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- Online-Handbuch - Herausgeber: Martin R. Textor |
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| Aus: Kindergarten heute Nr. 2/1998; S. 18-23
Neue Wege in der Elternarbeit (Teil 2): Der Anfang ist die Hälfte des Ganzen Lothar Klein
Familie Schulte hat zwei Töchter. Lena ist ein Jahr alt, Katja fast drei. Katja soll im Sommer in die Kindertagesstätte kommen. Herr Schulte, 33, ist Computerfachmann und im Außendienst. Er richtet bei großen Firmen Computeranlagen ein. Frau Schulte, 30, war vor der Geburt von Katja Flugbegleiterin. Frau Schulte möchte noch zwei Jahre zu Hause bei Lena bleiben. Danach aber will sie wieder als Flugbegleiterin arbeiten. Herr und Frau Schulte planen, sich irgendwann selbständig zu machen. Herr Schulte belegt deshalb regelmäßig Fortbildungskurse, und auch Frau Schulte möchte diese Gelegenheit öfter nutzen, wenn Katja erst einmal in der Kindertagesstätte ist. Familie Schulte hat sich schon eine ganze Zeit lang mit dem Gedanken an die richtige Kindertagesstätte für Katja beschäftigt. Sie kennen auch eine Einrichtung in der Nachbarschaft. Schon oft sind sie daran vorbeigefahren und nun haben sie den Entschluss gefasst, Katja soll dort angemeldet werden. Wie für jede Familie liegt im Eintritt eines Kindes in die Kindertagesstätte auch für Familie Schulte etwas Besonderes. Es ist ein wichtiger Einschnitt im Leben der Familie, verbunden mit vielen Hoffnungen für das Kind. Aber auch eigene, bislang meist zurückgestellte Pläne geraten damit wieder in Reichweite. Im Allgemeinen freuen sich Kind und Familie auf diesen Tag. Mit der Aufnahme beginnt für die ganze Familie ein neuer Lebensabschnitt. Das Kind muss sich von seinen Eltern lösen, muss nun lernen, mit den Erwartungen, die die Kindergartengruppe an es stellt, zurecht zu kommen. Es sieht sich nun den Herausforderungen der neuen Umgebung mit den vielen fremden Menschen und veränderten Abläufen gegenüber. Ähnliches gilt aber auch für seine Eltern. Auch sie müssen sich in gewisser Weise erst an die Institution Kindertagesstätte gewöhnen. Worüber Katjas Eltern sicher aber nicht nachdenken, und was vielleicht noch schwerer wiegt, aber kaum ausgesprochen wird, ist Folgendes: Wenn eine Familie ihr Kind in der Kindertageseinrichtung anmeldet, trägt sie meist zum ersten Mal etwas von ihren bisher intimen inneren Strukturen nach außen. Fremde Menschen erhalten von nun an Einblick in das private Familienleben. Mit einem Mal droht Privates öffentlich zu werden. "Wie der Herr, so's Gescherr", sagte man früher, und ein wenig ist es auch heute noch so. Eltern merken nämlich schon bald, dass sie in der Kindertagesstätte über ihr Kind auch selbst beurteilt werden. Obwohl "Kunden" der Kindertagesstätte ist die Aufnahme ihres Kinder für Familie Schulte nicht einfach wie der Kauf neuer Möbel. Der erste Kontakt zur Kindertagesstätte ist vielmehr von einer Vielzahl unterschiedlicher Gefühle begleitet. Es vermischen sich Hoffnungen, Erwartungen, Befürchtungen und Unsicherheiten. Sie fragen sich: "Wie wird es meinem Kind wohl dort ergehen? Werden auch wir selbst aufgenommen und akzeptiert?" Diese Fragen begleiten sie bereits, wenn sie zum ersten Mal die Kindertagesstätte betreten, um ihr Kind anzumelden. Was finden sie dort vor? Der erste Kontakt An einem warmen Tag im März suchen Herr und Frau Schulte gegen 11.45 Uhr gemeinsam die Kindertagesstätte in ihrer Nachbarschaft auf. Doch schon im Flur bleiben sie unschlüssig stehen. Wie sieht eigentlich ein Büro in einer Kindertagesstätte aus? Einen Wegweiser entdecken sie nicht. Der Flur ist leer. Herr und Frau Schulte landen schließlich in der Küche. Die Küchenfrauen