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- Online-Handbuch - Herausgeber: Martin R. Textor |
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| Aus: Martin R. Textor: Scheidungszyklus und Scheidungsberatung. Ein Handbuch. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1991, S. 13-94
Der Scheidungszyklus Martin R. Textor
Vom juristischen Standpunkt ist die Scheidung ein Ereignis - aus sozialwissenschaftlicher oder therapeutischer Sicht handelt es sich jedoch um einen komplexen, mehrdimensionalen und dynamischen Veränderungsprozess, der zwei Jahre und länger dauert. Dieser Scheidungszyklus umfasst mehrere Phasen, die in den nächsten Kapiteln beschrieben werden. Die Vielzahl der Veränderungen macht es unmöglich, von der Situation in einer Phase auf das Verhalten der Familienmitglieder in der nächsten oder übernächsten zu schließen. Jede Phase bringt neue Probleme und Anforderungen mit sich, deren Bewältigung von den jeweils vorhandenen Ressourcen und Problemlösungsstrategien abhängt. So erleben viele Familienmitglieder die ersten Monate oder gar Jahre nach der Trennung nicht positiver als die vorausgegangene konflikthafte Zeit. Jede Phase des Scheidungszyklus führt zu einer erneuten Reorganisation der Familienstruktur, der Interaktionen und Umweltkontakte, zur Veränderung des Denkens, Fühlens und Handelns sowie der Persönlichkeit der betroffenen Personen. Beim Lesen der folgenden Kapitel muss zum einen beachtet werden, dass sich die Phasen des Familienzyklus nicht eindeutig voneinander abgrenzen lassen und ein Individuum nicht alle durchlaufen muss: Wird es zum Beispiel überraschend verlassen, so erlebt es nicht die Vorscheidungsphase. Auch können Phasen zusammenfallen: Heiratet beispielsweise eine Person direkt nach der Scheidung, so verschmelzen die Nachscheidungsphase und die Phase der Gründung einer Zweitfamilie. Zum anderen muss berücksichtigt werden, dass Individuen als einzigartige Wesen jede Phase unterschiedlich erfahren und den Scheidungszyklus mit verschiedenem Tempo durchlaufen: Kein Mensch erlebt eine Scheidung auf dieselbe Weise wie ein anderer. Bei den Gefühlen, Gedanken, Verhaltensweisen, Beziehungsmustern und Veränderungsprozessen, die als für eine Phase typisch beschrieben werden, handelt es sich also nur um grobe Verallgemeinerungen. Auch werden Gedanken, Emotionen usw. nicht in einer bestimmten Sequenz erlebt, sondern sie tauchen auf, verschwinden wieder und tauchen erneut auf. Neue Verhaltensweisen werden gelernt und kurz darauf nicht mehr praktiziert. Trotz des hohen Verallgemeinerungsgrades ist die nachfolgende Darstellung des Scheidungszyklus jedoch von heuristischem Wert. Auch verdeutlicht sie, dass Scheidungsberater in jeder Phase mit anderen Problemen, Bedürfnissen, Emotionen usw. konfrontiert werden und deshalb eines prozessorientierten Behandlungsansatzes bedürfen. Nach demographischen und soziologischen Studien (Kitson, Babri und Roach 1985; Dyer 1986; Rottleuther-Lutter 1989; Wagner 1989) lässt sich festhalten, dass die Wahrscheinlichkeit einer Scheidung für bestimmte Bevölkerungsgruppen größer ist als für andere. Das trifft vor allem auf Ehepaare zu, die in Großstädten oder größeren Städten leben. Aber auch Ehen mit (voll-)erwerbstätiger Ehefrau sind weniger stabil, da die Frauen ökonomisch unabhängig sind und somit leichter aus einer unbefriedigenden Partnerbeziehung ausscheiden können. Ferner nimmt das Scheidungsrisiko mit dem Bildungsniveau der Ehefrauen zu - wobei Ehen besonders häufig zerbrechen, wenn Frauen höher qualifiziert sind als ihre Männer oder mehr verdienen. Ehen, in