Kindergartenpädagogik
- Online-Handbuch -

Herausgeber: Martin R. Textor

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Aus: Kinderzeit 1999, Heft 3, S. 13-15, Heft 4, S. 16-17

Projektarbeit im Kindergarten

Martin R. Textor

 

In der Phase der Entwicklung und Erprobung des Situationsansatzes wurde der Projektarbeit eine große Bedeutung zugesprochen. Im Rahmen von Projekten sollten Kinder mit Lebenssituationen konfrontiert werden, in denen sie kognitive, soziale und emotionale Kompetenzen erwerben, für ihre Entwicklung wichtige Erfahrungen machen und mit Menschen außerhalb der Kindertageseinrichtung in Kontakt kommen können. Vom Deutschen Jugendinstitut, vom Staatsinstitut für Frühpädagogik und von anderen Institutionen oder Einzelpersonen wurden in enger Kooperation mit Erzieher/innen Projekte entwickelt, erprobt und dokumentiert.

In den letzten zehn Jahren wurde es um Projektarbeit in Kindertageseinrichtungen recht still. Hier spielten sicherlich Mißverständnisse hinsichtlich des Situationsansatzes und die häufig zu beobachtende Verwässerung desselben eine Rolle. Meines Erachtens ist aber Projektarbeit gerade heute wichtig - und kann übrigens im Rahmen eines jeden pädagogischen Ansatzes eingesetzt werden.

(Klein-)Kinder sind im Verlauf der letzten Jahrzehnte zunehmend aus der Erwachsenenwelt ausgegliedert worden und verbringen nun fast ihre ganze Zeit in pädagogisch besetzten Sonderumwelten (wie Kindertageseinrichtungen oder Angebote speziell für Kinder seitens von Vereinen, Musikschulen usw.) - eine Erscheinung, die mit dem Stichwort "Verinselung" bezeichnet wurde. Dies hat dazu geführt, daß Kinder immer weniger Natur- oder andere Primärerfahrungen machen, daß sie die sie umgebende Wirklichkeit immer häufiger als undurchschaubar und unverständlich erleben und daß sie immer weniger selbstbestimmt handeln, toben und ihre Kräfte erproben können (Bewegungsmangel). Hinzu kommt der große Medienkonsum, der ebenfalls zur "Entsinnlichung" beiträgt sowie soziale Kontakte und die Ausbildung kommunikativer Fertigkeiten behindert.

Auf diese Charakteristika heutiger Kindheit reagiert die Projektarbeit mit Prinzipien und pädagogischen Zielen wie Öffnung von Kindertageseinrichtungen zu ihrem Umfeld hin, wie Handlungsorientierung, Erfahrungslernen, Selbsttätigkeit, Lebensnähe, Mitbestimmung, ganzheitlicher Kompetenzförderung, Methodenvielfalt und "spiralförmiges Lernen" (d.h.: Der fortwährende Wechsel von Gruppendiskussionen, Besichtigungen, Experimenten, Rollenspielen, Mal- und Bastelaktivitäten führt zu einem immer tiefer gehenden Eindringen in die jeweilige Thematik). Vernetzung und Öffnung der Kindertageseinrichtung zum Gemeinwesen hin bedeuten auch, daß Erzieher/innen bei der Projektplanung und -durchführung Eltern und andere Erwachsene ausfindig machen und einbinden, die entsprechende Fachkenntnisse mitbringen oder benötigte Kontakte vermitteln. Die Fachkräfte werden damit zu Lernenden und zu Vorbildern für das immer wieder proklamierte "lebenslange Lernen". Zugleich wird Projektarbeit zu einer Form der Eltern(mit)arbeit - aber auch der Öffentlichkeitsarbeit, da Interesse an der pädagogischen Arbeit im Kindergarten geweckt und diese transparent gemacht wird.