sind ziemlich beschäftigt. "Es ist jetzt Mittagessenszeit, da können Sie mit niemandem sprechen!", wird Frau Schulte abgekanzelt. "Sie müssen bis nach dem Essen warten. Wir haben jetzt keine Zeit." Weil Herr und Frau Schulte keinen richtigen Platz zum Warten finden, bleiben sie im Flur stehen. Die Küchenfrauen noch einmal zu fragen, wie lange das Essen dauert, trauen sie sich nicht. Sie wollen schließlich nicht gleich beim ersten Mal stören und auffallen. Ihrer Tochter soll es hier doch gut gehen. Nach ca. einer halben Stunde erkundigen sie dann doch noch einmal vorsichtig. "Unsere Leiterin muss gerade vertreten. Das wird dauern. Am besten, Sie kommen morgen früh um 8.30 Uhr noch einmal", lautet nun die Antwort. Herr Schulte hat sich aber heute frei genommen und Lena zu seiner Mutter gebracht. Dennoch, es ist nichts zu machen. Die Leiterin kann ja schließlich jetzt nicht aus der Gruppe gehen und die Kinder dort alleine lassen. Was fühlen Herr und Frau Schulte nach diesem ersten Kontakt? Erwartet und erhofft haben sie sich Zuwendung, Interesse und Entgegenkommen, eine freundliche Atmosphäre und angenommen zu werden. Und nun? Herr Schulte kämpft bereits gegen aufkommenden Ärger an. Was würden seine Kunden sagen, wenn er dermaßen abweisend mit ihnen umgehen würde? Deshalb fragt er nun genau nach und erfährt, dass die Leiterin heute ab 14.00 Uhr wieder in ihrem Büro sein wird. Trotz seines Unmuts bedankt er sich freundlich und bittet darum, gleich für 14.00 Uhr einen Termin zu bekommen. Die Küchenfrauen fühlen sich zwar nicht zuständig, versprechen aber, der Leiterin "einen Zettel hinzulegen". Pünktlich um 14.00 Uhr versuchen Herr und Frau Schulte es also noch einmal. Gerade wieder im Büro empfängt sie die Leiterin und spürt gleich, dass etwas nicht stimmt. Sie weiß zwar nicht genau was, hat aber schon bald das Gefühl, dass das "schwierige Eltern" werden könnten. Nur widerwillig trägt sie Familie Schulte in die Vormerkliste ein. Für Familie Schulte sind bereits jetzt ein paar ihrer Hoffnungen geplatzt. Wer kennt solche verunglückten Starts nicht? Scheinbare Kleinigkeiten führten dazu, die Beziehung von vornherein zu belasten. Was für Leiterinnen und Erzieherinnen Routine ist, nämlich die sich in jedem Jahr wiederholenden Vormerkungen und Neuaufnahmen, ist für die jeweils betroffene Familie eine ausgesprochen gefühlsbeladene Situation. In dieser Verfassung eine halbe Stunde lang im Gang stehend warten zu müssen, niemanden zu finden, der sich einem freundlich zuwendet, vielleicht einen Kaffee anbietet und einen Sitzplatz, niemanden der einem Auskunft erteilt, erleben Eltern deshalb als persönliche Zurückweisung und Ablehnung ihrer ganzen Familie. Und sie übertragen das auch auf die Zukunft ihres Kindes in der Kindertagesstätte. Statt angenommen und unterstützt, erwarten sie nun, bestenfalls geduldet, vielleicht sogar abgelehnt zu werden. Sie fühlen sich einer Institution ausgeliefert, die sich scheinbar wenig um die Belange der Familie bemüht. Solche Befürchtungen begleiten die Eltern bis nach Hause. Auch ihr Kind wird davon etwas spüren, und zwar bereits schon weit vor der eigentlichen Aufnahme. Der Anfang, das ist der Beginn einer mindestens drei, in Gruppen mit großer Altersmischung sogar zwölf Jahre andauernden Beziehung von Familie und Kindertageseinrichtung. Es ist die Kontakt- und Kontraktphase. Bereits hier werden die Grundlagen für das spätere Gelingen oder Nichtgelingen von Partnerschaft gelegt. Weil man sich am Anfang noch fremd und unsicher fühlt, greift man auf bekannte gefühlsmäßige Erfahrungen aus früheren Ereignissen zurück, um in der augenblicklichen Situation nicht die Orientierung zu verlieren. Erlebnisse