Aus: Sozialpädagogisches Forum in der KEG 1997, Heft 5, S. 1-4 (vom Autoren leicht gekürzte Fassung)

Der Situationsorientierte Ansatz der 90er Jahre - Grundlage für eine humanistisch geprägte und professionell gestaltete Elementarpädagogik

Armin Krenz

 

1. Ein Vorwort in eigener Sache

Der 'Situationsorientierte Ansatz der 90er Jahre' hat viele bisherige Positionen in der Elementarpädagogik neu ins Gespräch gebracht. Auf der einen Seite fühlen sich einige Wissenschaftler, ErzieherInnen und Fachschullehrer in ihren Gedankengängen bestätigt und erleben die Weiterentwicklung der Kindergartenpädagogik als hilfreich und notwendig. Auf der anderen Seite gibt es ErzieherInnen, FachschullehrerInnen und Wissenschaftler, die sich mit diesem Ansatz gar nicht anfreunden können/ wollen. Der Situationsorientierte Ansatz der 90er Jahre hat weder den Anspruch, ein 'Allheilmittel in der Pädagogik' zu sein, noch stellt er einen Alleinvertretungsanspruch in den Mittelpunkt seiner Ausführung. Vielmehr befaßt er sich mit ernsthaften Gedanken, in welchen Welten Kinder heute aufwachsen und wie aus seinem Verständnis heraus eine Elementarpädagogik gestaltet werden kann, um Kinder in ihrer Entwicklung aktiv zu unterstützen. Es ist erfreulich, wenn Wissenschaftsvertreter und PraktikerInnen unterschiedlicher Richtungen einen konstruktiven Dialog suchen, selbst bei stark gegensätzlichen Positionen.

2. Grundpositionen des Situationsorientierten Ansatzes der 90er Jahre (S.o.A.)

Grundlage für den S.o.A. sind die Lebenswelten der Kinder, ihre besonderen Biographien und ihre originären Lebensbedingungen, unter denen sie aufwachsen. Dabei wird davon ausgegangen, daß Kinder in der heutigen Zeit mit Lebensstrukturen groß werden, die ihnen eine aktive Teilnahme am Leben selbst immer stärker erschwert, und sie die Möglichkeit haben müssen, ihr eigenes Leben zu begreifen, zu verstehen. Kinder voller medialer und konsumorientierter Eindrücke, aufgewachsen in Bedingungen eingeschränkter Handlungsmöglichkeiten, zerrissener Zeiten und stark begrenzter Räume, einem Hin- und Hergerissensein zwischen Spannung und Entspannungssuche, Hektik und dem Wunsch nach Ruheerlebnissen sowie der Reizüberflutung und einer zunehmenden Außenorientierung brauchen aus Sicht des S.o.A. die Möglichkeit, sich mit vergangenen Eindrücken, Erlebnissen und Erfahrungen konstruktiv auseinanderzusetzen. Damit ist der S.o.A. vergangenheitsorientiert, um durch eine Verarbeitung (= nochmalige Beschäftigung) mit Wahrnehmungseindrücken eine seelische Entlastung zu finden! Kinder bauen in den ersten Lebensjahren ihre subjektiven Lebenspläne (= Grundmuster mit der Suche nach Befriedigung elementarer Bedürfnisse) auf, die sie ein Leben lang behalten, wenn sie nicht verändert werden. Diese Lebenspläne dienen dabei als Grundlage für Gruppenprojekte. Sie zu erkennen ist dadurch möglich, die sechs Aus-drucks-formen (Malen/Zeichnen, Verhalten, Sprache/Sprechen, Spiel, Bewegung, ggf. Träume) in ihrem Erzähl-wert zu verstehen, was ein hohes Maß an entwicklungspsychologischem/-pädagogischem Wissen erfordert.

