Rezension

Irmela Wiemann: Wie viel Wahrheit braucht mein Kind? Von kleinen Lügen, großen Lasten und dem Mut zur Aufrichtigkeit in der Familie. Hamburg: rororo, 5. Aufl. 2011, 240 Seiten, EUR 9,99 - direkt bestellen durch Anklicken


Die Autorin, bekannt durch ihre engagierten Bücher über Pflege- und Adoptivfamilien, plädiert in diesem Buch für einen möglichst aufrichtigen und wahrheitsgetreuen Umgang mit Kindern und Jugendlichen.

Im ersten Teil des Buches geht es um den Umgang mit der Wahrheit in ganz normalen Alltagssituationen. Hier wird auf viele Themen eingegangen, die u.a. bei der Arbeit mit Kindern im Kindergarten von Bedeutung sind: Wie kann man Vorschulkindern kindgerecht und wahrheitsgetreu erklären, wo die Babys herkommen? Wie kann man heute angemessen mit traditionellen Figuren wie Nikolaus, Christkind und Osterhase umgehen? Wie kann man dem kindlichen Bedürfnis nach Geschichten, Fantasiegestalten und Magie gerecht werden und gleichzeitig vermeiden, kleine Kinder in ihrer Wahrnehmung der Realität zu verunsichern?

Bei all diesen Überlegungen wird deutlich, dass wir Erwachsenen die kindliche Entwicklung beeinträchtigen können, wenn wir die Unwahrheit sagen oder in unserem Sprachgebrauch Realität und Fantasie nicht klar voneinander trennen. Sehr kleine Kinder können nur dann ein stimmiges Weltbild entwickeln, wenn sie immer wieder ihre Wahrnehmung der Realität mit der ihrer Bezugspersonen vergleichen und in Einklang bringen können. Auch durch scheinbar kleine Unwahrheiten werden sie nachhaltig irritiert und verunsichert. Wenn wir uns jedoch spielerisch auf die magische Vorstellungswelt von Kindern einlassen, wenn wir Märchen, Geschichten und Fantasiefiguren als solche kenntlich machen und gegenüber der tatsächlichen Realität deutlich abgrenzen, können schon sehr kleine Kinder lernen, Fantasie und Wirklichkeit sicher zu unterscheiden.

Im zweiten und dritten Teil des Buches werden anhand von einzelnen Fallgeschichten viele konkrete Möglichkeiten aufgezeigt, wie Erwachsene Kindern bei der Verarbeitung schwieriger Lebensumstände oder schmerzhafter Ereignisse helfen können. Hier geht es z.B. um Kinder, deren Eltern sich getrennt haben, Kinder von Alleinerziehenden, Kinder in Stieffamilien, Kinder in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften oder Kinder, die von ihren leiblichen Eltern getrennt wurden und die bei ihren Großeltern bzw. in Pflege- oder Adoptivfamilien leben. Sogar auf die Frage, ob und wie man Kindern ihre Entstehung erklärt, wenn sie durch künstliche Befruchtung entstanden sind, wird eingegangen.

Hier wird deutlich, warum Erwachsene auch in Bezug auf kritische und problematische Themen offen und aufrichtig mit den ihnen anvertrauten Kindern umgehen sollen. Es wird davon ausgegangen, dass das Geheimhalten und Tabuisieren bestimmter Themenbereiche viel schlimmere Folgen haben kann als das schonende und kindgerecht aufbereitete Offenlegen der Wahrheit.

Die Beispiele zeigen, dass es oft gar nicht möglich ist, Dinge zu verheimlichen, selbst wenn die Beteiligten es noch so sehr versuchen. Häufig kommt die Wahrheit irgendwann doch ans Licht, weil in der Regel Dritte Bescheid wissen und das Kind womöglich ohne das Wissen oder das Einverständnis der Bezugspersonen über den geheim gehaltenen Sachverhalt aufklären. Das Verheimlichen wird vom Kind als schwerwiegender Vertrauensbruch erlebt und kann gravierende Auswirkungen auf die Eltern-Kind-Beziehung haben. Es kann auch dann zu Beziehungsstörungen zwischen Eltern und Kindern kommen, wenn das Kind spürt, dass in der Familie über bestimmte Themen überhaupt nicht gesprochen wird, dass bestimmte Fragen nicht gestellt werden dürfen oder unangemessen heftige Reaktionen beim Befragten auslösen.

