Kindergartenpädagogik
- Online-Handbuch -

Herausgeber: Martin R. Textor

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Aus: Kindergarten heute Nr. 1/1998, S. 20-25

Neue Wege in der Elternarbeit (Teil 1): Lernen, die Familie als Ganzes zu sehen

Lothar Klein


Kein Kind kommt alleine, wenn es in einer Kindertageseinrichtung oder einem Kindergarten aufgenommen wird! Immer befindet sich in seinem Schlepptau seine ganze Familie. Die hat es natürlich nicht immer leibhaftig bei sich. Während Schwestern und Brüder manchmal wirklich mitkommen, verbringen Vater, Mutter, Großmütter und -väter freilich nicht den ganzen Tag im Kindergarten. Aber dennoch: alle sind irgendwie da. Alle wirken hinein in die Kindertagesstätte. Das, was diese Familie und somit auch das Kind bewegt, spüren Erzieherinnen in Kontakten mit Eltern und über das Kind selbst: die Zukunftspläne, Belastungen und Wertvorstellungen der Familie, die familiären Geschlechtsrollen und Beziehungsmuster. Und umgekehrt muss sich die Familie auch mit dem auseinandersetzen, was da aus der Kindertagesstätte auf sie einwirkt. Zwischen Familie und Kindertagesstätte bestehen demnach vielfältige Verbindungslinien und gegenseitige Einflüsse.

Auf irgendeine Weise müssen sich pädagogische Fachkräfte also auf die Familie als Ganzes beziehen. Bloß, wie machen wir das, wo wir uns bisweilen doch schon in der traditionellen Elternarbeit so schwer tun und uns dafür kaum vorbereitet fühlen. Ein Rückblick auf die eigene Ausbildungszeit kommt in den meisten Fällen zu dem Ergebnis, dass es da keine ernsthafte und fundierte Vorbereitung auf diesen Teil unserer Arbeit gab.

Nur wenigen Erzieherinnen gelingt es, zu ihrer Angst im Umgang mit Erwachsenen zu stehen.1 Auf Elternabenden wollen wir vor allem selbst "gut sein", hospitierende Eltern in der Gruppe machen immer noch Angst, in Konflikten fühlen wir uns unsicher. Und, seien wir ehrlich, was machen unserer Ansicht nach Eltern nicht alles "falsch"? "Elternarbeit", das ist immer noch das ungeliebte Anhängsel des kindbezogenen Berufsprofils von Erzieherinnen.

Aber, ob wir es wollen oder nicht, mehr denn je sind wir aufgefordert, dieser Aufgabe auf professionelle Weise nachzukommen. Warum das so ist, davon soll dieser Artikel handeln. Dass es auch möglich ist und sogar Spaß machen kann, wird am Schluss angedeutet und soll in weiteren Folgen vertieft werden.

Familienwirklichkeiten

Wir alle haben, wenn wir über Familie reden, in unserem Kopf eine bestimmtes Idealbild. Unsere persönliche Vorstellung davon ist maßgeblich geprägt von den eigenen Familienerfahrungen. Die aber liegen schon eine ganze Zeit zurück. Erlauben wir uns deshalb einmal einen Blick auf die Familiensituationen von heute. Ohne sagen zu wollen: "Der Familie heute geht es schlecht. Es leben die alten Zeiten!", hier einige Schlaglichter:

  • Veränderungen in der Arbeitswelt bringen es mit sich, dass Familien heute sehr mobil und flexibel sein müssen. Arbeitszeiten gehen bis in den späten Abend oder die Nacht hinein und sind ganz unterschiedlich gestaltet. Weite Anfahrtswege müssen in Kauf genommen werden. Vielfach sind Weiterbildungen oder Umschulungen notwendig.
  • Etwa 13 Prozent aller Familien sind sogenannte "Ein-Eltern-Familien", in denen eben nur Mutter (85%) oder nur Vater (15%) vorhanden sind. Da die Trennungs- und Scheidungsrate weiter steigt, ist mit einer Zunahme dieses Anteils zu rechnen.2 Eltern sind immer weniger in der Lage, die eigenen hohen Erwartungen an die Familie zu erfüllen.
  • Familien haben weniger Kinder: etwa ein Drittel aller Kinder sind Einzelkinder.
  • Einerseits steigt, zumindest im Westen, die Berufstätigkeit von Müttern, andererseits müssen sich immer mehr Familien mit den Folgen von Arbeitslosigkeit eines oder beider Elternteile auseinandersetzen.
  • Konsum- und Freizeitstress nehmen zu, gleichzeitig aber auch wirtschaftliche Not.

