Aus: Informationsdienst für Dozenten an sozialpädagogischen Ausbildungsstätten 1988, 15 (3/4), S. 39-46

Verhaltensauffällige Kinder im Kindergarten

Martin R. Textor

 

Das Leben eines jeden Kindes wird von miteinander interagierenden Systemen geprägt, von Familie, Kindergarten, Gleichaltrigengruppe usw. Diese bilden den größten Teil seines interpersonalen und sozialen Kontextes und sind ihrerseits wieder in größere Systeme eingebettet (z. B. Stadtviertel, Wohlfahrtsverband, Gemeinde). Sie sind voneinander durch mehr oder minder durchlässige Grenzen getrennt, haben eine unterschiedliche innere Struktur und funktionieren nach verschiedenen Regeln und Transaktionsmustern. Immer versuchen sie, ein Gleichgewicht (Homöostase) in ihrem Innern aufrechtzuerhalten.

Systeme wie Familie, Kindergarten und Gleichaltrigengruppe bestehen aus einer mehr oder minder großen Anzahl horizontaler (z. B. Geschwistersubsystem, Gruppenleiterinnensubsystem) und vertikaler Subsysteme (z.B. Eltern-Kind-Subsystem, Erzieherin-Kind-Subsystem). Diese Subsysteme haben in der Regel durchlässigere Grenzen als die größeren Systeme und interagieren häufiger miteinander. Jedes Subsystem enthält mehrere Individuen (als noch kleinere Subsysteme definierbar), die noch intensiver aufeinander einwirken und durch noch durchlässigere Grenzen voneinander getrennt sind.

Welche Bedeutung hat die hier in groben Zügen skizzierte Systemtheorie für den Kindergarten? Sie verdeutlicht, daß

  1. ein Kind (Individuum) Mitglied mehrerer Systeme und Subsysteme ist. Es verhält sich in jedem aufgrund verschiedener Regeln, Interaktionsmuster, Erwartungen, Rollen usw. unterschiedlich. Das bedeutet z.B., daß eine Erzieherin aus dem (verhaltensauffälligen) Verhalten eines Kindes in der Kindergruppe nicht schließen kann, daß es sich genauso gestört gegenüber seinen Eltern oder gegenüber gleichaltrigen Freunden verhält. Erzieherinnen, Musikschullehrer, Eltern und Großeltern können also dasselbe Kind höchst unterschiedlich erleben (Gefahr von Mißverständnissen).
  2. eine Person wenig Einblick in Systeme und Subsysteme hat, denen sie nicht angehört, da diese ihr mehr oder minder undurchlässige Grenzen entgegenstellen. So kann es z.B. für eine Erzieherin sehr schwer sein, verläßliche und ausreichende Informationen über das Verhalten eines (auffälligen) Kindes in der Familie zu erlangen, mögen Kindergartenleiterin und Träger nur schwer das (von Dritten kritisierte) Verhalten einer Gruppenleiterin in dem Erzieherin-Kind-Subsystem beurteilen können.
  3. eine Person oft große Schwierigkeiten haben wird, wenn sie Veränderungen in anderen Systemen und Subsystemen in die Wege leiten will, da diese sich ihr gegenüber abgrenzen und ihr inneres Gleichgewicht aufrechterhalten wollen. So hat z. B. eine Erzieherin nur einen geringen Einfluß auf das Erziehungsverhalten von Eltern (verhaltensauffälliger Kinder).
  4. die Umwelt des Kindes ein außerordentlich komplexes Systemgebilde ist. Das Kind unterliegt einer Vielzahl von Einflüssen unterschiedlicher Qualität, welche die Einwirkungen anderer Systeme verstärken, schwächen oder neutralisieren können. Das (auffällige) Verhalten eines Kindes kann also verschiedene Ursachen haben, die in unterschiedlichen Systemen liegen mögen. So sollte sich eine Erzieherin z.B. bei verhaltensauffälligen Kindern vor monokausalen Erklärungen hüten und bei der Diagnose alle Systeme einbeziehen. Auch sind Interventionsmaßnahmen erfolgversprechender, die im pathogen wirkenden System in die Wege geleitet werden oder durch die gleichzeitig in mehreren Subsystemen positiv eingewirkt wird. Da Systeme miteinander interagieren, haben Interventionen in einem (Sub-)System zumeist auch Auswirkungen auf andere Systeme. Durch Rückkoppelungsprozesse können die durch diese Maßnahmen in einem System hervorgerufenen Veränderungen verstärkt oder neutralisiert werden.