denen die Ehemänner nur ein geringes Bildungsniveau (Hauptschulabsolventen ohne Berufsausbildung und darunter) erreicht haben, einen Beruf mit einem niedrigen Status ausüben, wenig verdienen, arbeitslos oder von Arbeitslosigkeit bedroht sind, werden ebenfalls überdurchschnittlich häufig geschieden (also bei Unterschichtzugehörigkeit). Hauseigentümer sind hingegen nur selten von einer Ehescheidung betroffen. Auch die Religionszugehörigkeit spielt immer noch eine (schwache) Rolle: So sind Mischehen und Ehen von Protestanten weniger stabil. Das Scheidungsrisiko ist höher bei Personen, die bereits in ihrer Ursprungsfamilie eine Scheidung erlebt oder sich von einem früheren Ehepartner getrennt haben, also in einer Zweitfamilie leben. Ferner sind Ehen weniger stabil, wenn die Partner zuvor in einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft zusammen wohnten (Textor 1990), einander nur für kurze Zeit vor der Heirat kannten oder aufgrund einer vorehelichen Schwangerschaft heirateten. Vor allem aber sind Frühehen gefährdet (Textor 1989b), insbesondere wenn das erste Kind vorehelich gezeugt wurde oder die heirat erst nach dessen Geburt stattfand. Hier kommt es leicht zu einer baldigen Auseinanderentwicklung der Ehepartner, so dass viele dieser Ehen schon in den ersten Jahren geschieden werden. Schließlich ist das Scheidungsrisiko größer, wenn die Ehegatten keine oder besonders viele Kinder haben oder wenn diese bereits älter sind. Offensichtlich ist also, dass die soziale Lage der Ehepartner, ihre Herkunft, der Zeitpunkt der Heirat oder der Geburt des ersten Kindes und ähnliche Faktoren einen großen Einfluss auf die Ehestabilität haben. Auch sind regional-, zeit- und altersspezifische Opportunitätsstrukturen von Bedeutung: So lässt sich zum Beispiel eine Hausfrau eher scheiden, wenn sie in einer Stadt wohnt (höhere Quote der Frauenerwerbstätigkeit, weniger Diskriminierung geschiedener oder alleinerziehender Frauen usw.), in einer Gegend mit einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung lebt (bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt) oder relativ jung ist (bessere Chancen auf Arbeits- und Heiratsmarkt). Teil 1: Die Vorscheidungsphase Der Anfang der Vorscheidungsphase lässt sich in der Regel nicht festlegen und kann oft nur aus der Rückschau grob bestimmt werden. Auch theoretisch lässt er sich nicht eindeutig definieren. Meines Erachtens beginnt die Vorscheidungsphase in dem Zeitraum, in dem die zur Scheidung führenden Prozesse mit einer gewissen Konstanz auftreten. Ihr Ende lässt sich hingegen genau bestimmen: Sie findet ihren Abschluss mit der Trennung der Ehepartner. Da die Vorscheidungsphase - auch vom Begriff her - an die Tatsache der Scheidung, also eines späteren Ereignisses, gebunden ist, enthüllt sich ihre Existenz erst im Nachhinein. Dementsprechend kann sie nur retrospektiv erforscht werden, und so ist nicht verwunderlich, dass am wenigsten über diese Phase des Scheidungszyklus bekannt ist. In der Regel führen mehrere Ursachen zu einer Verschlechterung der Ehebeziehung; einige können schon kurz nach der Hochzeit auftreten. In vielen Fällen ist die Ehe über einen langen Zeitraum hinweg unbefriedigend und/oder instabil, in anderen kommt ihr Ende plötzlich und schnell. Dementsprechend kann die Vorscheidungsphase zwischen einigen Wochen und fünf oder mehr Jahren dauern. Sie lässt sich grob aufteilen in einen Zeitraum der Verschlechterung der Ehebeziehung und in einen Zeitraum der Entscheidungskonflikte, in dem ein Ehepartner oder beide mit dem Gedanken an eine Trennung spielen, sie