Projekte sind sicherlich arbeits- und zeitaufwendiger als Beschäftigungen und setzen mehr Planung, Vorbereitung sowie Absprachen im Team, mit Eltern - die oft nicht nur als Begleitpersonen, sondern auch als Mitwirkende benötigt werden - und mit anderen Personen voraus. Dieser Mehraufwand lohnt sich aber durchaus, da die erzielten Lernerfolge sehr groß sind und kaum auf andere Weise zu erreichen sind. So kommt es im Rahmen von Projekten beispielsweise zu

  • Wahrnehmungserziehung und Sinnesschulung,
  • Erwerb von Problemlösungstechniken, Abstraktionsfähigkeit, Urteilsvermögen und Kritikfähigkeit,
  • Aneignung von Wissen, neuen Begriffen und Kategorien,
  • Einsicht in Ursache-Wirkungs-Abfolgen, Strukturen und Prozesse,
  • Erwerb von Dispositionen wie Forschungsdrang, Neugier, Lernmotivation, Durchhaltevermögen und intrinsischer Motivation,
  • Erlernen von Gesprächsfertigkeiten (Mitteilen von Bedürfnissen, Interessen und Wünschen; Vortrag und Diskussion von Beobachtungen/Erfahrungen; Zuhören, Wiedergeben der Aussagen anderer, Zeigen von Empathie; Interviewtechniken; Verhandlungsgeschick, Konfliktlösungsfähigkeiten, Kompromißbereitschaft),
  • Aneignung von Gesprächs- und Verhaltensregeln, von Normen und Werten, von demokratischem Verhalten,
  • Entwicklung von Kooperationsfähigkeit (Koordination von Aktivitäten mit Peers, Hilfsbereitschaft),
  • Selbständigkeit, Selbstbestimmung und Mündigkeit; Selbstachtung, Selbstvertrauen, Gefühl von Kompetenz, Selbstbewußtsein, Selbstsicherheit, positives Selbstbild,
  • Entwicklung von Grob- und Feinmotorik sowie
  • Ausbildung von Fantasie und kreativen Fertigkeiten.

Die weitaus meisten Lernerfahrungen werden im Verlauf eines Projektes gemacht; im Prozeß findet die Erweiterung kognitiver, emotionaler, motorischer und sozialer Kompetenzen statt. Das Ergebnis eines Projekts ist eher zweitrangig - oder wie eine Erzieherin sagte: "Der Prozeß der Entwicklung zur Ergebnis hin ist wichtiger als das Ergebnis selbst".

Hinzu kommt, daß Erzieher/innen sich bei Projekten in größerem Maße selbstverwirklichen können als bei der "normalen" pädagogischen Arbeit. Sie erweitern ihre Kenntnisse, machen neue Erfahrungen, lernen andere Erwachsene kennen und diskutieren mit ihnen. Bei der Auswahl eines Projektthemas, bei der Vorbereitung und Durchführung können sie ihre eigenen Vorlieben, Interessen und besonderen Fähigkeiten einbringen. Da im Team gearbeitet werden muß, können sich die einzelnen Fachkräfte ergänzen, kann auf die Stärken des einzelnen zurückgegriffen werden. Planung und Durchführung von Projekten bringen Abwechslung in das Leben von Erzieher/innen, fordern ihre Kreativität und ihr Organisationstalent und führen zu neuen Erlebnissen und Erfolgen.

Planung und Durchführung von Projekten

Die folgende Abbildung (aus Textor 2009, S. 31) verdeutlicht, wie Projekte idealtypisch ablaufen. Die Initiative zu einem Projekt geht entweder von den Erzieher/innen oder den Kindern aus, ergibt sich aus einer Situation, ist spontan oder geplant. Auf jeden Fall sollte die Projektinitiative möglichst früh in der Gruppe besprochen werden, so daß gemeinsam über das Weiterverfolgen der Idee entschieden werden kann. Die Kinder sind schnell begeistert, wenn das jeweilige Thema lebens(welt)nah und direkt erforschbar ist und wenn sie damit bereits Erfahrungen gesammelt haben.

Verlauf eines Projekts

Projektinitiative:

  1. sich aus einer Situation ergebend
  2. spontane Idee von Kindern oder anderen
  3. ausgearbeiteter Vorschlag der Erzieher/innen

Entscheidung der Gruppe über das Weiterverfolgen der Initiative

Projektskizze/-plan

Vorbereitung des Projekts

Durchführung des Projekts (mit Reflexionsphasen)

Präsentation der Ergebnisse

Auswertung des Projekts

Insbesondere längerfristige und viele Außenkontakte umfassende Projekte sollten von den Erzieher/innen gründlich geplant und vorbereitet werden (Textor 2009). Es ist sinnvoll, mit einem Brainstorming bzw. einer Ideensammlung zu beginnen. Natürlich können dann nicht alle Projektideen weiterverfolgt werden: So wie jedes Projektthema dem Prinzip des exemplarischen Lernens - das Einzelne als Spiegel des Ganzen - folgt, muß auch in der Regel bei der Durchführung eines Projekts diesem Prinzip entsprochen werden.

