Der Kindergarten als Familienzentrum: Fluch oder Segen? Ein Beitrag aus Sicht der Waldorfkindergartenpädagogik

Wolfgang Saßmannshausen

 

1926 eröffnete in Stuttgart der erste Waldorfkindergarten, sieben Jahre zuvor hatte die erste Freie Waldorfschule ebenfalls in Stuttgart mit der Arbeit begonnen. Dieser Gründung war vorausgegangen in vielfältiger Weise die Darlegung Rudolf Steiners dessen, was Waldorfpädagogik ist und sein will. Auch in den Jahren von 1919 bis 1925, seinem Sterbejahr, hielt Rudolf Steiner viele Vortragskurse zu der jungen neuen Pädagogik. Zwar fanden alle diese Initiativen und Aktivitäten in den Jahren der Entfaltung der Reformpädagogik statt, deswegen oft als ein Element dieser bezeichnet, letztlich kann Waldorfpädagogik aber nicht als ein Vertreter dieser damals neuen Richtung gesehen werden. "Steiner musste es (...) als ein Missverständnis zurückweisen, wenn die Waldorfpädagogik (...) in die Reihe der damaligen reformpädagogischen Bestrebungen gestellt wurde, weil es sich bei diesen lediglich um partielle Korrekturen (...) handelte", stellt Kranich in seiner Einordnung der Waldorfpädagogik fest (1). "Waldorfpädagogik basiert auf einem umfassenden Blick auf Menschsein, Menschheit, Weltenentwicklung, der für einen kleinen Moment dieses großen kosmischen Gedankens, nämlich die Kindheit, wirksam gemacht wird" (2).

In diesem Sinne gibt es keine weitere Betrachtung, die auch nur annähernd Kindheit in einen solch umfassenden einheitlichen und ganzheitlichen Kontext stellt. Kinder können letztlich nur verstanden werden, wenn man sie in der Ewigkeit ihres Seins, in allen Stadien der Weltenentwicklung beheimatet, sieht. Waldorfpädagogik ist der diametrale Gegensatz zu der Auffassung, dass das Kind gleichsam als tabula rasa sein Leben beginnt, um nun durch seine Erfahrung, sprich Lernen, zum gebildeten und unverwechselbaren Menschen zu werden. Kindsein findet demnach auch nicht seine Erfüllung darin, durch gezielte pädagogische Prozesse Anpassung an bestehende Lebensformen zu finden. Kindsein findet statt in bestimmten, konkreten Rahmenbedingungen, in denen sich der Mensch in sein Leben stellt und sein Leben gestaltet, um Erfüllung seines Daseins, Übereinstimmung mit sich selbst, zu finden. "Jeder individuelle Mensch (...) trägt, der Anlage und Bestimmung nach, einen reinen idealischen Menschen in sich, mit dessen unveränderlichen Einheit in allen seinen Abwechselungen übereinzustimmen die große Aufgabe seines Daseins ist" (3).

Das Zusammenleben mit Kindern, das wir Erziehung und Bildung nennen, kann unter den so beschriebenen Blickwinkeln nur gewollt sein in der vollen Anerkennung der zum Kinde gehörenden Lebensbedingungen, seines Rahmens, in dem es sich aus seinem eigenen Schicksal heraus in das Leben gestellt hat und stellt. Ja, der Erzieher, Lehrer, alle Menschen, die sich dem Kinde verpflichtet fühlen, sind selbst ein Teil der Gemeinschaft, die zu den Rahmenbedingungen dieses jeweiligen Kindes gehören.

