Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Hildegard von Gierke

Manfred Berger

 

Hildegard von Gierke wurde am 30. September 1880 in Breslau geboren und starb am 14. April 1966 in Osterode/Harz. Ihr Vater war der bekannte Rechtswissenschaftler Otto von Gierke, der zu seinem 70. Geburtstag mit dem erblichen Adel geehrt wurde. Die Mutter, Lili von Gierke (geb. Loening), entstammte einer bedeutenden jüdischen Verlegerfamilie aus Frankfurt /Main. Hildegard verlebte eine glückliche und privilegierte Kinder- und Jugendzeit, zuerst in Breslau, dann in Heidelberg und ab 1887 in Berlin:

"Sechs begabte Geschwister wuchsen im Gefühl voller Geborgenheit heran, und eine ungewöhnliche Verbundenheit untereinander ... hat sich auf dem im Elternhaus gelegten Fundament aufgebaut. Jugendfreunde der Geschwister erzählen von den lebensvollen Gesprächen und Diskussionen am Familientisch, von gemeinsamen Boccia-, Luftkegel- und Tennisspielen oder Schlittschuhlauf der Eltern mit den Kindern" (Baum 1954, S. 11).

Die um sechs Jahre ältere Schwester Anna hatte für Hildegard eine wichtige Vorbildfunktion. Anna von Gierke leitete bereits in sehr jungen Jahren erfolgreich das weit über die Grenzen Berlins hinaus bekannte "Jugendheim", eine allumfassende soziale Erziehungs- und Bildungsstätte. Sie war es auch, die ihre jüngere Schwester dazu ermunterte einen sozialen Beruf zu ergreifen. In Berlin absolvierte Hildegard von Gierke von 1900-1902 am renommierten "Pestalozzi-Fröbel-Haus" die Kindergärtnerinnenausbildung. Anschließend arbeitete sie in einem Kindergarten in der Bülowstraße und ließ sich noch zur Lehrerin ausbilden. Ab 1905 unterrichtete Hildegard von Gierke im "Pestalozzi-Fröbel-Haus" und übernahm dazu noch im Jahre 1911 die Leitung der zum Hause gehörenden Elementarklassen. Maßgebend hatte sie an der Neuordnung für die Kindergärtnerinnenausbildung, ausgelöst durch die "Bestimmungen für das höhere Mädchenschulwesen in Preußen" (1908), mitgearbeitet. Demzufolge wurden 1912 die ersten staatlichen Kindergärtnerinnenprüfungen in Preußen durchgeführt.

Zwischen 1914 und 1922 betätigte sich Hildegard von Gierke in verschiedenen sozialpädagogischen Feldern, u. a. von 1920 bis 1922 als Dozentin am "Sozialpädagogischen Institut" in Hamburg. Nachdem sie die Hansestadt verlassen hatte, unterrichtete Hildegard von Gierke wieder am "Pestalozzi-Fröbel-Haus" und zeichnete ferner als Mitleiterin der Berliner Ausbildungsstätte verantwortlich. In ihren verantwortlichen Funktionen als zweite Schulleiterin sowie als Vorsitzende der Berliner Sektion der "Berufsorganisation der Kindergärtnerinnen, Hortnerinnen und Jugendleiterinnen" und Vorstandsmitglied des "Deutschen Fröbel-Verbandes", galt ihr Interesse insbesondere neuen Ausbildungsverordnungen und -gesetzen, an denen sie auch verantwortlich mitwirkte. Dabei kämpfte sie um mehr "Freiheiten in der Auswahl von Prüfungsthemen", um mehr "selbständige Vertiefung" sowie um mehr "Praxisnähe". Über die "neue Prüfungsordnung für die Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen" (ab 1928 gab es in Preußen eine gemeinsame zweijährige Ausbildung von Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen), konstatierte Hildegard von Gierke:

"Dem Gesichtspunkt, daß eine Prüfung vor allem zeigen soll, wie weit die Schülerin zu selbständiger Arbeit und vertieftem Erfassen eines Stoffgebiets befähigt ist, ist weitgehend Rechnung getragen. Dreimal während der Prüfung ist die Bewerberin vor eine Wahl gestellt. Für den Aufsatz können drei Aufgaben gewählt werden, und da sie aus allen wissenschaftlichen Fächern genommen sein können (allerdings mindestens eine Aufgabe aus der Erziehungslehre oder Berufskunde), wird für jeden ein Gebiet, das ihm besonders liegt, dabei sein. In der mündlichen Prüfung kann die Schülerin ein wissenschaftliches Fach wählen. Dadurch ist die Möglichkeit gegeben, ein Lieblingsfach besonders zu studieren und sich in ein Spezialgebiet zu vertiefen. Da Erziehungslehre auf jeden Fall geprüft und ein drittes Fach vom Prüfungsausschuß bestimmt wird, ist keine Gefahr, daß andere Fächer darüber vernachlässigt werden. Die dritte Wahl findet bei den künstlerisch-technischen Fächern statt: Nadelarbeit, Zeichnen, Ausschneiden oder Modellieren. Es ist erfreulich, daß hier der Erfahrung Rechnung getragen wird, daß das praktische Können in der Kinderarbeit unter Umständen mindestens ebenso wertvoll ist wie die künstlerische Fähigkeit ... Eine weitere Neuerung, die im Interesse der selbständigen Vertiefung ausgewertet werden kann, ist die Forderung einer schriftlichen Hausarbeit, die während der Ausbildungszeit im Anschluß an die praktische Erziehungstätigkeit nach eigener Wahl anzufertigen ist...
Es sei noch kurz auf die erfreuliche Art hingewiesen, in der die praktische Prüfung stattfinden soll: im Rahmen der Tagesarbeit, an der Übungsstätte. Die nicht aus dem natürlichen Leben erwachsene 'Examenstunde' fällt also fort. - Die Darbietung des Könnens in Turnen und Musik wird eine willkommene Belebung der Prüfungsstunden sein.
Die Hinzuziehung einer außerhalb der Anstalt stehenden Frau, die in Kindererziehung besondere Erfahrung besitzt, in den Prüfungsausschuß ist bisher schon von vielen Anstalten geübt und als durchaus bereichernd empfunden" (Gierke 1930, S 63 f).

