Die Gesellschaft von morgen - Konsequenzen für das Bildungswesen

Martin R. Textor

 

Gesicherte Vorstellungen über die Gesellschaft von morgen - sei es unsere Gesellschaft im Jahre 2005, 2010 oder 2015 - sind für die Planung unseres persönlichen Lebens und die Erziehung unserer Kinder von großer Bedeutung. Dies gilt in noch viel größerem Maße für Wirtschaft und Politik. Beispielsweise sollte sich die Bildungspolitik an dem orientieren, was die Kinder von heute als junge Erwachsene von morgen an Kompetenzen benötigen werden, und dementsprechend die Lehreraus- und -fortbildung, die Schulorganisation und die Lehrpläne gestalten.

Leider planen wir in unserem persönlichen Leben oder als Verantwortliche in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Bildungswesen nur für einige wenige Monate oder Jahre im voraus. So ist es nicht verwunderlich, daß es kaum fundierte Publikationen über die Welt im Jahr 2010 oder 2020 gibt. Und Lehrstühle für "Zukunftswissenschaft" werden wir an unseren Universitäten vergeblich suchen. Die Konsequenz ist, daß alle unsere Planungen kurzfristig und dilettantisch sind. Es ist fraglich, ob wir auf dieser Grundlage die Entwicklung unserer Gesellschaft und Wirtschaft, aber auch unserer Kinder, in die richtige Richtung lenken können.

In diesem Vortrag möchte ich einige Aussagen über die deutsche Gesellschaft von morgen wagen. Dabei werde ich auf die Ergebnisse des Wissens- und des Bildungsdelphi sowie auf Erkenntnisse der Bevölkerungsforschung zurückgreifen. Aus Zeitgründen werde ich mich auf die Themen Bevölkerungszusammensetzung, Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Wissensgesellschaft beschränken.

Konsequenzen aus der Bevölkerungsentwicklung

Da sich schon seit zwei Jahrzehnten abzeichnet, daß durch die zurückgehende Bevölkerungszahl und die zunehmende Alterung der deutschen Gesellschaft die Zukunft des Sozialstaates gefährdet ist, wurden zu dieser Problemstellung relativ viele Forschungsprojekte in Auftrag gegeben. Auch wurde vom Bundestag eine Enquete-Kommission "Demographischer Wandel" eingesetzt, die inzwischen zwei Berichte verfaßt hat (z.B. Deutscher Bundestag 1994). So liegen zu dieser Thematik recht viele Erkenntnisse vor.

Lassen Sie mich kurz rekapitulieren: In den letzten drei Jahrzehnten ist die Geburtenzahl immer mehr zurückgegangen. So wird z.B. bei Frauen mit dem Geburtsjahrgang 1964 nur noch mit einer durchschnittlichen Kinderzahl von 1,4 gerechnet - zum Erhalt der Bevölkerungsstärke wären aber 2,1 Kinder pro Frau notwendig. Dies hat zur Konsequenz, daß die Bevölkerung in Deutschland auf schätzungsweise 72 Mio. Personen im Jahr 2040 zurückgehen wird (laut der 8. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung, mittlere Variante; siehe Sommer 1994). In ihr wird es weniger junge und viel mehr alte Menschen als heute geben: Während 1993 37 Personen im Alter unter 20 Jahren auf 100 Personen im Erwerbsalter kamen, werden dies im Jahr 2040 nur noch 32 sein (a.a.O.). Und während 1993 35 Personen im Alter von 60 Jahren und darüber auf 100 Personen im Erwerbsalter kamen, werden dies im Jahr 2040 knapp 68 Personen sein. Im Jahr 2020 wird bereits eine ältere Person auf zwei Personen im Erwerbsalter kommen.