Um schließlich ganz zu verstehen, was Familien heute alles zu bewältigen haben, müssen wir auch einen Blick auf ihre "inneren Verhältnisse" werfen, denn vor allem in der Gestaltung des Familienalltags haben sich bedeutsame Veränderungen vollzogen.

In den alten Bundesländern versuchen heute immer mehr Frauen, Berufstätigkeit und Mutterrolle zu vereinbaren, in den neuen Bundesländern ist das sowieso üblich. Ideelle Motive sind dabei wichtiger als ökonomische: Beruf und Karriere werden heute auch von Frauen langfristig vorbereitet und sollen ihrer Selbstverwirklichung dienen. Es dauert nicht mehr lange, bis das Durchschnittsalter, in dem Frauen ihr erstes Kind bekommen, die Marke von 30 Jahren überschritten hat. Die Geburt des ersten Kindes wird so geplant, dass das Kind der persönlichen Weiterentwicklung und beruflichen Karriere nicht im Wege steht. Das gelingt aber bei weitem nicht immer. Je älter Frauen bei der Geburt ihres ersten Kindes sind und je bewusster der Zeitpunkt vorausgeplant war, um so stärker geraten sie dann in die Klemme zwischen ihrem Anspruch, "perfekte Mutter" zu sein und zugleich "perfekte Frau im Beruf".

Auch die Rolle und das Selbstwertgefühl der Väter sind ins Rutschen geraten. Sie sehen sich Autoritätsverlusten gegenüber und erleben, dass mehr Initiativen von ihren Frauen oder sogar ihren Kindern ausgehen. Wir wissen heute, dass Frauen mit ihren Einstellungen und Verhaltensweisen den Beziehungsverlauf in der Familie eindeutig stärker beeinflussen als Männer. "Für Sexualität, Intimität in der Kommunikation, emotionale Nähe und Selbstöffnung dem anderen gegenüber spielt die Haltung der Frau ein entscheidende Rolle", schreibt Hartmut Kasten.3 Frauen spüren Störungen früher, sind schneller bereit, sie zu bearbeiten und übernehmen, wenn auch keineswegs durchgängig und oft noch unsicher, auch im Familienalltag mehr Verantwortung. Aber sie verlassen auch eine Beziehung, die sie als problematisch empfinden, schneller als Männer. Sie scheinen in Beziehungen überhaupt eine realistischere Einstellung als Männer zu haben. Männer hingegen neigen darin eher zu romantisch-verklärenden Haltungen. Auf der anderen Seite lehnen Männer zunehmend die traditionelle Rolle des Familienoberhauptes ab, sind in den meisten Fällen jedoch erst auf der Suche nach einer neuen positiven Vater- und Partnerrolle.

Den Kindern wiederum wird, gerade weil sie meistens (spätes und einziges) Wunschkind sind, von ihren Eltern sehr hohe psychische, zeitliche und materielle Aufmerksamkeit zuteil. Kinder sind für ihre Eltern heute mehr als früher Sinn des Lebens. Folgerichtig gibt es materielle Verwöhnung, Überbehütung, Überorganisation, fehlende Ablösung von den Eltern. Eltern erlegen sich einen hohen Leistungsdruck zur optimalen Entwicklungsförderung des Kindes auf. Sie wollen "Supermutter" oder "Supervater" sein und wissen gleichzeitig nicht, was das ist. Die Flut von Erziehungsratgebern in Buch- oder Zeitschriftenform macht sie da kaum sicherer.

Dem entspricht, dass sich auch der elterliche Erziehungsstil im Wandel befindet. Erziehungsziele haben sich verändert. Statt auf Ordnung und Sauberkeit zielt Erziehung in Familien heute mehr auf Selbständigkeit oder Kreativität. Insgesamt, wenn auch nicht in jedem Einzelfall, ist zu beobachten, dass das Verhalten der Eltern ihren Kindern gegenüber liberaler geworden ist, deutlich erkennbar am Rückgang körperlicher Strafen. Man kann sogar so weit gehen und sagen, dass heute Eltern den Liebesentzug durch ihr Kind fürchten und nicht mehr umgekehrt. Eltern wollen Kindern stärker Partner sein. Ein ganz wesentlicher Wandel vollzieht sich da: der Wandel von der Befehls- zur Verhandlungsfamilie! Darin liegt viel Verunsicherndes für Eltern. Sie wissen nämlich nicht genau, wohin das führt. Selbst in anderen Familienstrukturen groß geworden, fehlt es ihnen häufig an eigenen Erfahrungen damit.