Es wird deutlich, daß ein systemorientierter Ansatz bei der Diagnose und Behandlung von Verhaltensstörungen im Kindergarten große Vorteile gegenüber einem individuumsorientierten Ansatz hat, bei dem die Ursachen für die Auffälligkeiten vor allem in dem Kind (Körper, Psyche, Persönlichkeit) gesucht werden und sich nahezu alle Maßnahmen auf dasselbe richten. Hier werden Ursachen und Interventionsmöglichkeiten in der Umwelt des Kindes übersehen. Ferner ist bei einem individuumsorientierten Ansatz die Erzieherin nicht gezwungen, das Erzieherin-Kind-Subsystem - also auch ihr eigenes Verhalten - zu analysieren.

Die Arbeit mit dem systemtheoretischen Ansatz im Kindergarten setzt aber nicht nur voraus, daß Erzieherinnen ihn kennen und sich eine entsprechende Sichtweise angeeignet haben. Vielmehr müssen sie auch die wichtigsten Ursachen von Verhaltensauffälligkeiten kennen, die von System zu System, von Subsystem zu Subsystem andersartig sind. In Tabelle 1 werden mögliche Ursachen in Familie, Kindergarten und größeren Systemen genannt, wobei natürlich kein Anspruch auf Vollständigkeit dieser Liste erhoben wird. Bedenkt man, daß 20 bis 25% aller Kinder im Kindergarten verhaltensauffällig sind und daß sich ihre Probleme in diesem Alter noch am leichtesten beheben lassen, sollte in der Aus- und Fortbildung von Erzieherinnen größerer Wert als bisher auf die Beschäftigung mit möglichen Ursachen von Verhaltensstörungen gelegt werden.

Noch wichtiger scheint zu sein, daß Erzieherinnen auch befähigt werden, im Einzelfall durch Einsatz diagnostischer Verfahren die Ursachen von Verhaltensauffälligkeiten ausfindig zu machen und entgegenwirkende Maßnahmen in die Wege zu leiten. Hier geht es selbstverständlich nicht um eine "Therapeutisierung" der Kindergartenarbeit, sondern

  1. um das Vertrautmachen von Erzieherinnen mit einfach zu handhabenden diagnostischen Methoden wie Verhaltensbeobachtung und Soziogramm sowie mit zweckmäßigen Formen einer schriftlichen und nichtwertenden Fixierung der Beobachtungsergebnisse (Verlaufsprotokoll, Diagnoseblatt, Ausfüllen von Beobachtungsbögen usw.),
  2. um das Lehren der wichtigsten Schritte bei der Planung des weiteren Vorgehens (Zielsetzung, Suche nach Realisierungsmöglichkeiten, Abklärung von Alternativen, Auswahl einer Alternative usw.),
  3. um die Information der Erzieherinnen über die wichtigsten Interventionsmaßnahmen zur Behebung der Ursachen von Verhaltensauffälligkeiten, wie sie in Tabelle 2 aufgelistet sind. Dabei kommt es darauf an, daß die Erzieherinnen ein genaues Bild von ihnen erhalten, so daß sie wissen, in welchen Fällen diese indiziert sind. Nur dann können sie eine dieser Maßnahmen entweder selbst einsetzen (sofern sie dazu befähigt sind) oder den Eltern bzw. anderen Personen anraten. Die Betroffenen können viel leichter zu der jeweiligen Maßnahme motiviert werden, wenn sie genau über dieselbe informiert werden können. Ferner ist wichtig, daß die Erzieherinnen möglichst viele Fachleute (Berater, Jugendamtmitarbeiter, Fachärzte, Mitarbeiter von Frühförderungsstellen usw.) am Ort kennen, da sie dann viel leichter eine Kontakt zu ihnen herstellen können,
  4. um eine bessere Schulung der Erzieherinnen in den Interventionen, die sie selbst durchführen können. Hier bieten sich besonders Methoden wie das Rollenspiel und die Anleitung bei der direkten Arbeit mit den Kindern an. Vor allem benötigen Erzieherinnen auch eine bessere Ausbildung in der Elternberatung und Elternarbeit.

Könnten diese Vorstellungen in der Aus- und Fortbildung von Erzieherinnen realisiert werden, dürfte sich die Situation verhaltensauffälliger Kinder im Kindergarten bald bessern. Auch würde unter Umständen Familien mit Problemen frühzeitiger geholfen.

