"Da muss man umdenken". Freinet-Pädagogik im Kindergarten

Lothar Klein

 

Der französische Pädagoge Célestin Freinet hat seine Arbeit eigentlich dem Leben von Kindern in der Schule gewidmet. Heute wird die Freinet-Pädagogik jedoch auch immer mehr in Kindergärten und Tagesstätten erprobt. Lothar Klein hat verschiedene Einrichtungen besucht und berichtet über die Erfahrungen, die Kinder und Erzieherinnen mit diesem Ansatz machen.

Gleich hinter der Eingangstür aller drei Einrichtungen, die ich besucht habe, um herauszufinden, wie sich eine "Schulpädagogik" im Zusammensein mit Kindern zwischen 3 und 6 Jahren "bewährt", umgaben mich Kinder. Ich brauchte nicht lange zu bitten oder zu fragen. Scheinbar auf Besucher eingestellt, übernahmen sie sofort die Führung und zeigten mir, was sie selbst für bedeutsam halten. Staunend ließ ich mich darauf ein und sammelte zunächst einmal Eindrücke wie die folgenden:

Christian, viereinhalb Jahre alt, sitzt in der Töpferei und erklärt mir, was er macht: "Ich haue den Ton kaputt, den mache ich platt." Stefanie (3) macht "Würste", Kai (4) stellt eine Unmenge kleine "Kanonenkugeln" her. Das tut er schon seit Wochen. Sie alle machen ihr "Plom". "Das Plom ist, wenn man alleine hier was machen und seine Freunde mitbringen darf.", reagiert Christian auf meinen erstaunten Blick. In einer Holzwerkstatt weist mich der vierjährige Mariano zurecht: "Ich mache kein Spielzeug.", sagt er, "Ich mache etwas interessant!" Neben ihm steht Marina (5) und baut eine "echte Titanic". Darauf will sie dann später "ihren" Leonardo di Caprio stellen.

In dem anschließenden Gespräch mit Erzieherinnen und Kindern über ihre Erfahrungen erlebe ich eine kleine Überraschung. Offenbar scheint es viel weniger Probleme zu bereiten, als man vielleicht meinen mag, einen in erster Linie auf die Bedürfnisse von Schulkindern ausgerichteten pädagogischen Ansatz auch auf das Zusammenleben mit jüngeren Kindern zu übertragen. Doch schließlich geht es ja auch um das Gleiche, habe ich mir dann gesagt: Die Freinet-Pädagogik macht das Leben des Kindes, seine Bedürfnisse und Möglichkeiten zum Ausgangspunkt ihrer Praxis. Kinder dürfen

  • frei tasten, versuchen ausprobieren und experimentieren, und zwar sowohl mit Material und Werkzeugen als auch mit sozialen Regelungen,
  • sich frei ausdrücken. Kinder sollen das Wort haben und deutlich spüren, dass ihre eigene subjektive Welt von Erwachsenen respektiert, statt von außen verändert wird,
  • Entscheidungen treffen und Verantwortung für sich selbst und andere tragen,
  • sich mit Dingen, Gegenständen, Themen und Fragen beschäftigen, die aus ihrem eigenen Leben stammen und sollen dabei ihrem individuellen Rhythmus folgen dürfen,
  • die Möglichkeit besitzen, sich produktiv an der Gestaltung ihres Alltags zu beteiligen und arbeiten, schließlich
  • spüren, dass ihnen vertraut und ihnen auch etwas zugetraut wird.

Von den Erwachsene erwartet die Freinet-Pädagogik, dass sie

  • klar erkennbar eigene Sichtweisen der Dinge besitzen und diese auch anbieten, sich jedoch selbst nicht als Besserwisser oder Vormacher, sondern vielmehr als interessierte und anregende Forscher begreifen. Solche Erwachsene besitzen selbst Mut zum Experiment. Sie sehen in Bezug auf Kinder und sich selbst den Fehler als Verbündeten im Lernprozess an. Statt ihn zu verhindern, begreifen sie ihn als Entwicklungsimpuls.
  • entdecken, was das Kind schon kann, statt wie die Schlange auf das Kaninchen vor allem auf die Defizite zu starren.
  • erst im Dialog mit den Kindern herauszubekommen, wo und wann sie gebraucht werden und nicht selbstverständlich von ihrer Unentbehrlichkeit überzeugt sein.
  • die Welt der Kinder aufsuchen und dort mit ihnen in den Dialog kommen, statt zu erwarten, dass Kinder ihr Verhalten nach den Wünschen der Erwachsenen ausrichten.

