Kindergartenpädagogik
- Online-Handbuch -

Herausgeber: Martin R. Textor

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Aus: Kindergarten heute Nr. 4/1998, S. 18-23

Neue Wege in der Elternarbeit (Teil 4): Die "familienfreundliche" Kindertageseinrichtung

Lothar Klein


Schon seit mehr als zwei Jahren beschäftigt sich das Team einer Kindertagesstätte mit einer neuen Herangehensweise an die Elternarbeit. Inzwischen sind Aufnahme und Eingewöhnung von Kindern und ihren Familien ganz anders gestaltet als früher1. Außerdem finden zwischen Erzieherinnen und Eltern regelmäßige Entwicklungsgespräche statt, ab und an hospitieren Eltern in der Gruppe und auch der Informationsaustausch über das Kind klappt inzwischen viel besser2. Die geplanten Hausbesuche kamen indes nicht so gut an.

Nun möchte das Team noch einen Schritt weiter gehen. Leiterin und Erzieherinnen fragen sich, ob damit bereits alle Bedürfnisse von Eltern abgedeckt sind und ob das bisherige Angebot ausreiche, um die Einrichtung als "familienfreundlich" zu bezeichnen.

Eine Mutter hat sie nachdenklich gemacht. In einem Gespräch hatte sie formuliert: "Als Frau interessiere ich euch eigentlich gar nicht richtig, In euren Augen bin ich nur Mutter, und euer Interesse an mir ist bestenfalls indirekt über mein Kind."

Dazu kommt es im Team zu einer spannenden Diskussion. Klar ist, dass sich die Zusammenarbeit mit Eltern überwiegend auf das jeweilige Kind beziehen muss. Die Unterstützung der ganzen Familie soll dazu beitragen, dass es dem Kind zu Hause und in der Kindertagesstätte gut geht. Das, so die Kolleginnen im Team, sei ja schließlich auch ihr Auftrag und mache ihre berufliche Rolle innerhalb der Jugendhilfe aus.

Die Schwierigkeit tritt aber dort auf, wo es darum geht, zwischen Erzieherinnen- und Sozialarbeiterinnenrolle zu trennen. Ein verzwicktes Problem! Denn, wenn ich mir z.B. die Sorgen und Nöte am Arbeitsplatz oder die persönlichen Zukunftswünsche und damit verbundenen Ängste von Müttern und Vätern anhöre und mich dafür zuständig fühle, könnte ich ja der Familie und damit dem Kind nutzen. Andererseits fragen sich alle, ob sie denn dafür überhaupt zuständig und ausgebildet wären.

Sich für die Lebenslage der ganzen Familie zu interessieren und diese mit dem Blick auf das Kind zu berücksichtigen, das sei schon anspruchsvoll genug, sagen die meisten schließlich. Was darüber hinaus gehe, wie etwa Beratungsgespräche in besonderen Lebenslagen, könne ja auch gut an andere weiter vermittelt werden.

Und dann steht plötzlich die Frage im Raum, ob in dieser Haltung nicht die Gefahr eines Abgleitens in alte Muster wie "Elterngespräche nur, wenn es sein muss" läge. Das Team hat bereits zu viele positive Erfahrungen damit gemacht, die Zusammenarbeit mit Eltern aus eigenem Antrieb heraus aktiv zu gestalten. Nein, zurückfallen auf alte Muster wollen sie nicht. Außerdem trauen sich die Erzieherinnen inzwischen noch mehr unterstützende und familienbereichernde Angebote zu. Je offener das gegenseitige Verhältnis zu den Eltern geworden ist, um so mehr Informationen haben die Erzieherinnen über die Lebenswirklichkeit der Familien erhalten und spüren nun das Bedürfnis, ihre Angebotspalette auf Erweiterungsmöglichkeiten hin zu überprüfen.

Eine Kollegin macht schließlich einen praktikablen Vorschlag: Sie sollten doch erst einmal versuchen herauszubekommen, was Eltern sich eigentlich selbst von der Kindertagesstätte wünschen. Darüber wüssten sie bislang noch viel zu wenig. Über sicherlich notwendige Grenzen müsse man sich danach verständigen.

