Kindergartenpädagogik
- Online-Handbuch -

Herausgeber: Martin R. Textor

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Aus: Kindergarten heute Nr. 3/1998, S. 18-25

Neue Wege in der Elternarbeit (Teil 3): Erziehungspartnerschaft

Lothar Klein


Familie Schulte gehört bereits seit etwa einem Jahr zur Kindertagesstätte. Ihrer Tochter Katja geht es gut. Sie fühlt sich wohl. Frau Felder und Frau Lüffe, die Erzieherinnen von Katja, haben mittlerweile einen recht guten Kontakt zu Katjas Eltern herstellen können. Nun treten sie mit einem neuen Anliegen an Katjas Eltern heran.

Frau Lüffe bittet Herrn und Frau Schulte um einen Gesprächstermin. Frau Schulte wundert sich und fragt, ob irgend etwas vorgefallen wäre. Trotz aller inzwischen entstandenen Nähe zwischen Frau Schulte und den Erzieherinnen spürt sie dennoch auch Unbehagen.

Erst langsam hat sich Frau Schulte daran gewöhnt, dass seit dem Eintritt von Katja in die Kindertagesstätte auch ihr privates Familienleben ein wenig offen liegt und der Kritik professioneller Erzieherinnen zugänglich geworden ist. Zwar gab es noch keine wirklich strittigen Auseinandersetzungen zwischen Erzieherinnen und Eltern. So ganz sicher ist sich Katjas Mutter aber nicht.

Seit geraumer Zeit lastet ein ziemlich starker Druck auf ihr. Die Frage, wer die bessere Pädagogin sei, Mutter oder Erzieherin, steht irgendwie noch unausgesprochen im Raum. Schon lange spürt Frau Schulte, dass sie selbst und auch ihre ganze Familie an der Erziehungsleistung in Bezug auf Katja gemessen werden. Immer wieder war sie auch deshalb richtig hungrig auf jedes freundliche Wort über ihr Kind. Was sie nun von dem angekündigten Gespräch erwarten soll, weiß sie nicht. Deshalb zögert sie.

Frau Lüffe spürt Frau Schultes Zurückhaltung. Das, was sie Katjas Mutter vorschlägt, zielt jedoch genau darauf, Unausgesprochenes auszusprechen und gegenseitiges Verständnis und Vertrauen herzustellen. Frau Lüffe und Frau Felder haben an einer Fortbildung zum Thema "Erziehungspartnerschaft" teilgenommen und möchten nun an die Umsetzung gehen.

Eltern sind Expertinnen und Experten

Es geht ihnen um Folgendes: In der Fortbildung haben sie sich eine ungewohnte und neue Sichtweise aneignen können. Früher haben Frau Lüffe und Frau Felder, wie viele ihrer Kolleginnen auch, gedacht, es gäbe gegenüber Eltern auch in Erziehungsfragen ein "Richtig" oder "Falsch". Oft haben sie als ausgebildete Pädagoginnen bei Eltern vermeintliches "Fehlverhalten" ausgemacht. Sie haben sich beispielsweise gefragt: "Wieso wird das Kind so unregelmäßig gebracht? Haben die Eltern so wenig Interesse an unseren Vorhaben?" Oder sie haben Vermutungen angestellt wie: "Wahrscheinlich sitzt das Kind abends und am Wochenende ziemlich lange vor dem Fernseher." Manchmal haben sie auch insgeheim kritisiert, wenn eine Mutter ihrem sechsjährigen Sohn immer noch die Schuhe bindet oder ihrer fünfjährigen Tochter die Barbies mit in den Kindergarten gegeben hat. Einer türkischen Mutter haben sie, ohne es wirklich auszusprechen, viel Unverständnis entgegengebracht, weil diese stets die gesamte Öffnungszeit in Anspruch nahm. In allen Fällen haben sie vor allem überlegt, wie sie die Eltern jeweils von der Richtigkeit eines anderen Verhaltens überzeugen könnten.