Warum sollen diese Grundsätze nicht auch das Zusammenleben mit jüngeren Kindern prägen können? Unterschiede zwischen Kindergarten und Hort gibt es natürlich bei der konkreten Umsetzung und Gestaltung. Und auf diesem Gebiet sind die drei Einrichtungen, die ich besucht habe, sehr erfinderisch.

Wer sich auf den Weg macht, den Alltag konsequent vom Kind aus zu gestalten, könnte unterschiedliche Wege beschreiten. Die Einrichtungen, die ich besucht habe, haben sich dafür entschieden, den Kindern zunächst den freien Zugang zu einer reihe von Werkstätten zu eröffnen. Sie gehen dabei zwar unterschiedliche Wege, lassen aber auch die Kleinsten bereits ohne unmittelbare Kontrolle der Erwachsenen darin arbeiten.

Werkstätten - ein Eckpfeiler der Freinet-Pädagogik

Freinet hat vor 70 Jahren selbst ebenso begonnen. Zuallererst veränderte er die Ausstattung seines Klassenzimmers, indem er dort eine Reihe von Ateliers einrichtete, damit die Kinder dort ihren "Hunger nach Leben und Aktivität" stillen zu können. Freinet verband mit seinen Ateliers drei Ziele: Kinder sollen die Gelegenheit bekommen, sich durch ihre Tätigkeit - Freinet sprach von "Arbeit" - selbst zu verwirklichen, sich sogar selbst zu "erschaffen". Das gelingt nur, wenn die Arbeit in Werkstätten nicht von außen, etwa durch Erwachsene, gelenkt oder gar bestimmt wird. In diesem Fall begegnen wir in den Produkten der Kinder ihrem freien Ausdruck und damit auch ihnen selbst.

Zweitens bieten die Werkstätten viel Gelegenheit, sich der eigenen Fertigkeiten, Fähigkeiten in der Auseinandersetzung mit dem Material und dem Werkzeug bewusst zu werden. Kinder erleben sich dabei als kompetente Menschen, die auftretende Schwierigkeiten selbst meistern. Sie tun das, wie Freinet schreibt, in "tastenden Versuchen" und machen dabei vielerlei "Entdeckungen", u.a. über die Wechselwirkung zwischen Absichten und Interessen einerseits und den Möglichkeiten, diese mit Material und Werkzeugen zu verwirklichen andererseits.

Drittens üben sich Kinder im selbstgesteuerten Lernen . Sie entwickeln beispielsweise eigene Problemlösungs- und Planungsstrategien. Sie übernehmen die Verantwortung für diesen Prozess und damit für sich selbst. Sie entwickeln in der Arbeit die Fähigkeit, sich in unfertigen und pädagogisch nicht aufbereiteten Situationen zurechtzufinden und dies mit allen Konsequenzen. Vor allem aber entwickeln sie Vertrauen in die eigenen Kräfte. Sich selbst zu trauen, Selbst-Vertrauen also, ist eine wichtige Voraussetzung und Antriebsfeder des Lernens überhaupt.

Viele Ideen entstehen im Prozess des Tuns

Wie sieht dies alles in der Praxis der Kindergärten aus? Das Kinderhaus Dudweiler bei Saarbrücken hat vor ca. zwei Jahren mit der Töpferei und der Holzwerkstatt begonnen. Dort erwerben Kinder, die es möchten, ein "Diplom", das "Plom", wie es die Kinder nennen. In der Töpferei wird häufig zu Musik gearbeitet. Für jede Werkstatt fühlen sich jeweils zwei der insgesamt acht Erzieherinnen verantwortlich. Jede Woche gibt es zwei Werkstattage, an denen sich jeweils eine Erzieherin einen Großteil des Tages über in der Werkstatt aufhält. Der Andrang sei so groß, dass man sich entschlossen habe, jeweils zwei Tage statt einem einzurichten. Die Verantwortung unter Dreien aufzuteilen, mache Sinn, denn erstens sei die Kontinuität auf diese Weise gesichert, zweitens wären wirklich alle Erwachsenen beteiligt und drittens sei der Arbeitsaufwand für die Einzelne dadurch überschaubarer.