aber noch nicht beschlossen haben. Verschlechterung der Ehebeziehung Zumeist verschlechtert sich die Ehebeziehung allmählich, in einem sich über Monate und Jahre erstreckenden Prozess. Eine Vielzahl einzelner, an sich unbedeutender Handlungen oder die langsame Abnahme beziehungsstärkender Verhaltensweisen tragen zum Rückgang von positiven Gefühlen wie Liebe, Zuneigung, Vertrauen und Achtung bei. Ehequalität und Ehezufriedenheit schwinden; die Ehegatten sehen ihre Beziehung zunehmend in einem schlechten Licht, insbesondere, wenn sie diese mit den Ehen von Bekannten und Freunden vergleichen. Dieser Prozess wird häufig durch eine selektive Wahrnehmung verstärkt: Viele Partner konzentrieren sich immer mehr auf die negativen Aspekte ihrer Beziehung und übersehen die positiven. Hinzu kommt, dass sie aus ihrer Enttäuschung und Unzufriedenheit heraus oft den Eindruck gewinnen, sie würden zu wenig von der Ehe profitieren oder von ihrem Partner ausgenutzt werden. So versuchen sie, sicherzustellen, dass der eine nicht mehr als der andere bekommt, und wollen immer häufiger nehmen anstatt zu geben. Die Verschlechterung der Ehebeziehung kann sich auf verschiedene Weise zeigen. In einigen Ehen nimmt die Konflikthaftigkeit zu. Während die Partner zunächst noch rational zu bleiben versuchen und nach Kompromissen trachten, gehen schließlich Problemlösungsfähigkeit, Geduld und Kompromissbereitschaft immer mehr zurück. Aus ihrer zunehmenden Frustration und Verärgerung sowie aus dem Gefühl heraus, abgelehnt und zurückgewiesen zu werden, greifen sie immer häufiger den Partner persönlich an, versuchen ihn zu verletzen oder setzen sogar Gewalt gegen ihn ein. Einige dieser Ehepaare unterbrechen den Teufelskreis eskalidierender Auseinandersetzungen nicht oder leben in einer Atmosphäre, die aufgrund ungelöster und immer wieder hervorbrechender Konflikte konstant spannungsgeladen ist. Andere beginnen hingegen, Auseinandersetzungen zu vermeiden und einander aus dem Weg zu gehen: "Sie haben miteinander gekämpft und verloren, und sie haben beschlossen, nicht mehr zu kämpfen. Sie vermeiden die direkte Kommunikation miteinander aus Angst, die unproduktive und eskalierende Form von Auseinandersetzungen erneut zu erfahren, an die sie sich gewöhnt hatten. Von Zeit zu Zeit kollidieren sie aber miteinander" (Isaacs, Montalvo und Abelsohn 1986, S. 74). In anderen Fällen zeigt sich die Verschlechterung der Ehebeziehung weniger in Auseinandersetzungen oder Konfliktvermeidung. Hier ziehen sich die Ehepartner langsam voneinander zurück, da sie einander nicht mehr viel zu sagen und zu geben haben. Sie leben nebeneinander her, empfinden immer weniger füreinander und erleben einander als distanziert. Oft konzentrieren sie sich auf ihren Beruf oder auf Hobbys, entwickeln unterschiedliche Interessen und verbringen viel Zeit in einem separaten Freundeskreis. Vielfach wird dieser langsame und subtile Entfremdungsprozess erst spät bemerkt. Wird er von einem Partner angesprochen, kann er von dem anderen leicht verneint oder unterbewertet werden. Auch können die Eheprobleme einfach verdrängt werden. Zu einer eher abrupten und plötzlichen Verschlechterung der Ehebeziehung kann es kommen, wenn zum Beispiel ein außereheliches Verhältnis entdeckt oder offenbart wurde. Häufig reagiert der Partner mit starken Emotionen wie Ärger, Angst oder Eifersucht und akzeptiert Zeichen der Reue nicht. Versucht er, den Ehegatten beispielsweise mit körperlicher oder psychischer Gewalt, durch einen abrupten Rückzug oder durch das Eingehen außerehelicher Beziehungen (als Rachemaßnahme) zu bestrafen, kann