Als die Nazis an die Macht kamen, musste sich Hildegard von Gierke aus der Öffentlichkeit zurückziehen, war sie doch "jüdisch versippt". Dabei stand sie dem Nationalsozialismus zunächst nicht ablehnend gegenüber, "sie sah das soziale Moment und glaubte, in der Frauenschaft vielleicht sogar Gedanken der alten Frauenbewegung und der sozialen Hilfe in neuer Form verwirklicht zu sehen: das, was in den Jahren 1930/31 in der freien Wohlfahrtspflege als Winterhilfe etc. begonnen hatte. Jedenfalls riet sie den Mitarbeiterinnen, einzutreten und die Bewegung in diesem Sinn zu beeinflussen - nicht ahnend, was sie damit auch den Mitarbeiterinnen antat" (zit. n. Berger 1992, S. 139).

Im Jahre 1934 musste Hildegard von Gierke wegen ihrer "jüdischen Versippung" das "Pestalozzi-Fröbel-Haus" verlassen. Sie übersiedelte mit ihrer Lebensgefährtin nach Osterode/Harz. Dort fand sie endlich Zeit ein lang geplantes Vorhaben in die Tat umzusetzen. Sie veröffentlichte das kleine Büchlein "Die Natur im Jahreslauf, beobachtet mit Kindern", das 1961 in 5. Auflage erschien. Die noch heute lesenswerte und nach wie vor aktuelle Publikation war über viele Jahre hinweg das Standardwerk zu einer naturnahen Erziehung im Kindergarten (in Ost- wie in Westdeutschland). Schon seinerzeit stellte Hildegard von Gierke treffend fest:

"Leider sind ja bei den meisten Menschen die Kenntnisse der einfachsten Vorgänge in der Natur sehr gering. Dies macht sich bei den Eltern und Erziehern besonders von jüngeren Kindern als großer Mangel fühlbar. Denn das Kind erlebt die Natur unmittelbar und will von den Vorgängen etwas wissen. Es fragt nach den Namen und Art, und der Erwachsene muß verlegen ausweichende Antwort geben. Der Fragedrang des Kindes ist ihm unbequem, er versteht es nicht, mit dem Kinde gemeinsam zu forschen oder sich im Interesse des Kindes zu belehren. Die Folge ist ein allmähliches Verstummen der Fragen des Kindes und oft auch ein Einschlafen seines Forschungsdranges" (Gierke 1961, S. 8).

Von 1946 bis 1950 leitete Hildegard von Gierke die "Staatliche Berufsvollschule für Kindergärtnerinnen" in "Hundert Eichen" bei Osterode, die im ehemaligen Landerholungsheim des "Pestalozzi-Fröbel-Hauses" untergebracht war. Schnell erfreute sich die neue Bildungseinrichtung in der "Sowjetzone" und späteren DDR einer großen Beliebtheit, die trotzdem 1952 aufgelöst wurde.

Die Schulleiterin zeichnete für die Entwicklung von Lehrplänen für die "sozialistische Kindergärtnerinnenausbildung verantwortlich. So schlug sie für die Fächer "Gegenwartskunde" und "Erziehungslehre" u.a. folgende Lehrinhalte vor:

  • "Die Nationale Front des demokratischen Deutschlands"
  • "Die Verfassung unserer DDR und der SU"
  • "Fortschrittliche pädagogische Gedanken sozialistischer Pädagogen"
  • "Das Erziehungsziel der sozialistischen Pädagogik in Vergangenheit und Gegenwart" (Bodemann 2000, S. 68).

Im Alter von 70 Jahren trat Hildegard von Gierke in den Ruhestand. Als sie starb erschien in der BRD eine beachtliche Anzahl von Nachrufen, während man ihr in der DDR so gut wie nicht gedachte. Hildegard von Gierke wurde in Berlin beigesetzt.

Literatur

Baum, M.: Anna von Gierke, Weinheim 1954

Berger, M.: Führende Frauen in sozialer Verantwortung: Hildegard von Gierke, in: Christ und Bildung 1992/H. 4

Bodemann, L.: Kindergärtnerinnenausbildung in der DDR, München 2000 (unveröffentl. Diplomarbeit)

Gierke, H. v.: Die neue Prüfungsordnung, in: Kindergarten 1930/H. 1

dies.: Die Natur im Jahreslauf, beobachtet mit Kindern, Ravensburg 1961