Unter verschiedenen Gesichtspunkten wird besonders auf die Situation von Pflege- bzw. Adoptivkindern eingegangen. Es wird dafür plädiert, von einer Herausnahme betroffene Kinder mit all ihren ambivalenten Gefühlen ernst zu nehmen. Die Gründe für die Trennung von der Herkunftsfamilie sollten von den Beteiligten möglichst offen benannt werden. Wichtig hierbei ist, dass die Herkunftseltern trotz ihres erzieherischen Versagens nicht von den neuen Bezugspersonen abgewertet werden. Bei der Kontaktanbahnung bzw. Vermittlung in eine neue Familie soll für möglichst weiche Übergänge gesorgt werden, damit Kindern nicht mehrfach die Erfahrung einer abrupten Trennung zugemutet wird. Dies gilt auch für den Fall einer Rückkehr in die Herkunftsfamilie. Mit Pflegekindern sollte immer wieder über die weitere Perspektivplanung gesprochen werden, damit sie eine Orientierung erhalten und erfahren, wie sehr sie sich auf ihre neue Familie einlassen und dort zugehörig fühlen dürfen. Auch wenn klar ist, dass sie dauerhaft in der Pflege- bzw. Adoptivfamilie bleiben können, soll ihnen erlaubt werden, positive Gefühle zu ihren früheren Bezugspersonen zu bewahren und u.U. auch Kontakte zu diesen zu pflegen.

Im vierten Teil des Buches beschäftigt sich die Autorin mit der Frage, wie man tragische Ereignisse wie z.B. den Tod oder die Tötung eines Elternteils möglichst feinfühlig und kindgerecht vermitteln kann. Es werden zehn Schritte beschrieben, die Kindern dabei helfen können, sehr gravierende Erlebnisse zu verstehen und zu bearbeiten. Dabei wird vorausgesetzt, dass Kinder weitaus belastbarer sind als häufig angenommen wird. Es wird aber auch darauf hingewiesen, dass ein aufrichtiger Umgang mit problematischen Themen erst dann anzuraten ist, wenn der Erwachsene diese möglichst konstruktiv bearbeitet hat und sich in der Lage fühlt, offen über seine Gefühle zu sprechen. Dabei darf er dem Kind nicht unterschwellig eine Mitverantwortung für seine eigenen Gefühle aufbürden oder es in eigene Konflikte mit hinein ziehen.

Im letzten Teil wird empfohlen, Heranwachsenden, die starke Umbrüche oder Krisen in ihrer Entwicklung erlebt haben, durch Erstellung eines Lebensbuches oder Lebensbriefes eine Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte zu ermöglichen. Das Kapitel enthält eine konkrete Vorlage für die Anfertigung eines Lebensbuches. Die aufgeführten Beispiele verschiedener Lebensbriefe machen nachvollziehbar, welche Hilfe sie für Kinder bei der Bearbeitung ihrer Biographie darstellen können.

Abschließende Bewertung

Irmela Wiemann befasst sich in ihrem Buch mit vielen wichtigen Themenbereichen, die bei einem authentischen Umgang mit Kindern und Jugendlichen von Bedeutung sind. Dabei spart sie auch schwierige und belastende Themen nicht aus. Sie zeigt modellhaft Wege auf, die helfen können, offen und aufrichtig mit Kindern zu sprechen, ohne dabei berechtigte und notwendige Grenzen zwischen Erwachsenen- und Kinderwelt zu verletzen. Ihr Ansatz wird anhand vieler konkreter Verhaltensvorschläge und Fallbeispiele aus unterschiedlichsten Lebensbereichen sehr lebendig dargestellt und wirkt dadurch einleuchtend und nachvollziehbar. Bei allen Fallbeschreibungen nimmt die Autorin konsequent den Blickwinkel der betroffenen Kinder ein. Dadurch wird man als Leser/in immer wieder angeregt, sich sozusagen ?in Augenhöhe zu begeben? und die Dinge aus der Perspektive des Kindes zu betrachten.

Wie in ihren anderen Büchern hat Frau Wiemann auch hier wieder den richtigen Ton getroffen. Sie stellt zwar hohe Anforderungen an die Fähigkeiten von Eltern bzw. anderen erwachsenen Bezugspersonen. Dabei ist es jedoch nicht ihre Absicht, Leser oder Leserinnen zu kritisieren oder ihnen ihre eigene Unfähigkeit vor Augen zu halten. Sie weist ausdrücklich darauf hin, wie schwierig im Einzelfall ein ehrlicher, aufklärender Umgang mit Heranwachsenden für die beteiligten Erwachsenen sein kann. Sie betont, dass diese hierbei ggf. selbst kompetente Hilfestellung bzw. fachliche Beratung benötigen. Erwachsene, die mit den ihnen anvertrauten Kindern den von Irmela Wiemann aufgezeigten Weg gehen wollen, brauchen viel Mut und die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Sie müssen sich ihren eigenen Gefühlen stellen, ggf. ihre eigene Trauer bearbeiten, zunächst selbst mit gewissen Krisensituationen ihres Lebens ins Reine kommen.

Unter diesen Voraussetzungen kann eine befriedigende Beziehung ohne Tabus zwischen Erwachsenen und Kindern gelingen und zu einem stabilen Vertrauensverhältnis und gegenseitiger Achtung führen.

Ein sehr lesenswertes Buch, das an vielen Stellen unter die Haut geht.

Andrea Schoch-Fingskes