Projekte im S.o.A. zielen damit auf die Lebensthemen der Kinder und orientieren sich notgedrungen nicht mehr an erwachsenen-orientierten Außenthemen, wie es lange Zeit in elementarpädagogischen Einrichtungen der Fall war/teilweise ist. Daß dabei das soziale Umfeld mit all seinen Wertigkeiten Berücksichtigung findet, versteht sich von selbst. Diese Projekte im S.o.A. sind strukturierte Arbeitsvorhaben und haben mit einer Laissezfaire-Pädagogik nichts gemeinsam. Vielmehr werden Kinder bei der Nennung von Beispielen, die im Kreis gemeinsam gesammelt werden und als Grundlage für die praktischen Projektinhalte dienen, aktiv beteiligt. Während der Projektdurchführung kommen Lieder und Werktätigkeiten (mit dem ganzen 'didaktischen Handwerkszeug der ErzieherInnen') nicht zu kurz. Allerdings ordnen sich diese besonderen Aktivitäten dem Projektschwerpunkt zu (und nicht umgekehrt). Der S.o.A. versteht sich in seiner Ganzheit als eine sinnverbundene Arbeit. D.h., daß er von Anfang an großen Wert auf eine Entscheidung für oder gegen diesen Ansatz verlangt, weil eine Pro-Entscheidung immer ein bestimmtes Vorgehen erforderlich macht. Nach einer qualitativen Bestandsaufnahme bisheriger Praxis und einer konstruktiven Auseinandersetzung mit allen anderen, aktuellen Ansätzen (hier sei vor allem der 'Situationsansatz', der 'Situative Ansatz', der 'lebensbezogene Ansatz', der 'kindzentrierte Ansatz', der 'offene Kindergarten', die 'Montessori-Pädagogik', die 'Reggio-Pädagogik' und die 'Pädagogik des Dr. Janusz Korczak' erwähnt) ergibt sich bei dem Vergleich sehr rasch ein Bild einer jeden Richtung, wenn vor allem folgende Fragen beantwortet werden: Welches Menschenbild vom Kind legt der Ansatz offen? Stimmen Menschenbild und die inhaltlichen Aussagen des Ansatzes überein? Welches Rollenverständnis wird der Erzieherin zugedacht? Welche Kinderrechte - entsprechend der UNO-Charta Rechte der Kinder - werden effektiv berücksichtigt? Findet eine ganzheitliche Entwicklungsunterstützung der Kinder statt oder sind die Tagesabläufe/Entwicklungsbereiche funktionalisiert? Welche Handlungskompetenzen werden von den ErzieherInnen in den jeweiligen Ansätzen verlangt? Geht der Ansatz von einem pädagogischen Optimismus oder einer Defizitsichtweise der Kinder i.S. eines pädagogischen Pessimismus aus? Hat der jeweilige Ansatz einen berufspolitisch deutlich geprägten Hintergrund? Fordert der Ansatz eine kontinuierlich-qualitative Weiterentwicklung der pädagogischen Fachkräfte? Wie ist der Erziehungs-, Bildungs- und Betreuungsauftrag in den jeweiligen Ansätzen klar formuliert und wie sieht es mit der Deckungsgleichheit mit den Zielen/ inhaltlichen Schwerpunkten/ entwicklungspsychologischen Grundlagen für das kindliche Lernen aus? Inwieweit sind die Daten heutiger Kindheiten in den jeweiligen Ansätzen klar und unmißverständlich integriert? Was finden Kinder in den jeweiligen Ansätzen an inhaltlicher Ausrichtung, was sie für eine Entwicklung zur Selbständigkeit, Solidarität, Identität, Selbstsicherheit und für eine kompetente Lebensgestaltung brauchen? Der S.o.A. gründet sein Selbstverständnis auf festen Eckwerten, die ihn einerseits selbst und die MitarbeiterInnen stabil sein lassen, auf der anderen Seite ist er damit vor neuen, unreflektierten und modernistischen Theorien, Tendenzen und Strömungen gewappnet. Gleichzeitig schafft er inhaltliche Kernaussagen, die ihn faßbar machen und für eine inhaltliche Diskussion dispositionieren. Vorausgesetzt, andere machen sich die Mühe diesen Ansatz in seiner Klarheit Differenzierung und Sinnverbundenheit sowie den entwicklungspsychologischen/-pädagogischen Basiswerten wirklich verstehen zu wollen.

