Rund um die Leiterin

Ingeborg Becker-Textor

 

Vor nicht allzu langer Zeit stellte ich in der Vorbereitung für eine Rundfunksendung Überlegungen zum Fragenkomplex "Erziehung zur Freiheit" an. Wenig später wurde ich um einen Beitrag zur Funktion, Aus- und Fortbildung der Kindergartenleiterin gebeten. Ich sollte mir Gedanken machen, wie die Erzieherin oder Sozialpädagogin (besser) auf Leitungsfunktionen vorbereitet werden kann oder welche Hilfen ihr im Rahmen der Fortbildung angeboten werden können.

Bei meinen Überlegungen fiel mir die vorgenannte Rundfunksendung wieder ein und ich kam zu dem Entschluß, daß das, was ich damals kindbezogen gesehen habe, unbedingt auch im Blick auf Erwachsene und somit auch auf Erzieher und Erzieherinnen im Kindergarten Anwendung finden kann.

Erziehung zur Freiheit

Ellen Key schrieb in ihrem Buch "Das Jahrhundert des Kindes": "Der Erzieher will das Kind mit einem Schlage fertig und vollkommen haben, er zwingt ihm eine Ordnung, eine Selbstbeherrschung, eine Pflichttreue, eine Ehrlichkeit auf, die die Erwachsenen sich dann mit erstaunlicher Geschwindigkeit abgewöhnen".

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, was diese Aussage mit den Aufgaben einer Kindergartenleiterin zu tun hat. Ich will es verdeutlichen: Leiterin gesucht. Die Leiterin soll sofort eine fertige Leiterin sein, die alle ihre Aufgaben auf Anhieb korrekt erfüllt, die perfekt ist, die allen Anforderungen gerecht wird, die jedermann gegenüber freundlich und zuvorkommend ist, die ein Team gut führen kann, aber ebenso gefühlvoll und pädagogisch richtig mit den Eltern, Kindern und dem Träger umgehen kann. Dieser Katalog ließe sich noch um viele Aufgabenfelder erweitern. Damit wird eine Person beschrieben, die es wohl nie so geben wird und geben kann.

Der Satz von Ellen Key könnte auch lauten: "Der Träger will die Erzieherin/Leiterin mit einem Schlag fertig und vollkommen haben ... ." Wo bleibt da die Freiheit zu ihrer individuellen Entfaltung? Die Leiterin gibt es nicht! Es gibt bestimmte Aufgaben der Leiterin, aber selbst diese können auf ganz unterschiedliche Art und Weise gelöst werden. Und der Träger, der Bürgermeister, der Pfarrer, der Vereinsvorstand, der Pfarrgemeinderat und all die anderen Gremien, erfüllen sie der Leiterin gegenüber immer das, was sie von ihr auch erwarten? Ellen Key sagt: "...eine Ehrlichkeit, die die Erwachsenen sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit abgewöhnen!"

In Vorstellungsgesprächen wird von Kooperation gesprochen, doch wenn die Leiterin zu häufig kommt, dann ist das unbequem.

Ernst Ell schreibt: "Freier Erziehungsstil besteht darin, daß man innere Kräfte wachzurufen sucht, die produktiver wirken als alles, was man durch äußere Führung erreichen kann." Wäre das nicht auch ein Vorschlag für den Umgang mit der Leiterin? Sie ist sich ihrer Verantwortung bewußt, doch braucht sie auch Freiräume, um ihr Aufgabenfeld als Leitung wirklich ausfüllen zu können. Ich glaube, daß hier die Verantwortlichen im Trägerbereich noch viel lernen müssen!

Maria Montessori sagt: "Wer bedient wird, statt daß man ihm hilft, nimmt in gewissem Sinne an seiner Unabhängigkeit Schaden". Oder: "Illusorisch anzunehmen, daß Freiheit im Sinne von Mündigkeit erreicht werden könne, ohne rechtzeitige Übung der Fähigkeit mit gewährter Freiheit verantwortlich umzugehen. Selbständigkeit im Denken und Handeln, Entschlußfähigkeit, kritische Distanz zur Umwelt und zu sich, Verantwortung u.ä. stellen sich nicht erst nach einem gewissen Alter oder nach einem Reifetest von selbst ein, sondern bedürfen eines permanent zu gewährenden Freiheitsspielraums. Nur durch vertrauensvollen Vorschuß eines freien Bewährungsspielraumes gelingt die Annäherung an das Ziel der Mündigkeit". Trifft auch das nicht genau auf die Leiterin und den Träger eines Kindergartens zu? Ist es nicht Motivation und Chance zugleich, sich in der neuen Funktion zu bewähren, wenn man Freiraum für eigene Ideen und Gedanken hat?

Was ist das, eine Leiterin?