Der skizzierte Alterungsprozeß der Bevölkerung hat z.B. zur Folge, daß etwa im Jahr 2030 rund die Hälfte der Wähler älter als 55 Jahre sein wird. Dann könnten die Interessen der älteren Bürger/-innen die Politik bestimmen. Die Wirtschaftswissenschaftler Miegel und Wahl (1993) befürchten, daß dies die Handlungsfähigkeit des Staates und letztlich sogar die Demokratie gefährden könnte, denn: "Der Durchsetzung dieser Interessen, die nicht zuletzt hohe Sozialleistungen umfassen dürften, dürfte sich die andere Hälfte der Wähler, die diese Leistungen zu erbringen hätte, mehr oder minder entschlossen entgegenstellen" (S. 114).

Die skizzierte Bevölkerungsentwicklung ist für die Wirtschaft von großer Bedeutung: Während der Bevölkerungsrückgang zu sinkender Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen führen wird, dürfte die Alterung eine Umstrukturierung der Nachfrage mit sich bringen. Es ist anzunehmen, daß der Absatz von Nahrungsmitteln und (langlebigen) Konsumgütern zurückgehen wird. Viele Fabrikanlagen werden nicht mehr voll ausgelastet sein. Immer weniger Wohnungen, öffentliche Gebäude und Straßen werden gebaut werden. Der Anteil von Erweiterungsinvestitionen wird zugunsten von Ersatz- und Rationalisierungsinvestitionen abnehmen. Sofern diese Entwicklung nicht durch steigende Exporte aufgefangen oder gebremst werden kann, werden Teile der deutschen Volkswirtschaft schrumpfen. Im Zusammenhang mit pessimistischen Zukunftserwartungen aufgrund des sich fortsetzenden Bevölkerungsrückgangs könnte dies zu abnehmenden Investitionen und damit zu einer kaum noch wachsenden Arbeitsproduktivität, zu verringertem technischen Fortschritt und zum Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit (in Verbindung mit den hohen Soziallasten) führen. Auch könnten vermehrt Unternehmen in das Ausland abwandern (Buttler 1993).

Der Altersstrukturwandel führt hingegen dazu, daß sich die Nachfrage zu Gütern und Dienstleistungen hin verlagern wird, die für ältere Menschen von Bedeutung sind. Dazu gehören z.B. medizinische Dienste, Geräte und Hilfsmittel, Alten- und Pflegeheime, Essens-, Reinigungs- und Betreuungsdienste, Bildungs-, Freizeit- und Urlaubsangebote für Senioren. Auch muß die Versorgung von (älteren) Menschen in besonders bevölkerungsarmen Regionen sichergestellt werden, wozu (neue) Betriebs- und Vertriebsformen - wie die Bündelung verschiedener Serviceleistungen, Kioske, mobile Verkaufswägen, Bringdienste oder Kleinstmärkte - entwickelt werden müssen.

Die Alterung der Gesellschaft wird zu einem rasch wachsenden Bedarf an sozialen Einrichtungen und Diensten für ältere und hochbetagte Menschen führen. Dazu gehören Begegnungs-, Freizeit-, Kultur-, Service- und Beratungsstellen für Senioren. Vor allem kranke und pflegebedürftige Senioren werden zunehmend auf öffentliche Unterstützung angewiesen sein, da immer häufiger Partner oder erwachsene Kinder fehlen werden, die bisher überwiegend diese Aufgabe übernahmen. So werden mehr geriatrische und gerontopsychiatrische Abteilungen und Pflegebetten in Krankenhäusern, mehr Alten- und Pflegeheime, mehr Tages- und Kurzzeitpflegeplätze sowie mehr Sozialstationen, pflegerische, hauswirtschaftliche und Mahlzeitendienste benötigt werden. Ambulante Dienste werden sich zugleich um-orientieren müssen, da sie als familienergänzend konzipiert wurden, in Zukunft aber vermehrt familienersetzend wirken müssen (wenn Partner und Kinder fehlen oder letztere weit entfernt wohnen und erwerbstätig sind).