wie das oben geschilderte, können z.B. bei Herrn und Frau Schulte Gefühlszustände von Machtlosigkeit und Ausgeliefertsein reaktivieren, die aus ähnlich gelagerten zurückliegenden Ereignissen stammen. Diese tief sitzenden Gefühle werden nun auf die neue Situation übertragen. Weil sich beide Seiten in der Anfangsphase sozusagen im Dunkeln auf einander zu bewegen, neigen sie zudem dazu, das zuerst Wahrgenommene für das Ganze zu halten. Der Anfang ist eben mehr als nur ein Teil, er ist die Hälfte des Ganzen! Stellen wir uns statt dessen Folgendes vor: Familie Schulte hätte gleich an der Eingangstür einen nicht übersehbaren Hinweis folgender Art vorgefunden: "Liebe Eltern. Anmeldungen nehmen wir gerne zu folgenden Zeiten entgegen... Sollten Ihnen diese Zeiten nicht passen, können Sie gerne anrufen und einen anderen Termin mit uns vereinbaren." Im Flur dann ein Wegweiser zum Büro und zusätzlich ein dünnes, übersichtlich gestaltetes Informationsblatt mit folgendem Titel: "Damit Sie sich gut bei uns zurecht finden." Darin enthalten wären: Öffnungszeiten, Telefonnummer und Sprechzeiten, das Anmeldeverfahren (kurz, knapp, übersichtlich), die Information, dass die Leiterin selbst manchmal Gruppendienst macht und deshalb nicht immer erreichbar ist. Außerdem hätten Herr und Frau Schulte einen Elterntreffpunkt vorgefunden, einen Platz, an dem man sich gerne hinsetzt, an dem vielleicht weitere Informationen ausliegen, eventuell auch den Hinweis: "Wenn Sie einen Kaffee möchten, wenden Sie sich ruhig an unsere Küchenfrauen. Wir bedienen Sie gerne." Das Ganze nennt man "Vorteilsansprache". Diese Form des Sich-an-die-Eltern-Wendens hebt hervor, worin der Vorteil oder Nutzen aus den Leistungen der Kindertageseinrichtung für die Eltern liegt. Damit wird signalisiert: Was geschieht, geschieht nicht zum Vorteil der Einrichtung, sondern zum Vorteil der Familie. Anstelle der üblichen Hinweise in der Form von "Unsere Sprechzeiten...", finden sich dann Formulierungen wie "Damit Sie sich gut bei uns zurechtfinden." "Stellen wir uns an dieser Stelle einfach einmal vor, was beispielsweise passieren würde, wenn eine Bäckerei ihre Kundschaft permanent darauf hinweist, dass ihr qualifizierte Bäcker fehlen und sie deswegen für die Qualität ihrer Brötchen keine Haftung übernehmen kann."1 Es geht dabei aber um mehr als nur die Formulierungen! Die "Vorteilsansprache" setzt einen Perspektivenwechsel voraus, die Haltung, das eigene Angebot einmal aus der Sicht der Eltern zu betrachten. Ein altes indianisches Sprichwort lautet: "Um mich zu verstehen, musst du einen Tag lang meine Mokassins getragen haben." Tun wir das in Bezug auf den Erstkontakt, spüren wir vielleicht ein wenig mehr von den Hoffnungen, Bedürfnissen, Erwartungen und Befürchtungen, die junge Eltern bewegen, wenn sie ihr Kind in einer Tageseinrichtung anmelden. Dann können wir auch wahrnehmen, wie wichtig es gerade am Anfang ist, dass sich Eltern in dem, wie ihnen die Einrichtung begegnet, wieder finden und verstanden fühlen. Die Leiterin hätte sich dann beispielsweise im ersten Gespräch mehr auf Familie Schulte einlassen können. Sie hätte sich zunächst persönlich vorgestellt und auch etwas über sich selbst ausgesagt, nach dem Motto: "Wir nehmen Beziehungen ernst." Danach hätte sie die Eltern u.a. fragen können:
Solche Fragen setzen an den Bedürfnissen der Familie an. Sie signalisieren, dass die Leiterin in den Eltern kompetente Partner sieht und an ihnen interessiert ist. Außerdem erhält die Leiterin auf diese Weise auch selbst erste Auskünfte über die Motive der Familie, sie betreibt also Motivforschung.2 Die Aufnahme Familie Schulte bekommt im Sommer trotz des verunglückten ersten Kontakts einen Platz für ihre Tochter. Außer Katja sind es noch acht weitere Kinder, die neu aufgenommen werden sollen. Inzwischen hat sich aber einiges getan. Das gesamte Team der Einrichtung hat während zweier Konzeptionstage ihre bisherige Elternarbeit kritisch beleuchtet. Mit dem, wie es bislang gelaufen ist, sind Erzieherinnen und Leiterin unzufrieden. Zurückblickend haben sie festgestellt,