Dienstleistung versus Begegnung

Der scheinbar selbstverständliche Gedanke, dass ein Kindergarten heute sich als Dienstleistungsunternehmen versteht, der ein bestimmtes soziales Produkt seinen Kunden, sprich den Kindern und Eltern, anbietet, drückt unmissverständlich aus, wie wenig von diesem oben beschriebenen Motiv im Lebensgefühl vieler derjenigen ist, die sich heute für Erziehungs- und Bildungsgestaltung verantwortlich fühlen. Wenn wir aus der Sicht der Kinder und ebenso aus der Perspektive des steten Kindes im Erwachsenen, dessen Sehnsucht, auf Lebensqualität schauen, sehen wir kein Bedürfnis nach Dienstleistung, sondern nach Lebensraum, in dem Begegnung stattfindet, durch die und in der selbstverständlich die jeweiligen Bedürfnisse befriedigt werden. Erst der sozial destruktive und letztlich nicht begründete Gedanke der geldwerten Betrachtung von Arbeit lässt Arbeit zur Dienstleistung werden, damit im Kern zu einer von ihrem eigentlichen Wesen entfremdeten Tätigkeit (4).

Die Arbeit der Erziehung und Bildung von kleinen Kindern ist Begegnung zwischen unverwechselbaren Individuen und nachhaltig schicksalsprägend. Sie ist ihrem eigentlichen Kern entsprechend unmittelbar und nicht durch ein zwischen den Menschen stehendes Produkt definiert. Die selbstverständlich von jedem Kind erwartete Geste der Erwachsenen ist die der Integration und nicht die der programmatisch, organisatorisch, curricular bestimmten Dienstleistung. Menschen, die so im Erziehungsgeschehen zusammenfinden, bilden eine jeweilig einmalige Schicksalsgemeinschaft. Diese ist nicht durch letztlich willkürliche oder ökonomisch bedingte Entscheidungen aufzuheben oder einzuschränken, wie zum Beispiel in der öffentlichen Mitfinanzierung von Kindergärten in Nordrhein-Westfalen, die ausschließlich den Fokus auf die unmittelbare Beziehung zum Kind richtet. Kindergärten sind - wenn die gelebte Grundgeste eines jeden kleinen Kindes es formulieren könnte - Häuser und Orte der Menschengemeinschaft um das Kind, begrifflich nicht glücklich und eindeutig "Familienzentren" genannt.

Das kindliche Grundverständnis: "Die Welt ist gut"

Jedes kleine Kind kommt mit einem noch in keiner Weise gestörten tiefen Urvertrauen auf die Welt. Trotz widrigster Erfahrungen und Verletzungen durch andere Menschen geht es immer wieder voll dieses Vertrauens in die Menschen erneut auf diese zu. Dahinter steht die Haltung, dass in allem, was ist, die Wendung zum Guten liegt. Alles kann in Ordnung gebracht werden, wenn es aus dieser herausgefallen ist. Die lebensphilosophische Grundhaltung eines jeden Kindes ist: "Alles ist sinnvoll, weil in ihm die Wendung zum Guten darinnen liegt." So ist die Haltung des Kindes, alles zu integrieren und nicht kritisch, d.h. "unterscheidend" die einzelnen Erfahrungswelten zu betrachten. Die Menschen, mit denen das Kind zu tun hat, bilden eine Ganzheit, sind miteinander verbunden. So unterschiedlich Vater und Mutter oder die Erzieherin sein mögen, sie alle sind integriert in den Lebensrahmen des Kindes. Dieser ist gewissermaßen der ein- und ganzheitliche soziale Uterus, in dem die sich die Welt immer mehr erschließende Persönlichkeit des Kindes heranwächst.

Dieses ganzheitliche Lebensgefühl kennen wir ansonsten, wenn auch heute in unserer Gesellschaft immer mehr in den Hintergrund tretend, im Zusammenhang von "Familie". Familie in diesem Sinne ist mehr als die Summe der einzelnen Mitglieder und Funktionsträger; sie ist ein schicksalhafter Rahmen, der natürlich völlig unterschiedliche Mitglieder besitzt, aber im Lebensgefühl als Ganzheit eine große Rolle spielt, eine so große Rolle, dass einzelne Gesellschaften heute noch den Kern der individuellen Beheimatung in ihr sehen. Im Sinne dieser Qualität erlebt jedes Kind die ihm zugehörigen Menschen. Sie sind in erster Linie ausschlaggebend für die Basis des tragenden Lebensgefühls, für sein Wohlbefinden.

