Die "PISA"-Studie

Martin R. Textor

 

Spätestens seit der Berliner Rede des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog von 1997 wissen wir, dass das deutsche Bildungssystem viele Mängel aufweist. Kurze Zeit später verdeutlichte die TIMMS (Dritte Internationale Mathematik- und Naturwissenschaftsstudie), dass deutsche Schüler/innen der Jahrgangsstufen 7 und 8 schlechtere Leistungen bei Tests erbrachten als Kinder aus vielen der übrigen 44 teilnehmenden Ländern. Jedes Mal gab es eine große Aufregung bei Bildungspolitiker/innen - zu nennenswerten Verbesserungen des Bildungssystems kam es aber nicht. Nun liegen die Ergebnisse der weltweit größten Schulleistungsuntersuchung "PISA" (Programme for International Student Assessment) vor, an der im Jahr 2000 rund 180.000 Jugendliche im Alter von 15 Jahren teilnahmen. Und wieder ist die Aufregung groß: Das Schulsystem der Bundesrepublik hat ein katastrophales Zeugnis erhalten: Deutschland kam auf den 25. Platz - bei 32 teilnehmenden OECD-Ländern.

Der internationale Vergleich

Beim Lesen und Verstehen von Texten kamen deutsche Schüler je nach Sparte auf Rang 21 bis 25. In der Mathematik-Grundbildung erreichten sie Platz 20 bis 22. Nicht viel anders sieht es bei den Naturwissenschaften aus, wo sie auf Rang 19 bis 23 landeten. Deutsche Schüler taten sich besonders mit anspruchsvollen Aufgaben schwer, bei denen es um Reflektieren, Bewerten und Anwenden von bisherigem Wissen ging. Diese Ergebnisse zeigen, dass deutsche Kinder nicht über - sondern unterfordert sind - trotz aller Betonung von Notendruck, Schulstress usw.

Im OECD-Durchschnitt erreichten 10 Prozent der Schüler beim Lesen die höchste Kompetenzstufe V. In Australien, Kanada, Finnland, Neuseeland und Großbritannien waren dies sogar 15 Prozent. Diese Schüler sind in der Lage, extrem schwierige Texte zu verstehen und daraus Folgerungen zu ziehen. Die deutschen Schüler landeten mit neun Prozent unter dem Durchschnitt der OECD-Länder. Lesen können ist auch in der Epoche des Computers von zentraler Bedeutung - bei der Flut an Informationen im Internet kann nur derjenige die relevanten Daten schnell herausfiltern, der "gut" liest und "schnell" versteht. Und das lernt man nicht durch Computerspiele und Fernsehen...

Bei den schwachen Schülern erreichten deutsche Schüler negative "Spitzenwerte": 9,9 Prozent schaffen nicht mal Stufe I (OECD-Schnitt: sechs Prozent). Damit lag Deutschland auf dem viertletzten Platz. Schlechter waren nur noch Luxemburg, Mexiko und Brasilien. Weitere 12,7 Prozent in Deutschland erreichten gerade mal die unterste Niveaustufe I und erfüllten damit die minimalsten Voraussetzungen. Deutschland hatte auch die größte Spannweite zwischen guten und schlechten Schülern. Hinzu kam ein extrem großes Qualitätsgefälle zwischen einzelnen Schulen.

In keinem anderen Industrieland war die soziale Herkunft so entscheidend über den Schulerfolg wie in Deutschland. Anders als Staaten wie Kanada, Finnland, Japan, Korea und Schweden schafft es das deutsche Schulsystem nicht, herkunftsbedingte Lern-Nachteile auszugleichen. Kinder aus Akademikerfamilien haben eine viermal größere Abiturchance als Kinder aus Facharbeiterfamilien. Selbst Unterschichtkinder mit besten Leistungen bleiben in der Hauptschule und wechseln nicht in weiterführende Schulen.

Deutschland fördert die Ausländerkinder schlechter als andere Industrienationen mit ähnlichem Ausländeranteil. Kein Wunder, dass rund 60% die Hauptschule besuchen - und ein Drittel von ihnen diese ohne Abschluss verlässt. Gut sind dabei Norwegen, Schweden, Österreich und die Schweiz. Bereits im Kindergarten gibt es mehr Förderung; hinzu kommen Ganztagsschulen und zusätzlicher Sprachunterricht.

Deutschland investiert pro Schüler für die ersten zehn Schuljahre mit rund 42.000 Dollar (kaufkraftbereinigt) etwas weniger als der Schnitt der anderen Industriestaaten (44.000 Dollar). Krasser sind dagegen die Unterschiede im Primarbereich (Klasse eins bis vier) beziehungsweise bei der Vorschulerziehung, wo Deutschland wesentlich weniger als andere Industriestaaten ausgibt. Staaten wie Korea, Irland oder Großbritannien erreichen mit vergleichbaren oder niedrigeren Bildungsausgaben deutlich bessere Ergebnisse.