Sie haben zum Beispiel thematische Elternabende mit den Titeln "Kinder und Fernsehen" oder "Gesunde Ernährung" durchgeführt. Und dann haben sie sich immer wieder geärgert, dass "ausgerechnet die Eltern nicht gekommen sind, die es betrifft". Dass diese Eltern eben deshalb nicht erschienen sind, weil es sie betrifft, darauf sind sie bisher nicht gekommen. Erst in der Fortbildung haben sie in Rollenspielen erleben können, wie es ist, wenn einem als Mutter oder Vater Fehlverhalten vorgeworfen wird. Ist es sowieso schon schwierig, sich öffentlich kritisieren zu lassen, fällt es in besonderem Maße schwer, wenn es um die Erziehung der eigenen Kinder geht. Kinder werden, wie wir gesehen haben1, in vielen Familien immer mehr zum Sinn des Lebens, verknüpft mit vielen Hoffnungen und Erwartungen, auch an den persönlichen Erziehungserfolg. Gleichzeitig nehmen jedoch Unsicherheiten über den "richtigen Erziehungsstil" deutlich zu. Kritik an elterlichem Erziehungsverhalten trifft daher vor allem auch sie selbst. In Zeiten sich ausweitender öffentlicher Diskussion über Erziehungsstile oder spezielle pädagogische Fragen wie etwa der nach dem richtigen Maß von Grenzen und Freiheiten und gleichzeitig großer Zukunftsängste, fühlen sich Eltern um so mehr unter Druck, wenn in ihrem Erziehungsverhalten vermeintlich etwas schief geht.

In der Fortbildung haben Frau Lüffe und Frau Felder natürlich darüber diskutiert, wie sie denn als professionelle Erzieherinnen mit Eltern sprechen könnten. Ihre Sichtweise hat sich vollkommen verändert, als sie sich klar darüber wurden, dass auch Eltern Experten sind, wenn es um ihre Kinder geht. Das war zwar gefühlsmäßig irgendwie vertraut, nur es auch auszusprechen und Eltern wie Experten zu behandeln, das war neu. In der Fortbildung haben sie gelernt, dass Eltern als "Feld-Experten für die Lebenswelt ihrer Familien" betrachtet werden müssen. Über die Beschäftigung mit der systemischen Sichtweise wurde ihn schon vorher klar geworden, dass es dem Kind gut geht, wenn es der ganzen Familie gut geht. Und eben dafür sollten sie von nun an die Eltern als Experten betrachten.

Sie haben einen Text dazu gelesen und eine Stelle daraus hat sich ihnen gut eingeprägt: "Sich klar zu machen, wie vielfältig die täglichen Anforderungen an Eltern sein können und wie viel Kraft und Kompetenz deren Bewältigung kostet, haben wir als sehr hilfreich empfunden. Auf dieser Grundlage haben wir uns aktiv um den Zugang zur Lebenswelt der Familien bemüht. Ganz schnell wurde deutlich, welche Forderungen wir einigen Familien in ihrer Situation nicht stellen können. Bereitwilliger als sonst haben wir in Problemsituationen gemeinsam nach Spielräumen und Alternativen gesucht. Der Schritt in unserem Kopf, ein Problemgespräch mit Eltern als 'Expertengespräch' zu sehen, hat neue Schritte aufeinander zu ermöglicht".2

Frau Lüffe und Frau Felder haben sich gleich vorgenommen, diese Sichtweise in ihre Praxis einfließen zu lassen.

Das gemeinsame Entwicklungsgespräch

So kam es, dass sie allen Eltern ein besonderes Gespräch angeboten haben. Auch in der Vergangenheit gab es natürlich "Elterngespräche". Sie fanden aber nicht regelmäßig statt, sondern immer nur, wenn es etwas, meist Unerfreuliches, zu klären gab, und hatten für beide Seiten stets einen unangenehmen Beigeschmack. So lange wollen die Erzieherinnen nun nicht mehr warten. Im Gegenteil, es sollen von nun an gerade Gespräche sein, die keinen besonderen Grund mehr brauchen. In einem solchen "Gespräch ohne besonderen Anlass" könnten beide Seiten, so die Überlegung der Erzieherinnen, besser üben, sich als Experten zu begegnen und sich partnerschaftlich zu verhalten. Außerdem würden sie viel Interesse an Eltern und ihrer Lebenssituation zeigen, wenn kein aktueller Anlass mehr nötig ist, damit es zu einem Gespräch kommt.

