Rückläufige Kinderzahlen - Konsequenzen für Kindertageseinrichtungen

Martin R. Textor

 

Schon seit mehr als zwei Jahrzehnten zeichnet sich ab, dass durch die zurückgehende Bevölkerungszahl und die zunehmende Alterung der deutschen Gesellschaft die Zukunft des Sozialstaates gefährdet ist. Darüber hinaus gibt es aber auch einschneidende Folgen für Kindertageseinrichtungen, die in den alten Bundesländern erst seit wenigen Jahren diskutiert werden - während in den neuen Bundesländern diese Entwicklung aufgrund des starken Geburtenrückgangs nach der Wiedervereinigung vorzeitig eingetreten ist und schon zu einschneidenden Veränderungen führte.

Lassen Sie mich kurz rekapitulieren: In den letzten drei Jahrzehnten ist die Geburtenzahl immer mehr zurückgegangen. So wird z.B. bei Frauen des Geburtsjahrgangs 1964 nur noch mit einer durchschnittlichen Kinderzahl von 1,4 gerechnet - zum Erhalt der Bevölkerungsstärke wären aber 2,1 Kinder pro Frau notwendig. Dies hat zur Konsequenz, dass die Bevölkerung in Deutschland auf schätzungsweise 72 Mio. Personen im Jahr 2040 zurückgehen wird (laut der 8. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung, mittlere Variante).

In der Zukunft wird es weniger junge und viel mehr alte Menschen als heute geben: Während 1993 rund 37 Personen im Alter unter 20 Jahren auf 100 Personen im Erwerbsalter kamen, werden dies im Jahr 2040 nur noch 32 sein. Und während 1993 circa 35 Personen im Alter von 60 Jahren und darüber auf 100 Personen im Erwerbsalter kamen, werden dies im Jahr 2040 knapp 68 Personen sein.

Dieser Alterungsprozess der Bevölkerung hat z.B. zur Folge, dass im Jahr 2030 rund die Hälfte der Wähler älter als 55 Jahre sein wird. Dann könnten die Interessen der älteren Bürger/innen die Politik bestimmen. Schon jetzt ist die Kindertagesbetreuung zunehmend von Kürzungen und Einsparungen betroffen, und dieser Prozess könnte sich in der Zukunft noch verstärken: Wer künftig Wahlen gewinnen will, wird Seniorenpolitik machen müssen.

Besonders problematisch für Kindertageseinrichtungen ist aber der Rückgang der Kinderzahlen: Statt 2,5 Mio. Kinder im Jahr 1998 werden im Jahr 2015 nur noch etwa 1,8 Mio. Kinder in Westdeutschland einen Kindergarten besuchen. Offensichtlich ist, dass in den alten Bundesländern dieselbe Entwicklung stattfinden wird - und in manchen Regionen schon jetzt zu beobachten ist -, die in den neuen Bundesländern nach der Wiedervereinigung begann: Schließung von Kindertageseinrichtungen, Reduzierung der Zahl der Gruppen, Kündigungen vornehmlich jüngerer Erzieher/innen und Kinderpfleger/innen, kaum Anstellungschancen für Berufsanfänger/innen. Außerdem ist zu erwarten, dass immer mehr Zweitkräfte ohne Erzieherausbildung durch Erzieher/innen verdrängt werden, die bereit sind, unter Tarif zu arbeiten (In Ostdeutschland steigen die Geburtenzahlen wieder an, so dass hier ab 2001 mit einem zunehmenden Personalbedarf zu rechnen ist).

Diese sich abzeichnende Entwicklung wird vor allem in größeren Gemeinden und Städten Westdeutschlands zu einer zunehmenden Konkurrenz der Kindertagesstätten miteinander um die Kinder sowie der Erzieher/innen untereinander um die verbleibenden Stellen führen. Gewinner werden diejenigen Einrichtungen sein, die folgende Wege gehen:

  • mehr Profilierung: Wer ein einmaliges, unverkennbares Profil hat, der wird sich aus der Menge der "Mitbewerber" hervorheben.
  • mehr "Kundenorientierung": Nur wer den Wünschen und Erwartungen von Eltern weitgehend entgegenkommt, wird den Wettbewerb für sich entscheiden.
  • mehr Qualität: Nur wer mehr Qualität in der pädagogischen Arbeit erzielt und diese nachweist (z.B. durch externe Audits, "TÜV-Plaketten", Akkreditierung, Dokumentationen), wird Eltern davon überzeugen, dass dies die beste Einrichtung für ihr Kind ist.
  • mehr Werbung und Öffentlichkeitsarbeit: Nur wer auf Eltern potentieller Kindergartenkinder zugeht und seine Vorzüge anpreist, wird mehr Anmeldungen auf sich vereinen.
  • mehr Leistung seitens der Mitarbeiter/innen: Nur wenn jedes Teammitglied seinen Beitrag zur Profilierung, Kundenorientierung, Qualitätssicherung und Öffentlichkeitsarbeit leistet, dann kann die Einrichtung überleben.