Im Rahmen der "PISA"-Studie wurden auch die Schüler/innen direkt befragt. Zum einen ging es um die Frage, inwieweit die Eltern ihre (schulische) Entwicklung fördern. Auch hier schneidet Deutschland schlecht ab: Nur etwas mehr als 40% der deutschen Schüler/innen gaben an, dass ihre Eltern regelmäßig mit ihnen über ihre schulischen Leistungen reden - der OECD-Durchschnitt lag bei 51,2%, der Wert für italienische Eltern sogar bei gut 60%! Ferner berichteten von den deutschen 15-Jährigen nur 41%, dass ihre Eltern regelmäßig mit ihnen persönliche Gespräche führen, und gerade einmal 16%, dass sie mit ihnen mehrmals pro Woche über Bücher, Filme oder Fernsehen reden. In anderen Ländern zeigten die Eltern bei weitem mehr Interesse. Zum anderen wurden die Schüler/innen nach ihren Erfahrungen mit den Lehrer/innen gefragt. Deutsche Jugendliche waren weitaus häufiger als Schüler/innen aus anderen OECD-Staaten der Meinung, dass ihre Lehrer/innen sie zu wenig beim Lernen unterstützen, kaum auf ihre individuellen Bedürfnisse eingehen, zu oft fehlen und generell nicht am Lernerfolg aller Schüler/innen in der Klasse interessiert sind.

Der innerdeutsche Vergleich

Ende Juni 2002 wurde der von den Kultusminister/innen gewünschte innerdeutsche Vergleich "Pisa-E" veröffentlicht, für den zusätzlich zur internationalen Studie 50.000 Schüler/innen getestet wurden. In Hamburg und Berlin beteiligten sich jedoch zu wenig Schüler/innen, sodass diese beiden Stadtstaaten nicht berücksichtigt werden konnten (außer beim Gymnasialvergleich).

Bayern liegt in der Gesamtwertung in allen drei Kategorien (Lesekompetenz, mathematische und naturwissenschaftliche Grundbildung) mit deutlichem Abstand vor den anderen Bundesländern. Schlusslichter sind Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Bremen.

Bei der Lesekompetenz der 15-Jährigen aller Schularten erreichte Bayern mit 510 Punkten den ersten Platz, gefolgt von Baden-Württemberg und Sachsen (500 und 491 Punkte). Die weitere Rangfolge: 4. Rheinland-Pfalz, 5. Saarland, 6. NRW, 7. Thüringen, 8. Schleswig-Holstein, 9. Hessen, 10. Niedersachsen, 11. Mecklenburg-Vorpommern, 12. Brandenburg, 13. Sachsen-Anhalt, 14. Bremen (448 Punkte).

Bei der naturwissenschaftlichen Grundbildung der 15-jährigen aller Schularten erlangte Bayern 508 Punkte vor Baden-Württemberg (505 Punkte) und Sachsen (499 Punkte). Die weiteren Plätze: 4. Thüringen, 5. Rheinland-Pfalz, 6. Schleswig-Holstein, 7. Saarland, 8. Hessen, 9. Mecklenburg-Vorpommern, und NRW, 10. Niedersachsen, 11. Sachsen-Anhalt, 12. Brandenburg, 13. Bremen (461 Punkte).

Bei den mathematischen Kompetenzen der 15-Jährigen kam Bayern auf Platz 1 mit 516 Punkten, dicht gefolgt von Baden-Württemberg (512 Punkte) und Sachsen (501 Punkte). Die weitere Rangfolge: 4. Thüringen, 5. Schleswig-Holstein, 6. Rheinland-Pfalz, 7. Saarland, 8. Hessen, 9. Mecklenburg-Vorpommern, 10. NRW, 11. Niedersachsen, 12. Sachsen-Anhalt, 13. Brandenburg, 14. Bremen (452 Punkte).

Der internationale Mittelwert lag allerdings bei 500 Punkten. Die Studie verdeutlicht damit noch einmal das miserable deutsche Abschneiden im internationalen Vergleich. Bayern hätte mit einem 10. Platz als einziges deutsches Bundesland das obere Leistungsdrittel der 31 getesteten Industriestaaten erreicht. Der Freistaat läge damit zwischen Schweden und Österreich. Baden-Württemberg erreichte genau den Durchschnitt aller 31 OECD-Staaten - die anderen deutschen Bundesländer lagen alle unterhalb des Durchschnittswertes. Bremen als Schlusslicht wäre nur auf den 29. Platz gekommen, zwischen Lettland und Luxemburg.