Natürlich konnte unmöglich alles auf einmal umgeworfen werden. Das Team hat deshalb beschlossen, mit den Eltern, deren Kinder im kommenden Sommer aufgenommen werden würden, Neues zu probieren. Erzieherinnen und Leiterin wollen
Diese veränderte Haltung sollte schon in den Aufnahmegesprächen spürbar sein. Ebenso, wie andere Eltern, erhielt auch Familie Schulte Anfang Mai folgenden Brief aus der Kindertagestätte: "Liebe Frau Schulte, lieber Herr Schulte. Von August an können wir Ihre Tochter Katja in unserer Einrichtung betreuen. Wir möchten alles dafür tun, dass sich Katja von Anfang an bei uns wohl fühlt. Dabei brauchen wir Ihre Hilfe. Sie kennen Ihre Tochter am besten und können uns sicher viele wertvolle Hinweise geben, was wir tun können, damit es Katja bei uns gut geht. Wir möchten daher mit Ihnen ein ausführliches Aufnahmegespräch führen. Bitte planen Sie dafür ca. zwei Stunden ein. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie beide daran teilnehmen könnten. Wir schlagen Ihnen folgende Termine zur Auswahl vor:... Bitte rufen Sie uns an, welcher Termin Ihnen am besten passt. Sollte Ihnen keiner dieser Termine angenehm sein, werden wir gerne versuchen, einen anderen Zeitpunkt mit Ihnen zu vereinbaren." Etwas skeptisch sagen Herr und Frau Schulte zu. Noch immer hängt der erste Eindruck nach. Auch ein wenig um zu prüfen, ob es die Einrichtung wirklich ernst meint, rufen sie an und vereinbaren mit dem Argument, dass sie gerne beide teilnehmen möchten, einen Termin nach 17.00 Uhr. Am Aufnahmegespräch mit Herrn und Frau Schulte nehmen Katjas zukünftige Erzieherin, Frau Felder, und die Leiterin der Kindertagesstätte, Frau Kiel, teil. Kaffee und Kuchen stehen bereit. Das Gespräch findet im gemütlichen Personalraum statt. Frau Kiel erwartet die Eltern an der Tür und begrüßt sie mit Handschlag, heißt sie herzlich willkommen und bietet ihnen im Personalraum einen Platz an. Sie beginnt, indem sie den Zweck dieses Aufnahmegespräches erläutert: Vier Ziele habe dieses Gespräch, sagt sie. 1. Ein gegenseitiges Kennen lernen, 2. ein Austausch darüber, wie Eltern und Einrichtung die ersten Wochen von Katja in der Kindertagesstätte gut gestalten können, 3. bei Interesse einige zusätzliche Informationen zu den Angeboten der Einrichtung für Kinder und Eltern und schließlich 4. die Erledigung der notwendigen formalen Dinge. Nun stellt sich die Erzieherin den Eltern vor. Sie sagt, dass sie in den ersten Wochen die persönliche Ansprechpartnerin für beide sein wird. Auch Herr und Frau Schulte erzählen etwas von sich. Interessiert und freundlich erkundigt sich nun die Erzieherin nach Beruf und Arbeit von Herrn Schulte, nach etwaigen in der näheren Zukunft liegenden Plänen der Familie, ob auch Lena in zwei Jahren in die Kindertagesstätte kommen soll, und ob Frau Schulte dann vielleicht wieder arbeiten möchte. Die Eingewöhnung Was die Eingewöhnung von Katja angeht, erläutern Frau Felder und Frau Kiel, wie wichtig dabei die Begleitung durch die Eltern ist. Man müsse sich das so vorstellen, sagen sie, das kleine Kind komme mit einem Schlag in eine unbekannte Umgebung, müsse sich mit 22 fremden Personen auseinandersetzen, müsse dabei auf die bisherigen Bezugspersonen verzichten und den Trennungsschmerz von Eltern und der kleineren Schwester verarbeiten. Um Katja