die Ehe daran schnell zerbrechen. Eine rasche Verschlechterung der Ehebeziehung kann natürlich auch durch Krisen wie Arbeitslosigkeit, die Geburt eines behinderten Kindes, die Aufnahme eines pflegebedürftigen Elternteils oder das Auftreten einer chronischen Krankheit hervorgerufen werden. Eine vergleichbare Wirkung können normale Übergangskrisen im Verlauf des Familienzyklus wie die Geburt des ersten Kindes, Ablösung und Auszug des jüngsten Kindes oder der Eintritt in den Ruhestand haben. So mag zum Beispiel der Vater sein neugeborenes Kind als Rivalen um die Aufmerksamkeit und Zuneigung der Mutter erleben, sich vernachlässigt fühlen und sich von seiner Familie abwenden. Neben den bereits genannten können folgende Gründe zur Verschlechterung der Ehebeziehung beitragen und zu Scheidungsursachen werden: Viele Ehegatten stellen zu hohe und letztlich unerfüllbare Erwartungen an die Ehe und ihren Partner. Er/Sie soll ihr Liebhaber, ihr bester Freund, ihr Gesprächspartner, ihr Beschützer und ähnliches sein, alle ihre Bedürfnisse befriedigen, sie unendlich glücklich und zufrieden machen, sie für eine unglückliche Kindheit entschädigen, und so weiter. Viele dieser unbewussten Erwartungen sind neurotischer Natur und rühren von frühkindlichen Erfahrungen her - wenn sich zum Beispiel der Ehepartner ähnlich wie ein Elternteil verhalten soll. Kann ein Gatte diese hohen Ansprüche nicht befriedigen, so wird oft nach einem "besseren" gesucht. In vielen Ehen werden aber auch realistischere Rollenerwartungen nicht erfüllt. So berichteten beispielsweise 56 % der Frauen, die im Rahmen einer amerikanischen Untersuchung befragt wurden (Spanier und Thompson 1984), dass sich ihre Ehemänner zu wenig an der Hausarbeit beteiligten. Etwa 40 % der Frauen und 20 % der Männer sagten, dass ihre Partner die Elternrolle nicht zufriedenstellend ausgefüllt hätten. Viele Ehegatten hätten auch als Gesprächs-, Freizeit- oder Sexualpartner versagt. Häufig tragen finanzielle oder berufsbezogene Probleme zur Verschlechterung der Ehebeziehung bei. So berichteten Geschiedene bei der vorgenannten Untersuchung, dass sich viele Konflikte mit dem Partner vor der Trennung um folgende Inhalte drehten: das dem einzelnen zur Verfügung stehende Geld (56 %), die eigenen Arbeitszeiten oder die des Partners (54 %), beruflich bedingte Abwesenheit von daheim (40 %), die Art des eigenen Berufs oder desjenigen des Ehegatten (39 %) sowie die eigenen Kollegen oder diejenigen des Partners (35 %). Viele Erwachsene gehen auch in ihrem Beruf auf und vernachlässigen ihre Familie. Ferner können konflikthafte Situationen in Ehen entstehen, in denen beide Partner in ihrem jeweiligen Beruf Karriere machen wollen. Dann haben sie oft nur noch wenig Zeit füreinander, sind aufgrund der beruflichen Anspannungen ungeduldig miteinander und geraten leicht in Konkurrenz zueinander. Der Ehebeziehung und der eigenen Selbstverwirklichung wird keine größere Bedeutung zugesprochen. In vielen Fällen verursachen auch unterschiedliche Werte und Ziele Probleme. So mögen die Ehepartner ihre Geschlechtsrollen auf unvereinbare Weise definieren und ausgestalten. Strebt zum Beispiel eine Frau nach Gleichberechtigung und einer gerechten Aufteilung der Hausarbeit, während der Mann auf einer patriarchalischen und traditionellen Familienstruktur beharrt, kommt es zu Machtkämpfen und Unzufriedenheit mit der Ehebeziehung. Wird von einem Ehegatten das Lebensziel der Individuation und Selbstverwirklichung überbetont, so mag er leicht die eigenen Interessen, Bedürfnisse und Wünsche ohne Rücksicht auf die Einbeziehung