Wie bei den Ergebnissen für die Bundesrepublik waren auch bei den Länderergebnissen Kinder aus unter sozialen Schichten und Migrantenkinder benachteiligt. Allerdings gab es auch hier erhebliche Unterschiede zwischen den Bundesländern. So war z.B. bei der Lesekompetenz die soziale Streuung in Sachsen, Baden-Württemberg, Bayern und Thüringen gering - im Gegensatz zu Bremen, Hessen und Niedersachsen. In Baden-Württemberg und Bayern erreichten auch Migrantenkinder bessere Leistungen.

Pisa-E zeigt somit, dass CDU- bzw. CSU-regierte Bundesländer besser abschneiden als SPD-regierte. Damit dürfte die lange Diskussion um die Gesamtschule ein Ende haben - diese erbringt eindeutig schlechtere Leistungen als das Gymnasium.

Die extrem unterschiedlichen Länderergebnisse verdeutlichen ein Scheitern des Bildungsföderalismus. Wenn die Qualität der Schulbildung in den einzelnen Bundesländern so stark variiert, kann nicht von gleichen Bildungs- und Lebenschancen gesprochen werden. Damit wird letztlich sogar gegen das Grundgesetz verstoßen!

Die Konsequenzen

Und welche Konsequenzen werden nun gezogen werden? Kommt es endlich zu einer grundlegenden Kehrtwende in der Bildungspolitik? Findet jetzt ein "föderaler Befreiungsschlag" statt, durch den die Reformunwilligkeit der Bundesländer, Gewerkschaften, Interessenverbände und Schulen behoben wird? Wird der Wettbewerb zwischen den Ländern, aber auch zwischen Kindertageseinrichtungen, Schulen und Universitäten gefördert werden? Wird mehr Geld investiert, damit Kindergartengruppen und Schulklassen verkleinert werden können? Und konkreter:

  • Wird der Kindergarten endlich zu einer Bildungseinrichtung, in dem nicht nur Spielen, Basteln und Malen wichtig sind, sondern auch kognitive Förderung sowie mathematische, technische und naturwissenschaftliche Angebote?
  • Oder kommt die frühere Einschulung - wie z.B. schon in Bayern schrittweise eingeführt und eventuell in Baden-Württemberg geplant -, weil Kinder nur in der Schule richtig "gebildet" werden?
  • Werden Sprachkurse mit speziell ausgebildeten Pädagog/innen für ausländische Kinder im Kindergarten und Förderunterricht für sie in der Grundschule eingeführt?
  • Muss bald jeder Schüler pro Schuljahr eine bestimmte Anzahl von Büchern lesen?
  • Werden Mindeststandards, z.B. für Leseverständnis, formuliert und deren Erreichen mit Hilfe von nationalen Tests überprüft?
  • Wird die Ganztagsschule wie in nahezu allen anderen OECD-Ländern eingeführt?
  • Werden neue pädagogische Konzepte in den Bildungseinrichtungen einziehen, die z.B. in Kindertageseinrichtungen die Fokussierung auf Spiel und Sozialverhalten überwinden und in Schulen zu einer ganzheitlichen Förderung der Kinder, zur Schwerpunktsetzung auf Lernverhalten und Problemlösefertigkeit anstatt Noten und zur Entflechtung der Unterrichtszeiten führen?
  • Werden Kinder aus unteren sozialen Schichten eine besondere Förderung erfahren und werden ihre Eltern angehalten, sie bei guten Leistungen auf weiterführende Schulen zu schicken?
  • Werden auch gute Schüler/innen (Elite) unterstützt, indem sie mit höheren Anforderungen konfrontiert werden?
  • Wird die Lehrerbildung endlich praxisnah gestaltet - und die Ausbildung von Erzieher/innen angehoben?
  • Werden Fortbildungsprogramme entwickelt werden, die überprüfbar zu einem besseren Erziehen und Bilden seitens der Erzieher/innen und Lehrer/innen führen - und zu deren Professionalisierung?
  • Werden Lehrer/innen angehalten werden - und wird es ihnen auch gelingen -, mehr Anteil am Leben ihrer Schüler/innen zu nehmen und sie beim Lernen individuell zu unterstützen?
  • Wie werden die Eltern eingebunden werden, die eine große Vorbildwirkung haben (Schauen sie nur fern?) und den Schulerfolg ihrer Kinder durch das Zeigen von Interesse, das Überprüfen der Hausaufgaben und Nachhilfeunterricht mitbestimmen können?
  • Werden Eltern durch Elternarbeit und Familienbildungsangebote motiviert werden, mehr persönliche Gespräche mit ihren Kindern zu führen und sich intensiver um sie zu kümmern?

Wir dürfen gespannt - und pessimistisch - sein. Wir sollten genau beobachten, was z.B. in der Kultusministerkonferenz (KMK) bzw. in den Sozial- und Kultusministerien der Länder entschieden werden wird - und was davon dann wirklich in Kindertageseinrichtungen, Schulen und Universitäten umgesetzt werden wird. Denn wir wissen ja: Papier ist geduldig...