Die Projektideen werden z.B. auf einer Wandzeitung oder in einem Schema geordnet. Dann wird diskutiert, welche Aspekte des Themas weiterverfolgt werden sollen. Die Entscheidung hängt ab von Faktoren wie

  • den vermuteten oder geäußerten Interessen der Kinder,
  • der Zusammensetzung der Kindergruppe (z.B. chronisch kranke oder behinderte Kinder),
  • der Bedeutung für das Kinderleben,
  • dem pädagogischen Wert des Themas,
  • der Vielfalt der sich aus dem Thema ergebenden Aktivitäten und Lernmöglichkeiten,
  • der Chance für eine allseitige Förderung der Kinder (Sinne, Fertigkeiten usw.),
  • der Einsatzmöglichkeit für viele Methoden und Medien,
  • dem Interesse der Erzieher/innen,
  • dem Wissen der Erzieher/innen über das Thema und ihren relevanten Erfahrungen,
  • der Möglichkeit, Eltern und andere Personen einzubinden, sowie
  • dem Vorhandensein benötigter Ressourcen, Materialien und Gegenständen.

Anschließend kann der Ablauf des Projekts erarbeitet und in einer Projektskizze niedergelegt werden. Diese enthält Angaben über Projektziele, Aktivitäten, aufzusuchende Orte, außenstehende Gesprächspartner, benötigte Materialien und Dienstleistungen, Aufgabenverteilung, notwendige Absprachen, Arbeitsschritte, Zeitaufwand, Abschlußtätigkeiten usw.

Eine solche Vorgehensweise ist empfehlenswert für Erzieher/innen, die erst wenig Erfahrung mit Projektarbeit haben und noch unsicher sind, sowie für Fachkräfte mit einem eher direktiven Erziehungsstil. Sie müssen aber beachten, daß Kleinkinder sehr spontan sind und oft ganz andere Aspekte oder Themen weiterverfolgen wollen als vorgesehen. Die Projektskizze muß also hierfür Raum lassen. Aber auch Erzieher/innen, die die Projektplanung und -durchführung weitestgehend den Kindern überlassen wollen - die also die zuvor genannten Prinzipien wie Selbst- und Mitbestimmung der Kinder, Handlungsorientierung und Selbsttätigkeit befolgen möchten -, profitieren von einer so gründlichen Vorbereitung im Team: Nimmt das Interesse der Kinder im Verlauf des Projektes ab, mangelt es ihnen an neuen Ideen, wünschen sie genauere Informationen, bleiben Rollenspiele zu oberflächlich usw., dann können Erzieher/innen auf die im Team erfolgten Vorarbeiten zurückgreifen: Sie machen Vorschläge für weitere Aktivitäten, verweisen auf noch nicht diskutierte Aspekte des Projektthemas, bringen neue Materialien ein oder greifen auf bereit liegende Bücher und Broschüren zurück, um die Fragen der Kinder zu beantworten. Auch haben sie bereits abgeklärt, welche Orte für Exkursionen oder welche außenstehenden Erwachsenen für Gespräche noch zur Verfügung stehen und jetzt genutzt werden können. Auf diese Weise fördern die Fachkräfte ein immer tiefer gehendes Eindringen in das Projektthema und das "spiralförmige Lernen".