Urbedürfnis des Kindes: sich wohlfühlen...

Die differenzierte Sinnespsychologie Rudolf Steiners, eine wesentliche Grundlage der Waldorfpädagogik, unterscheidet zwölf unterschiedliche Sinnestätigkeiten des Menschen (5). Einige dieser Sinnesaktivitäten bleiben in aller Regel völlig unbewusst, haben dadurch aber um so größere Wirkung. Sie beziehen sich auf die eigene physische Leiblichkeit und klingen natürlich synästhetisch mit den Aktivitäten zusammen, die uns im Bewusstsein wach werden lassen. Eine dieser Sinnesaktivitäten nennt Steiner "Lebenssinn". Dieser Sinn vermittelt dem Menschen unterschwellig, wie er "in seiner eigenen Haut steckt". Sinnespflege, besonders in den ersten Lebensjahren, heißt in dieser Hinsicht, dem Kind eine Erlebniswelt zu vermitteln, die Heiterkeit und Freude am Leben, kurz: sich Wohlfühlen beinhaltet. Dieses sich Wohlfühlen ist dann am stärksten gegeben, wenn das Kind erlebt, dass die Menschen, Phänomene, Ereignisse seines Lebens integrativ miteinander verbunden sind. Der Briefträger, der mitten in die Märchenstunde des Kindergartens "platzt", ist keine Störung, sondern wird wie selbstverständlich integriert in das Geschehen. Missgeschicke wie die zerbrochene Tasse, ja, letztlich auch definitive Schicksalsschläge wie der Tod des Großvaters werden in das Leben des Kindes durch den entsprechenden Umgang der Eltern und Erzieher integriert. Alles ist sinnvoll... Diese Sinneserfahrung des Wohlfühlens, die sich aus dem Umgang mit dem Leben und nicht durch definierte Gegebenheiten einstellt, ist eine der nachhaltigsten Basiserfahrungen für das ganze Leben. Als ein letztes Beispiel sei der Film "Das Leben ist schön" erwähnt, in dem ein Vater seinem Kind im Konzentrationslager eben diese Erfahrung zuteil werden lässt.

Im Sinne der modernen Salutogenese-Forschung (Antonovsky) ist insbesondere diese positive Erfahrung des Lebenssinnes die Grundlage für die Entfaltung des Kohärenzgefühls, das wiederum die seelische Grundlage für Resilienz ist, also die Fähigkeit, bis ins höchste Alter die Widrigkeiten, Probleme, Schwierigkeiten des Lebens immer wieder als Herausforderung für die eigene Persönlichkeitsentwicklung zu betrachten und nicht an ihnen zu verzweifeln und resignieren (6). Resilienz entsteht nicht durch curricular organisierte Prozesse, sondern durch unbewusste Erfahrungen des Wohlfühlens, durch entsprechende Verinnerlichungen des Lebenssinnes.

Kindergarten als Schicksalsraum

In der Fachsprache des Kindergartenlebens leben "Unwörter" wie "Elternarbeit". Dieser Begriff suggeriert, dass mit und an den Eltern gearbeitet werden muss. Häufige Urteile über "die" Eltern und viele Praktiken bestätigen den "Unwortcharakter". Man möge sich vorstellen, Eltern hätten wie selbstverständlich den Eindruck, man müsste "Großelternarbeit" leisten. Konstruktive Partnerschaft entsteht doch nur dadurch, dass sich die Betroffenen, also Erzieher, Eltern, Großeltern begegnen und zusammenleben und zusammenarbeiten. Sie wird verhindert, wenn einer der Beteiligten in Anspruch nimmt zu wissen, was die anderen lernen müssen. Wie eng auch immer das Zusammenleben ist und sein kann, die Betroffenen bilden eine ein- und ganzheitliche Schicksalsgemeinschaft, die sich um ein Kind bildet. Je mehr diese Seite im sozialen Organismus eines Kindergartens lebt, um so tragender wird die Erfahrung von Bildung und Erziehung für das Kind.

