Rezension

Alfie Kohn: Der Mythos des verwöhnten Kindes. Erziehungslügen unter die Lupe genommen. Weinheim, Basel: Beltz 2015, 304 Seiten, EUR 22,95 - direkt bestellen durch Anklicken

 

Der amerikanische Autor Alfie Kohn gilt als Rebell der Erziehungsliteratur! Wollen Sie sich auf seine Gedanken einlassen? Ich kann Ihnen versichern, Sie werden es nicht bereuen.

Kohn schaut sich alle Familienideologien gründlich an, durchforstet Forschungsergebnisse, die Eltern hierzulande verunsichern. Er zeigt auf, dass manche Erziehungsratschläge nichts weiter wollen, als Kinder zu normieren und gesellschaftlich anzupassen. Seine Ausführungen stoßen genau in die Lücke zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und scheinbar unumstößlichen Erziehungsmythen.

Claus Koch schreibt im Vorwort: "Bei der Lektüre dieses spannenden Buches drängen sich der Leserin und dem Leser also viele Parallelen zu unserer Erziehungswelt auf, denn die Mythen, die Kohn entlarvt und anprangert, lassen sich mit Leichtigkeit auch bei uns finden" (S. 10).

Kohn stellt das mündige Kind in den Mittelpunkt der Ausführungen. Er fordert die Leser ganz schön heraus mit seinen Fragen, Feststellungen und Thesen. Dies wird schon aus der Gliederung seines Buches deutlich:

  • Von nachgiebigen Eltern, verwöhnten Kindern und anderen altbekannten Buhmännern
  • Der Dauerbrenner: Kinder sollen tun, was ihnen gesagt wird
  • Mythos Helikopter-Erziehung und Übervorsorge
  • Wofür soll Scheitern gut sein?
  • "Nur unter dieser Bedingung...". Vom Unsinn von Strafen, Noten und Wettbewerb
  • Der Angriff auf das Selbstwertgefühl
  • Warum Selbstdisziplin überschätzt wird
  • Erziehung zur sanften Rebellion

Kohn nennt viele Wahrheiten einfach beim Namen - Dinge, die Eltern und professionellen Pädagogen eigentlich klar sein müssten: "Wenn ich mir populärwissenschaftliche Bücher und Zeitungsartikel für Eltern anschaue, bin ich immer wieder erstaunt, wie viele von ihnen hauptsächlich darauf fokussiert sind, wie man Kinder zum Gehorsam bringt. Sie schlagen eine beachtliche Vielfalt von Strategien vor - vom Drangsalieren bis zum Feilschen, von Techniken, die eingestandenermaßen der Tierdressur abgeschaut sind, bis hin zu subtileren Formen der Manipulation. Doch die grundlegende Frage in diesen Texten lautet kaum je: 'Was brauchen Kinder, und wie können wir ihren Bedürfnissen gerecht werden?' Viel eher schwingt mit: 'Wie können Sie Ihr Kind dazu bringen, das zu tun, was Sie wollen?'" (S. 46 f.)

Ja, wenn das so einfach wäre, zu erkennen, was Kinder brauchen! Erziehende sind der Boss, warum also auf Kinder eingehen?

Wenn Sie sich durch die Ausführungen von Kohn bewegen, dann werden Sie immer wieder staunen. Es scheint ja alles so klar zu sein in der Erziehung, aber... Sie dürfen keine Zeile beim Lesen dieses Buches auslassen, Sie würden wirklich etwas verpassen!

Am Schluss schreibt Kohn: "Zu Beginn dieses Buchs habe ich die Klagen über die permissive Erziehung untersucht: Behauptungen, wir würden den Kindern zu viel durchgehen lassen, verbunden mit der Forderung, strenger zu sein. Schließen möchte ich mit dem Hinweis, dass es eigentlich mächtige Erwachsene und ihre Institutionen sind, die sich zu viel herausnehmen, weshalb wir eine Generation erziehen müssen, die Widerstand leisten wird. Derselbe Konservatismus, der sich in der Einstellung unserer Kultur gegenüber Kindern und Erziehung manifestiert, zeigt sich auch in der Bereitschaft, diese Institutionen frag- und klaglos fortbestehen zu lassen. Lassen Sie uns hinterfragen, ob weithin akzeptierte Glaubenssätze über narzisstische Jugendliche und Helikopter-Erziehung, an Bedingungen geknüpftes Selbstwertgefühl und Wettbewerb wirklich sinnvoll sind. Und lassen Sie uns dann den Vorsatz fassen, das konventionelle Bewusstsein, das sich in alldem spiegelt, zu überdenken - und diesen Vorsatz an unsere Kinder weiterzugeben" (S. 259).

Zugegebenermaßen ist das Buch mit seinen Schachtel- und Nebensätzen nicht immer einfach zu lesen. Aber vielleicht ist es gerade diese Ausdrucksweise, die unsere Selbstreflexion fördert, uns innehalten lässt und zum Nachdenken über die Aussagen des Autors führt.

Ein Pflichtlektüre auch für Dozent/innen in der Ausbildung von Erzieher/innen!

Ingeborg Becker-Textor