Und zuletzt müssen sich Eltern auf bedeutsame und ihnen selbst nicht bewusste Veränderungen im Leben der Kinder einstellen: Kindheit findet heute mehr denn je innerhalb von Räumen statt. Der starke Medienkonsum vieler Kinder verunsichert ihre Eltern, denen es schwer fällt, zwischen Gefahren und Chancen zu unterscheiden. Kinder sind auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Mehr denn je stehen Kinder, und damit auch ihre Eltern, vor der Aufgabe, aus einer Vielzahl von kommerziellen Angeboten auszuwählen. Die heutige Welt verlangt von ihnen ununterbrochen persönliche Entscheidungen. Insgesamt sind Kinder heute abhängiger von Erwachsenen als früher. Eltern spüren das, wenn sie ihre Kinder z.B. immer wieder von einer "Lebensinsel" zur anderen chauffieren müssen. Eine dieser - fürsorglich überwachten und verplanten - "Inseln" ist die Kindertagesstätte. Hier verbringen Kinder einen Großteil ihrer wachen Zeit.

Aus dieser Situation heraus verhalten sich Eltern auch der öffentlichen Kinderbetreuung gegenüber anders. Sie formulieren stärker ihre Ansprüche. In den neuen Bundesländern sind diese Erwartungen oft aus der neuen Erfahrung heraus geboren, dass "einem nun nichts mehr geschenkt wird". Viel stärker als in den alten Bundesländern fordern Eltern hier von Kindertagesstätten für ihre Kinder Bildung. Aber auch dort ist bereits der gleiche Trend zu beobachten, der sich im Westen schon seit einigen Jahren durchgesetzt hat, dass nämlich Eltern nach der Vereinbarkeit von Familien und Beruf vor allem Spielpartner und die Möglichkeit sozialen Lernens für ihre Kinder erwarten.

Mehr denn je erwarten Eltern von Erzieherinnen auch Kontakte, Hilfen, Beratung und Unterstützung in ihren unsicheren Lebenslagen. Solche Wünsche werden allerdings häufig als Forderung formuliert. Statt zu fragen: "Könnte ich mit ihnen darüber reden, wie ich abends Kind und Prüfungsvorbereitungen gleichermaßen gerecht werden kann?" fordern Eltern: "Bitte lassen Sie mein Kind mittags nicht mehr schlafen." Erzieherinnen fällt es dann schwer, das dahinter liegende familiäre Problem überhaupt wahrzunehmen.

Familienarbeit statt Elternarbeit

Auf die veränderte Familiensituation hat auch das Kinder und Jugendhilfegesetz (KJHG) längst reagiert. Es hat uns einen klaren Auftrag erteilt, nämlich über die unmittelbare Arbeit mit Kindern hinaus die Familien so zu stärken, dass sie ihren Erziehungsaufgaben besser gerecht werden können. Das Leistungsangebot der Kindertageseinrichtungen soll sich, so steht es da im §22, an den Bedürfnissen der Kinder und ihrer Familien ausrichten. Sind wir aber ehrlich, müssen wir zugeben, dass wir über die Bedürfnisse der Familien aus unseren Kindertagesstätten recht wenig wissen.

Die Zusammenarbeit mit Eltern und Stärkung der Familien darf also nicht mehr länger als Anhängsel betrachtet werden, sondern muss zum zweiten Standbein in der Arbeit von Erzieherinnen werden. Das ist sicher eine für Viele neue Betrachtungsweise. Aber: Ohne Eltern geht es eben nicht! Wie es mit Eltern gehen kann, dafür gibt es - das ist gut zu wissen - bereits reichlich Erfahrungen.

Ich möchte aber vorschlagen, nicht mehr länger von "Elternarbeit" zu sprechen. Die veränderte Sichtweise muss sich auch in einem anderen Begriff niederschlagen. Dort, wo sich Erzieherinnen, Leiterinnen, Fachberaterinnen bis hin zu Amtsleitern bereits auf den Weg gemacht haben, das KJHG auch in diesem Punkt umzusetzen, sprechen sie statt dessen von "Familienarbeit". Damit wollen sie deutlich hervorheben, dass das Kind in zwei verschiedenen Beziehungssystemen aufwächst: der Kindertagesstätte und der Familie. Die Kindertagesstätte bezieht sich dort deshalb auch nicht mehr länger nur auf Eltern oder sogar fast ausschließlich die Mutter, sondern auf die Bedürfnisse aller Familienmitglieder mit dem Ziel, die Familie selbst zu stärken.