Deshalb haben sie eine Liste angefertigt, auf der über das ganze Jahr Termine verteilt sind. Es sind Termine, an denen sie sich Zeit für die Gespräche nehmen wollen, die sie nun "Entwicklungsgespräche" nennen. Den Erzieherinnen ist sehr daran gelegen, möglichst beiden Elternteilen die Teilnahme zu ermöglichen, daher der lange Terminvorlauf.

Frau Schulte soll sich nun einen passenden Termin aussuchen. Frau Schulte lässt sich erklären, dass es vor allem darum gehe, sich gegenseitig über Beobachtungen des Kindes im Familien- und im Gruppenalltag zu informieren: Was tut es gerne, was nicht? Worüber spricht es? Welche Fragen stellt es? Wie fühlt es sich? Wie hat es sich inzwischen entwickelt? Wenn sie möchte, könnten auch noch folgende Fragen zum Thema werden:

  • Gibt es aus Sicht der Eltern oder Erzieherinnen etwas, worauf sie in Zukunft gemeinsam stärker achten sollten?
  • Wie geht es Eltern und Erzieherinnen selbst? Machen sie sich vielleicht wegen irgend etwas insgeheim Vorwürfe oder sind sie zufrieden mit dem, was sie für das Kind tun?
  • Wenn es eine Seite wünscht, kann die andere auch in Einzelfragen beraten. Zum Beispiel könnten die Erzieherinnen den Rat der Eltern bezüglich Katjas Erkundungsdrang einholen: Was können wir ihr zutrauen? Wie können wir sie darin unterstützen? Außerdem würden sie gerne wissen, wie sich Katja am besten trösten lässt. Aber auch Eltern suchen oft den Rat der Erzieherinnen, z.B. für den Spielzeugkauf oder auch in der "Fernsehfrage".
  • Wenn möglich, können beide Seiten am Schluss auch noch Verabredungen treffen, was sie eventuell verändern wollen.

Enden solle das Gespräch mit einem neuen Termin, zwischen einem halben und einem ganzen Jahr später. Auf diese Weise käme es zu einem regelmäßigen3 Austausch.

Ein oder zweimal im Jahr, das kann sich Frau Schulte gut vorstellen, und auch die möglichen Themen sagen ihr zu. Ihre anfängliche Befürchtung, etwas wäre vorgefallen und es gehe darum, teilt sie den Erzieherinnen ebenfalls mit. Nun fühlt sie sich erleichtert und zeigt ihr Interesse an einem regelmäßigen Austausch.

Erziehungspartnerschaft trotz Konkurrenz

Erziehungspartnerschaft, das ist der Teil der Beziehung zwischen Eltern und Erzieherinnen, zwischen der Familie und der Kindertagesstätte, der sich unmittelbar auf das Kind bezieht. Hier geht es darum, eine vertrauensvolle, nicht unbedingt konfliktfreie, aber auf gegenseitige Achtung und Akzeptanz fußende Zusammenarbeit in Bezug auf das Kind zu entwickeln. Hilfreich sind dabei

  • das Wissen, dass auch Eltern Experten sind, von denen sich professionelle Fachkräfte Hilfe und Unterstützung holen können, und
  • die systemische Sichtweise, die verständlich macht, warum es Kindern gut geht, wenn es der ganzen Familie gut geht und umgekehrt, und dass zum besseren Verständnis der Familiensituation eben die Kompetenz der Eltern benötigt wird.

Erziehungspartnerschaft ist gleichwohl nur ein, wenn auch in der Praxis der wohl wichtigste Aspekt der familienorientierten Zusammenarbeit mit Eltern. Die weiteren Umsetzungsebenen seien der Vollständigkeit halber schon einmal vorweggenommen: Es sind die Ebenen der Beratung und Bildung für Familien, der Mitwirkung von Eltern und Familien in den Angelegenheiten der Kindertageseinrichtung, der selbstorganisierten Eltern und Familienbegegnung (Elternstammtische etc.) und schließlich die übergreifenden Aktivitäten im Stadtteil oder der Gemeinde (Gemeinwesenarbeit).