Rückgang und Alterung der Bevölkerung werden auch Konsequenzen für den Arbeitsmarkt haben: So ist in den nächsten Jahrzehnten mit einer altersspezifischen Segmentierung des Arbeitsmarktes zu rechnen: Die Konkurrenz der Arbeitgeber um die immer weniger werdenden Berufsanfänger wird größer werden, was sich wahrscheinlich auch auf die Anfangslöhne und -gehälter auswirken und zu einer Verringerung des Abstands zum Endeinkommen führen wird. Die mittleren Jahrgänge werden weniger Aufstiegschancen vorfinden, da höhere Positionen immer länger von älteren Arbeitnehmern blockiert werden dürften. Diese werden weiterhin in besonderem Maße von Arbeitsmarktrisiken betroffen sein.

Die Alterung des Erwerbspersonenpotentials wird die Arbeitgeber zu einer Änderung ihrer bisher stark jugendzentrierten Personalpolitik zwingen und sie sehr viel seltener als bisher von der Möglichkeit der Frühverrentung Gebrauch machen lassen. Je mehr das Durchschnittsalter der Arbeitnehmer ansteigen und je weniger jüngere Arbeitssuchende auf dem Arbeitsmarkt vorzufinden sein werden, um so wichtiger werden Fort- und Weiterbildung werden - schließlich müssen dann Innovation und Erhöhung der Arbeitsproduktivität vermehrt von älteren Arbeitnehmern geleistet werden.

Auf die Arbeitslosenquote wird sich der Bevölkerungsrückgang vermutlich nur wenig auswirken: Zumindest bis zum Jahr 2010 ist noch mit einer Zunahme des Erwerbspersonenpotentials und gleichbleibend hoher Arbeitslosigkeit zu rechnen. Ab wann dann der Bevölkerungsschwund zur Arbeitskräfteknappheit führen wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Die Prognos AG (1995) rechnet selbst im Jahr 2040 noch mit rund 1,5 Mio. Arbeitslosen. In diesem Zusammenhang ist besonders wichtig, inwieweit die Qualifikationen der Arbeitskräfte dem Bedarf entsprechen. So ist in den nächsten Jahrzehnten damit zu rechnen, daß sich die Tendenz fortsetzen wird, daß immer weniger un- und angelernte Arbeitnehmer, aber immer mehr hochqualifizierte Fachkräfte und Hochschulabsolventen benötigt werden.

Auf dem Weg in die Wissensgesellschaft

Mit den letzten Worten habe ich schon angedeutet, daß in der Gesellschaft von morgen nur derjenige eine Zukunft hat, der besonders qualifiziert ist. Dies läßt sich auch aus dem Wissens-Delphi von 1996 und dem Bildungs-Delphi von 1998 folgern (Prognos AG/Infratest Burke Sozialforschung 1998). Hier wurden im Auftrag des Bundesbildungsministeriums mehr als 1.000 Wissenschaftler und Bildungsexperten über die zukünftige Entwicklung des Wissens und seines Einflusses auf die Gesellschaft sowie über die Konsequenzen für das Bildungswesen befragt, wobei der Zeitraum bis zum Jahr 2020 berücksichtigt werden sollte. Zweck der Delphi-Methode ist es, "das Erfahrungswissen von Experten systematisch zur Herleitung von Aussagen über zukünftige Ereignisse ... einzusetzen, die mit anderen Methoden nicht verläßlich erzielt werden können" (Prognos AG/Infratest Burke Sozialforschung 1998, S. 10). Dazu erfolgte bei jedem Delphi eine mehrstufige Befragung, wobei ab der zweiten Befragungsrunde die Ergebnisse aus der Vorrunde an die befragten Experten zurückflossen. Ferner wurden Workshops mit einem Teil der Fachleute durchgeführt.