Ursachen von Verhaltensauffälligkeiten

In Familie:

  • Gesamtsystem: Unvollständigkeit (Tod, Scheidung, alleinerziehend); Krankheit; Arbeitslosigkeit; Berufstätigkeit beider Eltern (erschöpft, gestreßt, überfordert); Egoismus/Egozentrismus; Isolierung; gegenseitige emotionale Überforderung; unklare Grenzen nach außen oder im Inneren
  • Ehesubsystem: Ehekonflikt/Krise (Kind will Eltern durch das symptomatische Verhalten von Konflikten ablenken, Familie zusammenhalten) (Ausagieren von Angst, Verzweiflung, Trauer usw.); Unfähigkeit zum Problemlösen
  • Eltern-Kind-Subsystem: autoritärer Erziehungsstil (Rückzug, furchtsam; Ausagieren, Hervorbrechen unterdrückter Energien und Aggressionen); antiautoritärer Erziehungsstil (keine Selbstbeherrschung, kein Internalisieren von Normen); inkonsistente oder nicht erkennbarer Erziehungsstil, Desorientiertheit bzgl. Zielen; Überbehütung/Verwöhnung; Vernachlässigung; Ablehnung, verdeckte Feindseligkeit, Mißhandlung; Sichtweise, daß Kind die eigene Selbstverwirklichung verhindert (Schuldgefühle, Überkompensation: Ablehnung); Symbiose (keine Individuation, Trennungsängste), zu hohe, unrealistische oder widersprüchliche Erwartungen; Überforderung des Kindes; schlechtes kommunikatives Verhalten der Eltern, beschränktes Vokabular, einfacher Stil; Mangel an Stimulierung, keine Förderung von Interessen; keine Regelsetzung, z.B. bezüglich des Umgangs mit Medien (abgelenkt, unausgeschlafen, desinteressiert; Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung gesehen)
  • Geschwistersubsystem: Wetteifern mit begabteren/älteren Geschwistern

Im Kindergarten:

  • Gesamtsystem: zu große Gruppen; schlechte Ausstattung; falsches Selbstverständnis; nur Problemkinder (z.B. sozialer Brennpunkt)
  • Leiterin-Erzieherin-Subsystem: Konflikte; unterschiedliche Erziehungskonzepte; Übertragung zusätzlicher Aufgaben
  • Erzieherin-Erzieherin-Subsystem: Konflikte; unsichere Position (z.B. Jahrespraktikantin); Mangel an Teamgeist; kein Besprechen von Problemfällen, kein Voneinander-Lernen
  • Erzieherin-Kind-Subsystem: problematischer Erziehungsstil (antiautoritär, autoritär, inkonsequent); unklare Regeln, kein Durchsetzen; Überforderung der Erzieherin (fehlende heilpädagogische Ausbildung); negative Haltung gegenüber dem Kind; positives Verstärken von Verhaltensauffälligkeiten; mehr pflegerisch als erzieherisch tätig
  • Kind-Kind-Subsytem: Streben nach Achtung, Macht, Bewunderung; negative Vorbilder; Außenseiter, Isolierung, keine Beachtung durch andere

Im Grenzbereich Kindergarten-Familie:

  • unterschiedliche Erziehungsziele, -vorstellungen, -methoden und -stile; kein Kontakt, keine Kooperation; wechselseitige Vorurteile Wertkonflikt, unterschiedliche Erwartungen; Eltern behandeln Erzieherin herablassend; Kommunikationsstörungen; Konflikte hinsichtlich der Problemdefinition und Behandlung

In umliegenden Systemen:

  • Einmischung von Dritten in Familienangelegenheiten; Konflikte mit Verwandten; außereheliche Beziehungen eines Elternteils; fehlendes Netzwerk; Probleme eines Elternteils am Arbeitsplatz; beengte Wohnverhältnisse (keine Intimsphäre, Ablenkung von Hausaufgaben); schichtspezifischer Kommunikations- und Denkstil; Zugehörigkeit zu einer sozialen Randgruppe; Diskriminierung; andere Kultur (Gastarbeiter); Verwicklung von Ärzten, Psychologen usw.: Etikettierung, falsche Diagnose, medikamentöse Behandlung; Verwicklung von Elternbeirat, Aufsichtsbehörde, Träger, Rechtsanwälten in Konflikte; Ablenkung/Überlastung der Erzieherin durch eigene Familienprobleme, gesellschaftspolitisches Engagement usw.

Im Kind:

  • Unterernährung, Krankheit, Entwicklungsverzögerungen; Antriebsschwäche, mangelnde Leistungsmotivation; Hyperaktivität, unkonzentriert, reizbar; intrapsychische Konflikte, Neurosen usw.; überlastet, psychisch überfordert (familiäre Situation); mangelnde Fähigkeiten, Überforderung, permanente Mißerfolge, Frustration, Depression, Mißerfolgserwartungen; negatives Selbstwertgefühl, mangelndes Selbstvertrauen; unrealistische Ziele; geringe Frustrationstoleranz, Genußorientiertheit; Leistungsverweigerung; Ängste (vor Erzieherin, anderen Kindern), Trennungsängste; Unterforderung, Langeweile; fehlende soziale Fertigkeiten; anderer Sprach- und Denkstil

Interventionsmöglichkeiten

In der Familie:

