvoll ist. Integrative Theorien sollten der Komplexität der Realität entsprechen und allgemeinen wissenschaftlichen Kriterien genügen, d.h. deskriptiv und erklärend, logisch und formal, klar und verständlich, anwendbar und überprüfbar sein. Aufgrund der hohen Anforderung können solche Theorien der Frühpädagogik nur von einem möglichst interdisziplinär zusammengesetzten Team entwickelt werden.

Eine integrative Theorie der Pädagogik der frühen Kindheit soll folgenden Zwecken genügen:

  • Sie konfrontiert Praktiker/innen mit der Einseitigkeit ihrer persönlichen Theorien und gibt ihnen die Möglichkeit, ergänzende Konzepte und Methoden kennenzulernen.
  • Ferner ermöglicht sie einen sinnvollen Eklektizismus. Eine integrative Theorie ist ja viel zu komplex und umfangreich, als dass sie eine Fachkraft in ihrer Kita-Gruppe anwenden könnte. Dementsprechend muss sie eine handhabbare Auswahl treffen und eine eklektische Theorie entwickeln. Während sie sich bei der Entwicklung einer persönlichen Theorie dieses Auswahlprozesses nicht bewusst ist, weiß sie nun, dass sie sich für bestimmte Konzepte, Ziele und Methoden entscheidet. Die so entstehende eklektische Theorie ist von einer anderen Qualität als diejenige, bei der - wie weiter oben ausgeführt - nur einige Aspekte aus zwei, drei nebeneinander stehenden pädagogischen Ansätzen übernommen werden, da sie auf einer viel umfassenderen und in sich geschlossenen Grundlage beruht.
  • Somit erlaubt eine integrative Theorie der sozialpädagogischen Fachkraft, eine eklektische Theorie zu entwickeln, die ihrer Persönlichkeit, ihren Fähigkeiten, Einstellungen und Werten entspricht. Sie ermöglicht es ihr, ihren Ansatz dem einzelnen Kind, der ganzen Gruppe oder der jeweiligen Erziehungssituation anzupassen. Und wenn sie an die Grenzen ihrer eklektischen Theorie stößt, bietet die integrative Theorie ihr alternative Konzepte, Vorgehensweisen, Erziehungsmaßnahmen und Bildungsmethoden an. So befähigt sie die Fachkraft, nahezu alle sich ihr stellenden Probleme zu erfassen und Lösungsmöglichkeiten zu erkennen. Bei einer derart flexiblen Vorgehensweise sollte sie größere Bildungs- und Erziehungserfolge als bei der Verwendung einer persönlichen Theorie haben.
  • Vor allem bei der Ausbildung sozialpädagogischer Fachkräfte sollte von einer integrativen Theorie ausgegangen werden, sodass diese eine umfassendere Einführung in ihren neuen Arbeitsbereich erhalten.

Integrativen Theorien am nächsten kommen die Bildungspläne der Bundesländer. Sie wurden von Wissenschaftler/innen, Verbandsvertreter/innen, Fachberater/innen und Praktiker/innen gemeinsam entwickelt sowie in Kitas und anderen Betreuungskontexten (z.B. Tagespflege) erprobt. Aber auch die einzelnen Bildungspläne unterscheiden sich mehr oder minder stark voneinander. Zudem erwiesen sie sich als ergänzungsbedürftig, mussten sie immer wieder aktualisiert werden. So liegt beispielsweise der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan inzwischen in der 5. Auflage (2012) vor - und wuchs im Umfang von 323 Seiten des Erprobungsentwurfes (2003) auf 476 Seiten.

Auch in Zukunft wird es notwendig sein, die Bildungspläne zu überarbeiten oder neue integrative Theorien zu entwickeln. Beispielsweise wurden bisher wissenschaftliche Erkenntnisse aus Bereichen wie Hirnforschung, Entwicklungs- und Lernpsychologie zu wenig berücksichtigt, mangelt es weiterhin an einer ausgefeilten Didaktik und Methodik der Frühpädagogik, fehlt weitgehend eine empirische Grundlegung bzw. Überprüfung der Aussagen in den Bildungsplänen, wurden in anderen Ländern entwickelte Konzepte, gemachte Erfahrungen und gesammelte Forschungsergebnisse weitestgehend ignoriert. Ein Bildungsplan bzw. eine integrative Theorie wird somit nie endgültig sein, sondern muss bei neuen Erkenntnissen immer wieder verändert und erweitert werden. So ist Integration letztlich ein unendlicher Prozess.

Inwieweit aber ein politisches Interesse daran besteht, die Bildungspläne zu ergänzen, zu verbessern und auf eine empirisch abgesicherte Basis zu stellen, ist fraglich. Diese Aufgabe kann nur von einem großen, interdisziplinär zusammengesetzten Team geleistet werden, das seitens der zuständigen Ministerien langfristig zu finanzieren ist. Derzeit scheinen nur das Deutsche Jugendinstitut und das Staatsinstitut für Frühpädagogik dazu in der Lage zu sein. Jedoch wurden deren Mitarbeiter/innen mit anderen Aufgaben betraut. Ganz unwahrscheinlich dürfte es sein, dass sich in absehbarer Zeit an Hochschulen tätige Wissenschaftler/innen aus unterschiedlichen Fachdisziplinen zu einem Team zusammenfinden werden, um gemeinsam ein neue integrative Theorie der Elementarpädagogik zu entwickeln…

Literatur

Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen/Staatsinstitut für Frühpädagogik München: Der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung. Entwurf für die Erprobung. Weinheim, Basel, Berlin: Beltz 2003

Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen/Staatsinstitut für Frühpädagogik München: Der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung. Berlin: Cornelsen, 5., erweiterte Auflage 2012