Eine der unabdingbaren Voraussetzungen, im Sinne der Waldorfpädagogik als Erzieher tätig sein zu können, nennt Rudolf Steiner: "Wir sollen uns für die großen und kleinsten Angelegenheiten des einzelnen Kindes interessieren können" (7). Die kindlichen Lebens- und Beziehungsverhältnisse sind ein untrennbarer Bestandteil der Begegnungsaufgabe im Kindergarten. Orte der gemeinsamen Lebensgestaltung von Eltern, Großeltern, Geschwistern etc. und Erziehern mit den Kindern oder für die Kinder sind der Idee der Waldorfpädagogik immanent. Schon im Zusammenhang der ersten Waldorfschule legte Steiner großen Wert darauf, nicht beurteilend oder gar verurteilend den Eltern gegenüber zu treten, auch wenn in deren Erziehungspraktiken anderes als durch die Lehrer geschieht. Schließlich sind jene es, die den Pädagogen die ihnen so nahe stehenden Kinder anvertrauen. Nicht die klare Erkenntnis, was den Kindern gut und weniger gut tut, oder die Feststellung, dass im Einzelfall die Erziehungspraxis im Elternhaus nicht förderlich ist, ist das Problem, sondern die darunter liegende Haltung, die bedingungslose Annahme dessen und desjenigen, was und wer zu den Kindern gehört. Alles ist letztlich sinnvoll, alles und alle wollen integriert sein.

Gefahr der institutionellen Symptombekämpfung von Missständen

Damit wird das wesentlichste Problem der gegenwärtigen Diskussion um die Veränderung der bestehenden Tageseinrichtungen für Kinder hin zu Familienzentren offenbar. Missstände um das Kind innerhalb der gesellschaftlichen Situation werden evident, und nun sollen durch neue Angebote, neue "Produkte des sozialpädagogischen Spektrums", der pragmatischen Symptombekämpfung Organisationsformen und Konzepte an die Hand gegeben werden, die den Schwachstellen Abhilfen bieten sollen. Die Symptome sind zum Beispiel Sprachentwicklungsstörungen bei Kindern, Betreuungsunterversorgung der unter Dreijährigen, Notwendigkeit stärkerer Vernetzung von Erziehung, Bildung und Therapie, Abbau der "natürlichen" Fähigkeitenpotentiale der Eltern in Erziehungsangelegenheiten, Notwendigkeiten der Steuerung der Förderwege von Kindern durch den Dschungel komplizierter werdender Hilfs- und Unterstützungsangebote, Betreuung von Kindern durch Vermittlung von Tagesmüttern etc.

Zum einen bewirkt die politisch kurzschlüssig anberaumte Installation von solchen Familienzentren keine befriedigende Veränderung von ungünstigen Rahmenbedingungen kindlicher Individuation und Sozialisation. Das Bild des neuen Weines in alten Schläuchen mag das Problem anschaulich machen. Die Faktoren, die zu den festgestellten Mängeln kindlicher Entwicklung führen, sind damit in keiner Weise bearbeitet.

Zum anderen, und das scheint mir der noch tiefer sitzende Irrtum zu sein, sind nicht Organisationserneuerungen die Antwort auf die umfassenden Bedürfnisse heutiger Kindheit, sondern Veränderung der Haltung, der Grundbeziehung zu Kindern. Die praktische Auswirkung beispielsweise der veränderten Aufgabenstellung von Kindergarten und der Schulrechtsänderungen, insbesondere der faktischen Vorverlegung der Einschulung, haben in kurzer Zeit wie selbstverständlich im gesellschaftlichen Alltag das Bild erhärtet und bei vielen Menschen neu geschaffen, dass Bildung und Erziehung in den frühen Lebensjahren primär die Vorbereitungszeit auf die viel wichtigere Zeit der Schule sind. Das Gefühl für die aus sich selbst begründete tiefe Bedeutung der frühen Kindheit für die gesamte Biographie ist erschreckend abgebaut und zwar auf allen Ebenen, im politischen Bereich, im erziehungswissenschaftlichen und psychologischen Bereich und vor allem bei der aktuellen Elterngeneration.