An den Tagen, an denen sich Erwachsene nicht in der Werkstätten aufhalten, regelt sich alles von selbst: Kinder mit "Plom" laden ihre Freunde "zur Arbeit" ein. Ist eine Werkstatt voll, wird einfach ein rotes Schild an die Tür gehängt.

Die Kinder hätten die Erzieherinnen überrascht, erzählen diese im Gespräch. Zu Anfang hätten sie den Kindern nicht mehr als 20 Minuten Arbeit zugetraut. Schließlich seien sie ja noch klein. Es hätte sogar einen Wecker in der Werkstatt gegeben, der nach 20 Minuten geklingelt hätte, um die Kinder nicht zu überfordern. Dann, irgendwann war der Wecker kaputt, und alles begann sich entsprechend den unterschiedlichen individuellen Arbeitsvorhaben der Kinder zu regeln. Manche arbeiten heute mehr als eine Stunde in den Werkstätten, manche noch länger.

Und gefragt, ob der Begriff "Arbeit" der richtige sei, antworten sie: "Natürlich, man muss nur mal sehen, wie konzentriert und ernsthaft die Kinder dabei sind." Meist aber sei für die Kinder aber nicht das Produkt das Entscheidende. Das werde ziemlich bald wieder vergessen. Was sie tun, sei für sie wesentlich. Ein Kind habe das sogar einmal explizit ausgedrückt. Es beschrieb seine Arbeit mit den Worten: "Ich mache einen Nagel."

Tastendes Versuchen und entdeckendes Lernen

Freinet spricht in diesem Zusammenhang von "tastenden Versuchen" und "entdeckendem Lernen", dem oft wundervolle Ideen folgen. Und in denen stecken eine Unmenge Geschichten aus dem Leben der Kinder.

Auf diese Weise entstehen "Tunnel mit Kanonenkugeln", "Körbchen mit kleinen Sachen", "Ungeheuer mit langer Nase", ein "Schneepflug" oder "Kugelhaufen". In der Töpferei sind kleine Würstchen sehr beliebt, die dadurch entstehen, dass Ton durch einen Sieb gequetscht wird. Und aus der Kindertagesstätte Kellerstraße in Wiesbaden kenne ich ein Stück Holz, so fein gefeilt und geschmirgelt, dass es sich ganz weich anfühlt, das "Schmuseholz" der fünfjährigen Anna-Lena, zwei kleine zusammen-genähte Taschen, in denen bunte Federn stecken, die "Federhalter" der vierjährigen Lisa, ein "Memoryspiel" in einer Streichholzschachtel und eines in einer Zigarettenschachtel, beide von der sechsjährigen Nadine selbst hergestellt und durchaus benutzbar, außerdem einen "Weihnachtsbaum mit Lametta und zwei Kugeln", eine "Beuteltierente", ein "schönes Karussell" und "Sophias schönen Stock".

"Unser Zutrauen in die Kinder musste erst wachsen.", erzählen die Erzieherinnen. "Wir haben versucht, alles konsequent aus dem Blickwinkel der Kinder zu betrachten und haben uns im Team immer wieder gefragt: Wie würde ich das oder jenes als Kind machen?"

In Wiesbaden-Breckenheim geht das Team einen anderen Weg. Dort ist eine Erzieherin für alle Werkstätten, immerhin Druck, Holz, Ton, Kunst und Handarbeit alleine verantwortlich und dafür freigestellt. Auch sie bietet Werkstattage an, den denen die Kinder mit ihr arbeiten können. Von Diplomen hält sie nichts. Sie meint, dass in Werkstätten, ebenso so wie andere Funktionsräumen auch, keine besonderen Regelungen notwendig wären. Die Kinder, besonders die im Kindergartenalter, würden dort sowieso nicht wegen dieses Scheins arbeiten, sondern, weil sie eine ungeheure Freude an der Arbeit besitzen.