diesen Schritt zu erleichtern, würde sich Frau Felder Katja in den ersten Wochen als bevorzugte Bezugsperson zuwenden, das heißt auch, wenn nötig und möglich, ihren eigenen Dienstplan an Katjas Bedürfnissen orientieren. Aber dennoch, sagt sie, könne es ohne Eltern nicht gut gelingen. Deshalb sehe die Einrichtung eine Eingewöhnungsphase unter Beteiligung der Eltern vor.3 Das bedeute, dass Mutter oder Vater Katja eine gewisse Zeit begleiten könnten. Wünschenswert wären am ersten Tag ca. zwei Stunden, an dem Vater oder Mutter vormittags mit Katja in der Gruppe bleiben, sie dann ca. eine Stunde alleine lassen und schließlich mit ihr zusammen am Mittagessen teilnehmen könnten. Nach und nach könne Katja dann sicherlich alleine bleiben. Die Eingewöhnung verlaufe bei jedem Kind unterschiedlich. Sie, Frau Felder, würde sich in den ersten Tagen deshalb regelmäßig mit Katjas Eltern darüber austauschen. Neben der Eingewöhnung des Kindes habe diese Hospitationsphase aber auch noch einen zweiten wichtigen Hintergrund, sagt Frau Felder. Es gehe nämlich auch um den Kontakt zwischen den Erwachsenen. Es gäbe keine bessere Möglichkeit, sich gegenseitig kennen zu lernen und das Wachstum von Vertrauen zu befördern, als eine solche Hospitation. Auf diesem Weg könnten sich die Eltern nämlich selbst ein Bild davon machen, wie es Katja in der Kindertagesstätte geht. Daher sollte die Eingewöhnung für beide Seiten verpflichtend sein, sagt Frau Kiel, natürlich nicht im rechtlichen Sinne, sondern im Sinne eines gemeinsamen Vertrages. Eltern verpflichten sich, ihre Tochter eine Zeitlang zu begleiten und im Ganzen gesehen einen Tagesablauf zu erleben. Die Erzieherin verpflichtet sich, Katja und ihre Eltern während dieser Zeit als bevorzugte Gesprächspartnerin zur Verfügung zu stehen. Beide Seiten würden nach dem ersten Tag gemeinsam überlegen, in welchen Zeiteinheiten die Eingewöhnung gestaltet werden solle, und beide Seiten würden sie in einem gemeinsamen Abschlussgespräch beenden. Sei das nicht ein riesiger Aufwand, fragt schließlich Herr Schulte. Das schon, erwidert Frau Felder, aber er lohne sich. Natürlich könnten nicht alle "neuen" Kinder auf einmal kommen, zwei oder manchmal auch drei könnten in der Kindertagesstätte aber schon parallel aufgenommen werden. Ansonsten werde man versuchen, die Aufnahmen auf insgesamt drei bis vier Wochen zu verteilen. Von einer Nachbareinrichtung hätten sie gehört, dass das auch in Zusammenarbeit mit Eltern durchaus gelinge. Herr und Frau Schulte willigen schließlich ein. Frau Schulte will beginnen und die "Hauptlast" tragen. Aber auch Herr Schulte verspricht, wenigstens einmal Nachmittags mitzukommen. "Das darfst du aber nicht deinen Kollegen in der Firma erzählen", scherzt Frau Schulte daraufhin. "Ich weiß", sagt er, "einige machen sich bestimmt darüber lustig." Er möchte es aber dennoch versuchen. Frau Felder erkundigt sich noch nach Katjas Eß-, Spiel- und Schlafgewohnheiten, fragt nach besonderen Bedürfnissen von ihr, bittet darum, dass auch Lena einmal mitkommt, um zu sehen, wo sich Katja nun aufhält. Das Gespräch beendet Frau Felder mit der Vereinbarung eines Termins. Anschließend zeigt sie Katjas Eltern noch den Gruppenraum und führt sie ein wenig herum. Über das Konzept der Einrichtung wollen Herr und Frau Schulte heute nichts mehr hören. Es wären zu viele Informationen auf einmal, sagen sie. Auch formale Dinge müssen noch erledigt werden. Frau Schulte nimmt die Formulare in Empfang und verspricht, sie in der darauffolgenden Woche wieder abzugeben. "Das muss ja schließlich nicht hier ausgefüllt werden," kommentiert Frau Kiel diesen Teil des Aufnahmegesprächs. Es endet schließlich mit der Frage, "Mit welchem