Die große Gefahr der Veränderung von Kindergärten hin zu Familienzentren, und gleiches gilt für die Grundschule in ihrer Veränderung zur Offenen Ganztagsschule, liegt darin, dass der primäre Sozialisationsort von Kindern, die Familie, noch schneller und wirkungsvoller an Substanz und Qualität verlieren wird. Zynisch formuliert lassen sich Vergleiche mit dem gescheiterten Modell ehemaliger sozialistischer Gesellschaften des Kommunismus herstellen, in denen es ja ideologisch begründet um die weitestgehende staatliche Steuerung von kindlichen Entwicklungswegen losgelöst von der Kernfamilie ging.

"Familiäre Haltung" statt "Familienzentrum"

Welchen Beitrag kann Waldorfpädagogik aus ihrer ideellen Begründung und aus ihrer gut achtzigjährigen Kindergartenpraxiserfahrung zu dieser Problemlage bieten?

Waldorfpädagogik heißt, einem umfassenden Bild vom Menschen verbunden zu sein. Dieses Bild sieht im Zentrum das unverwechselbare und einmalige Ich des Kindes, das sich körperlich und seelisch seinen Ausdruck verschafft. Diese "Schauplätze" des Ich entwickeln sich allgemeinmenschlich. Die tiefe Achtung vor dieser Besonderheit eines jeden Kindes ist eine conditio sine qua non, also notwendige Basis des Bildungsgeschehens.

Waldorfpädagogen haben das Ideal, absichtslos die Beziehung zu den Kindern zu gestalten. Sie fühlen sich keinem Dritten gegenüber verpflichtet und empfangen auch von keinem Dritten Weisungen für die eigentliche Begegnungs- und Bildungsarbeit mit den Kindern. Dasselbe sprechen sie den Eltern zu. So kann in freier und unreglementierter Weise im Einzelfall eine passende Antwort auf eine durch das Kind intendierte Frage- oder Problemstellung gefunden werden. Dieses Motiv der weitestgehenden Weisungsunabhängigkeit beschreibt Rudolf Steiner so: "Was gelehrt und erzogen werden soll, das soll nur aus der Erkenntnis des werdenden Menschen und seiner individuellen Anlagen entnommen sein. (...) Nicht gefragt soll werden: Was braucht der Mensch zu wissen und zu können für die soziale Ordnung, die besteht; sondern: Was ist im Menschen veranlagt und was kann in ihm entwickelt werden. Dann wird es möglich sein, der sozialen Ordnung immer neue Kräfte aus der heranwachsenden Generation zuzuführen" (8).

Waldorfpädagogen fühlen sich "spezialisiert" für die Kinder, für die sie Sorge tragen. Sie verstehen ihre Aufgabe nicht so, bestimmte Verrichtungen mit und für die Kinder zu erbringen, sondern "ganz" aus der Beziehung zu den konkreten Kindern zu leben. Dies heißt auch, dass dieser Fokus nicht in ein tariflich definiertes Arbeitsvolumen hineinpasst. So wie eine Mutter nicht in bestimmten Zeiten für ihr Kind Verantwortung trägt, sondern kontinuierlich durch die ganze Kindheit, so beinhaltet die Haltung aus der Waldorfpädagogik heraus, grundsätzlich den Kindern im leistbaren Maße verbunden zu sein. Dies drückt sich beispielsweise auch im meditativen Umgang mit den Kindern besonders vor dem Zubettgehen des Erziehers aus. Mit der Aufnahme eines Kindes in den Kindergarten wird eben die Qualität der Schicksalsgemeinschaft ernst genommen. Es bedarf gerade heute einer viel größeren Beachtung, welche Bedeutung der regelmäßige und geformte meditative Umgang mit Kindern besitzt.