Generell ist es sinnvoll, die Kinder so bald wie möglich in die Projektplanung einzubinden, so daß ihre Ideen, Vorschläge, Wünsche und Meinungen frühzeitig Berücksichtigung finden. Dies gilt insbesondere für Erzieher/innen, die den Projektverlauf weitestgehend von den Kindern, ihren Wünschen und Bedürfnissen bestimmen lassen wollen. Wurde das Projekt hingegen ausschließlich von den Fachkräften geplant, gilt es in der Anfangsphase zunächst, das Interesse der Kinder an der jeweiligen Thematik zu wecken und eine längerfristige Motivation zu bewirken. Das ist bei Kleinkindern relativ leicht, da sie von Natur aus neugierig sind und ihre Aufmerksamkeit leicht durch neuartige Situationen, Objekte, Bilder, Geschichten oder Ideen erreicht wird. In jedem Fall bietet es sich an, zu Projektbeginn den Kenntnisstand und die Vorstellungen der Kinder zu der jeweiligen Thematik sowie ihre bisherigen Erfahrungen im Gespräch zu erfassen.

Ein nächster Schritt ist die Vorbereitung der Kinder auf geplante Außenaktivitäten, Besichtigungen und Ausflüge oder auf Besuche von Außenstehenden im Kindergarten, die dem Erwerb neuen Wissens - insbesondere durch Primärerfahrung - dienen. Zugleich ermöglichen sie den Abbau von Ängsten gegenüber unbekannten Erwachsenen.

Generell sollte ein Projekt möglichst kindorientiert verlaufen, d.h. die Interessen, Bedürfnisse und Wünsche der Kinder sollten weitestgehend berücksichtigt werden. Das bedeutet auch, daß ein Projekt nur so lange dauern sollte, wie die Kinder intrinsisch motiviert sind. Dies ist eher und länger der Fall, wenn ihnen viele Gelegenheiten zur Mitbestimmung und Mitplanung gegeben werden, wenn die Erzieher/innen offen für Ideen und Vorschläge der Kinder sind und wenn gemeinsam der Projektverlauf gestaltet wird (Mitverantwortung der Kinder für das Projekt; demokratische Entscheidungsfindung). Kleingruppenarbeit bietet den Kindern besonders viel Wahlfreiheit.

Den Erzieher/innen kommt somit folgende Rolle zu: Sie schlagen Aktivitäten vor, gestalten die Umwelt der Kinder (legen z.B. projektbezogene Materialien und Medien aus), beobachten, konsultieren, stimulieren zum Hinterfragen von Erfahrungen, Vorstellungen und Konzepten. Da bei Projekten ganz unterschiedliche Methoden eingesetzt werden können, erleben die Kinder viel Abwechslung. Auch fallen Aktivitäten mit ganz verschiedenen Schwierigkeitsgraden an: Kinder unterschiedlichen Alters/unterschiedlicher Begabung können sich beteiligen und haben Erfolgserlebnisse.

Wichtig ist, während der Durchführung des Projekts immer wieder Reflexionsphasen einzuschieben, in denen Erzieher/innen und Kinder den derzeitigen Stand mit den Projektzielen bzw. der Planung vergleichen und den nächsten Schritt besprechen. Dabei können neue Vorschläge und Ideen der Kinder, Eltern und Fachkräfte berücksichtigt werden. Zugleich sollte geklärt werden, wie groß das Interesse der Kinder noch an dem jeweiligen Thema ist, ob ihren Bedürfnissen und Wünschen entsprochen wird. Schließlich können die Lernerfahrungen der Kinder, die Qualität ihrer Zusammenarbeit, ihr Verhältnis zu Außenstehenden u.ä. reflektiert werden.

Wenn das Interesse der Kinder am Projektthema abnimmt, ist es an der Zeit für die Beendigung des Projekts. Sinnvoll ist ein besonderer Abschluß, der mit einer Präsentation der Projektergebnisse in der Öffentlichkeit (u.U. auch in der Presse) verbunden sein kann. Die Darstellung der Projektergebnisse ist nicht nur für die Kinder wichtig, sondern verdeutlicht auch die pädagogische Arbeit des Kindergartens gegenüber Eltern, Träger und anderen Personen.

Ein Auswertungsgespräch - zumindest im Team, aber möglichst auch mit den Kindern - darf keinesfalls fehlen. Dabei können z.B. die Projektinitiative und der -plan mit dem Projektverlauf verglichen werden, wobei deutlich wird, ob die Ziele erreicht wurden, welche Projektphasen gut und welche weniger gut verliefen, wie das Klima in der Gruppe war, wie das Projekt bei Eltern und Außenstehenden ankam usw. Auch können Kritikpunkte erörtert und Konsequenzen für zukünftige Projekte gezogen werden.