Laut dieser Untersuchung befinden wir uns derzeit in einer Übergangsphase von der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft. Die Bedeutung der Produktivkräfte Arbeit und Kapital nimmt ab, während Wissen immer wichtiger wird - es ist das "kulturelle Kapital" unserer Gesellschaft. Als "Wissen" wird die "Sammlung in sich geordneter Aussagen über Fakten oder Ideen" bezeichnet, die sich ein Mensch auf der Grundlage von Informationen, Erfahrungen usw. selbst erarbeitet hat. Das bedeutet, daß Wissen von der individuellen Aufnahme- und Verarbeitungskapazität der jeweiligen Person abhängig ist. Wissen kann in Form von Informationen weitergegeben werden, sofern es formulier- und kommunizierbar ist. Informationen sind im Gegensatz zu Wissen nicht personengebunden und können mit Hilfe moderner Technologien weit verbreitet werden.

In der sich abzeichnenden Wissensgesellschaft ist Wissen die prägende Kraft für das menschliche Handeln. Durch die schon jetzt mehr als 6.000 Einzeldisziplinen umfassenden Wissenschaften wird immer mehr Wissen produziert werden. Die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung werden weiter steigen. Die Globalisierung wird immer mehr zum Motor für die Entwicklung von Wissen werden, da die deutsche Wirtschaft nur durch Wissen auf den Weltmärkten wettbewerbsfähig bleiben kann. Die Menschen werden sich immer intensiver mit Informationen befassen; der Zugang zu ihnen wird durch neue Technologien weiter erleichtert werden. Wer hier den Anschluß verpaßt, wird nur noch geringe berufliche Chancen haben: So wird voraussichtlich die Kluft zwischen "wissensnahen" und "wissensfernen" Gruppen immer größer werden, werden niedriger qualifizierte Stellen immer seltener werden.

Die Kinder von heute "müssen sich in einer Welt einrichten, die über umfangreiche Informations- und Kommunikationsinfrastrukturen einschließlich Software, Datenbanken, Zugangsformen und -geräte verfügt. Sie erlaubt es ihnen, im konkreten Fall auf wachsende Informationsmengen mit unterschiedlichem Konkretisierungsgrad zurückzugreifen. Ihre Nutzung aber bindet steigende zeitliche und intellektuelle Ressourcen" (Prognos AG/Infratest Burke Sozialforschung 1998, S. 103). Das bedeutet, daß zum einen die Informationsbeschaffung und -nutzung zu einem individuellen und gesellschaftlichen Optimierungsproblem wird. Zum anderen werden sich die Menschen immer häufiger als unzureichend informiert erleben, was oft zu Gefühlen individueller Ohnmacht führen dürfte. Sie werden nach Rückhalt in stabilen und funktionsfähigen Gruppierungen suchen, aber vielfach die Erfahrung machen müssen, daß tradierte Lebensformen und Kulturkreise oder in der Jugend übernommene Denk- und Orientierungsmuster nicht mehr zeitgemäß sind. So werden sie vermehrt durch eigene Anstrengung eigene soziale Strukturen aufbauen bzw. individuelle Wertvorstellungen und Denkweisen entwickeln müssen ("Individualisierung"). Die Wissensgesellschaft bietet also dem einzelnen viele Freiräume, was aber durchaus auch zu Ängsten und Orientierungslosigkeit führen kann.

In den weltumspannenden, frei zugänglichen Netzen wird die Verläßlichkeit von Informationen weiter abnehmen. Auch besteht die Gefahr der Einspeisung von Propaganda und anderen manipulierenden Informationen in das Internet - beispielsweise durch Sekten oder radikale Gruppen. Zudem hat die zunehmende Virtualisierung des Lernens und der Freizeitgestaltung auch Auswirkungen auf soziale Beziehungen: Es wird weniger persönliche Kontakte vor Ort und mehr virtuelle via Internet geben.