Zur Praxis des Waldorfkindergartens gehören immer wieder Kinderkonferenzen. Sie sind keine Besprechungen über das Kind und seine etwaigen Störungen und Auffälligkeiten im Sinne eines defizitorientierten Blickes; vielmehr versammeln sich die Pädagogen, die den Bezug zu dem Kind haben, um in angemessen seriöser Weise alles das zusammenzutragen, was ihnen in der Begegnung entgegengekommen ist und was das Kind in ihnen selbst an Veränderung bewirkt hat und bewirkt. Der Gestus dieser Konferenzen kann "wertschätzender Blick" genannt werden. In einer solchen Konferenz fallen keine Urteile über das Kind, sondern es wird in besonderer Weise in den Bewusstseinsmittelpunkt gestellt. Es ist frappierend, welche Wirkung solche Konferenzen haben. Ohne dass das Kind weiß, dass in dieser Weise die Erzieher sich ihm zuwenden, zeigt es in aller Regel deutlich, wie es sich durch solche "Feieraugenblicke" des innerlich verantwortlichen pädagogischen Geschehens getragen fühlt. Auch hier ist zu wünschen, dass eine solche Ebene der intimen "familiären" Beziehungsstiftung größere Beachtung in der Diskussion, wie Kindern heute Halt und Sicherheit geboten werden kann, findet.

Im Sinne der Waldorfpädagogik fängt Familienzentrum nicht auf der konzeptionellen - organisatorischen Ebene an, sondern bei der "familiären" Haltung. "Familie" ist der in der sozialen Wirklichkeit leer gewordene Begriff - vor allem für Kinder - für Vertrautheit, bedingungsloses Angenommensein, Sicherheit und Verlässlichkeit.

Familiäre Qualität ist Organismus, nicht Organisation

Menschen, die in diesem Sinne leben und arbeiten, schaffen eine Atmosphäre, die im Lebensgefühl den Institutionscharakter eines Kindergartens vergessen lassen. Es entsteht anstelle einer Organisation, also einer strukturell herbeigeführten Einrichtung, die Qualität eines Organismus, eines lebendigen sozialen Wesens. Dies entspricht dem Wesen der sozialen Keimzelle "Familie", die nicht strukturell organisiert ihre eigentliche Substanz findet, sondern deren Beschaffenheit und Tragekraft durch Identifikation der einzelnen Mitglieder entsteht. Dass Kinder heute mehr denn je dieser Qualität bedürfen, zeigt der soziale und politische Zeitgeist unmissverständlich. Bis in die Begrifflichkeit drückt er sich aus: "Familienzentrum". Aber wir werden ihm nicht gerecht, wenn wir ihn strukturell, organisatorisch, konzeptionell binden wollen. Genau die gegenläufige Richtung muss die gesellschaftliche Geste zeigen, wollen wir aus dem Dilemma der kindlichen Entwicklungs- und Sozialisationsbedingungen herausfinden. Und damit komme ich zur Vision der sozialen Zukunft aus Sicht der Waldorfpädagogik.

Was kann Gesellschaft für Kinder ganz schnell und einfach tun?

Kindheit muss uns auf mehreren Ebenen mehr wert sein!

Man möge sich vorstellen, ein Kindergartenträger bekäme soviel gesellschaftliche materielle Unterstützung, dass ein Kollegium von geschulten Mitarbeitern in flexibler Weise im Verein mit den Eltern alle Schritte des kindlichen Heranwachsens befriedigend begleiten kann. Anstelle der Super Nanny, die quasi wie ein Deus ex machina unverbindlich behavioristisch technokratisch scheinbar die Probleme löst, stehen um die Kinder Menschen, die durch natürliche Elternschaft einerseits und bewusste seelische Entscheidung andererseits sich diesen Kindern verbunden fühlen. Nicht im sozialpädagogischen Bereich widersinnige Blockaden wie zunehmend mehr Teilzeitarbeitsplätze, sondern für die Begleitung von Kinder- und Familiengemeinschaften freigestellte Menschen garantieren eine intensive Begleitung durch die ersten Jahre.