Kein Kind kommt alleine!

Kein Kind kommt alleine4, es bringt seine ganze Familie mit. Dies tut es in doppelter Weise. Da sind einmal die wirklichen Eltern, die uns von Anfang an als Erwachsene gegenübertreten. Und gleichzeitig ist da quasi im Hintergrund die ganze Familie, die das Kind prägt, auch ohne dass wir ihr real begegnen. Die wirklichen, nicht nur von uns vermuteten oder gar zugewiesenen Bedürfnisse dieser Familie können wir besser verstehen, wenn wir uns der "systemischen Sichtweise" zu öffnen.

Danach stellt jede Familie ein bestimmtes System von Beziehungen dar, in dem alle voneinander abhängen und aufeinander angewiesen sind. Jedes Familienmitglied erfüllt dabei für alle anderen eine bestimmte Funktion. Das momentane Verhalten des Kindes kann z.B. der Mutter spiegeln: "Ich bin eine gute Mutter", dem Vater: "Für meine Familie ist gut gesorgt", der Großmutter: "Ich muss mich nicht mehr darum kümmern", und dem Bruder: "Ich bin schon viel größer", usw.

Deshalb versucht jeder auf seine Weise, die eigene Familie zu schützen und stabil zu halten. Verhaltensmuster und Denkweisen sind vor allem daran ausgerichtet. Alle versuchen sie, sich so zu verhalten, dass ihre Familie möglichst nicht aus dem Gleichgewicht gerät, und erwarten das auch von den jeweils anderen. Das können durchaus Verhaltensweisen sein, die uns unverständlich sind, ja sogar solche, die wir ablehnen. Subjektiv, d.h. aus Sicht der Familienmitglieder, erfolgt aber jede Handlungsweise auch aus der positiven Absicht heraus, die eigene Familie in ihren stützenden und schützenden Strukturen zu bewahren und zu stärken.

Auf jede neue Anforderung, zum Beispiel den veränderten Verhaltensweisen eines Kindes in der Pubertät oder etwa bei anstehenden beruflichen Veränderungen, müssen Familien adäquat reagieren. Gelingt es ihnen nicht, die passende Form zu finden, kommen sie in Gefahr, aus dem Gleichgewicht zu geraten. Diese Problemlagen müssen wir wahrnehmen. In dieser Situation brauchen viele Familien Unterstützung anstelle von Kritik.

Interpretieren wir beispielsweise das Ausbleiben von Grenzsetzungen durch eine Mutter als Fehlverhalten ("Sie ist eine schlechte Mutter"), kann sich dahinter eventuell die Absicht und Angst verbergen: "Ich möchte nicht die Liebe meines Kindes verlieren". In diesem Fall hilft es nicht weiter, die Mutter noch mehr zu verunsichern und zu belasten, indem wir ihr Fehlverhalten vorwerfen. Helfen würde vielmehr, ihre Angst und subjektiven Absichten wahrzunehmen. Wir verstehen auf diese Weise besser Beweggründe und Gefühle und kommen erst so in die Lage, uns darauf ohne Vorwurf zu beziehen.

Wir müssen also lernen, in Elternäußerungen, dem Verhalten der Kinder und in dem, was wir sonst noch über die jeweilige Familie wissen, diese subjektiv positive Absicht zu entdecken und zu respektieren, und das fällt weiß Gott nicht immer leicht . Aber nur über eine derart respektierende Grundhaltung gegenüber der wahren Lage der Familien eröffnet sich uns der Blick auf ihre konkreten Bedürfnisse einerseits und auf ihre Stärken andererseits.