Mit der Wissensgesellschaft ist ferner folgende Entwicklung verbunden: "Früher getrennte Kulturkreise und gesellschaftliche Lebensformen überschneiden sich. Durch den weltweiten Informations- und Warenaustausch werden historisch unterschiedlich gewachsene Wert- und Denkmuster miteinander konfrontiert. Bisher deutlich abgegrenzte Lebens- und Wirtschaftsformen stoßen aufeinander, weltweite Wanderungsströme werden leichter. Die Risiken kulturbedingter Auseinandersetzungen steigen" (Prognos AG/Infratest Burke Sozialforschung 1998, S. 107).

Laut dem Wissens-Delphi werden sich in den kommenden zwei Jahrzehnten Wissensgebiete besonders dynamisch entwickeln, bei denen ein enger Zusammenhang zu drängenden Problemen besteht oder von denen ein Beitrag zur Steigerung der wirtschaftlich-technischen Leistungsfähigkeit erwartet wird. Dazu gehören z.B. Informationstechnik, Medien, neue Technologien, Medizin, Umweltschutztechnik, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Aber auch das Wissensmanagement wird an Bedeutung gewinnen, da die Informationsflut irgendwie bewältigt und aufbereitet werden muß. Hingegen wird die "Wissensproduktion" in den Geisteswissenschaften, in Kunst und Musik sowie in der Grundlagenforschung von Mathematik, Chemie und Physik eher zurückgehen.

Insbesondere bei sehr komplexen Problemfeldern, aber auch aufgrund der zunehmenden Spezialisierung und der Informationsflut wird interdisziplinäre Zusammenarbeit immer mehr zur Regel werden. Beim Wissens-Delphi wurden drei Formen unterschieden: "Fach- und sachnahe Interdisziplinarität bezieht sich meist auf Subdisziplinen oder Schwesterfächer, ... Problemorientierte Interdisziplinarität verknüpft auch weiter voneinander entfernte Fächer entlang einer konkreten Problemstellung. Kreative Interdisziplinarität bezeichnet Fächerkombinationen, die ausgefallen und originell sind und die eine kreative und befruchtende Zusammenarbeit versprechen" (Prognos AG/Infratest Burke Sozialforschung 1998, S. 39).

Für die Zukunft benötigte Kompetenzen

Im Wissens-Delphi wurde betont, daß die nachwachsende Generation befähigt werden muß, mit der Informations- und Wissensflut zurechtzukommen. "Das bedeutet etwa, möglichst geschickt mit Informationen und Wissen umgehen und das eigene Wissen managen zu können. Oder zu wissen, welche Mengen an Information verarbeitbar sind und sich dann gezielt auf das Nötige zu beschränken. Man sollte wissen, wo Wissen gegebenenfalls verfügbar ist. Und man sollte z.B. in der Lage sein, Auswahlentscheidungen zu treffen und Informationen kritisch zu beurteilen" (Prognos AG/Infratest Burke Sozialforschung 1998, S. 40).

All dies ist nur möglich, wenn die jeweilige Person über Allgemeinwissen verfügt. Dieser Begriff wird im Wissens-Delphi umfassender definiert als im derzeitigen Sprachgebrauch, da nicht nur Kenntnisse, sondern auch Kompetenzen und Fähigkeiten gemeint sind. Allgemeinwissen dient als Basis für die Verständigung, soll den Einstieg in Spezialwissen ermöglichen und die Orientierung in der Informationsflut erleichtern (indem es z.B. Bewertungsraster oder Beurteilungskriterien zur Verfügung stellt). Es umfaßt folgende vier Felder:

Vier Felder des Allgemeinwissens

Instrumentelle
Kompetenzen
Allgemeine Grundlagen und Kulturtechniken: Fremdsprachenkenntnisse, klassische Kulturtechniken, Logik, Kreativtechniken, Technikverständnis

Umgang mit Informationstechniken: Kenntnis moderner Medien, Beherrschung von Programmen, gezieltes Suchen und Auswählen von Informationen