Da die Zeit drängt, sollte ein Grundsatz für die nächste Zeit sein: Profilsuche unter Berücksichtigung von "Kundenwünschen" und Qualitätsstandards sowie offensives Vertreten des eigenen Profils in der Öffentlichkeit! Hinsichtlich des Profilsuche gibt es eine kaum noch überschaubare Anzahl von Alternativen. Beispielsweise können sich Kindertageseinrichtungen unterscheiden hinsichtlich:

  • ihrer Öffnungszeiten: Neben Halbtags- und "überzogenen" Gruppen wird es in Zukunft vermehrt Gruppen geben, die durch Öffnungszeiten von über neun Stunden den Bedürfnissen voll erwerbstätiger Mütter bzw. Eltern entsprechen wollen. Bleibt es im Einzelhandel bei den verlängerten Öffnungszeiten, wird es ferner einige Kindergartengruppen geben, die noch am Abend oder am Samstag eine Betreuung anbieten. Bei sehr flexiblen Arbeitszeiten der Eltern mag es auch Kinder geben, die jeden Tag bzw. im Wochenverlauf für unterschiedliche Zeiträume betreut werden (verschiedene Bring- und Abholzeiten).
  • der Elternbeiträge: Manche Einrichtungen werden versuchen, durch niedrige Elternbeiträge besonders konkurrenzfähig zu werden. Diese Entwicklung ist schon bei einigen Kindergärten in kommunaler Trägerschaft zu beobachten. Viele Tageseinrichtungen werden auch versuchen, z.B. durch Sponsoring, die Gründung von Fördervereinen oder die Vermietung von Räumen (am Abend bzw. am Wochenende) die Einnahmen zu erhöhen oder durch betriebswirtschaftliche Maßnahmen die Kosten zu reduzieren, sodass die Elternbeiträge nicht erhöht werden müssen oder sogar gesenkt werden können.
  • der Raumkonzepte: Neben traditionell arbeitenden Kindergärten wird es vermehrt solche geben, die z.B. Flure, Dach- und Kellerräume für besondere Angebote wie Malateliers oder Bewegungsbaustellen nutzen, die ihre Gruppen öffnen oder gruppenübergreifende Angebote machen.
  • der Zusammensetzung der Kindergruppe: Schon jetzt gibt es z.B. griechische Kindergärten - vielleicht werden wir bald auch türkische oder spanische haben. Diese Entwicklung könnte dadurch gefördert werden, dass sich in größeren Gemeinden die ausländischen Kindern in einzelnen, zumeist kommunalen Kindergärten ballen. Aber auch an Kindergärten speziell für hoch begabte oder sportlich begabte Kinder ist zu denken.
  • der Altersmischung: Neben der "klassischen" Altersmischung von Drei- bis Sechsjährigen dürfte es vermehrt Gruppen geben, in denen auch jüngere oder ältere Kinder mitbetreut werden - insbesondere wenn Kindergartengruppen nicht voll besetzt sind, aber auch aufgrund der eigenen Konzeption als "Kinderhaus" oder "Familiengruppe". Vielleicht wird es mancherorts zusätzlich altershomogene Gruppen geben, die in anderen europäischen Ländern die Regel sind.
  • der pädagogischen Ansätze: Neben situationsorientierten, Montessori- und Waldorfkindergärten wird es immer mehr Kindertageseinrichtungen geben, die sich auf Fröbel, Piaget, Wygotski, Laevers u.a. oder auf die Reggio-Pädagogik berufen und so ein besonderes Profil entwickeln.
  • der Schwerpunktsetzung: Einige Kindergärten werden sich z.B. auf den musisch-kreativen Bereich konzentrieren, andere auf die kognitive Förderung, die Sozialerziehung oder die kompensatorische Förderung entwicklungsverzögerter Kinder. Auch gibt es bereits viele integrative Kindertageseinrichtungen und Waldkindergärten in Deutschland.
  • besonderer Angebote: Durch Sprachkurse, Ballettunterricht, musikalische Früherziehung, Computerkurse u. Ä. wird das reguläre Angebot erweitert. Die Eltern können im "Baukastensystem" verschiedene Kurse für ihre Kinder zusammenstellen, die getrennt bezahlt werden müssen. Aber auch an kostenlose spezielle Angebote wie z.B. spielzeugfreie Phasen im Kindergarten ist zu denken.
  • des Vorhandenseins offener Angebote: Mit oder ohne Voranmeldung werden Krabbelkinder, Schulkinder oder Urlauberkinder in den regulären Gruppen mitbetreut oder in besondere offene Gruppen aufgenommen. Einige Einrichtungen (heute z.B. Mütterzentren) werden nur offene Betreuungsangebote haben.
  • des Umfangs der Elternmitarbeit und -mitbestimmung: Manche Kindergärten werden eher denjenigen Eltern entgegenkommen, die ihre Kinder nur gut betreut wissen wollen, andere werden sich hingegen auf solche konzentrieren, die wie in manchen Elterninitiativen mitarbeiten und mitbestimmen wollen. Andere Einrichtungen werden besonders viele Angebote für Eltern machen, die deren Wünschen nach sozialen Kontakten, Gesprächsaustausch, Freizeitangeboten oder Beratung entsprechen.
  • der Trägerschaft: Neben Wohlfahrtsverbände (die schon jetzt Kindergärten abgeben) und Kommunen werden zunehmend private Träger, Betriebe, Zweckverbände, Trägergesellschaften oder Elternvereine und -initiativen treten. Vielleicht wird es auch kommerzielle Träger geben - in den USA betreibt z.B. das privatwirtschaftliche Unternehmen "KinderCare" mehr als 1.000 Kindertageseinrichtungen.