Die anfänglichen Befürchtungen von Frau Schulte weisen uns aber auch auf Schwierigkeiten hin, die zu befürchten sind. Nicht immer stellt sich ja so ohne weiteres Verständnis und Vertrauen ein. Nicht umsonst bereiten sich auch Erzieherinnen in der Regel sehr intensiv auf Gespräche mit Eltern vor. Sie wollen nichts falsch machen und verspüren nicht selten auch Angst davor, etwas könne dann doch schief gehen. Gespräche ohne Anlass mögen Angst und Befürchtungen etwas reduzieren, aber sie sind auf beiden Seiten auch durchaus berechtigt.

Oft wollen wir es zwar nicht wahrhaben, aber außer dem Wunsch nach Kooperation steht immer auch Konkurrenz zwischen den Erziehungsexperten Eltern und Erzieherinnen. Erst wenn wir versuchen, Konkurrenz einmal ohne Bewertung zu betrachten und ihre Existenz als zwangsläufig anzuerkennen, gelingt es uns, produktiv mit ihr umzugehen. Wieso gehört sie grundsätzlich dazu?

Da ist zunächst einmal die schon beschriebene Tatsache, dass Erzieherinnen bewusst oder unbewusst Zeugen familieninterner Beziehungen und Verhältnisse werden. Kinder erzählen, Erzieherinnen fragen und vermuten. Sie meinen, den Kindern ansehen zu können, was diese vermutlich zu Hause erlebt haben. Umgekehrt begegnen wir demselben Phänomen. Auch Eltern werden Zeugen der Geschehnisse in der Kindertageseinrichtung, auch dann, wenn sie selbst gar nicht hingehen. Auch sie "lesen" diese Informationen im Verhalten ihres Kindes. Tauschen sich beide Seiten nicht ausführlich genug darüber aus, werden aus Vermutungen leicht Festschreibungen.

Aber selbst, wenn der Austausch gelingt, ist Konkurrenz weiterhin vorhanden. Die Frage, wer "richtig" oder "besser" erzieht, schwingt fast immer mit. Und machen wir uns nichts vor: Von keinem Beruf glauben so viele Menschen auch außerhalb des Berufsstandes, ihn ohne weiteres auch selbst ausüben zu können, wie vom Erzieherinnenberuf. Vielleicht fällt es ja, nebenbei bemerkt, Erzieherinnen auch deshalb zuweilen so schwer, ihren Beruf als Profession zu betrachten.

Noch schwerer wiegt allerdings etwas ganz anderes. "Kinder sind schon erzogen!", wenn sie in die Tageseinrichtung kommen, schreibt Reinhart Wolff in einem Artikel mit der Überschrift "Konkurrenz und Kooperation".4 Erzieherinnen sind also Zweiterzieher. Erziehung beginnt ja nicht erst in der Kindertagesstätte. Immer haben Erzieherinnen Vorgänger, die Ersterzieher in der Person der Eltern. Und Reinhart Wolff meint sogar, nicht nur die Kinder, auch die Erzieherinnen würden als Zweiterzieher indirekt miterzogen, indem sie auf Gegebenheiten stoßen, die sie zu akzeptieren haben und auf die sie sich einstellen müssen. Erzieherinnen spüren das auch. Dieses Gefühl, "nur Zweiterzieher zu sein", macht ihnen zu schaffen. Es macht sich zum Beispiel dann Luft, wenn wir in Fallgesprächen allzu schnell bei den Eltern landen und resigniert behaupten, daran könne "man eh nichts ändern".

Zweiterzieherinnen befinden sich in mehrfacher Hinsicht in einem Dilemma:

  • Sie müssen Nähe und Distanz ausbalancieren. Es sind eben nicht ihre Kinder, die sie betreuen. Wie viel Nähe aber und wie viel Distanz wünschen sie sich selbst? Wie viel von beidem lassen die Ersterzieher zu, wie viel können diese aushalten?
  • Zweiterziehung ist zeitlich begrenzte Erziehung. Wofür und wieweit sind Erzieherinnen also wirklich zuständig?
  • Zweiterziehung muss sich notgedrungen an dem messen, was Ersterzieher bereits vorgegeben haben und für selbstverständlich halten. Wie oft hören wir die Klagen, unsere Arbeit würde nicht ausreichend gewürdigt. Warum aber sollten die Eltern das in besonderer Weise hervorheben, was sie als Ersterzieher ohnedies erwarten?
  • Erzieherinnen müssen ein Autoritätsdilemma aushalten. "Erst" kommt eben vor "Zweit" und das "letzte Wort" in Bezug auf das Kind haben natürlich die Eltern.

