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- Online-Handbuch - Herausgeber: Martin R. Textor |
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| Aus: kindergarten heute 1988, 18, S. 134-138
Strukturwandel der Familie: Konsequenzen für die Kindergartenarbeit Martin R. Textor
Wir leben in einer Zeit des rasanten wissenschaftlich-technologischen und sozialen Wandels, von dem auch Familie und Kindergarten nicht verschont bleiben. Beide Sozialisationsinstanzen können sich diesen Entwicklungstendenzen nicht widersetzen. Sie nehmen diese entweder unbemerkt oder bewußt auf. In diesem Artikel soll der Strukturwandel der Familie durch die schematische Gegenüberstellung von Familienformen des 19. Jahrhunderts und der Gegenwart verdeutlicht werden. Separat für jede Rubrik der nachstehenden Tabelle werden dann Konsequenzen für die Kindergartenarbeit angedeutet.
Gesellschaftliche Bedingungen Der Kindergarten darf sich gegenüber der Außenwelt nicht verschließen. Er muß Lebenswelt sein, d.h. für das Familienleben, die Arbeitswelt, den heimischen Kulturraum, das Gemeindeleben usw. offen sein. Hierzu bieten sich Aktivitäten wie die Besichtigung kommunaler, kultureller oder kirchlicher Einrichtungen, die Teilnahme an Festen, an Theaterproben oder an im Freien stattfindenden Musikaufführungen, aber auch der Besuch von Eltern an ihrem Arbeitsplatz an. Lebensweltbezogene Themen können natürlich auch in tagtäglichen Beschäftigungen aufgegriffen werden. Ferner kann der Kindergarten einen Beitrag zur Demokratisierung und zum Abbau gesellschaftlicher Spannungen leisten, indem Kindern beispielsweise gelehrt wird, gemeinsam Entscheidungen zu fällen und Konflikte auszutragen (Kinderkonferenzen), oder indem Verständnis für Ausländerkinder und deren Lebensverhältnisse geweckt wird. In kleinem Rahmen kann der Kindergarten auch negativen gesellschaftlichen Entwicklungen entgegenwirken. So sollte er ein Bollwerk gegen die Hektik, die Unruhe und den Streß unserer Zeit sein, also den Kindern eine kontinuierliche und längerfristige Teilnahme an Spiel und Arbeit ermöglichen, ihre Konzentrationsfähigkeit fördern und ihnen eine regelhafte und verläßliche Umwelt bieten. Auch muß er seinen pädagogischen Auftrag gegenüber Tendenzen wie der Flexibilisierung der Öffnungszeit schützen, die ihn wieder mehr zu einer Kinderbewahranstalt werden ließen (sinnvollere Alternativen wären z. B., wenn Kindergartengruppen zu verschiedenen Zeiten beginnen würden). Weitere wichtige Aufgaben des Kindergartens sind Medien- und Umwelterziehung, um Kinder auf einen verantwortlichen Umgang mit der Natur und den Medien vorzubereiten. Familie allgemein Die abnehmende Familiengröße und die Verkleinerung des Verwandtensystems hat zur Folge, daß die soziale Erziehung im Kindergarten immer mehr an Bedeutung gewinnt. So müssen vor allem Einzelkinder lernen, sich in Gruppen einzuordnen und mit Gleichaltrigen bzw. Gleichgestellten umzugehen. Aufgrund der zunehmenden Ausgliederung alter Menschen aus Familie und Gesellschaft sollte Kindern auch der Umgang mit Senioren erfahrbar gemacht werden. Hierzu bieten sich z. B. regelmäßige Besuche in Altersheimen und Altenbegegnungsstätten sowie gemeinsame Aktivitäten mit älteren Menschen an. So kann auch der große Erfahrungsschatz von Großeltern und Urgroßeltern genutzt werden, die sehr interessant über ihre Kindheit und Jugend, die Kinderbewahranstalten und Schulen der damaligen Zeit, das Familien-, Dorf- und Stadtleben sowie die Ausübung von Berufen vor vielen Jahren berichten können. Ferner wird der Kindergarten neben der "klassischen" kompensatorischen Erziehung (d.h. dem Ausgleich schichtspezifischer Sozialisationsbedingungen) auch vermehrt negative Folgen von Familienproblemen und -konflikten ansatzweise ausgleichen müssen. Abgesehen von erzieherischen und heilpädagogischen Maßnahmen könnte der Kindergarten auch die Hilfsangebote von Beratungsstellen, Wohlfahrtsverbänden und Jugendämtern bekanntmachen und erste Kontakte herstellen. Aufgrund der geringer werdenden sozialen Kontrolle durch Verwandte und Nachbarn muß der Kindergarten auch vermehrt eine gewisse "Kontrollfunktion" gegenüber der Familie übernehmen, also bei Anzeichen von Vernachlässigung, Mißhandlung oder sexuellem Mißbrauch geeignete Maßnahmen einleiten. Ferner wird der Kindergarten vermehrt die Probleme von Scheidungs- und Stiefkindern auffangen sowie besondere Angebote für die Kinder Alleinerziehender entwickeln müssen. So sollten z.B. männliche Praktikanten für den Kindergarten gewonnen werden, die den letztgenannten Kinder als männliche Rollenmodelle dienen können. Schließlich muß sich der Kindergarten auch auf Kinder aus Wohn- und nichtehelichen Lebensgemeinschaften einstellen und ihnen Toleranz und Verständnis entgegenbringen. Partnerwahl/Sexualität In diesem Bereich kommt dem Kindergarten in erster Linie die Aufgabe der Geschlechtserziehung zu. So sollten Kinder zu einem natürlichen Umgang mit ihrem Körper erzogen werden, wozu oft Hemmungen abgebaut werden müssen. Zudem sollten sie die