Und in der Tat, es überrascht, wie selbstbewusst und sicher die Kinder sich diese Arbeitsbereiche erobert haben. Als ich die beiden großen Werkstatträume besuche, sitzen insgesamt zwischen 15 und 20 Kinder darin und arbeiten mit einer Konzentration, die ansteckend wirkt. Sie unterhalten sich dabei und beschreiben mit Worten was sie tun:

"Ich habe keine Idee. Deshalb mache ich nur so rum. Naja, dann mache ich halt einen Autoscooter.", so der fünfjährige Johannes.

"Ich machen einen Schmetterling. Der gefällt mir und kann fliegen. Wie gefällt er Dir?", fragt die fünfjährige Jana.

"Das ist Pinocchio und sein Cipetto." So der ebenfalls fünfjährige Nico, dessen rechte Hand verwachsen ist, was ihn aber überhaupt nicht bei seiner Arbeit zu stören scheint.

Kinder brauchen Gelegenheiten für ihre Experimente

Kindergartenkinder sind wie alle anderen Kinder auch Entdecker und Forscher. Sie ziehen keine Altersgrenzen, sondern greifen dann zu Material, Dingen und Gelegenheiten, wenn Ihr "Hunger nach Leben und Aktivität" (Freinet) entflammt ist, dann, wenn diese Dinge in ihrem Leben wichtig werden. Sie benötigen dafür keinen äußeren Druck, sondern folgen individuellen Rhythmen. Sie brauchen aber Gelegenheiten, müssen dann experimentieren können, wenn das Interesse erwacht ist. Dann gehen sie selbstverständlich und selbständig auch mit Dingen um, die ihnen eigentlich noch nicht zugetraut oder zugedacht werden. Wie dies in der "lärm- und lernerfüllten Atmosphäre" (so die Lehrerin Ursula Müssle in dem Film: "Lob des Fehlers") einer sich an Freinet orientierenden Kindertageseinrichtung geschieht, möchte ich am Beispiel des Umgangs mit der Schrift verdeutlichen.

In der Kindertagesstätte Kellerstraße in Wiesbaden findet eine Gruppenbesprechung statt. Die dreieinhalbjährige Gonca hat sich von einer Erzieherin einen Zettel für die Zettelei schreiben lassen. Ihren Namen setzt sie selbst darunter: "Ich freue mich, dass ich schon schreiben kann. Gonca". In der Gruppenbesprechung freuen sich alle mit ihr. Özgün, viereinhalb Jahre alt, schreibt Briefe an Ute, seinen Papa, an Helke oder andere. Auch seine Bilder beschriftet er fleißig. Stets fängt er zuerst mit den Punkten an. Manche "Unterschriften" haben einen, andere 7 oder mehr Punkte. Das stört ihn nicht. Die Hauptsache, die Punkte sind da. Selbst ein Stopschild, das er anfertigt, um es an die Tür zu kleben, hat einen Punkt.

So unterschiedlich können die Wege sein, wie sich Kinder schon lange vor der Schule mit dem Schreiben beschäftigen. In der Kindertagesstätte Kellerstraße haben die Erzieherinnen das erkannt, beobachten diesen Prozeß voller Spannung und fördern ihn, indem sie zahllose "Schreibanlässe" im Alltag auch der ganz jungen Kinder geschaffen und zugelassen haben. Viele Dinge werden z.B. mit "Ausleihzetteln" ausgeliehen. Für manche Kinder geht es dann gar nicht mehr um das Ausleihen, sondern um das Unterschreiben der Zettel. Tagebücher werden diktiert und geschrieben, bemalt und unterschrieben. Michelle (5) beschriftet ihre Bilder. Sie schreibt die Adressaten darauf: Papa, Mama, Ute etc. "Das kann ich schon immer, alle Zeit!" kommentiert sie. Mariano (4) malt einen "Einkaufszettel" und verkauft ihn für "drei Geld" an seinem Flohmarktstand. Und auch am Computer wird schon mit Schrift umgegangen.

