Aus: Bildung, Erziehung, Betreuung von Kindern in Bayern 1999, 4, Heft 1, S. 10-13

Väter im Kindergarten

Martin R. Textor


Elternarbeit in Kindertageseinrichtungen ist in der Regel Mütterarbeit. Mitbedingt durch die in unserer Gesellschaft immer noch weit verbreiteten traditionellen Geschlechtsrollenleitbilder und die extrem große Präsenz von Frauen in Kindergärten (als Erzieherinnen und Mütter) sehen Väter in der Kindertageseinrichtung einen von Frauen geprägten und bestimmten Lebensbereich. Es ist verständlich, dass sich ein einzelner Vater - der sich z.B. in einen Elternabend "verirrt" hat - unter so vielen Frauen unwohl fühlt und dem nächsten Termin fernbleibt. Und so ist es nicht verwunderlich, dass sich die Präsenz von Vätern im Kindergarten auf das gelegentliche Bringen und Abholen von Kindern (wobei sie beim Bringen oft nicht die Schwelle der Einrichtung überschreiten!) sowie auf die Teilnahme an Veranstaltungen mit einem traditionell höheren Männeranteil (z.B. Sommer- oder Grillfest) beschränkt.

Väter spielen jedoch eine wichtige Rolle in der Entwicklung ihrer Kinder. Dies gilt um so mehr, wenn sie eine intensive, emotional geprägte Beziehung zu ihren Kindern aufgebaut haben und sich viel mit ihnen beschäftigen. Die Kindertageseinrichtung kann einen wichtigen Beitrag zur Ausbildung eines positiven Vater-Kind-Verhältnisses leisten, wenn es ihr gelingt, Väter vermehrt in die Kindergarten- und Elternarbeit einzubeziehen und sie in Aktivitäten mit ihren Kindern zu involvieren. Dies ist aber leichter gesagt als getan - viele Erzieher/innen haben schon frustrierende Erfahrungen gemacht, wenn sie Väter zu erreichen versuchten. In diesem Artikel sollen nun auf der Grundlage eines Buches von Levine, Murphy und Wilson (1993) - das eine Vielzahl positiver Praxisbeispiele enthält - einige relevante Empfehlungen gegeben werden.

1. Schritt: den Kindergarten "väterfreundlich" gestalten

Wenn sich Männer in der "Frauenwelt" des Kindergartens unwohl und unwillkommen fühlen, muss zunächst diesem Eindruck entgegengewirkt werden. Levine, Murphy und Wilson (a.a.O.) schlagen eine ganze Reihe von Aktivitäten vor, durch die eine Kindertageseinrichtung "väterfreundlich" wirken kann:

  • Vom ersten Kontakt mit Eltern an sollte immer wieder die Botschaft vermittelt werden, dass Väter im Kindergarten willkommen sind und dass von ihnen erwartet wird, dass sie dort auch präsent sind.
  • Das bedeutet beispielsweise, dass schon zum Anmeldegespräch beide Eltern eingeladen werden - und ein Termin vereinbart wird, wo beide kommen können. Dasselbe gilt natürlich auch für spätere Elterngespräche.
  • Und dies bedeutet, dass bei der Anmeldung die Namen, Anschriften und Telefonnummern getrenntlebender, geschiedener oder unverheirateter Väter - aber auch von Stiefvätern und von Lebenspartnern, die nicht leibliche Väter sind, aber die soziale Vaterrolle weitgehend ausüben - erfasst werden, dass diese zu Elternveranstaltungen eingeladen (per Brief oder Telefon) sowie über die Entwicklung der Kinder persönlich oder telefonisch informiert werden und dass sie die Elternbriefe erhalten. Sind getrenntlebende oder geschiedene Mütter mit alleinigem Sorgerecht hiermit nicht einverstanden, verlangt das Kindeswohl, dass mit ihnen über die Bedeutung des Vaters für die Entwicklung von "Scheidungskindern" gesprochen wird und sie möglichst umgestimmt werden. Die einzige akzeptable Ausnahme ist letztlich, wenn dem Vater der Umgang mit seinem Kind untersagt wurde.
  • Elternbriefe, Plakate, Einladungen und andere Schriftstücke sollten sich immer explizit an Mütter und Väter richten.
  • Möglichst jede Gelegenheit, bei der ein Vater in den Kindergarten kommt (z.B. beim Bringen oder Abholen von Kindern), sollte genützt werden, um ihn anzusprechen, mit ihm kurz über sein Kind zu reden oder ihn direkt zur Mitarbeit im Kindergarten bzw. zu Elternveranstaltungen einzuladen. Dieses aktive Auf-Väter-Zugehen ist oft sehr erfolgreich.
  • Ferner ist es sinnvoll, Väter nach ihrem Beruf, ihren Interessen und Hobbys zu fragen (hierzu kann auch ein allen Vätern zugesandter Fragebogen hilfreich sein). Diese Informationen können z.B. genutzt werden, um Väter in die Kindergruppe einzuladen, damit sie über ihren Beruf sprechen, bestimmte Fertigkeiten vorführen oder bei einem Projekt mitwirken, um Aktivitäten nur für Väter zu planen oder um deren Kompetenzen in der Elternarbeit zu nutzen.
  • Schließlich sollte die ganze Kindergartenatmosphäre "väterfreundlich" sein. Dies kann dadurch erreicht werden, dass z.B. Fotos von Vätern und ihren Kindern aufgehängt oder in der Konzeption abgedruckt werden, dass mit den Kindern aus Anzeigen, die Männer und Kinder zeigen, eine Collage gemacht wird oder dass in der Elternecke einige für Männer interessante Zeitschriften ausliegen (es muss nicht gerade der Playboy sein...).