3. Eckwerte im Situationsorientierten Ansatz der 90er Jahre

Die Praxis des S.o.A. setzt sich nach Klärung der o.g. Grundpositionen mit den not-wendigen, arbeitsbegleitenden Vorbereitungen für eine qualitativ-anspruchsvolle Projektarbeit ein. Diese können hier nur skizzenhaft erwähnt werden: Erarbeitung, Erörterung und Festlegung des notwendigen Rollenverständnisses der pädagogischen Fachkräfte, Diskussion und Erwerb der für diesen Ansatz notwendigen Handlungskompetenzen in der Praxis wie etwa Mut, Risikobereitschaft, Klarheit im Denken, Erweiterung des entwicklungspsychologischen/-pädagogischen Wissens, Ausbau der Sozialkompetenz, berufspolitisches Engagement, personorientierte Selbstreflexion...; Auseinandersetzung mit den UNO-verbrieften Kinderrechten und Übertrag auf die Praxis vor Ort; Bestandsaufnahme und kontinuierliche Verbesserung der Teamarbeit; Erstellung bzw. Überarbeitung der inhaltlichen Einrichtungskonzeption; Erörterung und ggf. Aufwertung des Lebensbereichs 'Spiel'; Bestandsaufnahme und Intensivierung der vielfältigen Zusammenarbeitsformen mit anderen (sozial)pädagogischen/ therapeutischen Einrichtungen, den Ausbildungsschulen und sozialen Diensten, den Eltern und dem Träger sowie ggf. praxisorientierten Wissenschaftlern/innen; Bestandsaufnahme und ggf. Erweiterung der Einbeziehung des Gemeinwesens in die tägliche Praxis; Pflege bzw. Ausbau einer qualitätsorientierten Öffentlichkeitsarbeit; kindgerechte Gestaltung der Außen- und Innenräume des Kindergartens; Wahrnehmung qualifizierter Fort- und Weiterbildung mit thematischen Schwerpunkten, die eine berufliche Professionalität fördern. Der S.o.A. macht durch diese Eckwerte deutlich, daß er sich nicht als eine pädagogische Methode versteht, sondern als eine Grundsatzhaltung der Menschen, die sich entschieden haben, ihre Arbeit auf diese Arbeitsgrundlage auf-/auszubauen. Obgleich er keine Methode ist, wird deutlich, daß ein methodisches Arbeiten an erster Stelle steht. Sei es bei all' den Bestandsaufnahmen, sei es bei der Analyse der Ausdrucksformen und ihrem spezifischen Erzählwert, sei es bei der professionellen Gestaltung berufspolitischer Aktivitäten, der Gestaltung der Elternarbeit oder beim Aufbau der Projekte in der bekannten 7er Schrittfolge (von der Situationsanalyse zur Projektumsetzung). Der S.o.A. stellt dabei Werte (!) eines humanistischen Weltbildes in den Vordergrund, die es in dem täglichen Zusammenleben mit Kindern zu realisieren gilt: Respekt und Achtung vor der Einzigartigkeit und Individualität der Kinder, so daß der Kindergarten als ein Ort der Wertschätzung von Kindern erlebt wird; Struktur als Grundlage für eine sinn-volle Orientierungshilfe der Kinder, so daß der Kindergarten Sicherheit(en) vermittelt; Wahrung kindlicher Geheimnisse, so daß der Kindergarten als ein Ort des Vertrauens erfahren wird; Gewährleistung von Zeit, so daß der Kindergarten ein Ort ungeteilter Zeiten ist; Verständnis und Zuverlässigkeit in der Beziehungspflege mit Kindern, damit der Kindergarten ein Ort der Akzeptanz und Sicherheit(-sentwicklung) darstellt; Gewaltfreiheit in seelischen, kognitiven und körperlichen Bedingungen, damit der Kindergarten als ein Ort angstfreier Entwicklung erlebt wird; Bewegung und Ruhe zum Abbau von Streß und Irritationen, damit der Kindergarten ein Ort für Lebendigkeit und Entspannung ist; Schaffung von Erfahrungsräumen, so daß der Kindergarten zu einem Ort aktiver, bedürfnisorientierter (nicht wunschorientierter!) Erlebniserfahrung wird; Mitsprache und Beteiligung an gemeinsam abgesprochenen Regeln, um den Kindergarten zu einem Ort erfahrbarer Demokratie werden zu lassen; Gewährleistung von Freizeit, damit der Kindergarten Raum und Platz für Entwicklungen bereitstellt; Herstellung und Nutzung erfahrbarer Sinnzusammenhänge, so daß der Kindergarten ein Ort lebensnaher Wirklichkeiten ist, in dem Vernetzungen erlebbar werden (Stichwort Integration der Kinder, die durch Behinderungen, ihre Hautfarbe, ihre Nationalität... ansonsten stigmatisiert werden). Kinderrechte bzw. die dem Ansatz zugrundeliegende humanistische Haltung sind damit keine bloßen Absichtserklärungen. Wenn der S.o.A. propagiert, daß