Personale
Kompetenzen
Persönliches Erfahrungswissen: Selbstbewußtsein, Identität, Handlungskompetenz, Selbstmanagement, Strukturierung, kulturelles Erleben, Umgang mit Gefühlen, Erfahrung von sozialer Zugehörigkeit, Umgang mit Tod, Ethik, Religion

Persönliche Fähigkeiten zum Umgang mit Wissen: Neugier, Offenheit, kritische Auseinandersetzung, Reflexionsfähigkeit, Urteilsvermögen

Soziale
Kompetenzen
Kommunikative Kompetenzen: Sprachliche Ausdrucksfähigkeit, Teamfähigkeit, Moderation, Selbstdarstellung, persönlicher Umgang innerhalb von Partnerschaft und sozialen Beziehungen

Soziale Verantwortung: Toleranz, Verantwortungsbereitschaft, Rücksicht, Solidarität, prosoziales Verhalten

Inhaltliches
Basiswissen
Inhaltliches Wissen über aktuelle Probleme: Bildung und Beruf, Ökologie, europäische Integration und weltweite Abhängigkeiten

Inhaltliche Grundlagen: Alltagswissen über Geld, Wirtschaft, Erziehung ..., Grundlagen aus Soziologie, Pädagogik, Geschichte, Religion, Literatur, Philosophie, Politik, Technik, Geographie, Biologie ...

(Quelle: Prognos AG/Infratest Burke Sozialforschung 1998, S. 42)

Die beim Wissens-Delphi befragten Experten hielten personale und soziale Kompetenzen für noch etwas wichtiger als methodische Kompetenz und inhaltliches Basiswissen. Letzteres sollte Kindern und Jugendlichen weniger via die klassischen Schulfächer als anhand aktueller, komplexer und übergreifender Problemstellungen bzw. Themen vermittelt werden. Dabei sollten die allgemeinbildenden Schulen mehr Wert als bisher auf Medizin, Psychologie, Politik, Recht und Wirtschaft legen. Vor allem aber müßten Persönlichkeitsentwicklung und Sozialverhalten gefördert werden.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam das Bildungs-Delphi. Die befragten Experten forderten, daß Schule, Hochschule und berufliche Bildung vor allem folgende Kompetenzen vermitteln soll:

  • spezifische Fachkompetenzen: Diese sollen vor allem an Hochschulen und in der beruflichen Bildung vermittelt werden, wobei in diesem Kontext auch die anderen Fähigkeiten trainiert werden könnten.
  • lerntechnische/lernmethodische Kompetenz: Sie erleichtert es dem einzelnen, benötigte Informationen zu finden, hinsichtlich ihrer Komplexität zu reduzieren, zu sortieren, zu bewerten und auszuwählen.
  • psychosoziale Kompetenz: Diese ermöglicht Menschen, sich in unterschiedlichen sozialen Bezugssystemen zurechtzufinden, Transitionen zu bewältigen, eigene Orientierungen zu überprüfen, mit anderen sinnvoll zu kommunizieren, Toleranz für Andersdenkende zu entwickeln, die Gesellschaft mitzugestalten usw.
  • Fremdsprachenkompetenz
  • interkulturelle Kompetenz: In einer immer kleiner werdenden Welt müssen Heranwachsende lernen, mit Menschen aus anderen Kulturkreisen auf positive Weise zu interagieren.
  • Medienkompetenz: Hier geht es vor allem um den Umgang mit neuen Medien.

Der einzelne muß bereit sein, lebenslang zu lernen. Die wird ihm am leichtesten fallen, wenn er das Lernen gelernt hat. Ständige Fort- und Weiterbildung werden zur Regel werden.