In diesem Kontext ist es wichtig, dass bei Teamsitzungen die Einstellungen der Kolleg/innen diskutiert und verdeckte Widerstände angesprochen werden. Alle Mitarbeiter/innen sollten sich am Projekt "väterfreundlicher Kindergarten" aktiv beteiligen.

Häufig ist auch mit Widerständen bei Müttern zu rechnen, insbesondere wenn sie negative Erfahrungen mit Männern gemacht haben (Trennung, Scheidung) oder wenn sie sich als Nichterwerbstätige vor allem über die Mutterrolle definieren und nichts von ihrem "Territorium" an den Vater abtreten wollen. Auf solche Widerstände kann z.B. in Müttergruppen mit einem eher unverfänglichen Thema wie "Mutterschaft - Chancen und Probleme" oder in Einzelgesprächen eingegangen werden.

Schließlich müssen die Ängste vieler Väter berücksichtigt werden, die sich im Umgang mit ihren Kindern inkompetent fühlen und befürchten, dass dies bei einer Präsenz im Kindergarten offensichtlich werden könnte. Diese Väter können oft zunächst nur durch reine "Männeraktivitäten" erreicht werden.

2. Schritt: Männer aktivieren

In der Zwischenüberschrift habe ich bewusst das Wort "Männer" verwendet: Sind irgendwelche Männer - also z.B. Großväter, Onkel, Träger, männliche Praktikanten, Hausmeister, Zivildienstleistende oder Projektmitarbeiter - oft im Kindergarten präsent, dann werden auch die Väter häufiger kommen. Jeder Mann, der sich in der Kindertageseinrichtung engagiert, ist potentiell ein "Anwerber" von Vätern.

Außerdem kommt den Müttern hier eine zentrale Rolle zu: Gelingt es, sie davon zu überzeugen, dass Väter (auch soziale Väter) wichtig für die Entwicklung ihrer Kinder sind, sich für die Kindergartenarbeit interessieren und gelegentlich in der Einrichtung präsent sein sollten - dann werden sie oft ihre (Ehe-)Partner (und manchmal sogar getrennt lebende oder geschiedene Väter) entsprechend motivieren: Sie kommen gemeinsam zu Elterngesprächen und -veranstaltungen oder wechseln sich ab.

Manchmal gelingt die Aktivierung von Vätern auch durch reine "Männeraktivitäten": Hier organisieren Kindertagesstätten z.B. Skatabende oder belegen eine Kegelbahn, einen Fußballplatz bzw. eine Turnhalle, sodass Väter dort gemeinsam Sport treiben können. Lernen die Väter einander auf diese Weise kennen, fällt es ihnen leichter, gemeinsam an anderen Kindergartenveranstaltungen teilzunehmen.

Es ist empfehlenswert, solche "Männeraktivitäten" auch von Männern organisieren und leiten zu lassen. Durch Fotos im Eingangsbereich, Berichte im Elternbrief oder durch das direkte Ansprechen (z.B. beim Anmeldegespräch, beim Bringen der Kinder, bei Festen) können mit der Zeit weitere Väter als Teilnehmer gewonnen werden.

3. Schritt: ein Programm für Väter zusammenstellen

Wurden die ersten Väter aktiviert, können sie praktisch in alle Angebote der Elternarbeit einbezogen werden (siehe Textor 1998). Neben der Teilnahme an Elternveranstaltungen ist hier auch an die Hospitation von Vätern in der Kindergruppe zu denken: Sie können mit Kindern spielen, ihnen vorlesen, mit ihnen Sport treiben, sie über ihren Beruf oder ihr Hobby informieren, mit ihnen am Computer "arbeiten", sie bei Ausflügen begleiten usw. Bedenkt man, wie viele Kinder intensivere Vaterkontakte entbehren müssen (weil der Vater beruflich überlastet ist, sich nur wenig mit seinem Kind beschäftigt oder nicht in der Familie lebt), dann ist es nicht verwunderlich, dass Väter in der Kindergruppe wie "Magnete auf zwei Beinen" wirken und immer von Kindern umringt sind.