Aufbruch ins Ungewisse

Diesen Vorschlag greifen alle auf. Die Erzieherinnen möchten mit Hilfe einer Elternbefragung herausfinden, wie weit sich im Alltag der Einrichtung eine Orientierung an der Lebenswirklichkeit der Familien bereits durchgesetzt hat. Sie sind sogar bereit, von dieser Warte aus ihre eigene Arbeit von Eltern bewerten lassen. Außerdem möchten sie nach bisher nicht ausreichend berücksichtigten Bedürfnissen und Wünschen von Eltern fragen.

Hier betritt das Team echtes Neuland und stellt sich Fragen wie "Was, wenn wir nicht alle Bedürfnisse befriedigen können? Eltern erwarten doch, dass ihre Wünsche auch erfüllt werden, wenn wir danach fragen" - "Wie gehen wir denn damit um, wenn Eltern unsere Arbeit sehr kritisch sehen?".

Diese Fragen zeigen berechtigte Ängste, die erst einmal bearbeitet werden müssen, bevor man tatsächlich an die Befragung der Eltern geht. Festzustellen sei aber, meint Frau Kiel, die Leiterin, Eltern fühlten sich durch das bis jetzt Erreichte schon jetzt mehr wahrgenommen als früher, und das sei eine gute Grundlage, um das Wagnis einzugehen. Denn, so fährt sie fort: "Wer schon einmal Wertschätzung durch uns erfahren hat, fühlt sich nicht gleich als ganze Person zurückgewiesen, sondern nur in Bezug auf ein konkretes Anliegen, wenn nicht alle Wünsche auf einmal erfüllt werden können."

Bisher sind die Erzieherinnen fast immer mit bereits fertigen Vorschlägen an Eltern herangetreten. Die nun anstehende Elternbefragung ist etwas ganz anderes. Sie ist Ausdruck einer offenen Fragehaltung und damit ein auch Aufbruch ins Ungewisse. Sie gelingt nur, wenn echtes Interesse an den Rückmeldungen von Eltern vorhanden ist, und setzt die Bereitschaft voraus, das Ergebnis, unabhängig davon, wie es ausfällt, zur Grundlage eines Veränderungsprozesses zu machen. Das "Wir reden mal darüber" reicht nicht aus. Es müssen Taten folgen. Die Befragung steht erst am Anfang eines Prozesses, dessen Ergebnis noch niemand genau kennt.

Dieser Bereitschaft müssen sich alle Teammitglieder zunächst vergewissern. Und das brauchte Zeit. Orientierung liefert in solch einem Prozess die Klarheit über eigene Ziele und Grenzen. Es handelt sich um einen offenen Dialog, in dem nicht ausschließlich den Eltern die Initiative übertragen werden soll, in den sie jedoch als anerkannte Partner einbezogen sind. Sich dabei bewusst auf die konzeptionellen Grundlagen und institutionellen Rahmenbedingungen der Einrichtung zu beziehen, ist wichtig, weil es die notwendige Sicherheit und einen Orientierungsrahmen bietet. Gleichzeitig aber darf daraus kein Dogma werden. Auch Ziele und Grenzen lassen sich differenzieren, neu bewerten und schließlich verändern.

Die Elternbefragung

Das Team listete zunächst auf, was eine Elternbefragung bewirken kann:

  • Sie signalisiert deutlicher als vieles andere, dass das Team in den Eltern ebenfalls Experten und Partner sieht, die etwas über ihre Familien und die Kindertagesstätte zu sagen haben.
  • Durch sie zeigt das Team Interesse an Kritik und Lob der Eltern und damit an ihren Familien. Es weicht auch kritischen Sichtweisen nicht aus, sondern nutzt diese zum Nachdenken und schließlich zur Verbesserung des eigenen Angebots.
  • Das Team bringt damit den Erlebnisinhalten von Eltern eine hohe Wertschätzung entgegen.
  • Sie kann dem Team helfen, eingefahrene Pfade zu verlassen und den Blick für neue Sichtweisen und Ideen öffnen.
  • Sie verhilft dem Team dadurch zu tieferem und umfassenderem Verständnis der Beziehungen zwischen Eltern und Erzieherinnen.