oder sogar auf Kosten des Partners zu realisieren versuchen. Fühlt er sich in seinem Streben nach Glück, Erfüllung und Befriedigung gehemmt, ist die Versuchung groß, aus der Ehe auszuscheiden. Ferner kann es zu einer Verschlechterung der Ehebeziehung kommen, wenn sich die Partner auseinanderentwickeln und verschiedene Lebensstile ausbilden. So gaben bei einer zwischen 1980 und 1983 in Norddeutschland durchgeführten Befragung von 100 geschiedenen Müttern und 50 Vätern 49 % als Scheidungsursache den durch eine unterschiedliche Entwicklung bedingten Mangel an Gemeinsamkeit an. Ferner wurden übermäßiger Alkoholkonsum mit Veränderungen im Verhalten und in der Persönlichkeit (30 %) sowie Untreue (21 %) als Gründe für die spätere Trennung genannt (Napp-Peters 1985). Andere Ursachen für die abnehmende Ehezufriedenheit können neurotische Verhaltensweisen und Persönlichkeitsstörungen des Ehepartners, Mangel an Kommunikation (vor allem über Gefühle) und Kommunikationsstörungen, unzureichende Befriedigung emotionaler Bedürfnisse (zu wenig positive Verstärkung), zu große Nähe (Symbiose), die Einmischung von Verwandten in die Ehebeziehung oder die Unzufriedenheit mit der eigenen Lebenssituation (zum Beispiel Hausfrauen-Syndrom), mit dem Lebensstil oder mit den sozialen Kontakten sein. In der Regel wird der Ehepartner für die Abnahme der Ehequalität verantwortlich gemacht. Zumeist sehen Männer die Partnerbeziehung weniger negativ als Frauen und sind sich der Probleme weniger bewusst. Unabhängig davon, in welchem Bereich der Ehebeziehung destruktive Entwicklungen beginnen, greifen sie mehr oder minder schnell auf andere Bereiche über. Die Gespräche werden oberflächlicher, die Gefühle negativer, das Bild vom Partner schlechter, das Verhalten ihm gegenüber ablehnender. Die Sexualität verliert an Bedeutung oder wird zur Kontrolle beziehungsweise zur Unterwerfung des Ehegatten eingesetzt. In der Regel hat die Verschlechterung der Partnerbeziehung negative Folgen für das Wohlbefinden und die seelische Gesundheit der Erwachsenen. Sie entwickeln psychische und psychosomatische Störungen, erkranken oder beginnen, Alkohol, Drogen oder Medikamente zu missbrauchen. Zudem ändert sich ihr Verhalten anderen Menschen gegenüber. Meistens werden auch die Kinder in Mitleidenschaft gezogen, da es aufgrund des systemischen Charakters von Familien fast unmöglich ist, lang andauernde Partnerprobleme auf das Ehesubsystem zu beschränken. So leiden sie unter der Unzufriedenheit, den neurotischen Störungen, den Suchtkrankheiten und den Konflikten ihrer Eltern. Oft werden sie vernachlässigt oder misshandelt, in pathogene Beziehungen wie Symbiosen verwickelt oder zu Sündenböcken, Bündnispartnern oder Vermittlern gemacht. Manche Kinder versuchen, durch Ausagieren, Entwicklung von Symptomen oder andere Manöver die Eltern von ihren Konflikten abzulenken, die Familie zusammenzuhalten oder Hilfe von außen herbeizuholen. Die von der Ehebeziehung ausgehenden pathogenen Einflüsse führen häufig zu Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Störungen bei Kindern. Die Unzufriedenheit mit der Ehebeziehung, die Familienkonflikte oder das problematische Verhalten ihrer Kinder lässt viele Ehepartner in dieser Phase nach professioneller Hilfe suchen. Sie konsultieren Ehe- und Familienberater, Ärzte, Psychiater, Priester und Sozialarbeiter. Zumeist erleben sie deren Beratung als hilfreich und sinnvoll. In den uns in diesem Buch interessierenden Fällen gelingt es den Fachleuten aber nicht, die Ehe ihrer Klienten zu retten, da diese zu spät kamen oder zu einer durchgehenden