Familienzentren in Nordrhein-Westfalen

Martin R. Textor

 

Nach einer längeren Planungsphase beschloss die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen am 10. Januar 2006, Kindertageseinrichtungen in Familienzentren umzuwandeln. Damit reagierte sie laut Ministerpräsident Jürgen Rüttgers auf den wachsenden Bedarf der Eltern an Beratung und Unterstützung bei der Wahrnehmung ihrer Bildungs- und Erziehungsaufgaben. In diesen Familienzentren werden die Förderung der Kinder und die Unterstützung der Familien "Hand in Hand" gehen, so Rüttgers. So soll vor allem mit den örtlichen Familienberatungsstellen, den Familienbildungsstätten sowie den Familienverbänden intensiv kooperiert werden. Langfristig soll dann ein Drittel der mehr als 9.700 Tageseinrichtungen für Kinder zu einem Familienzentrum ausgebaut werden.

Familienminister Armin Laschet ergänzte: "Die Anforderungen an die Erziehung von Kindern sind deutlich gestiegen. Politik darf Eltern dabei nicht allein lassen, sondern muss Lösungs- und Unterstützungsmöglichkeiten anbieten. Deshalb setzt die Landesregierung auf Kompetenzen vor Ort. Eltern vertrauen den Einrichtungen, in denen ihre Kinder betreut werden. Deshalb ist das der beste Ort für Beratung". Die zahlreichen tragischen Fälle der letzten Monate, bei denen Kinder misshandelt oder gar zu Tode gekommen sind, würden deutlich machen, dass hier dringender Handlungsbedarf bestehe. Und nun würden die drei B - Betreuung, Bildung und Beratung - zur Grundlage vorschulischer Erziehung.

Minister Laschet sagte: "Unser Ziel ist es, dass die Familienzentren zu 'Leitstellen' für soziale Gestaltungsprozesse im Stadtteil werden. Mit der Bündelung der vorhandenen Angebote wollen wir die Möglichkeiten präventiven Handelns verbessern, für alle Familien frühzeitig Hilfe und Beratung anbieten. Wichtig ist dabei auch, Familien mit Zuwanderungsgeschichte und aus sozial benachteiligten und bildungsfernen Schichten zu erreichen und ihnen die Angebote leichter zugänglich zu machen."

Wie die Familienzentren dauerhaft gestaltet werden, soll in der Pilotphase entwickelt und wissenschaftlich untersucht werden. Minister Laschet hatte jedoch von Beginn an schon genaue Vorstellungen: "Sicher ist, dass es unterschiedliche Typen von Familienzentren geben wird, denn sie müssen sich an dem örtlichen Bedarf und an den Möglichkeiten einer Kindertageseinrichtung orientieren." Denkbar seien derzeit vor allem drei Modelle:

  1. Beim Modell "Unter einem Dach" wird ein für alle Familienzentren fest definiertes Angebot an Hilfen in der Kindertageseinrichtung vorgehalten.
  2. Das Modell "Lotse" ist ein Verbund verschiedener Dienste, die untereinander kooperieren. Aufgabe der Kindertageseinrichtung ist es, erste Anlaufstelle für Familien mit Problemen zu sein und diese kompetent an die zuständigen Stellen weiter zu leiten.
  3. Das Modell "Galerie" sieht vor, dass konkrete Hilfs- und Beratungsangebote unter dem Dach der Kindertageseinrichtung vorgehalten werden. Die Zusammenstellung dieser Angebote wird von Einrichtung zu Einrichtung unterschiedlich sein und sich nach den örtlichen Gegebenheiten und den räumlichen Möglichkeiten der Einrichtung richten.

Noch einmal Minister Laschet im Wortlaut: "Zusammen mit dem Ausbau der Betreuung für die unter 3Jährigen, die Verdoppelung der Sprachförderung im Kindergarten und die Vermittlung von Tageseltern, die ebenfalls in den Familienzentren angeboten werden soll, schaffen wir mit der Weiterentwicklung der Kindertageseinrichtungen zu Familienzentren ein gutes Fundament für mehr Kinder- und Familienfreundlichkeit in Nordrhein-Westfalen" (alle Zitate und indirekt zitierten Texte aus der Pressemitteilung des Ministeriums für Generationen, Familie, Frauen und Integration vom 10.01.2006).