Erzieherinnen sind als professionelle Fachkräfte allerdings ebenfalls zuständig und zwar in zweierlei Hinsicht: Einmal in Bezug auf ihren eigenständigen Auftrag und zum anderen für die Gestaltung des Kontraktes zwischen ihnen und den Eltern. Sie brauchen sich also nicht als "nur" Zweiterziehende herabwürdigen. Dennoch bleibt der Unterschied. Als der professionelle Teil der Beziehung zwischen Familie und Kindertageseinrichtung müssen sie sich dies bewusst machen. Dann können sie vielleicht besser "aus sich heraus treten" und das Geschehen quasi von außen und mit Überblick betrachten. Kritik oder Nichtbeachtung treffen dann nicht mehr so sehr sie selbst und nicht mehr ihre ganze Person. Sie können nun besser wahrnehmen, dass sich Eltern vielmehr mit ihrer Funktion, nämlich die der Zweiterzieherin, in Konkurrenz befinden. Auf diese Weise kann trotz Konkurrenz eine Beziehung zwischen den Personen aufrechterhalten werden.

Konkurrenz hat ihren Ursprung zuletzt auch in Übertragungen und Projektionen.5 Schieben sich vielleicht eigene Kindheitserfahrungen zwischen die aktuelle Eltern-Erzieherin-Beziehung? Sieht die Erzieherin vielleicht in dem Verhalten der fremden Eltern ihre eigenen, von denen sie Anerkennung wünscht? Die eigene Vergangenheit wirkt über eine Vielzahl von Übertragungen und Projektionen in die Gegenwart hinein. Welche das im Einzelfall sind, kann man am besten über Supervision oder Selbsterfahrung herausbekommen.

Wir sehen also, Konkurrenz ist gar nicht auszuschließen. Ein weiterer Schritt, um neben die Konkurrenz das Prinzip der Kooperation, der Erziehungs-Partnerschaft setzen zu können, ist notwendig.

Die Grundhaltungen: Akzeptanz und einfühlendes Verstehen

Wir müssen lernen, uns mit Einfühlungsvermögen (Empathie) in den anderen hineinzuversetzen und auf diese Weise seine subjektiv positiven Absichten6 zu entschlüsseln. Dann nämlich können wir den anderen auch in einer konkurrenten Beziehung verstehen und akzeptieren.

Das ist einfacher gesagt als getan. Was ist überhaupt Akzeptanz, die wir für uns selbst so selbstverständlich einfordern, die wir aber anderen gegenüber zuweilen nur schwer aufbringen können? Akzeptanz hat nichts zu tun mit Klein-Beigeben oder gar mit Verlieren, sondern ist ein anderes Wort für unbedingte Wertschätzung. Die "ist besser zu verstehen, wenn man sich erst das Gegenteil davon bewusst macht: die 'Bedingte Wertschätzung'. Das ist eine Wertschätzung, die an bestimmte Bedingungen geknüpft wird."7, schreibt Irene Klein. Solche Bedingungen können (natürlich unausgesprochen) sein: "Wenn sie nicht zum Elternabend kommen, lehne ich Sie ab." Oder: "Wenn Sie das und das mit Ihrem Kind machen, sind Sie eine schlechte Mutter." Wir kennen das alle und haben es selbst oft genug am eigenen Leib erlebt.