Einen brauchbaren Vorschlag für einen Fragebogen finden die Erzieherinnen in einem Buch3. Auch den dort abgedruckten Vorschlag für ein Anschreiben zum Fragebogen finden die Erzieherinnen gut. Leicht verändert lautet ihr Brief an die Eltern schließlich:

"Liebe Eltern!
Ihr Kind kommt nun schon einige Zeit zu uns, und Sie haben unser Haus und unsere Arbeit kennen gelernt. Wir wünschen uns, dass Sie sich wohl fühlen und Ihr Kind bei uns in guten Händen wissen.
Um herauszufinden, ob wir nicht noch einiges verbessern können, möchten wir Sie über Ihre Eindrücke befragen. Was finden Sie gut? Was möchten Sie ändern? Sicher kostet es etwas Mut, auch Kritik zu äußern. Aber ohne Kritik kann sich auch nichts verbessern.
Außerdem interessiert uns, wie wir Sie selbst und Ihre Familien im Rahmen unserer Möglichkeiten noch besser unterstützen können. Welche Angebote würden Sie z.B. begrüßen?
Für Ihre ehrliche Antworten sind wir Ihnen dankbar. Wir bitten Sie, wenn möglich, den Fragebogen gemeinsam auszufüllen. Natürlich werden wir Sie über das Ergebnis unserer Umfrage informieren."

Der Fragebogen wird den Eltern mit dem Begleitschreiben beim Bringen und Abholen persönlich überreicht. Insgesamt hat sich das Team drei Monate Zeit gegeben, um den Fragebogen auszuteilen, wieder einzusammeln, auszuwerten und mit Eltern zu besprechen.

Der Fragebogen, in dem die Eltern unter jeder Frage ankreuzen konnten "stimmt / stimmt nicht / teils-teils", gestaltet sich schließlich folgendermaßen:

  1. Das Aufnahmegespräch hat mir und meinem Kind einen guten Einstieg gegeben.
  2. Ich habe viel Interesse an unserem Kind gespürt.
  3. Mein Kind und ich werden in der Gruppe immer begrüßt und verabschiedet.
  4. Die Mitarbeiterinnen machen sich viele Gedanken um die Arbeit mit Kindern.
  5. Ich fühle mich gut informiert.
  6. Meine Meinung, meine Erfahrungen, mein Wissen werden hier ernst genommen und bei gemeinsamen Überlegungen für mein Kind einbezogen.
  7. Meine Erfahrungen und mein Können sind bei der Mitarbeit in der Einrichtung gefragt.
  8. Ich fühle mich verstanden, auch, wenn es mal Schwierigkeiten gibt.
  9. Kritik äußere ich besser nicht.
  10. Ich habe den Eindruck, dass die Mitarbeiterinnen mir manchmal nicht offen gegenübertreten.
  11. Die Mitarbeiterinnen sprechen mit mir auch über das, was in der Gruppe nicht so gut läuft.
  12. Ich bin froh, dass mein Kind hier gut untergebracht ist.
  13. Es gibt die Möglichkeit, mit anderen Eltern ins Gespräch zu kommen.
  14. Die Mitarbeiterinnen zeigen Interesse an meiner ganzen Familie. Sie wenden sich nicht nur an Mütter, sondern auch an Väter, Geschwister, Großeltern.

Am Ende sollen die Eltern noch auflisten, was sie sich für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit noch wünschen, was ihnen nicht gefällt und welche zusätzlichen Angebote sie durch das Team und die Einrichtung wünschen. Der Fragebogen schließt mit der Abschlussfrage: "Was können wir sonst noch für Sie tun?"

Einen ganz ähnlichen Fragebogen haben die Kolleginnen zuvor im Team auch selbst ausgefüllt. Ihre fünfte Frage an sie selbst lautete z.B. "Wir informieren Eltern gut. Stimmt oder stimmt nicht?" Die Erzieherinnen haben dabei festgestellt, dass sie ganz unterschiedliche Vorstellungen davon besitzen, was denn unter guter Information zu verstehen ist und sind nun ganz gespannt auf die Antwort der Eltern.