Veränderung ihres Verhaltens nicht (mehr) bereit waren. Entscheidungskonflikte Mit den ersten ernsthaften Gedanken an eine Trennung beginnt ein neuer Zeitabschnitt in der Vorscheidungsphase. Manche Ehepartner kommen sehr schnell zur endgültigen Entscheidung - in den meisten Fällen ziehen sich aber die Entscheidungskonflikte über eine lange Zeit hin, oft sogar über mehrere Jahre. Das liegt zum einen daran, dass es sich um eine sehr schwierige und komplexe Entscheidung mit nur schwer abschätzbaren, langfristigen Folgen handelt. Zum anderen haben viele Ehepartner Angst vor einem endgültigen Entschluss und den Konsequenzen. Darum verschieben sie die Entscheidung immer wieder. Sie verdrängen ihre Eheprobleme oder spielen sie herunter, sprechen den Partner von einem Großteil der Schuld frei und machen sich selbst für die unglückliche Ehebeziehung verantwortlich. Generell wird die Zeit der Entscheidungskonflikte als eine Phase der Ambivalenz und inneren Zerrissenheit erlebt, des Schwankens und Zögerns, der Unsicherheit und Anspannung. Die Ehegatten analysieren immer wieder die Partnerbeziehung, die eigenen Gefühle und das Verhalten des anderen. Sie vergleichen im Entscheidungsprozeß den materiellen und immateriellen Nutzen der Ehe mit den psychischen, finanziellen und symbolischen Kosten für deren Aufrechterhaltung. Dabei dienen die Partnerbeziehungen anderer Personen, die mögliche oder aktuelle Beziehung zu alternativen Partnern und die eigenen Vorstellungen von einer guten Ehe als Vergleichsmaßstab. Ferner werden die Scheidungsbarrieren und Opportunitätsstrukturen durchdacht. So fällt die Entscheidung, sich zu trennen, um so schwerer, je größer die Investitionen in die Familie waren, je negativer die Folgen für die Kinder eingeschätzt werden, je größer die zu erwartenden Einbußen im Lebensstandard sind, je weniger die betroffene Person finanziell unabhängig ist, je geringer die Chancen auf dem Arbeits- und Heiratsmarkt eingeschätzt werden, je unattraktiver das Leben als Single erscheint, je weniger die Scheidung von einem selbst oder der sozialen Umwelt akzeptiert wird (Grad der Religiosität), je mehr Geschiedene und Alleinerziehende am Wohnort diskriminiert werden und je mehr Nutzen die Person noch aus der Ehe zieht. Problematisch ist, dass sich viele Ehepartner über die emotionalen, sozialen und materiellen Folgen einer Trennung nicht im klaren sind: "Nur wenige Erwachsene sehen voraus, was nach einer Scheidung auf sie zukommt. Fast immer wird das Leben mühsamer und komplizierter, als sie es sich vorgestellt haben" (Wallerstein und Blakeslee 1989, S. 26). So ist häufig die endgültige Entscheidung wenig durchdacht. Beispielsweise mag sie impulsiv und voreilig erfolgen, wenn der Ehepartner die diesen Zeitraum kennzeichnende Ambivalenz nicht erträgt oder einer streßhaften, angsterzeugenden oder von anderen negativen Gefühlen geprägten Situation entfliehen will. Vielfach werden vor der Entscheidung mögliche Alternativen nicht beachtet, relevante Informationen ignoriert und zu erwartende negative Folgen nicht berücksichtigt. Oft wird die Entscheidung aber auch immer wieder verschoben, da die jeweilige Person zu große Angst vor dem Unbekannten nach der Trennung hat. Der endgültige Entschluss wird zumeist durch ein bestimmte Ereignis ausgelöst (der "Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte"). Viele Personen reagieren auf die feste Entscheidung, sich von ihren Partnern zu trennen, mit Gefühlen der Erleichterung. Manche Ehegatten ziehen sich in dieser Situation der Entscheidungskonflikte zurück und schränken ihre sozialen