Unbedingte Wertschätzung hingegen meint: "Du bist gut so, wie du bist. Du musst nicht so sein, wie ich dich gerne haben will. Du machst, denkst und fühlst manches anders, als es mir gefällt oder wie ich es tun würde. Das sage ich dir auch, aber du musst dich deshalb nicht nach mir richten... Ich akzeptiere dich, auch wenn du andere Lösungen findest als ich."8 Unbedingte Wertschätzung lässt also beides zu: Übereinstimmung und zugleich Nichtübereinstimmung, Kooperation und Konkurrenz. Ich kann jemanden achten und wertschätzen, auch wenn ich mit ihm nicht übereinstimme, wenn ich mich erstens in seine Lage hineinversetzen kann (Einfühlung) und zweitens meine Wertschätzung nicht an Bedingungen knüpfe (Akzeptanz). Ich bleibe in diesem Fall ich selbst, verbiege mich nicht und entscheide selbst darüber, was ich verändern werde und was nicht. Ich übernehme Verantwortung für mein Verhalten, nicht aber für das des Anderen. Mehr verlange ich auch nicht vom Gegenüber. Auch er soll stets für sich selbst entscheiden dürfen.

Ich glaube, das kann man üben. Eine gute Gelegenheit dafür sind die Entwicklungsgespräche. Erziehungspartnerschaft beruht eben darauf, dass niemand dem anderen vorschreiben will, was dieser zu tun hat. Partnerschaft schließt Unterschiede mit ein. Sie kann damit umgehen und verschweigt sie nicht.

Natürlich sind Eltern keine Profis, und kaum jemand von ihnen wird schon einmal ein Buch über Kommunikationsformen gelesen haben oder sich bewusst davon leiten lassen. Deshalb kommen Fragen, Bitten oder Wünsche von Eltern bei uns oft als Forderungen an. Wir vermuten dann, Eltern würden ihre Wertschätzung uns gegenüber an Bedingungen knüpfen und antworten "mit den gleichen Waffen". Schnell steht die Frage im Raum: "Wer hat recht?" oder "Wer setzt sich durch?"

Hier erweist sich dann, wie professionell wir uns bereits verhalten können, indem wir zwar sagen, was wir denken, nicht aber die ganze Person ablehnen. Zusätzlich betrachten wir die Situation in einem Perspektivenwechsel von zwei Seiten und können unterscheiden, was unserer Person gilt und was unserer Funktion.

So kann es gehen

Erziehungspartnerschaft beginnt bereits bei Aufnahme und Eingewöhnung9. Sie kann sich im weiteren Verlauf noch einmal zusammengefasst methodisch ausdrücken in:

  • Dem regelmäßigen Informationsaustausch über das Kind
    Dies ist die Voraussetzung für eine gute Zusammenarbeit. Beim Bringen und Abholen der Kinder können aktuelle Informationen aus der Gruppe und der Familie weitergegeben werden. Bewährt haben sich "Plauderecken" im Gruppenraum - notfalls im Flur - wo Eltern auf einer bequemen Sitzgelegenheit, vielleicht bei einer Tasse Kaffee, etwas verweilen und mit einer Erzieherin oder anderen Eltern ins Gespräch kommen können. Mögliche Befürchtungen von Erzieherinnen, die sich kontrolliert fühlen, und unklare Vorstellungen von Eltern, was von ihnen erwartet wird, lassen sich durch die klare Botschaft abbauen: Erzieherinnen gehen ihrer alltäglichen Arbeit nach, Eltern sind einfach willkommen! Diese einfache Maßnahme beruhigt ganz nebenbei die Bring- und Abholsituation und vermeidet gehetzte Gespräche "zwischen Tür und Angel".
  • Hospitationen von Eltern
    Hospitationen sind auch nach der Eingewöhnungszeit sinnvoll, verändert sich doch ständig etwas in der Gruppe. Am besten wäre, Hospitation und Entwicklungsgespräch zu verbinden.
  • Entwicklungsgesprächen
    Erfahrungen damit zeigen, dass ein, allerhöchstens zwei Entwicklungsgespräche pro Jahr vollkommen ausreichen und dass daran nicht unbedingt immer alle Erzieherinnen teilnehmen müssen. Es dauert ein, maximal zwei Stunden. Weil es (als "Gespräch ohne besonderen Anlass") in einer ruhigen und partnerschaftlichen Atmosphäre verläuft, nimmt auch mit der Zeit die Hemmschwelle ab, ein solches Gespräch mit Eltern alleine zu führen. Auch wenn der Aufwand sehr hoch zu sein scheint (bei 20 Kindern ca. alle 2 Wochen ein Entwicklungsgespräch), er lohnt sich. Von der positiven Wirkung regelmäßiger Gespräche dieser Art wird jede Erzieherin bereits nach einem oder zwei Entwicklungsgesprächen überzeugt sein.
  • Hausbesuchen
    Ebenso wie das regelmäßige Entwicklungsgespräch kann der Hausbesuch ein unspektakulärer Weg sein, den Austausch zu pflegen. Eltern sind gern bereit, Erzieherinnen zu sich nach Hause einzuladen, wenn der Besuch im Klima von Vertrauen und Partnerschaft zustande kommt. Sie wissen das Interesse der Erzieherinnen am partnerschaftlichen Austausch zu schätzen. Natürlich kann der Hausbesuch auch der Ort des Entwicklungsgesprächs sein.