In der Erziehung werden zur Verdeutlichung von Gedanken und Prozessen häufig Metaphern und Bilder verwandt. Lesen Sie meine bildhafte Sichtweise einer Leiterin (ich beschreibe dies aus der Reflexion meiner l2jährigen Tätigkeit als Kindergartenleiterin und der beinahe ebenso langen Zeit der Arbeit in der Fachberatung, Aus- und Fortbildung):

Eine Leiterin ist die Fachkraft, die dabei ist eine "Leiter hochzuklettern". Vielleicht

  • die Leiter des Erfolges
  • die Leiter der Erwartungen
  • die Leiter der Verantwortungen
  • die Leiter der Anforderungen
  • die Leiter der Aufgabenvielfalt
  • die Leiter der Kooperationsaufgaben
  • die Leiter ...

Nur, diese Leiter ist eine besondere Leiter - gleich welche es ist. Man steht an ihrem Anfang, ohne konkret zu wissen, was einen erwartet bzw. wie schnell man hochklettern kann, wie und ob man oben ankommen wird. Bei unserer Leiter fehlen viele Sprossen und lassen uns immer wieder anhalten, rasten und überlegen. Wie sollen wir die Lücken überwinden? Jede Leiterin steht immer wieder vor diesen Lücken, vor fehlenden Sprossen, immer wieder an anderer Stelle. Jede Leiterin muß also ganz individuell anhalten und ihre fehlende Sprosse "schnitzen" und einpassen. Sie kann in diesem Augenblick weder vor noch zurück. Sie muß das Gleichgewicht behalten, einfach stehen bleiben, die Arme ausstrecken, um das fehlende Material zu bekommen und dieses dann gestalten.

Hört sich einfach an, die Praxis ist jedoch anders. Die neue Leiterin steht am Anfang der Leiter. Der nicht konkret einschätzbare Aufgabenberg hält viele Erzieher und Erzieherinnen davon ab, sich für Leitungsfunktion zu interessieren, zumal auch der Unterschied in der Bezahlung zwischen Gruppenleiterin und Kindergartenleiterin nur sehr gering ist.

Leitung eines Kindergartens - ein Thema für die Ausbildung?

In der theoretischen Ausbildung können die Aufgaben der Leiterin und vor allem die Koordination der Arbeit am Kind, mit den Eltern, mit anderen Institutionen u.ä. nur sehr begrenzt vermittelt werden. Viele junge Erzieher entwickeln sogar Ängste vor dieser Verantwortung, und wenn sie dann doch in Leitungsfunktionen tätig werden, dann finden viele von ihnen nicht die notwendige innere und äußere Freiheit ihre Funktion zur Zufriedenheit für sich selbst, für die Kinder und Eltern, den Träger und alle sonstigen mit dem Kindergarten in Verbindung stehenden Personen zu erfüllen.

Auf eine spätere Leitungsfunktion kann und muß jedoch im Berufsanerkennungsjahr (Berufspraktikum) vorbereitet werden. Es ist die einzige Chance für die junge Erzieherin, Leitungsfunktionen zu üben, ohne schon in die volle Verantwortung eingebunden zu sein. Ideal ist es, wenn die Berufspraktikantin als Zweitkraft in der Gruppe der Leiterin eingesetzt wird. In den ersten vier Monaten wird sie schrittweise in die Arbeit eingeführt und wächst in alle Bereiche der Arbeit in der Kindergruppe hinein. Von Tag zu Tag kann sie andere und mehr Funktionen übernehmen. Diese vier Monate werden geprägt von intensivster Praxisanleitung und stetiger Reflexion. Viele Gespräche mit der Leiterin sind notwendig und diese wird ein hohes Maß an Zeit für die Praxisanleitung aufbringen müssen. Von dem, was sie jedoch in die Einführung und Anleitung der Praktikantin "investiert", wird sie in den folgenden Monaten "profitieren".

Während der nächsten vier Monate kommt es zu einer Art Rollentausch. Aus der Berufspraktikantin wird die "Gruppenleiterin". Die Leiterin tritt in den Hintergrund. Alle Vorbereitungen, Entscheidungen, Elternabende etc. werden von der Berufspraktikantin geplant und weitestgehend selbständig durchgeführt. Die Leiterin ist dabei, wird aber sozusagen zur Zweitkraft. Dadurch gelangt die junge Erzieherin zu immer mehr Selbständigkeit und Sicherheit, sofern ihr die Leiterin genügend Freiheit (ich erinnere an den Anfang meiner Ausführungen) einräumt. Fragen, Probleme, Fehler, Unsicherheit etc. werden im Rahmen der Praxisanleitung aufgearbeitet. Die Leiterin sollte in der Berufspraktikantin nicht die "Noch-Schülerin" sehen, sondern die Kollegin von Morgen, die dann selbständig eine Gruppe leiten soll. Und das geht nicht ohne Übung!