Der nachstehende Praxisbericht ist ein Beispiel für ein kurzes Projekt zur Mundgesundheit (aus: Arbeitsgruppe Vorschulerziehung und die Erzieherinnen aus Modellkindergärten der Länder Rheinland-Pfalz und Hessen 1975, S. 22-23):

Projekt "Zahnarzt"

"An der Uniklinik versuchte ich, Material zu bekommen, künstliche Zähne und Gebißabdrücke. Beim Gesundheitsamt versuchten wir, einen Spiegel und eine Sonde zu bekommen, die uns auch leihweise zur Verfügung gestellt wurden. Eine Schreibtischlampe diente als intensive Beleuchtung. Eine elektrische Zahnbürste brachte ich mit, die nachher als Bohrer verwandt wurde. Zur Desinfektion besorgte ich Alkohol, damit es auch keine Schwierigkeiten mit den Eltern gab. Weiterhin hatten wir Servietten, die wir mit Hilfe einer Wäscheklammer und eines Bandes dem jeweiligen Patienten umlegten. Für die Anmeldung benötigten wir Karteikarten, Karteikasten. Und für die Sprechstundenhilfe noch Tupfer, um das Besteck zu reinigen. Wir hatten Zahnpasta und Zahnbürsten zur Verfügung, denn wir wollten den Kindern auch zeigen, wie sie sich die Zähne putzen müssen, nämlich in kreisenden Bewegungen. Wir erkundigten uns in der Uni-Klinik bei einem Medizinstudenten, der uns einige Informationen gab, wie wir die Untersuchung durchführen könnten. Das Wartezimmer richteten wir in dem gleichen Raum ein, wo auch das Sprechstundenzimmer war. Wir teilten es ab durch ein paar Stühle und legten dort Illustrierte hin, um die Situation möglichst realistisch und konkret zu gestalten.

Ein Bekannter von mir spielte den Zahnarzt. Die Kinder kannten Jürgen bereits durch einen vorhergehenden Kindergartenbesuch. Er kam auch sehr früh an diesem Nachmittag, um mit den Kindern noch zu spielen. Bei der Beschäftigung selbst konnte man jedoch feststellen, daß Jürgen für die Kinder nicht mehr der Spielkamerad war, sondern der Zahnarzt. ...

Als wir fragten, wer der erste Patient sein sollte, wagte keiner den ersten Schritt, und ich mußte zuerst Patient spielen. Wir demonstrierten es dann den Kindern. Jürgen fragte mich nach dem Namen und ob ich Beschwerden hätte, und er zeigte dann den Kindern, wie man mit Hilfe des Spiegels die Zähne, die Backenzähne, gut sehen kann, wie Karies aussieht und was man mit der Sonde tut. Die Kinder waren sehr interessiert und schauten sehr eifrig zu.

Die Kinder waren sehr gespannt, ob sie nun Karies hätten oder nicht. Wenn Jürgen dann sagte, daß der Junge oder das Mädchen ein Loch im Zahn hätte, zeigten sie sich sehr betroffen. Ob sie nun Angst vor dem kommenden Zahnarztbesuch hatten oder ob es ihnen nur unangenehm war, Karies zu haben, wie in der Geschichte besprochen, konnte ich nicht genau feststellen. Ein Mädchen war während der ganzen Beschäftigung sehr aktiv. Sie spielte ständig den Zahnarzt, und während ihrer Behandlung schaute sie sehr genau nach, indem sie die Sonde immer etwas in die Zähne bohrte, um nachzusehen, ob Karies vorhanden war oder nicht. Den Kindern machte es besonders viel Spaß, wenn wir Patienten spielten. Ich weiß nicht, ob es dem Angstabbau diente, wenn die Kinder sahen, wie wir reagierten, ob wir sicher oder sehr ruhig waren.