Kinder im Mittelpunkt gesehen werden, so zeigen sich die praktischen Konsequenzen im täglichen Umgang zwischen den MitarbeiterInnen und den Kindern. Das bedeutet auch, daß Werte in den unterschiedlichen Kulturbereichen (Spiel- und Sprachkultur, Eß- und Umgangskultur, Konflikt- und Kommunikationskultur, Wohn- und Werkkultur) aktiv gelebt werden, etwa dadurch, daß die Faszination aller 16 Spiel(haupt)formen genutzt, eine Sprech- und Sprachkultur bewußt gepflegt, eine Eßkultur genossen und eine kindangemessene Umgangskultur wertgeschätzt wird, eine Konfliktkultur bewußt erfahrbar gemacht und eine qualitativ-geprägte Kommunikationskultur zur täglichen Praxis erklärt wird, auf Wohnkultur geachtet und dem Werken ein deutlicher Vorzug vor dem Basteln eingeräumt wird. Dabei haben sinnisolierte Übungen ebenso wenig eine Chance, Beachtung zu finden wie Schablonenvorgaben, durch die per se der vorhandene Ideenreichtum von Kindern unterschätzt und in seiner Ausprägung unterbunden werden würde. Eine Sinnverbundenheit i.S. einer Verknüpfung von Innenbedürfnissen der Kinder (als primäre Motivation des Handelns) auf der einen Seite und der Bedeutung von Außenreizen (als sekundäre Erweiterung kindlicher Ausdrucksformen und Sichtweisen) auf der anderen Seite läßt Kinder zu jeder Zeit auch religiöse Werte erfahren. Dies geschieht allerdings nicht als eine isolierte religiöse Erziehung i.S. einer Glaubensvermittlung auf dem Hintergrund einer missionarisch-diakonischen Überzeugungsarbeit, sondern im Verständnis der Erfahrung eines lebendigen, personbezogenen, religiösen Werteerlebens. Unbestritten muß und sollten Kindergärten unter kirchlicher Trägerschaft das Recht und die Pflicht haben, eine Theologie des Kindes (Menschen) zu bestreiten, basierend auf den Werten des Neuen Testaments. Erinnert sei an dieser Stelle an das Beispiel, als die Jünger Jesu sich über ihre Größe und Würde aufhielten und Jesus ein Kind nahm, es neben sich stellte und sagte: "Wer ein solches Kind aufnimmt, nimmt mich auf" (Mark. 9). Kinder sind etwas Besonderes, das Kostbarste auf dieser Welt, und wenn wir sie nicht ernstnehmen bzw. ihnen Gewalt antun durch Taten oder Worte, so sagt Jesus: "Einen Mühlstein soll der um den Hals bekommen, der Kinder mißhandelt, und er soll im Meer ersäuft werden, wo es am tiefsten ist (Mt. 18). Religiöses Werteerleben beginnt im S.o.A. daher vom Kinde aus, bei seinen Lebensplänen/-themen, seinen Sorgen und Nöten, seinen Freuden und seinem Leid, seinen Fragen und Traurigkeiten, seiner Neugierde und seinen Ängsten. Kinder lernen sicherlich dann am besten, was Annahme ihrer Seelen bedeutet, wenn sie spüren (nicht nur hören), daß sie als Menschen begleitet werden. Daß sie es sind, die für weitergehende Impulse Verantwortlichkeiten bei Erwachsenen in Gang gesetzt haben und nicht Erwachsene mit Themen und Moralisierungen beginnen, bei denen Kinder sich alleine oder unverstanden fühlen. Religionspädagogik als eine Theologie vom Kinde aus versteht sich nicht als eine höhere Einsichtsvermittlung in besonders dafür arrangierte Atmosphären, sondern als ein Ernstnehmen der besonderen Kindersituationen und ein selbstverständliches Einflechten religiöser Werte, erfahrbar als Vertrauen, Vergebung, Befreiung, Liebe und Glück, Nachdenken und Güte. Das Evangelium ist eine frohe Botschaft, die Kindern und Erwachsenen gleichermaßen Mut macht, das Leben aktiv und verantwortungsvoll zu gestalten, Erfahrungen im Leben zu strukturieren und in alltäglichen Zusammenhängen umzusetzen, um aus einer pastoralen Theorie eine menschenbezogene Praxis zu machen. Um es noch deutlicher auf den Punkt zu bringen: das religiöse Erleben steht sicherlich in einem Widerspruch zu den Anforderungen einer "Unterweisung im Glauben", einem "Anbieten von religiösen Zusatzprogrammen" oder einer geforderte Einübung in kultisch-rituelle Frömmigkeits- und Konfessionsriten". Vielmehr schenkt eine lebendige Religionspädagogik den Kindern das Gefühl, sich in einer für sie immer fremder werdenden Welt aufgehoben und verstanden zu werden, erfahrbar durch die Integration des Evangeliums in alltägliche Erfahrungen, Erlebnisse und Situationen.