Ergebnisse der Elternbefragung

Insgesamt haben etwa 65% der Eltern den Fragebogen ausgefüllt. Die Ergebnisse der Befragung sind schließlich ebenso informativ wie auf den ersten Blick verwirrend. Z.B. spüren die meisten Eltern viel Interesse an ihrem Kind, waren mit dem Aufnahmegespräch und der Eingewöhnung sehr zufrieden und meinen auch, dass sich die Mitarbeiterinnen viele Gedanken um die Arbeit mit Kindern machen. Gleichzeitig aber fühlen sich die meisten Eltern schlecht informiert, nicht immer persönlich genug begrüßt und halten auch sich mit ihrer Kritik eher zurück. Man spürt, dass die Eltern den Erzieherinnen einerseits viel Vertrauen entgegen bringen, sich selbst aber noch ein wenig außen vor sehen.

Das spiegelt sich auch in den Wünschen wider. Fast alle Eltern freuen sich am meisten über Informationen zum Tagesablauf der Kinder. Viele Eltern wünschen sich auch, mehr über die pädagogischen Ziele und Wege der Einrichtung zu wissen, andere möchten offener mit strittigen Fragen umgehen können wie etwa "Ernährung", "Sicherheit", "aggressive Kinder" oder "Schulvorbereitung". Einige wünschen sich manchmal einfach einen Rat in Erziehungsfragen.

Dieses Ergebnis überrascht die Erzieherinnen. Sie hatten befürchtet, stärker kritisiert zu werden. Die Anerkennung, die in den Antworten und Wünschen steckt, macht ihnen nun Mut, sich nun auch den ungewohnten Vorschlägen von Eltern zu stellen. Eltern wünschen sich beispielsweise

  • eine Babysitter-Vermittlung,
  • mehr themenbezogene Gesprächsrunden,
  • die Möglichkeit, die Turnhalle für Familienfest zu nutzen,
  • einen Elternstammtisch,
  • nicht so starre Öffnungszeiten,
  • eine bessere Koordination der Schließungszeiten mit anderen Einrichtungen,
  • dass mal jemand vom örtlichen Turnverein in die Einrichtung kommt,
  • einen Gemüsegarten für die Kinder,
  • mehr Waldspaziergänge,
  • die Bearbeitung von Themen wie Ameisenhaufen, Arzt, Polizei,
  • einen Computer für jede Gruppe,
  • spannendere Elternabende, auf denen man sich selbst mehr einbringen kann.

Erstaunt sind die Erzieherinnen auch über einige Angebote von Eltern. Danach hatten sie ja gar nicht gefragt. Ein Großvater bietet "Geschichtenstunden" an, ein Vater würde gerne eine Fußballmannschaft aufstellen, eine Mutter hätte Lust, einmal mit in Freizeit zu fahren, eine Vater wünscht sich mehr Austausch mit anderen Vätern und erklärt sich bereit, dies zu organisieren.

Aber, es gibt auch Beschwerden, z.B.: "Extreme Kinder werden zu locker gehandhabt, sie haben zu viele Möglichkeiten, die Harmonie der Gruppe zu stören."4

Die Ergebnisse der Befragung werden mit einigen Eltern gemeinsam ausgewertet, schriftlich zusammengefasst und an alle Eltern verteilt. Die Zusammenfassung gliedert sich auf in:

  • Gesamtbewertung,
  • Anregungen, Fragen, Angebote von Eltern,
  • Veränderungswünsche von Eltern,
  • Konsequenzen aus der Elternbefragung.

Alle wissen, dass nicht alles sofort umgesetzt werden kann, ja, dass manches gar nicht gehen wird. Dennoch, von nun an ist das Verhältnis zwischen Eltern und Erzieherinnen offener, direkter, ehrlicher. Und: einiges wird sich in der Folgezeit verändern, dafür garantieren die Erzieherinnen.