Das Zahnarztspiel dauerte sehr lang. Die Kinder wechselten ständig die Rollen, vom Patienten zum Zahnarzt und zur Zahnarzthelferin. Es wurde ziemlich viel Alkohol vergossen an diesem Nachmittag, und auch sehr viel Tupfer wurden gebraucht. Die Kinder waren sehr aktiv. Während drei oder vier Kinder immer Zahnarzt und Patient spielten, hatten die übrigen Kinder die Gelegenheit, selbst ein Gebiß zu bauen. Und zwar haben wir auf einem Gebißabdruck Knete verteilt, und die Kinder konnten dann die künstlichen Zähne dort aufstecken, so daß sie eine Vorstellung bekamen, wo die Backen- und Schneidezähne sitzen und welche Funktion sie haben.

Besonders beliebt war die elektrische Zahnbürste. Die Kinder bohrten ständig die Zähne aus. Ich nehme an, daß dies ein sehr großes Problem beim Zahnarzt ist: dieses Bohren, das unangenehme Gefühl. Deswegen haben sie die elektrische Zahnbürste, den Bohrer, häufig bei der Behandlung genommen. Wir haben auch eine Plastikschüssel gehabt und ein Glas mit Wasser. Der Patient konnte sich also auch die Zähne ausspülen, wie es beim Zahnarzt auch gemacht wird. ...

Das Zahnarztspiel dauerte bis zum Abholen am Nachmittag. Es war sehr nett, da die Kinder ihre Eltern in das Behandlungszimmer riefen: Sie mußten einmal Patient sein und sich von ihren Kindern untersuchen lassen, und es wurde ihnen dann von den Kindern gesagt, ob sie nun Karies hätten oder nicht.

Wir stellten auch am nächsten und übernächsten Tag den Kindern das Material zur Verfügung, so daß sie also vor der Untersuchung beim Gesundheitsamt noch genügend Gelegenheit hatten, die Rollen durchzuspielen, um die Situation besser bewältigen zu können.

Im großen und ganzen kann ich sagen, daß der Zahnarztbesuch ohne große Schwierigkeiten durchgeführt werden konnte. Wir sind zum Zahnarztbesuch in das Gesundheitsamt gegangen, wo der Zahnarzt eine Praxis hat. Die Kinder fühlten sich dort sehr sicher. Im Behandlungszimmer stürzten sie sich gleich auf die Sonden und Spiegel, die dort lagen. Der Zahnarzt war sehr geduldig und erklärte ihnen, daß sie die Spiegel und Sonden dort liegen lassen sollten, sie wären schon desinfiziert. Die Kinder durften sich auch um den Behandlungsstuhl herumstellen. Angst hatte ich eigentlich nur, daß der Zahnarzt den Kindern zu wenig Informationen geben würde. Die Sprechstundenhilfe war auch nicht sehr freundlich zu den Kindern. Sie schickte sie immer an die Seite. Es kam eigentlich kein richtiges Gespräch zwischen dem Zahnarzt und den Kindern zustande. Ich erkundigte mich später noch einmal bei ihm, ob er nicht etwas Anschauungsmaterial hätte, und erfuhr dann, daß es Modellzähne gibt, und zwar einen Schneidezahn und einen Backenzahn, die man auseinandernehmen kann, so daß man den Kindern den Aufbau eines Zahnes demonstrieren und ihnen zeigen kann, wo sich Karies bildet."

Dieses Praxisbeispiel verdeutlicht, wie im Gruppenraum eine "Zahnarztpraxis" eingerichtet und von Kindern für Rollenspiele genutzt werden kann. Das ist natürlich auch möglich, wenn ein "echter" Zahnarzt auf Besuch kam oder eine Exkursion zu seiner Praxis erfolgte. Gerade solche Rollenspiele ermöglichen es Kindern, bestimmte Situationen - die ihres Ernstcharakters entkleidet sind - mehrfach zu erleben und dabei ihre Ängste immer mehr abzubauen. Zugleich wurden im Rahmen des Projektes wichtige Informationen zur Zahnpflege und zum Aufbau von Zähnen vermittelt.

Literatur

Arbeitsgruppe Vorschulerziehung und die Erzieherinnen aus Modellkindergärten der Länder Rheinland-Pfalz und Hessen: Didaktische Einheit Kinder im Krankenhaus. Erprobungsfassung. München: Deutsches Jugendinstitut 1975

Textor, M.R.: Projektarbeit im Kindergarten. Planung, Durchführung, Nachbereitung. Norderstedt: Books on Demand, 2. Aufl. 2009