  • Gesamtsystem: Bewußtmachung von Problemen; Hinweis auf helfende Stellen (Sozialamt, Sozialdienste)
  • Ehesubsystem: Bewußtmachung von Problemen und deren Folgen für das Kind; Aufzeigen von Rollenzuschreibung und Parentifizierung; Kommunikationsstörungen beheben: offene und ehrliche Kommunikation fördern; Hinweis auf mögliche Hilfen (Eheberatungsstellen, Scheidungstherapie)
  • Eltern-Kind-Subsystem: problematische Erziehungsstile und -techniken (Disziplinierung, Verstärkung), Erziehungsfehler, Überbehütung oder Vernachlässigung bewußtmachen; auf bessere Erziehungstechniken verweisen; Rollenzuschreibungen, symbiotische Beziehungen, Etikettierung usw. aufzeigen; unangemessene Ziele und Erwartungen diskutieren; klare Zielsetzung; Bedürfnisse, Fähigkeiten und Schwächen des Kindes erklären; Problem- und Konfliktlösung; Kommunikationsstörungen aufzeigen und beheben; Regeln setzen lassen; Hinweis auf mögliche Hilfen (Erziehungs- und Familienberatung, Elterngruppen, Familienbildung, sozialpädagogische Familienhilfe, freiwillige Erziehungshilfe usw.)
  • Geschwistersubsystem: Aufzeigen von Problemen, Diskussion; Ratschläge für Eltern

Im Kindergarten:

  • Gesamtsystem: Aufzeigen von Problemen
  • Leiterin-Erzieherin-Subsystem: Konfliktlösung, eventuell durch Einschalten eines Vermittlers
  • Erzieherin-Erzieherin-Subsystem: Teamdiskussion (z.B. Erziehungskonzepte), wechselseitige Konsultation; gemeinsame Aktivitäten; Konfliktlösung
  • Erzieherin-Kind-Subsystem: Hinterfragen des eigenen Verhaltens, Verbesserung des Erziehungsstils, Aneignung neuer Techniken (Fortbildung); Einsatz verhaltensmodifizierender Techniken (positive Verstärkung, Extinktion, Verhaltensausformung, Tokenverstärkung); intensive Einzelbetreuung (persönliche Zuwendung, Gefühl des Angenommenseins vermitteln, Verständnis zeigen, emotionale Wärme); situationsbezogener Ansatz: auf Bedürfnisse des Kindes eingehen, Erfahrungshorizont erweitern usw.; Modellernen, positive Verstärkung; Kind Verantwortung für sich und andere übernehmen lassen
  • Kind-Kind-Subsystem: Integration von Außenseitern; Förderung von Kooperation und Kompromißbereitschaft; Diskussion von Einstellungen, Normen und Verhaltensweisen

Im Grenzbereich Kindergarten-Familie:

  • Verbesserung des Kontaktes, Schwellenangst von Unterschichteltern abbauen, Kommunikationsbarrieren beheben; Problembewußtsein der Eltern bezüglich der Schwierigkeiten ihres Kindes wecken, auf Erziehungsberatungsstellen usw. aufmerksam machen; Einzelgespräche/Hausbesuche: gemeinsame Problemdefinition, Zielsetzung und Handlungsplanung; Abstimmung von Erwartungen, Erziehungszielen und -methoden; Durchsetzen, daß Erzieherin wie Gleichgestellte behandelt wird

In den umliegenden Systemen:

  • Gespräch mit Großeltern; Hinweis auf Hilfsangebote (Dreigenerationstherapie Netzwerktherapie, Familiengruppen, Familienfreizeiten, Selbsthilfegruppen usw.); Integration der Familie in ihr soziales Umfeld fördern; Gespräche mit Arzt, Psychotherapeuten usw. ("delabeling"); Hilfe bei Kontaktaufnahme mit Ämtern (Abbau von Schwellenangst), Kontaktaufnahme mit zuständigen Sozialarbeitern (sozialer Brennpunkt), Erziehungsberatern usw.
  • Hinterfragen eigener außerdienstlicher Belastung; eigene Weiterbildung, Supervision; Durchführen öffentlicher Veranstaltungen; Informieren von Verwaltung, Politikern, Medien usw. über Mißstände

Im Kind:

  • Anleitung zur Analyse des eigenen Verhaltens, der zugrundeliegenden Ziele und Motive sowie der Folgen; Suche nach besseren Handlungsweisen, Ausprobieren von Alternativen; Lehren von Problem- und Konfliktlösungstechniken; Ängste abbauen; Lehren sozialer Fertigkeiten (Rollenspiel, Modellernen); Förderung der Körperbeherrschung (Spiel, Sport); Verständnis für Regeln wecken, transparent machen