Stellen wir uns weiterhin vor, die gesellschaftliche Öffentlichkeit übergibt die Gestaltung dieses organischen Lebensraumes ganz in die Hände der Betroffenen. Es muss keine Anpassung an irgendwelche Programme oder Finanzierungsrichtlinien erfolgen. In klar verabredeter Weise berichten die Erzieher einer öffentlichen Fachaufsicht über ihre Arbeit, natürlich auch über die fließenden konzeptionellen Entwicklungen in dem Berichtszeitraum. Es ist weitgehende Transparenz der Arbeit gewährleistet. Die Gesellschaft stellt das Erziehungs- und Bildungsgeschehen ganz in den Zusammenhang der Betroffenen, die aus eigener Initiative den entsprechenden Raum schaffen und gestalten. Nur dort, wo dieser Raum nicht in freier Zusammenarbeit von Eltern und Erziehern bzw. freien Trägern entsteht, übernimmt sie die Trägerschaft und Verantwortung für die Gestaltung der Erziehungspartnerschaft zwischen Eltern und Kindergärten bzw. Familienzentren.

Die eigentliche Not kindlicher Lebenssituationen heute kann nicht durch im engeren Sinne des Wortes institutionalisierte Zentren gewendet werden; aus freiem Engagement gegründete menschliche Initiativen sind die Antwort auf das, was als Bedarf in der "Familienzentrumsentwicklung" sich ausspricht. Dasjenige, für das "Familie" steht, kann nicht durch Planung am Reißbrett entstehen, es entsteht nur in der freien Begegnung von betroffenen Menschen. Die zeitgemäße und der Aufgabe entsprechende gesellschaftliche Haltung ist die, Räume zu schaffen, in denen diese Begegnungen stattfinden und ihre jeweilige Form finden können. Dies setzt gesellschaftliches Vertrauen und damit auch Mut in das verantwortliche Handeln derjenigen voraus, die diese Aufgaben auch als Dienst in der Gesellschaft verstehen. Ein wirkliches Eingehen auf das erlebte Defizit aktueller Kindheit heißt, auf breiter Ebene Erneuerung gesellschaftlichen Lebens zuzulassen, ja zu wollen. Familienzentren entstehen dort, wo Menschen radikal, das heißt von der Wurzel her, ihren Auftrag neu verstehen - in erzieherischer und aber auch politischer Hinsicht. Nelson Mandelas schlichte Feststellung, der Wert einer Gesellschaft zeigt sich an ihrem Umgang mit ihren Kindern, trifft uneingeschränkt zu. Also: Denken wir um und betreiben nicht weiterhin Flickschusterei!

Anmerkungen

  1. Kranich, Ernst-Michael: Die Freien Waldorfschulen. In: Arbeitsgemeinschaft Freier Schulen (Hrsg.): Freie Schule. Gesellschaftliche Funktion des freien Schulwesens in der BRD. Stuttgart 1971. S. 62.
  2. Saßmannshausen, Wolfgang: Waldorfpädagogik im Kindergarten. Freiburg 2003. S. 78.
  3. Schiller, Friedrich: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen. Stuttgart 1989. S. 13.
  4. Vgl. Steiner, Rudolf: Die Kernpunkte der sozialen Frage. Dornach 1961, und Götz, Werner: Ein Grund für die Zukunft: das Grundeinkommen. Stuttgart 2006.
  5. Vgl. Studienmaterial der Vereinigung der Waldorfkindergärten, Heft 4, Die zwölf Sinne des Menschen. Zusammenstellung aus Schriften Rudolf Steiners. Stuttgart 1976.
  6. Vgl. Patzlaff, Rainer, und Saßmannshausen, Wolfgang: Kindheit, Bildung, Gesundheit. Leitlinien der Waldorfpädagogik für die Altersstufe von 3 bis 9 Jahren. Stuttgart 2005. S. 13 ff.
  7. Steiner, Rudolf: Erziehungskunst. Seminarbesprechungen und Lehrplanvorträge. Dornach 1969. S. 185.
  8. Steiner, Rudolf: Zur Dreigliederung des sozialen Organismus. Gesammelte Aufsätze 1919-1921. Stuttgart 1972. S. 26.

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