Zusammenfassung

Der S.o.A. hat wie kaum ein zweiter Ansatz in der Elementarpädagogik die Gemüter vieler ErzieherInnen, FachschullehrerInnen, WissenschaftlerInnen und Eltern, Träger und Einrichtungsvorstände erhitzt. Aus ungezählten Rückmeldungen scheint es dafür verschiedene Gründe zu geben: so plädiert er einerseits sehr offensiv für die Achtung elementarer Kinderrechte, auf der anderen Seite stellt er bisher 'heilige Kühe der Elementarpädagogik' inhaltlich in Frage. Gleichzeitig unternimmt er den Versuch, heutige Beobachtungen aus dem Feld der Kindheiten in eine Pädagogik zu kleiden, die aktuell, aber keineswegs modernistisch ist. Wer diese Unterscheidung nicht trifft, macht dies mit Absicht. Der S.o.A. ist ein konsequenter Weg, strukturiert mit Kindern zu arbeiten, allerdings auf der Grundlage entwicklungsbedingter Lebenspläne der Kinder und in einer Abkehr tradierter Außenthemen. Diese haben einen Selbstzweck für die Personen, die sie mit Macht umzusetzen versuchen. Der Ansatz erfordert den konsequenten Willen aller erwachsener Beteiligten, die vielfältigen Sinnverknüpfungen zu verstehen, um einer Begründung der Grundpositionen offen gegenüberstehen zu können. Der Ansatz lebt aus einer konsequenten Entscheidung für die notwendigen Eckwerte, in einer inhaltlichen, nicht beziehungsorientierten Abwägung von anderen Ansätzen und in Abgrenzungen zu irgendwelchen bildungspolitischen Strömungen (Stichwort: Waldkindergarten/ spielzeugfreier Kindergarten). Er unterstützt in handlungsorientierter Art und Weise den im Ansatz eindeutig definierten Erziehungs-, Betreuungs- und Erziehungsauftrag des Kindergartens und verlangt eine radikale Bestandsaufnahme heutiger elementarpädagogischer Praxis ebenso wie eine offensive Wissenschafts- und Praxisorientierung in allen Bereichen! Er beunruhigt die Menschen, die sich um das Wohl von Kindern sehr ernsthaft bemühen, und fordert täglich aufs Neue zu einem konstruktiven Dialog auf allen Ebenen auf. Und schließlich führt er die pädagogischen MitarbeiterInnen dazu, der Elementarpädagogik und sich selbst, der Einrichtung und Berufsgruppe ein Profil zu geben, um die Arbeit identisch mit den Inhalten/ Forderungen und professionell mit einer tiefen Basis der Menschlichkeit zu gestalten.