Der Fehler als Verbündeter

Auch sonst lassen die Erzieherinnen die Kinder immer wieder eigene Ideen verfolgen und umsetzen. Statt, dass diese, wie Freinet schreibt, stets nur auf einer auf einer "wissenschaftlich auf das Genaueste erdachten methodischen Treppe nach oben gelangen", sollen sie auch die Balustraden herunter rutschen und Pfade überschreiten dürfen, natürlich dabei auch springen, rückwärts gehen, auf allen Vieren kriechen, lachen oder gar ganz andere Wege gehen, eben den eigenen. "Nicht für alle das Gleiche", sondern jedem seinen eigenen Rhythmus und Entwicklungsweg, das war eines der wichtigsten Postulate Freinets.

So kann auch die sechsjährige Clara im Flur auf grünem Papier ein Picknick durchführen. Der vierjährige Taifun wird nicht von seinem Flohmarktstand zum Essen geholt. Das Essen wird ihm vielmehr dort hin gebracht. Max, fünf Jahre alt, kann unbehelligt zwei Stunden lang unter einem Tisch im Eingangsflur sitzen und auf die "Wesen" warten, mit deren Ankunft er rechnet. Ann-Katrin und Özgün, beide vier, können in ihren Strümpfen mit etwas Gras Nester für Marienkäfer bauen. Niemand hat etwas dagegen, dass Johannes, drei Jahre alt, selbst bestimmt, ob er schläft oder nicht, Melvin, vier Jahre, darf vom Brötchen nur das "Obenteil" essen und auch das Außengelände ist für die Kinder keinesfalls tabu oder "nur in Begleitung Erwachsener" zu betreten.

Jüngere Kinder teilen uns Erwachsenen ihre Ideen, Absichten und Bedürfnisse selten in der uns gewohnten Form, nämlich verbal mit, sondern sie handeln, verfolgen Ziele und probieren aus. Dass es dabei manchmal auch zu Missverständnissen zwischen den Welten der Erwachsenen und der Kinder kommen kann, macht mir eine Erzieherin aus der Kindertagesstätte Breckenheim bei Wiesbaden deutlich. Sie erzählt vom dreijährigen Torben, der eines Tages weitertöpfern wollte, als die Gruppe zum Stuhlkreis zusammenfand. Später war er dann enttäuscht, dass der Stuhlkreis ohne ihn stattgefunden hat.

Freinet, der im Fehler vor allem den Verbündeten des Lernenden sah, hätte hier vielleicht argumentiert: "Gerade solche Missverständnisse sind doch häufig erst der Beginn eines Dialogs zwischen Kindern und Erwachsenen und helfen uns deshalb letztlich, die Absichten und Vorgehensweisen der Kinder ein wenig besser zu verstehen. Man muss ihnen bloß konsequent das Wort geben, ihnen zuhören und sie Regie führen lassen."

Achten, beachten, beobachten

"Da muss man wirklich umdenken.", sagt Doris Endres, die Erzieherin. Sich auf diese Art den Kindern zu nähern, sie eigenverantwortlich handeln zu lassen, sei vor allem am Anfang in der Umstellungsphase nicht immer leicht. Die Signale der Kinder würden oft nicht richtig verstanden, und da laufe schon dann und wann mal etwas schief. Außerdem sei es einfach auch lauter und bewegter als früher. Und schließlich müsse man wirklich erst lernen, auf die spontanen Wünsche und Ideen der Kinder zu reagieren. Am Anfang hätte sie zunächst hätte sie das Gefühl gehabt, dass der sichere Rahmen für die eigene Arbeit sich auflöse. Sicherheit im Umgang mit wirklich selbstverantwortlich handelnden Kindern stelle sich erst nach und nach ein. Darauf habe sie sich in der Ausbildung nicht vorbereiten können. Es sei eben "die andere Richtung" von dem, was sie gelernt habe: statt für Kinder zu formulieren, was diese sollen, nun herauszubekommen, was sie wollen.