Noch konkreter wurden die Mitglieder des "Workshop Familienzentren", veranstaltet vom MGFFI am 28.09.2005. Sie nannten z.B. folgende Aufgaben, die Familienzentren übernehmen sollen:

  • Schaffung eines offenen Treffpunkts für Familien, eines niederschwelligen Angebots für Kinder und Eltern sowie einer Anlaufstelle für Kinder in Not
  • Aufsuchen der Familien durch die Familienzentren
  • Kinderbetreuung auch zu ungewöhnlichen Zeiten
  • Bereitstellung der offenen Betreuungsmöglichkeit
  • Bereitstellung von ad-hoc-Betreuungshilfen
  • Vermittlung von Erziehungsberatung, Schwangeren- und Konfliktberatung, Paar- und Trennungsberatung sowie Schuldnerberatung
  • niederschwelliges und zielgruppenorientiertes Bildungsangebot zu Fragen der Erziehungs-, Alltags- und Entwicklungsbegleitungskompetenz sowie der musischen Bildung
  • Kooperation mit ASD und Sozialpädagogischer Familienhilfe
  • Fortbildung im Case-Management
  • verstärkte Einbindung Ehrenamtlicher
  • Servicedienste für Familien und Koordinierung der "Servicestelle"
  • Schaffung einer qualifizierten Clearingfunktion
  • Schaffung offener Angebote für alle Altersgruppen, von generationenübergreifenden Angeboten und generationenübergreifender Selbsthilfe
  • Bereitstellung einer Anlaufstelle im Vorfeld der Familiengründung
  • Schaffung des Kontakts zu Eltern und Familien ab der Geburt
  • Bereitstellung eines Angebots in der Gesundheitsvorsorge und -bildung
  • Schaffung eines Angebots in der Gesundheitsförderung (Motopädie, Logopädie, Familienhebammen, Kinderuntersuchungen, kinderärztlicher Dienst, zahnärztlicher Dienst) sowie von prä- und postnatalen Angeboten
  • Einrichtung eines Angebots von Sprachkursen für Eltern und Kinder
  • Förderung der Integration von Kindern mit Behinderungen
  • Kooperation mit den Regionalen Arbeitsstellen zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien (RAA)
  • Unterstützung von Nachbarschaftshilfen für/mit Familien
  • Einrichtung einer Infobörse für familienorientierte Angebote (z.B. im Stadtteil)
  • Einrichtung eines Familiencafés
  • Schaffung von Freizeitangeboten für Familien, inklusive von Familienfreizeiten

Innerhalb von drei Monaten bewarben sich mehr als 1.000 Kindertageseinrichtungen für die Erprobungsphase. So erhöhte die Landesregierung die Zahl der Piloteinrichtungen von 178 auf 261 Familienzentren. Den für die bis Ende März 2007 andauernde Pilotphase ausgewählten Tagesstätten sicherte das Land eine Unterstützung in Form eines Coachings durch das Institut für soziale Arbeit e.V. zu. Ferner wurden vier "regionale Kompetenzteams" gegründet, die sich aus Vertreter/innen der Träger von Kindertageseinrichtungen, der Familienbildung- und -beratung, der Landesjugendämter und weiteren Experten zusammensetzen. Die wissenschaftliche Begleitung wurde der Pädagogischen Qualitäts-Informations-Systeme gGmbH (PädQUIS) unter der Leitung von Professor Tietze übertragen.

Die Piloteinrichtungen erhielten im Frühling 2007 das Gütesiegel "Familienzentrum NRW" nach Kriterien, die von der Pädagogischen Qualitäts-Informations-Systeme gGmbH (PädQUIS) erarbeitet worden waren. Das Gütesiegel hat eine Gültigkeit von vier Jahren.

Da die während der Erprobungsphase gemachten Erfahrungen sofort für die Praxis aufbereitet wurden, können zum Kindergartenjahr 2007/2008 bereits 1.000 Familienzentren ihre Arbeit aufnehmen. Die Endausbaustufe soll im Jahr 2012 mit 3.000 Einrichtungen erreicht werden - alle mit Gütesiegel "Familienzentrum NRW".

Familienzentren in Nordrhein-Westfalen haben einen rechtlichen Anspruch auf jährliche Förderung in Höhe von 12.000 Euro nach dem Kinderbildungsgesetz (KiBiz) - und zwar zusätzlich zu den Mitteln, die ihnen als Kindertagesstätten zustehen.

Literatur

Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration: Workshop Familienzentren 28.09.2005. Dokumentation wesentlicher Ergebnisse. http://www.mgffi.nrw.de/pdf/familie/familienzentren-workshop05.pdf