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Wir bilden die Zukunft. Ein Thesenpapier für den 5. Jugendhilfekongress der GEW
Bernhard Eibeck, Norbert Hocke, Petra Adolph und Peter Blase-Geiger
"Wüchsen die Kinder fort, wie sie sich andeuten, wir hätten lauter Genies", erkannte schon der alte Goethe. Nie mehr lernen wir so viel und mit so viel Begeisterung wie in den ersten sechs Lebensjahren. Erstaunt blicken die Medien und die Fachwelt auf die kleinen Mitbürger und preisen deren "strahlende Intelligenz". Neurobiologen sprechen von einem reichen Potential und erklären, wie sich in frühen Jahren wesentliche Gehirnstrukturen durch die Aktivitäten der Kinder bilden bzw. aufgrund fehlender Bedingungen entscheidende Entwicklungsschritte versäumt werden. Bildungsprozesse bei Kindern vollziehen sich zum Beispiel in Aushandlungen über Richtig und Falsch, im Aufbau von Orientierungen, in der Konstruktion von Ideen und vor allem im Fehlermachen und Wieder-von-vorne-anfangen. Kinder brauchen nicht nur Orte des vertrauten Zusammenseins, sondern auch des Entdeckens und Forschens - eine der zentralen Aufgaben von Kindertageseinrichtungen. In aktiver Auseinandersetzung im Tun mit anderen Kindern und in der verlässlichen Beziehung zu Erzieherinnen werden wesentliche Grundlegungen für das Sozialverhalten und für die kognitive Entwicklung vorbereitet. Deshalb müssen alle Anstrengungen zur Verwirklichung von Chancengleichheit und Integration, wenn sie Erfolg haben wollen, hier beginnen. Statt einem Wissenskanon wird Selbstbildungskompetenz eingeübt, die gesetzlich festgelegten Bildungsziele von Kindertageseinrichtungen heißen Gemeinschaftsfähigkeit und Eigenständigkeit - Voraussetzungen, um die Herausforderungen der Welt von morgen bewältigen zu können.
Wie wachsen Kinder heute auf?
Das Leben von Kindern und mit Kindern hat sich verändert. Die Veränderungen zu erfassen, ist nicht einfach. Die objektiven Daten lassen sich meist in verschiedene Richtungen interpretieren.
1.
Die Familien bieten heute nicht mehr die verlässliche, stabile und dauerhafte Beziehung. Die "Herkunftsfamilie" geht auseinander, die Partner der Eltern wechseln. Manche Mütter oder Väter leben mit ihren Kindern allein. Mitunter entscheiden sich Jugendliche, das Beziehungswirrwarr der Eltern nicht mehr mit zu machen und gründen einen eigenen Hausstand. Von Kindern wird mehr Eigenständigkeit, Selbstverantwortung verlangt. Obwohl die Jugendzeit durch eine lange Ausbildung weit hinausgeschoben wurde, sind Kinder schon früh mit Lebenssituationen konfrontiert, die zu bewältigen "erwachsenes" Verhalten verlangt. Das kann zu Krisen führen, ist aber auch eine Chance für die Selbstfindung, die Entwicklung von Ich-Identität, und die Erprobung von Konfliktverhalten. Manche führen die Beziehungsprobleme in lebenslange Krisen, andere gehen aus dem "Wechselbad der Gefühle" gestärkt hervor.
2.
Die Erziehungsstile und Orientierungen sind wechselhaft, uneindeutig und widersprüchlich. Die Normen setzenden Institutionen haben an Leuchtkraft verloren. Die Scheinwerfer, die den Weg beleuchten, stehen wo anders, in der Welt des Konsums, der Leistungsbereiten, der Schöne, Starken, Reichen. Rücksichtslose Selbstbehauptung und das schnelle Geld sind Weg und Ziel. Die Jugend engagiert sich für Soziales, Ökologisches, den Frieden und die Dritte Welt. Viele haben Angst vor Krieg, Umweltzerstörung und Arbeitslosigkeit. Ein kleiner, aber lautstarker Teil marschiert gegen Ausländer und für deutsch-nationale Parolen.
3.