Im nächsten Teil dieser Reihe wird es um die Beziehungen gehen, die zwischen Erzieherinnen und Eltern unabhängig vom Kind unter Erwachsenen bestehen.

Literaturempfehlungen

Heidi Eppel u.a.: Mit Eltern partnerschaftlich arbeiten. Elternarbeit neu betrachtet. Freiburg, Herder 1996

Magistrat der Stadt Hanau, Jugendamt: Familienarbeit in Kindertagesstätten. Eine Handreichung. Hanau 1996

Herbert Vogt: "Wir hätten selbst nicht gedacht, dass so etwas möglich ist." Ein Hort auf dem Weg zur Familienarbeit. In: Berry/Pesch (Hrsg.): Welche Horte brauchen Kinder? Ein Handbuch. Berlin: Luchterhand 1977

Anmerkungen

  1. Zu beiden Entwicklungen siehe Teil 1 dieser Reihe
  2. Heidi Eppel u.a.: Mit Eltern partnerschaftlich arbeiten. Elternarbeit neu betrachtet. Freiburg, Herder 1996, S. 21f.
  3. Lassen die Rahmenbedingungen nicht einmal ein Entwicklungsgespräch pro Kind und Jahr zu, kommt es darauf an, die dahinter stehende Haltung in den Tür-und-Angel-Gesprächen zu leben.
  4. Reinhart Wolff: Konkurrenz und Kooperation. Über die Zusammenarbeit zwischen den Erzieherinnen und den Eltern. In: Theorie und Praxis der Sozialpädagogik - TPS extra 22, 1996, S. 39
  5. Wer sich näher dafür interessiert, dem sei die sprachlich sehr verständliche und ausgezeichnete Zusammenfassung von Tim Rohrmann zu empfehlen. Zu finden in: Tim Rohrmann, Peter Thoma: Jungen in Kindertagesstätten. Ein Handbuch zur geschlechtsbezogenen Pädagogik für Aus- und Fortbildung. Braunschweig/Wolfenbüttel, 1997, S. 58ff.
  6. vgl. dazu Teil 1 dieser Reihe
  7. Irene Klein: Gruppenleiten ohne Angst. Ein Handbuch für Gruppenleiter. München, Pfeiffer, 4. Aufl. 1992, S. 121
  8. ebd. S. 122
  9. vgl. dazu Teil 2 dieser Reihe

Autor

Lothar Klein, Freiberuflicher Fortbildner bei balance - pädagogik und management
Köpfchenweg 24
65191 Wiesbaden
Tel. 0611/1899444
Fax 0611/1899445
Email
balanceLK@t-online.de

Veröffentlichungen u.a.:

  • Klein, Lothar/ Vogt, Herbert: Freinet-Pädagogik in Kindertageseinrichtungen. Entdeckendes Lernen und vom "Hunger nach Leben". Freiburg, Herder Verlag 1998
  • Klein, Lothar/ Vogt, Herbert: Leben in der Familiengruppe. Ein Praxisbuch über die große Altersmischung. Freiburg, Lambertus-Verlag 1995 (Neuauflage 2002)
  • Klein, Lothar/ Vogt, Herbert: Erzieherinnen im Dialog mit Kindern. Wie Partizipation im Kindergarten aussehen kann. In: Büttner, Christian/Meyer, Bernhard (Hrsg.): Lernprogramm Demokratie. Möglichkeiten und Grenzen politischer Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Weinheim und München, Juventa-Verlag 2000, S. 89-109