Und wenn wir einen Blick auf die neuen Bundesländer werfen, die viel früher von dem starken Rückgang der Kinderzahlen betroffen waren, werden wir dort ganz neue Wege entdecken, durch die Arbeitsplätze gesichert wurden und die Profilierung der Einrichtungen vorangebracht wurde. Dazu gehören z.B. der Mittagstisch für Schulkinder oder Senioren aus der Nachbarschaft, der Vertrieb von selbst gebackenem Kuchen im Café des Kindergartens, der Verkauf selbst angebauter Kräuter und Blumen oder von Früchten, das Züchten von Würmern für den örtlichen Anglerverein, Kurse oder Arbeitsgemeinschaften für Erwachsene oder (nicht betreute) Kinder zu bestimmten Themen, Nachhilfeunterricht, Schülerferienangebote, Babysitter-Dienste, die Ausrichtung von Kindergeburtstagen in den Wohnungen der Kinder oder der Ferienaustausch zwischen Kindergruppen verschiedener Kindertageseinrichtungen (insbesondere Horte). Daneben gibt es natürlich weiterhin "klassische" oder "neuere" Formen des "Fundraising": Basare, Tombolas, Flohmärkte, Sommerfeste, Versteigerungen von Kinderbildern, Kinderkonzerte mit Eintrittskarten, Verkauf von durch Kinder gestaltete Kalender oder Briefkarten, Fortbildungsveranstaltungen für andere Erzieher/innen oder Eltern usw.

Der Ausgangspunkt für die Profilsuche und -ausgestaltung sollte immer eine Situations- und Bedarfsanalyse sein. Davon ausgehend wäre der nächste Schritt die Entwicklung und Fertigstellung einer Konzeptionsschrift, wobei besonderes Augenmerk auf deren Gestaltung gelegt werden sollte (z.B. per Computer, mit Fotos und Kinderzeichnungen, mit einem schönen Einband). Besonders wichtig ist aber, dass das besondere Profil, das in dieser Konzeption niedergelegt wurde, auch tagtäglich in der Praxis der pädagogischen Arbeit deutlich wird. Das setzt eine gute Planung voraus - z.B. durch Jahres-, Monats- und Wochenpläne. Werden hier Ziele, Inhalte und Methoden genannt, können Erzieher/innen ihre pädagogische Arbeit gegenüber Dritten genauso gut verdeutlichen wie z.B. Lehrer/innen, die hier auf ihre Lehrpläne verweisen. Schließlich sollte immer wieder reflektiert werden, ob Konzeption, Planungsunterlagen und pädagogische Arbeit übereinstimmen, also das gewünschte Profil widerspiegeln.

Unterschiedliche Profile bedeuten eine weitere Pluralisierung der Betreuungsangebote - zumal anzunehmen ist, dass die bisherigen Gestaltungsfreiheiten vom Staat unangetastet bleiben und eher noch größer werden. So wird vor allem in den größeren Gemeinden und Städten ein engmaschiges Netz ganz unterschiedlicher Betreuungsangebote entstehen, zwischen denen Eltern entsprechend ihrer Bedürfnisse und Wünsche wählen können. Insbesondere die Jugendämter sind gefragt, die verschiedenen Angebote mitzuplanen und zu koordinieren, aber auch die Eltern über die gesamte Angebotslandschaft zu informieren (z.B. durch Broschüren).