Konsequenzen für das (vorschulische) Bildungswesen

Nach dem Bildungs-Delphi ist davon auszugehen, daß sich Menschen die benötigten Kenntnisse und Kompetenzen in Zukunft an mehr Lernorten als heute aneignen werden: an überbetrieblichen Aus- und Weiterbildungseinrichtungen, bei privaten Instituten (vor allem im EDV-Bereich), durch Konsultation von Experten, durch multimediale Lehr- und Schulungsprogramme, am PC (z.B durch Lernsoftware oder via Internet), im Ausland oder direkt am Arbeitsplatz durch Anleitung erfahrenerer Kolleg/innen (z.B. im EDV-Sektor, in der Film- und Medienbranche).

Die Rolle des Lernenden "wandelt sich immer mehr hin zu der eines eigeninitiativen 'Entdeckungsreisenden', der im Team mit anderen, mit Forschergeist, Neugier und der Unterstützung Lehrender neues Wissensterrain erobert und erschließt" (Prognos AG/Infratest Burke Sozialforschung 1998, S. 72). Dementsprechend werden Lehrende zu Beratern, "die im Prozeß der Wissensaneignung Informationen geben, darüber hinaus aber vor allem anregen, unterstützen und zu Selbstverantwortung und Eigenständigkeit animieren" (a.a.O., S. 73). Sie werden zu Moderatoren von Lernprozessen in Gruppen, organisieren also Lernteams und fördern den Austausch zwischen den Teilnehmer/innen.

Die Lehrenden sollten laut dem Bildungs-Delphi vor allem folgende lernfördernde Faktoren sicherstellen:

  • Lernen an bedeutsamen Inhalten, die einen Bezug zum Leben und zu den Interessen der Lernenden haben;
  • Lernen in Echtsituationen bzw. mit Praxisbezug, so daß die persönliche, berufliche und/oder gesellschaftliche Relevanz der Lerninhalte sowie deren Verwertbarkeit für den einzelnen deutlich werden;
  • fächerübergreifendes, interdisziplinäres, ganzheitliches Lernen;
  • selbstverantwortetes, selbstgesteuertes Lernen;
  • glaubwürdiges Feedback, Förderung der Selbstwahrnehmung;
  • Gestaltungsfreiräume und Partizipationsmöglichkeiten der Lernenden bei der Auswahl von Lerninhalten und -methoden;
  • kognitives Lernen und subjektives Erfahrungslernen, aber auch spielerisch-intuitives Lernen;
  • Lernen im Team, mit anderen;
  • Projektarbeit;
  • mediengestütztes Lernen;
  • Lernen in einer Atmosphäre, in der die Lernenden auch Fehler machen dürfen und aus diesen lernen können.

Der Rollenwandel von Lernenden und Lehrenden, die Veränderung von Lerninhalten und die verstärkte Einführung lernfördernder Faktoren sollte laut dem Bildungs-Delphi schon in der vorschulischen Erziehung beginnen: "Viel zu wenig Beachtung finden bisher die Aufgaben, Rollen und Funktionen von Lernenden und 'Lehrenden' in Institutionen für Kinder vor ihrer Einschulung. Mit Blick auf das Ziel der Erziehung und Anleitung hin zu eigeninitiativem und selbstgesteuertem, teamorientiertem Lernen dürfen die ersten, sehr lernintensiven Lebensjahre von Kindern und die wichtige Rolle ihrer Begleiter in vorschulischen Institutionen nicht vernachlässigt werden. Hier sollten Schlüsselerfahrungen mit dem Lernen ermöglicht, eigeninitiatives Experimentieren und spielerisches Lernen angeregt und positive Selbsterfahrung im Hinblick auf das Ergründen, Hinterfragen und Gestalten von 'Neuem' erworben werden. Dies wirft die Frage nach der Ausbildung der vorschulischen Betreuer auf, die bisher kaum als 'Lehrende' im eigentlichen Sinne verstanden und zu sehr im Hinblick auf Betreuung ausgebildet werden" (Prognos AG/Infratest Burke Sozialforschung 1998, S. 74).