Fünf Planungs- und Angebotsebenen in der Familienarbeit

Mit Hilfe von fünf Planungs- und Angebotsebenen der Familienarbeit werden alle Ergebnisse der Umfrage im Team geordnet. Die fünf Ebenen sind:

  1. Erziehungspartnerschaft
    Hierbei geht es um die konkrete Gestaltung der Zusammenarbeit der Erwachsenen in bezug auf die Entwicklung des jeweiligen Kindes, z.B. durch das Aufnahmegespräch, die Eingewöhnungszeit, Hospitationen, regelmäßige Entwicklungsgespräche, Hausbesuche und im Abschlussgespräch.
  2. Beratung und Bildung
    Dies bezieht sich auf Unterstützungsangebote in einem allgemeineren Verständnis sowie Angebote zur Entlastung und Kompetenzvermittlung in der Erziehungs- und Erwachsenenrolle der Eltern, z.B. Informationen über psychosoziale Dienste, Bildungs-, Kultur- und Freizeitangebote im Umfeld, Babysitter-Vermittlung, Beratung bzw. Vermittlung zu Beratungsstellen oder themenbezogene Elternabende, auch mit Referenten.
  3. Mitwirkung der Eltern und Familien
    Sie macht die Interessen und Kompetenzen der Eltern zum Gegenstand der pädagogischen Arbeit in der Gruppe und sieht die Kindertagesstätte als Ort der Begegnung und Mitgestaltung der Familien, z.B. praktische Mitarbeit im Alltag, in Projekten und besonderen Vorhaben (Kleingruppenarbeit, Exkursionen, Werkstatt, Gemüsegarten usw.), Eltern-Kind-Nachmittag, Väter-Kinder-Treff, einen Familienclub, Feste und Feiern, Flohmärkte oder Basare, Ausflüge und Freizeiten und im Elternbeirat.
  4. Selbstorganisierte Eltern- und Familienbegegnung
    Hier wird den Eltern der Raum zum Austausch über ihre Lebenslagen und -erfahrungen gegeben, wenn erforderlich auch mit Kinderbetreuung. Möglich ist auch, die Einrichtung für Familienfeiern zur Verfügung zu stellen. Für ihre Aktivitäten in der Einrichtung kann ihnen der Schlüssel übergeben werden. Elternstammtische können ebenso selbstorganisiert sein wie handwerklich-musische Gruppen (Töpfern, Kochen, Theater usw.) oder Selbsthilfegruppen (Alleinerziehende, Frauentreff).
  5. Gemeinwesenarbeit
    Sie öffnet die Einrichtung nach außen, bezieht Familien aus dem Stadtteil in die eigene Arbeit ein und versteht die Kindertagesstätte als aktiven Teil in der Vernetzung der sozialen Infrastruktur, z.B. durch Stadtteilfeste oder die Vernetzung mit Vereinen u.ä.

Was die Erziehungspartnerschaft angeht, ist das Team schon weit fortgeschritten.5 Von den übrigen Umsetzungsebenen scheinen viele gar nicht so schwer zu verwirklichen. Die Babysitter-Vermittlung ist schon bald eingerichtet, die Turnhalle wird für Familienfeste zur Verfügung gestellt6 und auch ein Elternstammtisch hat schon bald ein erstes Treffen hinter sich. Mit der Fußballmannschaft dauert es etwas länger, aber irgendwann steht sie auch. Sehr großen Anklang findet der Vorschlag für ein "Väter-Kinder-Treffen" einmal pro Monat am Samstagvormittag. Bei all diesen Punkten war es eigentlich nur nötig, Mütter und Väter persönlich anzusprechen und ihnen bei der Organisation zu helfen. Vieles davon wurde von Frau Kiel, der Leiterin, übernommen.

Etwas mehr Schwierigkeiten bereiten dem Team die themenbezogenen Elternabende. Hier fühlen sie sich noch unsicher. Aber man muss ja nicht gleich mit einem Thema aufwarten wie etwa: "Umgang mit Aggressionen" oder "Aufsichtspflicht im Spiegel der Selbständigkeitserziehung". Es reicht, sich erst einmal ein "Feierabendgespräch" zum Thema: "Welche Fragen stellen wir uns mit unseren Kindern?" vorzunehmen. Dazu können alle etwas beitragen. Langfristig sollen aber auch Themen angeboten werden, für die spezielle Fachleute als Referentinnen notwendig sind.