Gefühl denken Sie nun an Katjas Aufnahme?" Und Frau Schulte antwortet: "Mit einem überraschend guten. Wir fühlen uns nun angenommen und sind richtig gespannt auf den Kindergarten." Dazugehören Katja braucht nicht lange, um sich in ihrer Gruppe zurechtzufinden. Ihre Mutter bleibt am ersten Tag wie verabredet zwei Stunden da. Danach geht sie im Personalraum einen Kaffee trinken. Für die Zeit der Eingewöhnungen steht der Personalraum nämlich auch Eltern zur Verfügung. Frau Schulte trifft dort drei andere Mütter, deren Kinder ebenfalls eingewöhnt werden, und Frau Kiel im angeregten Gespräch. Sie setzt sich dazu, und im Nu ist die Zeit bis zum Mittagessen um. An ihm nimmt Frau Schulte noch teil, dann geht sie mit Katja nach Hause. Am gleichen Nachmittag aber kommt sie noch einmal zurück, um mit Frau Felder den ersten Tag ein wenig auszuwerten und zu verabreden, wie es weiter gehen soll. Frau Felder glaubt, dass es Katja ziemlich schnell gelingen wird, sich in die Gruppe zu integrieren, beantwortet noch die eine oder andere Frage, und beide vereinbaren, dass Frau Schulte am nächsten Tag nur 30 Minuten bleiben, dann vielleicht einige Einkäufe erledigen und wieder mit Katja zu Mittag essen solle. Frau Schulte ist damit einverstanden, kommt aber am kommenden Tag etwas früher zurück und geht noch einmal "auf ein Schwätzchen" in den Personalraum. Bereits am übernächsten Tag braucht Katja ihre Mutter vormittags schon gar nicht mehr. Frau Schulte kommt erst zum Mittagessen und bleibt danach, während Katja schläft, noch etwa eine Stunde lang in der Gruppe, um zu sehen, wie der Nachmittag läuft. Dann geht sie noch einmal in den Personalraum. Gegen 15.00 Uhr gehen sie und Katja schließlich nach Hause. Am Abend erzählen sie Herrn Schulte, was sie erlebt haben. Frau Schulte erinnert ihren Mann an sein Versprechen. Herr Schulte versucht auch in der kommenden Woche, einen Nachmittag frei zu nehmen, stößt jedoch auf wenig Verständnis in seiner Firma, und so klappt es schließlich doch noch nicht. Als es ihm nach fast einem Jahr schließlich gelingt, Katja nicht nur abzuholen - das macht er gerne und so oft er kann -, sondern sie auch einen Nachmittag lang in ihrer Gruppe "zu besuchen", gehört Familie Schulte schon längst dazu. Sie kennen inzwischen andere Eltern, die Erzieherinnen und durch die Anfangshospitationen auch alle Kinder. Zu Frau Felder haben sie immer noch ein besonders vertrautes Verhältnis, mögen aber auch ihre Kollegin. Von der Arbeit der Erzieherinnen haben sie inzwischen recht eine hohe Meinung. Dass der Kontaktaufbau in unserem Beispiel gelungen ist, hängt in nicht unwesentlichem Maße von der Gestaltung des Anfangs ab:
Auf diese Weise haben alle Beteiligten erleben können, wie fruchtbar und gewinnbringend eine solche Zusammenarbeit von Beginn an sein kann. Man kann sagen, ein entscheidender Schritt in Richtung "familienfreundliche Kindertagesstätte" als Qualitätsmerkmal der Einrichtung wurde getan und damit ein gutes Fundament für eine "Erziehungspartnerschaft" zwischen Erzieherinnen und Eltern gelegt. Davon handelt der dritte Teil unserer Reihe. Literatur Lothar Klein, Herbert Vogt: Leben in der Familiengruppe. Ein Praxisbuch über die große Altersmischung. Freiburg: Lambertus 1995, S. 34-40 und 210-205 Hans-Joachim Laewen u.a.: Ohne Eltern geht es nicht. Die Eingewöhnung von Kindern in Krippen und Tagespflegestellen. Hg. von INFANS, Institut für angewandte Sozialisationsforschung/Frühe Kindheit e.V. Berlin: FIPP-Verlag 1990 (gibt es auch als Video) Anmerkungen
Autor Lothar Klein, Freiberuflicher Fortbildner bei balance - pädagogik und management Veröffentlichungen u.a.:
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