Kontakte ein. Andere sprechen hingegen mit gleich- oder gegengeschlechtlichen Freunden und Verwandten über ihre Eheprobleme. Sie erfahren Verständnis, Empathie, Zusprache und Unterstützung, die jedoch häufig die unbefriedigende Lebenssituation erleichtern und zu einem Herausschieben der endgültigen Entscheidung führen. Handelt es sich bei einer dieser Vertrauten um eine gegengeschlechtliche Person, dann kann die Beziehung zu ihr allerdings so intensiv werden, dass sie eine Alternative zur bestehenden Ehe wird und den Entscheidungsprozeß beschleunigt. Generell erleben Personen, die in der Vorscheidungsphase ein eigenes Netzwerk aufbauten, die Zeit nach der Trennung weniger negativ als solche, die ihre sozialen Kontakte einschränkten. Sie können weiterhin mit dem Zuspruch und der Hilfe ihrer Freunde rechnen. In manchen Fällen beginnen beide Ehegatten etwa zur gleichen Zeit, sich mit Gedanken an eine mögliche Scheidung zu beschäftigen. Spricht einer von ihnen dieses Thema dann an, ist der andere wenig überrascht. Meistens ist dann eine relativ offene und rationale Diskussion möglich. Trägt sich nur ein Ehegatte mit Trennungsabsichten und erwähnt diese zum ersten Mal gegenüber seinem Partner, so mag dieser mit Überraschung, Wut, Hass, Schmerz, Angst, Verzweiflung oder Apathie reagieren. Bei einer amerikanischen Untersuchung über 210 geschiedene Personen kam beispielsweise für 28 % der Frauen und 30 % der Männer der Vorschlag des Partners, sich scheiden zu lassen, ganz unerwartet (Spanier und Thompson 1984). Ziehen sie sich zurück, greifen sie zu Suchtmitteln oder setzen sie physische oder psychische Gewalt ein, dann verschlechtert sich die Ehebeziehung weiter. In anderen Fällen unternehmen sie verzweifelt den Versuch, die Zuneigung des Ehegatten zurückzugewinnen. Ein "klammerndes" Verhalten ist aber vielfach kontraproduktiv. Sieht der Partner allerdings noch positive Aspekte in der Ehebeziehung oder steht der möglichen Trennung recht ambivalent gegenüber, werden oft letzte Versuche zur Rettung der Ehe unternommen. Eventuell kommt es auch nur zu einer versuchsweisen Trennung. In manchen Fällen trifft ein Partner für sich die Entscheidung, sich zu trennen, ohne mit seinem Ehegatten darüber zu sprechen. Er mag seine Absicht für längere Zeit verheimlichen, um die Trennung vorzubereiten. So beginnen nichterwerbstätige Frauen beispielsweise mit einer Berufsausbildung oder suchen eine Stelle, legen ein eigenes Konto an, sparen einen Teil des Haushaltsgeldes für die Zeit nach der Trennung oder suchen sich eine Wohnung. In diesen Fällen fallen die endgültige Trennung und das erste gemeinsame Gespräch über die geplante Scheidung zusammen oder der Partner wird mit dem Auszug aus der gemeinsamen Wohnung vor vollendete Tatsachen gestellt. Eine derartige Situation wurde von einem Drittel der in vorgenannter Studie befragten Personen beschrieben. Für Kinder kommt die Entscheidung der Eltern, sich zu trennen, besonders häufig unerwartet - selbst wenn sie um deren Eheprobleme wussten oder häufig in Ehekonflikte einbezogen wurden. Oft werden sie aber auch von ihren Eltern im Dunkeln gehalten, wenn diese ihre Partnerprobleme verheimlichen. Mitchell (1985) interviewte 50 schottische Jugendliche einige Jahre nach der Scheidung ihrer Eltern und berichtet: "Die Hälfte der Kinder konnten sich an keine Konflikte der Eltern vor der Trennung erinnern. Die Mehrheit glaubte, dass ihr Familienleben glücklich war. Einige, die Auseinandersetzungen beschrieben, hielten sie nicht für einen ausreichenden Grund für die Trennung ihrer Eltern" (S. 113). zu Teil 2 |