Gerade den vorschulischen Einrichtungen kommt aber auch eine große Bedeutung zu, wenn der Gefahr von wachsenden Primärerfahrungsdefiziten aufgrund der Mediatisierung unserer Gesellschaft begegnet werden soll. Im Elementarbereich sind noch am ehesten ganzheitliches Lernen, physische Lebenswelterfahrung, Sinnesschulung und Selbsterfahrung möglich.

Schlußwort

Im Bildungs-Delphi wurde immer wieder betont, daß das heutige Bildungssystem den künftigen Anforderungen nicht mehr gerecht wird und daß schon jetzt ein großer Reformstau zu konstatieren ist. Deshalb heißt es in dem Bericht: "Die Zeit scheint reif für einen neuen bildungspolitischen Aufbruch" (Prognos AG/Infratest Burke Sozialforschung 1998, S. 96). Allerdings waren beim Bildungs-Delphi die meisten Experten sehr skeptisch bezüglich der Veränderungsbereitschaft und -fähigkeit des Bildungssystems. So wird aufgrund des innovationshemmenden Kontextes die Kluft zwischen den im Bildungswesen erworbenen Kenntnissen und den Anforderungen von Wirtschaft und Gesellschaft eher noch größer werden.

Die Experten forderten deshalb einen deutlichen Ausbau von Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement in allen Bildungssektoren, insbesondere eine kontinuierliche externe Evaluation staatlicher Bildungsangebote. Zugleich sollte den Bildungseinrichtungen mehr Selbständigkeit, Eigenverantwortung und Gestaltungsfreiheit zugestanden werden (Entbürokratisierung, Enthierarchisierung): "Nur so können kreative und innovative Potentiale in den Institutionen mobilisiert werden. Bezogen auf öffentliche Finanzmittel heißt dies: Institutionen müssen durch finanzielle (Teil-)Autonomie zu mehr Eigeninitiative und Dynamik angeregt werden; Zuwendungen müssen an Qualitäts- und Effizienzkriterien geknüpft werden" (Prognos AG/Infratest Burke Sozialforschung 1998, S. 88). Es sollte ein flexibles, anpassungsfähiges, "ertragorientiertes" Bildungssystem entstehen, das die Zukunft antizipiert.

Literatur

Buttler, G.: Deutschlands Wirtschaft braucht die Einwanderer. In: Klose, H.-U. (Hg.): Altern der Gesellschaft. Antworten auf den demographischen Wandel. Köln 1993, S. 51-64

Bundestag (Hg.): Zwischenbericht der Enquete-Kommission "Demographischer Wandel" - Herausforderung unserer älter werdenden Gesellschaft an den einzelnen und die Politik. Bonn 1994

Miegel, M., Wahl. S.: Das Ende des Individualismus. Die Kultur des Westens zerstört sich selbst. München 1993

Prognos AG: Prognos-Gutachten 1995. Perspektiven der gesetzlichen Rentenversicherung für Gesamtdeutschland vor dem Hintergrund veränderter politischer und ökonomischer Rahmenbedingungen. Herausgegeben vom Verband Deutscher Rentenversicherungsträger (DRV Schriften, Band 4). Frankfurt/Main 1995

Prognos AG/Infratest Burke Sozialforschung: Delphi-Befragung 1996/1998 "Potentiale und Dimensionen der Wissensgesellschaft - Auswirkungen auf Bildungsprozesse und Bildungsstrukturen". Integrierter Abschlußbericht. München/Basel: Selbstverlag 1998

Sommer, B.: Entwicklung der Bevölkerung bis 2040. Ergebnis der achten koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung. Wirtschaft und Statistik 1994, Heft 7, S. 497-503

Textor, M.R.: Bevölkerungsentwicklung: Konsequenzen für Gesellschaft und Politik. In: Martin R. Textor (Koordination): Sozialpolitik. Aktuelle Fragen und Probleme. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1997, S. 11-28