Viele junge Erzieher scheitern in den ersten Praxisjahren, weil sie zum ersten Mal in eigener Verantwortung vor der Gruppe stehen müssen. Sie können zwar bestens einzelne Beschäftigungen durchführen, aber ein Kindergartenalltag besteht aus mehr und vor allem‘ viel wichtigeren Dingen. Die Bewältigung eines ganzen Tages wird leider in der Ausbildung noch zu wenig thematisiert und insbesondere die wichtigen Randsituationen, wie das weinende Kind am Morgen, das Kind, dem es während der Beschäftigung schlecht wird oder das keine Lust mehr hat, mitzumachen, die Mutter, die sofort ein Elterngespräch will, u.ä. werden nicht (genügend) berücksichtigt.

Die letzten vier Monate des Berufspraktikums "entlastet" sich die Leiterin noch mehr, sie gibt nämlich ihre Leitungsfunktion quasi ab. Nun trägt die Berufspraktikantin auch die Verantwortung der Leitung, d.h., daß sie auch allerhand Bürokratisches erledigen muß, Organisation, Einkäufe, Kontakt zur Grundschule und zu psychosozialen Diensten und vieles mehr. Besteht ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Leiterin und Berufspraktikantin, so wird letztere keineswegs überfordert. Sie wird begeistert an die neuen Aufgaben herangehen und weiß, daß sie bei Bedarf Rat und Unterstützung hat. Die Leiterin beobachtet das Tun und reflektiert es gemeinsam mit der Berufspraktikantin in den regelmäßigen Praxisgesprächen.

Ein Jahr Praxisanleitung - und dann kommt die nächste Praktikantin! Es ist viel, was der Leiterin abverlangt wird, aber - und das sage ich aus eigener Erfahrung - es macht auch viel Freude und bringt Gewinn für alle.

Und jetzt wird im Normalfall aus der Berufspraktikantin eine Gruppenleiterin. Eine Gruppenleiterin, die die Arbeit der Leiterin ganz anders sehen wird, die weiß, wie vielfältig das Aufgabenfeld ist, daß Buchführung, Schriftverkehr und unangenehme Gespräche ebenso bewältigt werden müssen, wie problematische Teamsitzungen, gemeinsame Feste, Ausflüge, Elternveranstaltungen etc.

Ich habe einige meiner ehemaligen Praktikantinnen gefragt, wie sie dieses "Training" heute in der Rückschau sehen:

  • "Ich fand es sehr gut, war aber auch froh, daß ich nicht gleich dauerhaft in diese Rolle schlüpfen mußte."
  • "Danach habe ich fünf Jahre als Gruppenleiterin gearbeitet, jetzt bin ich schon drei Jahre Leiterin. Das war eine ziemliche Umstellung. War ich froh, daß ich das alles wenigstens schon einmal 'üben' konnte."
  • u.ä.

Leitung eines Kindergartens - ein Thema für die Fortbildung?

Ja sicher! Für Kindergartenleiterinnen muß es auch ganz spezifische Fortbildungsangebote geben. Die Themen werden sich unterscheiden von den übrigen Angeboten für Erzieher. Themen wie:

  • Mitarbeiterführung
  • das Bewerbungsgespräch mit Praktikanten
  • Praxisanleitung

müßten noch viel mehr angeboten werden. Veranstaltungen für Leiterinnen sollten methodisch insbesondere abzielen auf selbständige Gruppenarbeit während der Fortbildung, Übernahme der Gesprächsführung aus dem Teilnehmerkreis, Protokollführung aus dem Teilnehmerkreis ... - alles sozusagen zur Übung. Besonders wichtig ist dabei das Herausarbeiten der positiven Seiten der Aufgaben der Leiterin und der Chancen, die aus der Übernahme dieser verantwortlichen Tätigkeit erwachsen. Eine Möglichkeit ist auch neben anderen, Referenten Leiterinnen selbst über ihre Arbeit berichten und negative und positive Erfahrungen darstellen zu lassen. So ein kollegialer Austausch kann förderlich sein.

Es empfiehlt sich, Fortbildungsveranstaltungen für Leiterinnen gemeinsam mit Leiterinnen zu konzipieren. Dann können sie gelingen! Für die Fortbildung wie auch für die Arbeit mit Kinder gilt: "In verantwortungsbewußtem Führen niemals das Recht vergessen, das dem aus eigenem Grunde wachsenden Leben zusteht - in ehrfürchtig-geduldigem Wachsenlassen niemals die Pflicht vergessen, in der der Sinn erzieherischen Tuns sich gründet!" (Theodor Litt).