Ein Beispiel: Der 5-jährige Lennart ist ein Kind mit sensorischen Integrationsstörungen. Sprache und Schmerzempfinden sind unterentwickelt. Zuweilen fügt er sich selbst körperlichen Schaden zu und merkt es nicht. Oft reagiert er laut und aggressiv. Ihm fehlen darüber hinaus die natürlichen Hemmschwellen. Auch, wenn er nicht fest zuhauen möchte, trifft er mit Wucht. Er kann das einfach schwer regulieren. Seine Mutter ist 23 Jahre alt und alleinerziehend. Zu Lennarts Vater hat sie keinen Kontakt mehr. Sie lebt nun mit einem neuen Freund zusammen. Sie befindet sich gerade in einer Umschulung zur Sekretärin. Ihre gemeinsame Wohnung ist sehr klein. Immer läuft der Fernseher. Der Freund von Lennarts Mutter ist für Lennart der Allergrößte. Er ist LKW-Fahrer und fährt mit Lennart zu LKW-Rennen. Lennart kennt sich auch in der Wrestling-Szene schon gut aus.
Über einen langen Zeitraum hinweg haben Lennarts Erzieherinnen der Mutter viele Ratschläge gegeben: Sie solle sich etwas mehr um Lennart kümmern, solle sich eine Wohnung suchen, in der Lennart ein eigenes Zimmer habe, solle sich einer Erziehungsberatung anvertrauen.
Über den gleichen Zeitraum hinweg hat Lennarts Mutter all die "gut gemeinten" Ratschläge an sich abprallen lassen. Schließlich sei sie nicht "asozial", Lennart ein kluges Kerlchen, und die Erzieherin solle ihm vielleicht etwas mehr von dem beibringen, was er noch brauche. Dass Lennart wenig Schmerz spüre, sei doch für einen Jungen ganz in Ordnung.

Erzieherinnen und Mutter (zu Vater und Freund kam es nie zu einem Kontakt) verstehen sich nicht. Beide wollen die jeweils andere Seite ändern, sozusagen als Vorbedingung für eine mögliche Zusammenarbeit. Es ist an uns, an der professionellen Seite dieser Beziehung, diesen Kreislauf zu durchbrechen und das Notwendige zu tun. Wir begeben uns also auf die Suche nach den, aus Sicht der Familie, positiven Absichten im Verhalten von Lennarts Mutter: Sie wehrt sich nämlich deshalb, Lennarts Entwicklungsverzögerungen wahrzunehmen, weil sie ihre Familie einfach nicht noch zusätzlich damit belasten kann. Indem sie sich gegen die Ratschläge der Erzieherinnen stemmt, schützt sie also ihr Familiensystem. Wer kann ihr das verdenken?

Vielleicht hilft uns das Wissen, dass Wohlergehen und Entwicklung des Kindes weitgehend von der Qualität der Beziehungen in der Familie abhängen, uns der notwendigen Ergänzung des Berufsprofils von Erzieherinnen zu stellen: Statt von außen verändernd in die Familie einwirken zu wollen, würden wir sie dann stärken und ihr helfen, selbst nach möglichen Veränderungen zu suchen.

In diesem Fall würde das zuerst heißen, Entlastungsmöglichkeiten für Lennarts Familie aufzuspüren. Das könnten sein: Die Arrangierung eines Alleinerziehendentreffens, auf dem sich Lennarts Mutter mit anderen in der gleichen Lage zwanglos über ihre Belastungen unterhalten kann. Dort würde sie Zustimmung und Anerkennung finden und vielleicht auch ganz praktische Tipps bekommen. Vielleicht würden sich Lennart und seine Familie auch über das Angebot, einmal über die LKW-Rennen zu berichten, oder über eine Einladung an den Freund von Lennarts Mutter freuen oder über interessiertes Nachfragen bezüglich der Ausbildung von Lennarts Mutter. Vielleicht würde aber auch die unmittelbare Hilfe bei der Beschaffung eines Babysitters oder das Angebot, die Räumlichkeiten der Einrichtung für familiäre Angelegenheiten zu nutzen, Lennarts Mutter entlasten.

Wir brauchen demnach eine andere Grundhaltung: Sich nicht mehr nur notgedrungen und des Kindes wegen an Mutter oder Vater wenden, sondern die ganze Familie stärken, damit sie ihre Aufgaben gut selbst erfüllen kann. In einem Fall kann dies ein Beratungsgespräch sein, im anderen die Möglichkeit, einmal andere Erwachsene zu treffen, im dritten Fall vielleicht der Familie etwas abzunehmen, um sie zu entlasten. Von der Kindertagesstätte zur Familientagesstätte meint also, dass hier Platz für die ganze Familie und unser professionelles Handeln auf deren Stärkung ausgerichtet ist.