Kinder und Jugendliche wachsen heute wie selbstverständlich mit Gleichaltrigen, Freundinnen und Freunden aus verschiedenen Kulturen und Nationen auf. Kinder reisen schon in frühen Jahren in fremde, weit entlegene Länder. Das weitet ihren Horizont, macht sie unbefangener gegenüber Neuem, Fremdem, fördert ihre Neugier und ihre Entdeckungslust. Während Erwachsene noch darüber streiten, ob die deutsche Gesellschaft multikulturell sein soll und Deutschland ein Einwanderungsland, sind die Kinder schon da. Ihre Vielfalt ist ein unermesslicher Reichtum für das gemeinsame Aufwachsen, für Toleranz und Verständnis. Für die nicht deutschen Kinder ist es aber auch eine Last, das Leben in und zwischen zwei Kulturen, in und mit zwei Sprachen. Viele können weder die eine noch die andere richtig und so wortreich, dass sie ihre Empfindungen, ihre Assoziationen, ihre Träume in Worte fassen können. Psychische Instabilität hat oftmals ihren Ursprung in Sprachlosigkeit. Was ohne Begriff bleibt, verschwindet im Unbegreiflichen, kann nicht genutzt werden für kreative Entwicklungen, für neue kulturelle Ausdruckformen.
4.
Der Wohlstand ist groß, im Vergleich mit der Übergroßen Mehrzahl der Menschen in aller Welt ist er geradezu unanständig. Aber er ist auch bei uns ungleich verteilt. Millionen von Kindern sind vergleichsweise arm, können materiell nicht mithalten. Das wirkt sich auf die Lebenschancen in allen Bereich aus, ob bei der Gesundheit, der Bildung, der späteren Berufschancen, arme Kinder sind lebenslang benachteiligt.
5.
Die natürliche Umwelt ist nicht mehr Garant für gesundes Leben, man muss sich vor ihr schützen, um nicht krank zu werden. Im Sommer belasten UV-Strahlen und Ozonbelastungen, im Winter der Smog die Gesundheit. Synthetische Zusatzstoffe in Lebensmitteln und Textilien lösen Allergien aus. Dazu kommen psychische Belastungen, die zu Hyperaktivität, Nervosität, Herzerkrankungen, chronischen Schmerzen führen. Die Vielfalt an täglich und das ganze Jahr über verfügbaren Lebensmitteln aus aller Herren Länder macht die Ernährung abwechslungsreich. Die medizinische Versorgung und Vorsorgeuntersuchungen gewährleisten ein gesundes Aufwachsen. Dennoch: der Gesundheitszustand der jungen Generation war in Deutschland noch nie so schlecht wie heute.
6.
Die Bewegungsflächen für Kinder werden immer kleiner, lauter, gefährlicher. Vorrang in der kommunalen Stadtentwicklung hat die immer schnellere Fortbewegung der Erwachsenen. Milliarden werden ausgegeben, um wenige Minuten Zeit zu gewinnen. Das Auto, Symbol für "freie Fahrt" der Großen verdrängt die Bewegungsfreiheit der Kleinen. Das Spiel auf der Straße ist geradezu Selbstmord.
7.
Technik fasziniert Kinder und Jugendliche. Wer früher am Mofa rumgeschraubt hat, um sie noch ein paar km/h schneller zu machen, dessen Kinder oder Enkel programmieren, installieren, steuern heute ihren PC. Sie spielen in Netzwerken, chatten durch die Welt zu neuen Freunden, forschen im Internet. Wenn draußen nichts los ist, holten sie sich per Video Spannung und Unterhaltung ins Kinderzimmer.
8.
Die Schule, auf die sich kleine Kinder erwartungsvoll freuen, wird mit den Jahren zur Last. Wenn der Leistungsdruck nicht mehr Ansporn ist, sondern Selektionsmechanismus, wenn das Lernen zur Paukerei für die Klassenarbeit wird, wenn man es mit ausgebrannten, überforderten Lehrerinnen und Lehrern zu tun hat, dann können Jugendliche nicht mehr als "Augen zu und durch". War der Anspruch der Chancengleichheit verbunden mit der Absicht, auch Arbeitkindern das Abitur zu ermögliche, das Ziel der Bildungsreform der 60 und 70er Jahre, so sind heute Rückschritte zu verzeichnen. Noch immer haben Kinder aus sozial schlecht gestellten Familien es schwer, einen höheren Bildungsabschluss zu erwerben und die Wahrscheinlichkeit, dass Ausländerkinder in der Sonderschule landen, ist doppelt so hoch wie bei deutschen. Fortschritte gibt es auch: Mädchen haben aufgeholt und für behinderte und nicht behinderte Kinder gibt es in vielen Schulen gemeinsamen Unterricht.
9.