Nachwort in eigener Sache

Der Situationsorientierte Ansatz der 90er Jahre ist in seiner Entwicklung inzwischen sicherlich tief durchdacht. Dennoch erhebt er nicht den überzogenen Anspruch, in allen Facetten zu Ende gedacht zu sein. Wenn theologische Grundsatzfragen, 2000 Jahre nach Christi Geburt, unter aktuellen Fragestellungen immer wieder aufs Neue diskutiert werden, dann käme es einer Anmaßung gleich, wenn ein lebendiger, elementarpädagogischer Ansatz als in sich abgeschlossen gelten würde. Ungezählte ErzieherInnen, FachschullehrerInnen und Eltern haben mit dem Autor dieses Artikels konstruktive Fachunterhaltungen geführt, in Seminaren, bei Elternabenden, auf Vorträgen oder bei Symposien, auf wissenschaftlichen Jahrestagungen und bei Weiterbildungsveranstaltungen. Gleichsam durfte ich ungezählte Kinder kennenlernen, die in situationsorientiert arbeitenden Kindergärten voller Glück, Zufriedenheit und in einer lebendigen Atmosphäre ihre Zeiten genießen konnten, weil sich ihre Seelen offenbaren konnten. Ihnen allen gilt mein besonderer Dank. Schließen möchte ich mitfolgendem Text: "Was wird nicht alles von Kindern verlangt: Offenheit, Mut, Ehrlichkeit und die Bereitschaft, weitblickende Entscheidungen frühzeitig zu treffen. All' das sind Wahrheiten, für Kinder - und Erwachsene. Verlangte Erwartungen verlangen, in Situationen selbst gelebt zu werden. Hier die Worte, da - in Widersprüche verwoben - die Erwachsenen. Verbindende Worte, getrennte Welten, und die Wahrheit sucht händeringend und schmerzverzerrt nach möglichen Wegen, geboren zu werden" (Krenz, 1996 a, S. 30).

Literatur

Klein, Ferdinand: Janusz Korczak. Sein Leben für Kinder. Klinkhardt Verlag, Bad Heilbrunn 1996.

Korczak, Janusz: Der kleine König Macius. Eine Geschichte in zwei Teilen für Kinder und Erwachsene. \/erlag Herder, Freiburg 1994.

Krenz, Armin: Mit Kindern jeden Tag erleben. Ein pädagogisches Gedankenbuch. Verlag Peter Höll, Darmstadt, 3. Aufl. 1996 (a).

Krenz, Armin: Was Kinder brauchen. Entwicklungsbegleitung im Kindergarten. Verlag Herder, Freiburg, 2. Aufl. 1996.

Kreuz, Armin und Raue, Roswitha: Bewegung im 'Situationsorientierten Ansatz'. Neue Impulse für Theorie und Praxis. Verlag Herder, Freiburg, 2. Aufl. 1996.

Kreuz, Armin: Seht doch, was ich alles kann! Was uns Kinder sagen wollen. Verlag Herder, Freiburg, 3. Aufl. 1996.

Walter, Karin (Hrsg.): Kinderglück. Verlag Herder, Freiburg 1996.

Adresse

Dr. Arnim Krenz
Institut für angewandte Psychologie und Pädagogik
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