Im Team hätten sie sich vor allem darin geübt, auf die Signale der Kinder zu achten, darüber zu sprechen, was die Kinder ausdrücken. Beobachten im herkömmlichen Sinn alleine genüge da nicht. Das richtete sich nämlich vornehmlich vom Erwachsenenstandpunkt aus auf die vermeintlichen (und wirklichen) Defizite der Kinder. Was Kinder schon können und was für sie subjektiv bedeutungsvoll sei, habe man auf diese Weise kaum wahrgenommen. Heute würden sie ihren Blick vor allem auf die Absichten, Interessen, Theorien, das Wissen und die Erfahrungen der Kinder richten, um deren Stärken und jeweilige Einzigartigkeit zu erkennen.

Was die Selbständigkeit und Selbstsicherheit der Kinder angehe, heben die Erzieherinnen zwar einschränkend hervor, dass gerade jüngere Kinder auch sichere Rituale, Orientierung und Begrenzungen bräuchten, andererseits aber überraschten diese auch immer wieder von Neuem mit eigenverantwortlichem Handeln. Dabei würden die Kinder durchaus gut für sich selbst sorgen könnten. Wenn ihnen etwas zu schwer sei, ließen sie es eben einfach bleiben.

Nach diesen Erfahrungen werde ich wohl nicht wieder die Frage stellen, ob die Freinet-Pädagogik nur in die Schule, den Hort oder auch in den Kindergarten passt. Die Freinet-Pädagogik ist ein Konzept, das vor allem eine Grundhaltung lebt und viele praktische Angebote macht. Vor Ort aber nimmt sie im Zusammenspiel der jeweiligen Personen, Traditionen und räumlichen Gegebenheiten ihre jeweils ganz spezifische Form an. Das ist spannend, bedeutet jedoch auch, dass man immer erst "erfinden" muss, was passt. Und dies vor allem im Dialog mit den Kindern. Eins ist mir noch einmal klar geworden: Freinet-Pädagogik kann ich nicht auf einen Schlag "einführen", sie muss entstehen und wachsen, und zwar ganz "freinetisch" mit tastenden Versuchen, in entdeckendem Lernen und mit Kindern, die "das Wort haben".

Weiterführende Literatur

  • Freinet, Célestin: Die moderne französische Schule. Paderborn 19792
  • Klein Lothar, Vogt Herbert: Freinet-Pädagogik in Kindertageseinrichtungen. Entdeckendes Lernen und vom "Hunger nach Leben". Freiburg 1998
  • Klein, Lothar: Célestin Freinet auf der Spur. In: Kindergarten heute Nr. 5/96 und in: Kindergarten heute spezial: Pädagogische Handlungskonzepte von Fröbel bis zum Situationsansatz
  • Klein, Lothar: Damit Kinder eigene Wege gehen können. In: Kindergarten heute Nr. 9/93

Autor

Lothar Klein, Köpfchenweg 24, 65191 Wiesbaden, Tel. 0611/1899444, Fax 0611/1899445, balanceLK@t-online.de

Freiberuflicher Fortbildner bei balance - pädagogik und management

Veröffentlichungen u.a.:

  • Klein, Lothar/ Vogt, Herbert: Freinet-Pädagogik in Kindertageseinrichtungen. Entdeckendes Lernen und vom "Hunger nach Leben". Freiburg, Herder Verlag 1998
  • Klein, Lothar: Mit Kindern Regeln finden. Freiburg, Herder Verlag 2000
  • Klein, Lothar/ Vogt, Herbert: Leben in der Familiengruppe. Ein Praxisbuch über die große Altersmischung. Freiburg, Lambertus-Verlag 1995 (Neuauflage 2002)
  • Klein, Lothar/Vogt, Herbert: Erzieherinnen im Dialog mit Kindern. Wie Partizipation im Kindergarten aussehen kann. In: Büttner, Christian/Meyer, Bernhard (Hrsg.): Lernprogramm Demokratie. Möglichkeiten und Grenzen politischer Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Weinheim und München, Juventa-Verlag 2000, S. 89-109