Für Väter können auch besondere Angebote wie die folgenden gemacht werden:

  • Männergruppen: Hier können Väter mit anderen Männern zusammenkommen, um entweder an den vorgenannten "Männeraktivitäten" teilzunehmen oder um sich über bestimmte, vorgegebene bzw. selbst gewählte Themen auszutauschen. Gesprächsgruppen sind eher erfolgreich, wenn sie von einem Mann geleitet werden, mit einer gemeinsamen, von den Teilnehmern zubereiteten Mahlzeit beginnen und viel Raum für Diskussionen lassen. Neben Themen wie Vaterschaft, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, frühkindliche Entwicklung oder Erziehungsfragen kann auch über den praktischen Umgang mit Kleinkindern gesprochen werden (altersgemäße Spiele und Aktivitäten). In Männergruppen aktive Väter haben oft großen Erfolg, wenn sie persönlich inaktive Väter ansprechen und für ihre Gruppe "anwerben".
  • Ausflüge: Die Väter können z.B. den Besuch eines Bundesligaspiels, einen Vatertagsausflug oder einen Campingtrip organisieren.
  • Handwerkliche Tätigkeiten: Viele Väter kommen gerne an einem Samstagnachmittag oder an einem Abend in den Kindergarten, um Spielsachen zu reparieren, Gartenarbeit zu erledigen, das Außengelände neu zu gestalten, ein Baumhaus zu bauen, Wände zu streichen usw.
  • Mitwirkung an Veranstaltungen für die ganze Familie: Manche Väter sind gerne bereit, beim Sommerfest auszuhelfen, eine Familienwanderung oder eine Wochenendfreizeit zu organisieren, ein Grillfest zu gestalten usw.
  • Vater-Kind-Angebote: Darunter fallen z.B. ein Samstagvormittag mit Spiel- und Bastelaktivitäten für Väter und Kinder, eine gemeinsame "Monsterparty" an einem Spätnachmittag, ein Projekt "Werken mit Holz" (Väter stellen das Werkzeug zur Verfügung und leiten die Kinder an), ein gemeinsamer Ausflug, ein Frühstück oder Abendessen an einem Werktag - nur für Väter und Kinder.
  • Gruppenhospitation: Eine Gruppe von Vätern wird zur Hospitation in der Kindergruppe eingeladen. Anschließend werden die gemachten Erfahrungen und Beobachtungen mit der Gruppenleiterin diskutiert, während die Kinder mit der Kinderpflegerin zusammen z.B. einen gemeinsamen Imbiss vorbereiten.
  • Wettbewerbe: Beispielsweise kann ein Vater-Kind-Turnier veranstaltet werden, bei dem Vater-Kind-Teams gegeneinander antreten.
  • Vater-Kind-Feste: Hierzu bietet sich vor allem der Vatertag an - die Kinder "feiern" ihre Väter und gestalten weitgehend den Tagesablauf. Natürlich kann ein solches Fest auch zu einem anderen Zeitpunkt stattfinden und dann z.B. einem bestimmten Motto folgen.

Wie bereits erwähnt, müssen sich solche Angebote nicht nur an die "Familienväter" richten. Genauso gut können getrenntlebende, geschiedene oder unverheiratete Väter, Stiefväter, Lebenspartner der Mütter, Großväter oder andere "signifikante Männer" im Leben der Kindergartenkinder eingeladen werden.

4. Schritt: Beteiligung der Väter aufrechterhalten

Ein "Väterprogramm" muss "gepflegt" werden, wenn es längere Zeit bestehen soll. Das bedeutet, dass möglichst viele Personen (Männer!) Verantwortung für einzelne Maßnahmen übernehmen sollten - und für ihre Bemühungen positives Feedback, Lob und Wertschätzung erfahren sollten (auch durch Berichte im Elternbrief oder in Tageszeitungen, durch das Aufhängen von Fotos, durch entsprechende Aussagen während Elternabenden usw.). Da engagierte Väter in der Regel nicht länger als zwei Jahre zur Verfügung stehen, muss bei Neuaufnahmen immer darauf geachtet werden, ob sich neue Väter als "Nachfolger" eignen würden.

Schließlich sollte von Zeit zu Zeit geprüft werden, inwieweit die Maßnahmen zur Intensivierung des Väterengagements erfolgreich und wo Verbesserungen möglich sind. Hierzu eignen sich z.B. Teambesprechungen, Gespräche mit Vätern und Müttern oder eine schriftliche Befragung.

Und ganz wichtig ist: Man darf sich nicht entmutigen lassen! Oft sind nur kleine Fortschritte zu erzielen. Auch muss immer wieder experimentiert werden: Was in einem anderen Kindergarten funktioniert hat, muss nicht in der eigenen Einrichtung zum Erfolg führen. Aber ist das nicht eine persönliche Herausforderung?

Literatur

Levine, J.A./Murphy, D.T./Wilson, S.: Getting men involved: strategies for early childhood programs. New York: Scholastic Inc. 1993

Textor, M.R. (Hrsg.): Elternarbeit mit neuen Akzenten: Reflexion und Praxis. Freiburg: Herder, 4. Aufl. 1998