Geschlechtsunterschiede kennenlernen. Für Erzieher kann es zu einem Problem werden, wenn sie von Kindergarteneltern mit einer extrem konservativen oder einer extrem offenen Haltung zur Sexualität konfrontiert werden. Hier muß durch Maßnahmen der Elternarbeit, -beratung und -bildung versucht werden, ein "gesundes" Mittelmaß zu finden. Geschlechtsrollen/Arbeitsteilung Auch der Kindergarten sollte seinem Beitrag zur Gleichbewertung der Geschlechtsrollen in Familie und Gesellschaft leisten. Das beginnt schon damit, daß geschlechtsspezifische Zuschreibungen z.B. bei Märchen, Erzählungen oder Gesprächen (über Berufsbilder, Hobbys usw.) vermieden werden. Dabei dürfen Geschlechtsunterschiede aber auch nicht verneint werden. Bei Beschäftigungen sollten Jungen und Mädchen ohne Benachteiligung eines Geschlechts mitwirken dürfen; weder Kinder noch Erzieherinnen dürfen z.B. einen Buben lächerlich machen, wenn er häufig in der Puppenecke spielt. Werden im Kindergarten Haushaltsaktivitäten wie Kochen, Abwaschen oder Aufräumen praktiziert, sollten Jungen und Mädchen gleichermaßen zu ihnen herangezogen werden. Familienstruktur/Hierarchie Hier sollte der Kindergarten die Entwicklung hin zur Gleichberechtigung von Mann und Frau in Familie, Beruf und Gesellschaft unterstützen. So sollten Jungen und Mädchen im Kindergarten gleichgestellt sein und lernen, partnerschaftlich miteinander umzugehen. Hierzu ist es wichtig, daß sie lernen, wie man Konflikte friedlich löst, daß man kompromißbereit sein muß und kann, wie man am besten einen eigenen Standpunkt vertritt, daß man sich in andere hineinversetzen und sie auf diese Weise besser verstehen kann usw. Es müssen also kommunikative und Problemlösungsfertigkeiten, Toleranz, Intuition, Introspektion und ähnliche Fähigkeiten gefördert werden. Die Kinder sollten aber auch lernen, daß Regeln und ein gewisses Maß an Ordnung notwendig sind und sie sich in bestimmten Situationen unterordnen müssen. Ferner sollten Erzieherinnen versuchen, mehr als bisher die Väter zu erreichen, für die Erziehung ihrer Kinder zu interessieren und in die Kindergartenarbeit einzubeziehen. Freizeitbereich Im Kindergarten können Kinder auf einen sinnvollen Umgang mit der Freizeit in der Familie vorbereitet werden. So müssen sie vermehrt lernen, sich selbst zu beschäftigen und zu agieren, anstatt nur zu konsumieren. Beispielsweise können musische und künstlerische Aktivitäten, Spiel und Gesang gefördert und kreative Fähigkeiten geschult werden, kann zur Entwicklung von Hobbys motiviert und können Feste (ohne andere Erwachsene!) gemeinsam geplant, vorbereitet und durchgeführt werden. Kinder müssen aber auch vor Überforderung geschützt werden, wenn sie nach dem Kindergarten noch viele andere Einrichtungen, wie z.B. Musik- und Ballettschulen, besuchen müssen. Hierzu können Elternabende und Einzelgespräche dienen, bei denen auch auf die großen Leistungen des Kindergartens in Bereichen wie Rhythmik, Bewegungserziehung und musikalische Frühförderung hingewiesen werden kann. Familienerziehung Generell sollte der Kindergarten ähnliche Erziehungsziele wie die Eltern vertreten, also z.B. die Mündigkeit und Selbständigkeit der Kinder fördern. Jedoch muß er auch vernachlässigte Ziele aufgreifen. So sind sich viele Eltern wohl der Bedeutung einer religiösen Erziehung bewußt, erwarten aber vom (kirchlichen) Kindergarten, daß er diese Aufgabe übernimmt. Ferner sollten Erzieherinnen die Lernmotivation, Leistungsbereitschaft, Intelligenz und Kreativität der Kinder fördern - sich aber auch Bestrebungen der Eltern widersetzen, aus dem Kindergarten eine "Schule vor der Schule" zu machen. Wie die meisten Eltern sollten Erzieherinnen einen partnerschaftlichen Erziehungsstil praktizieren, also auf die Kinder eingehen, gesprächsbereit sein und ihnen viele Gelegenheiten zur Mitbestimmung einräumen. Oft ist aber auch wichtig, den Kindern zu lehren, daß Regeln und Normen wichtig sind und eingehalten werden müssen, daß Autorität respektiert werden muß und Höflichkeit, Freundlichkeit und guten Sitten für ein gutes Zusammenleben wichtig sind. Da manche Kinder daheim mit der Unsicherheit und wechselhaften Erziehung ihrer Eltern konfrontiert werden, ist es wichtig, daß Erzieherinnen einen eindeutigen Erziehungsstil zeigen, konsequent sind und sich selbst bewußt als Vorbild einsetzen. Offensichtlich ist, daß der Strukturwandel der Familie und die rasanten Veränderungen in Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur neue Aufgaben an den Kindergarten stellen. Sie verlangen eine weitere Pädagogisierung dieser Einrichtung, eine bessere Aus- und Fortbildung des Personals, die Entwicklung zusätzlicher Angebote (z.B. für Familien oder verhaltensauffällige Kinder) und die bewußte Übernahme präventiver, heilpädagogischer und kompensatorischer Aufgaben. Der Öffentlichkeit muß bewußtgemacht werden, daß der Kindergarten für die Entwicklung von Kindern immer wichtiger wird und deshalb eine bedeutendere Stellung im Bildungssystem haben sollte. |
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