Kinder haben keine Lobby. Das scheint sich jetzt langsam zu ändern. Wo man merkt, dass es immer weniger gibt, entdeckt man die Familienpolitik und verspricht, Männern und Frauen wieder Lust auf Kinder zu machen. Aber mehr Kindergeld ist noch keine Familien- und erst recht noch keine Kinderpolitik. Dazu gehört mehr, ein grundsätzliches Umdenken und In-Frage-Stellen der Lebensgewohnheiten und des Verhältnisses der Generationen. Schließlich sind es die Kinder, die in Zukunft mit dem Leben müssen, was Erwachsene ihnen heute anrichten.
Welche Folgerungen ziehen wir daraus für Bildung und Erziehung?
1.
Die Jugendhilfe, die in Tageseinrichtungen für Kinder beschäftigten Erzieherinnen müssen politischer werden. Sie müssen Lobby sein für Kinder. Nicht nur deklamatorisch, sondern vor allem konkret in der Wiedergewinnung einer kinderfreundlichen Lebensumwelt.
2.
Die Jugendhilfe muss ihre Angebote an den Bedürfnissen der Kinder- und Jugendlichen, aber vor allem auch - und dies stärker als bisher - an Familien ausrichten. Und noch mehr: Sie muss sie an Familien richten, d.h. ihnen konkrete Hilfen geben. Beratung allein reicht nicht. Das kann vom Sprachkurs für ausländische Mütter bis zum "Erziehungsführerschein" für Eltern gehen.
3.
Die Jugendhilfe darf nichts tabuisieren. Den Reichtum der Vielfalt genießen heißt auch, zulassen können, was Kinder bewegt. Die Jugendhilfe muss Kindern Angebote zur Gestaltung ihres Lebens machen. Ohne pädagogischen Zeigefinger.
4.
Erziehung und Bildung müssen ein grundsätzlich anderes Verständnis ihrer Angebote entwickeln. Das Verabreichen von Wissen in kleinen Portionen mit anschließender Prüfung ist noch keine Bildung. Gebraucht wird nicht das Nachsagen von Antworten auf Fragen Anderer, sondern das Entdecken von eigenen Fragen und das Entwickeln und Diskutieren von Lösungen.
5.
Die Jugendhilfe muss sich zu einem Lernort entwickeln. Die Tageseinrichtung für Kinder ist keine Aufbewahrungsstätte und das Jugendzentrum mehr als ein Billiardraum, in dem der Ball so lange von Bande zu Bande läuft bis er ins Loch fällt. Die Qualität sozialpädagogischer Arbeit muss sich darin beweisen, was sie für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen beiträgt.
6.
Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern stellt der deutsche Kindergarten bezüglich der Bedingungen zur Erfüllung des Bildungsauftrages ein Schlusslicht dar. Deutschland ist eine der letzten Bastionen, die sich als resistent gegen Reformen in der Erzieherausbildung mit Hochschulniveau zeigt. Das Land Baden-Württemberg steigert die Unwilligkeit zu Reformen noch, indem es sich - nach unserer derzeitigen Informationslage - aus Kostengründen weigert, die KMK-Rahmenvereinbarung über eine quantitative und qualitative Verbesserung der Ausbildung umzusetzen. Außerdem gibt es im Ländle keinen Lehrstuhl für Elementarpädagogik, also kaum Forschungen über einzelne Projekte hinaus.
7.
Die Arbeitsbedingungen von Erzieherinnen verschlechtern sich deutlich. Nicht nur in Stuttgart wird die Diskussion um die Erhöhung der Kinderzahlen pro Gruppe geführt, die Ansprüche an die Fachkräfte dem jeweiligen sozialpolitischen "Modethema" angeglichen. Immer mehr Zweitkräften wird die Vorbereitungszeit gestrichen, und Jahresarbeitsverträge sind in manchen Regionen schon die Regel.
8.
Erziehungs- und Bildungsprozesse geraten immer mehr unter Zeitdruck. Aber Grundlagen wie psychische Stabilität und soziale Kompetenzen lassen sich nicht beschleunigen. Diese Prozesse lassen sich nicht mit so wenig Personal und so effizient wie möglich umsetzen.
9.
Es gibt keine gesetzlich festgelegten Standards oder Mindestbedingungen über die Qualität von Kindertageseinrichtungen. Die Bedingungen, unter denen die Bildungseinrichtungen arbeiten, sind abhängig vom jeweiligen Träger bzw. von deren politischen und finanziellem Willen. Die in Baden-Württemberg möglicherweise anstehende Kommunalisierung der Finanzierung von Kindergärten würde das Land aus der Verantwortung nehmen.
Ihr Kontakt zum GEW-Hauptvorstand
Email: eibeckb@gew.de
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