An den übrigen Themen arbeitet das Team weiter. In einer Supervision geht es um die Konflikt- und Streitkultur in der Einrichtung. Ein Vater hat Kontakte zu einer Computerfirma aufgenommen und könnte billig drei ausgediente ältere Computer besorgen. Weil sich das Team in diesem Punkt noch nicht einig ist, wird die Anschaffung der Computer zunächst verschoben. Zuletzt wird mit Hilfe des Vaters ein neuer PC statt drei alter angeschafft. Andere Punkte stehen auch nach einem weiteren Jahr noch auf der Warteliste.

Eine Richtung, in die weitergearbeitet werden kann

Was hat die Fragebogenaktion ausgelöst? Zusammenfassend kann man sagen, sie hat dem Team eine Richtung angegeben, in der weitergearbeitet werden kann. Im offenen Ausgang dieses Unternehmens liegt ihr besonderer Wert. Es geht eben darum, mit den wirklichen Eltern vor Ort zu sprechen und herauszufinden, wie für sie eine "familienfreundliche" Kindertageseinrichtung konkret aussehen kann. Mittlerweile liegen auch Qualitätsstandards zur "Familienfreundlichkeit" vor7. Statt aber Antworten zu geben, werden dort Fragen gestellt, mit deren Hilfe Umsetzungsformen gefunden werden können, die tatsächlich vor Ort passen. Auch das kann jedoch einen unmittelbaren Dialog mit Eltern nicht ersetzen.

Wirkliches Interesse an den Bedürfnissen von Eltern und Familien ist die Voraussetzung. Eltern sind in diesem Prozess Erwachsene, um deren Rat wir nachfragen. Wir begegnen ihnen dabei auf der Erwachsenenebene. Indem der Ausgang offen gehalten wird, machen wir deutlich, dass nicht alles bereits vorausgeplant und festgelegt ist. Eine solche Haltung ermutigt einerseits zur Mitarbeit, fordert andererseits mehr Flexibilität, Offenheit und Ideenreichtum.

Anmerkungen

  1. Siehe Teil 2 dieser Reihe
  2. siehe Teil 3 dieser Reihe
  3. Heidi Eppel u.a.: Mit Eltern partnerschaftlich arbeiten. Elternarbeit neu betrachtet. Freiburg, Herder 1996, S. 116ff.
  4. Aus dem Ergebnis einer Elternbefragung in einer Kindertagesstätte in Hanau
  5. Siehe Teile 2 und 3 dieser Reihe
  6. Manche Einrichtungen berechnen dafür einen kleinen Beitrag und bessern auf diese Weise ihre finanzielle Situation auf.
  7. zu beziehen über "balance - pädagogik und management", Köpfchenweg 24, 65191 Wiesbaden

Autor

Lothar Klein, Freiberuflicher Fortbildner bei balance - pädagogik und management
Köpfchenweg 24
65191 Wiesbaden
Tel. 0611/1899444
Fax 0611/1899445
Email
balanceLK@t-online.de

Veröffentlichungen u.a.:

  • Klein, Lothar/ Vogt, Herbert: Freinet-Pädagogik in Kindertageseinrichtungen. Entdeckendes Lernen und vom "Hunger nach Leben". Freiburg, Herder Verlag 1998
  • Klein, Lothar/ Vogt, Herbert: Leben in der Familiengruppe. Ein Praxisbuch über die große Altersmischung. Freiburg, Lambertus-Verlag 1995 (Neuauflage 2002)
  • Klein, Lothar/ Vogt, Herbert: Erzieherinnen im Dialog mit Kindern. Wie Partizipation im Kindergarten aussehen kann. In: Büttner, Christian/Meyer, Bernhard (Hrsg.): Lernprogramm Demokratie. Möglichkeiten und Grenzen politischer Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Weinheim und München, Juventa-Verlag 2000, S. 89-109