Unsere kindbezogene Arbeit steht damit in einem anderen Zusammenhang. Was immer wir tun, hat auch Auswirkungen auf die Familie des Kindes. Dies müssen wir bei jeder Entscheidung innerhalb der Kindertagesstätte berücksichtigen, indem wir uns jeweils auch fragen, ob wir mit dieser oder jener Maßnahme die Familien unterstützen oder nicht. Statt einer "Zweierbeziehung mit Anhängsel dran" (Kinder - Erzieherin + Eltern), befinden wir uns vielmehr in der Dreiecksbeziehung: Familie - Kind - Kindertagesstätte. Zu dieser Dreiecksbeziehung gehören auch die Verbindungen ohne das Kind, die unmittelbaren Beziehungen zwischen den Erwachsenen.

Zu diesem grundlegenden Wandel unseres bislang nur kindbezogenen Berufsprofils veranlasst uns, noch einmal zusammengefasst, dreierlei:

  • die gesellschaftliche Situation der Familien heute,
  • die Bestimmungen des KJHG und
  • die Einsicht, dass kein Kind alleine zu uns in die Tageseinrichtung kommt, sondern auch zu einem anderen Beziehungssystem gehört, nämlich dem seiner Familie.

Die Möglichkeiten der Kindertagesstätte

Unsere Voraussetzungen dafür sind gut. Kindertagesstätten erreichen fast alle jungen Familien in wichtigen Phasen ihres Lebens. Sie werden von ihnen freiwillig aufgesucht und sind in hohem Maße von Eltern akzeptiert.

Dem KJHG-Auftrag können Kindertagesstätten und Erzieherinnen auf fünf verschiedenen Ebenen entsprechen:

  1. In der konkreten Gestaltung der Zusammenarbeit der Erwachsenen in Bezug auf die Entwicklung des jeweiligen Kindes kann Erziehungspartnerschaft entstehen.
  2. Die Kindertagesstätte kann den Familien vielfältige Angebote zur Entlastung und Kompetenzvermittlung machen. Stichworte sind: Beratung und Bildung.
  3. Die Kindertagesstätte kann die Interessen und Kompetenzen der Eltern zum Gegenstand der pädagogischen Arbeit in der Gruppe machen und die Einrichtung als Ort der Begegnung verstehen. Sie kann die Mitwirkung von Eltern fördern.
  4. Die Kindertagesstätte kann den Familien Raum anbieten zum Austausch über ihre Lebenslagen, wenn erforderlich auch mit Kinderbetreuung. So wird die Kindertagesstätte zum Ort von selbstorganisierter Eltern und Familienbegegnung.
  5. Schließlich kann sich die Kindertagesstätte zusätzlich nach außen öffnen und andere Familien des Stadtteils einbeziehen. Sie leistet Gemeinwesenarbeit.

Wie das alles in der Praxis aussehen kann, wie es geht, wie es Spaß machen kann und welche Voraussetzungen dafür notwendig sind, darum werden sich die folgenden Teile dieser Reihe ranken.

Anmerkungen

  1. Jugendamt Hanau (Hrsg.): Familienarbeit in Kindertagesstätten. Eine Handreichung. Hanau 1996, S. 17f.
  2. wobei der weitaus überwiegende Anteil der Scheidungen kinderlose Ehen betrifft.
  3. Hartmut Kasten: Weiblich - männlich. Geschlechtsrollen und ihre Entwicklung. Berlin, Heidelberg, New York 1996, S. 146
  4. Hier möchte ich besonders hinweisen auf: Wolff, Reinhart: Konkurrenz und Kooperation. Über die Zusammenarbeit zwischen Erzieherinnen und den Eltern. In: TPS extra Nr. 22, S. 4ff.

Autor

Lothar Klein, Freiberuflicher Fortbildner bei balance - pädagogik und management
Köpfchenweg 24
65191 Wiesbaden
Tel. 0611/1899444
Fax 0611/1899445
Email
balanceLK@t-online.de

Veröffentlichungen u.a.:

  • Klein, Lothar/ Vogt, Herbert: Freinet-Pädagogik in Kindertageseinrichtungen. Entdeckendes Lernen und vom "Hunger nach Leben". Freiburg, Herder Verlag 1998
  • Klein, Lothar/ Vogt, Herbert: Leben in der Familiengruppe. Ein Praxisbuch über die große Altersmischung. Freiburg, Lambertus-Verlag 1995 (Neuauflage 2002)
  • Klein, Lothar/ Vogt, Herbert: Erzieherinnen im Dialog mit Kindern. Wie Partizipation im Kindergarten aussehen kann. In: Büttner, Christian/Meyer, Bernhard (Hrsg.): Lernprogramm Demokratie. Möglichkeiten und Grenzen politischer Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Weinheim und München, Juventa-Verlag 2000, S. 89-109