Systemisch-konstruktivistische Spielpädagogik

Erdmute Partecke

 

Dreh- und Angelpunkt systemisch-konstruktivistischer Ansätze der Kindergartenpädagogik sind Spielprojekte, die aus dem spontanen Gruppenspiel der Kinder abgeleitet werden. Die Grundidee ist, dass Kinder lernen, im Rahmen ihres Gruppenspiels gemeinsam ihre eigene Welt zu gestalten. Gemeint ist das freie, spontane Spiel der Kindergartenkinder, das sich mit verteilten Rollen fantasievoll, interaktiv und sinnhaft verwirklicht. Dabei erwerben die spielenden Kinder fortlaufend und selbstbestimmt solches Wissen, das geeignet ist, ihr (Über-) Leben in ihrer gemeinsamen (Spiel-) Welt zu sichern.

Die systemisch-konstruktivistische Spielpädagogik verbindet somit Grundzüge konstruktivistischer Erkenntnistheorien mit systemischen Sichtweisen und bringt diese in Bezug zu einer handlungsorientierten Spieltheorie.

Erkenntnisprozess

Kinder konstruieren mit und in ihrem Spiel in Gruppen ganz subjektiv ihre eigene Wirklichkeit, finden Anschluss an bereits bestehende Konstruktionen und verändern diese in Kommunikation mit Gleichgesinnten zu einer wiederum neuen gemeinsamen Wirklichkeit. Somit ist das spontane Gruppenspiel von Kindern ein Modell für einen komplexen Erkenntnisprozess. Denn Kinder stellen mit ihren Spielhandlungen einen verbindlichen Sinn her und suchen passende Verhaltensweisen, um in Interaktion miteinander diesen zu erhalten und auszubauen. Jeder Erwerb von Wissen, der dabei erfolgt, bezieht sich auf das Machbare in dinglichen und sozialen Kontexten und erfüllt stets den einen Zweck, nämlich die Grundbedürfnisse der Kinder zu erfüllen. Damit setzen sich Kinder in ihrem gemeinsamen Spiel sehr anspruchsvolle Ziele: Sie wollen das Leben meistern.

Spielbegleitung

Mit dem herkömmlichen Freispiel im Kindergarten sind solche Sehnsüchte und Wünsche der Kinder nicht zu erfüllen. Zu viele Ablenkungen in zugestellten Räumen mit zu vielen Menschen verhindern vielfach, dass das kreative Potential eines spontanen Gruppenspiels sich entfalten kann. Deswegen braucht das Spiel einen pädagogisch geschützten Spielraum, der die systemisch-konstruktivistische Begabung der Kinder zur vollen Entfaltung bringt. Voraussetzung hierfür ist eine Spielbegleitung, die den Sinngehalt des Spiels der gesamten Kindergruppe integrativ trägt. Voraussetzung ist desgleichen soziales Lernen auch außerhalb des Kindergartens als pädagogisches Angebot. Denn dann verwirklicht sich im Spiel, was den körperlichen und geistig-seelischen Möglichkeiten des Erkennens eines jeden Kindes gemäß ist: Nachahmung und Fantasie gehen im Spiel eine Verbindung ein; Sich-Anpassen an vorgefertigte Handlungsmodelle und Passend-Machen von für Kinder befremdlichen Vorgaben - beide Vorgänge werden in dem Spiel lustvoll miteinander verknüpft und bereiten mit viel Spaß Erkenntnisprozesse vor, die bleibendes Wissen über die Welt aufbauen.

Konzeptbausteine

Das Handlungskonzept der systemisch-konstruktivistischen Spielpädagogik, wie es in der Praxis für Psychologie, Partecke und Sandtner, entwickelt und erprobt wurde, orientiert sich in Anlehnung an William Glasser an dem System der Grundbedürfnisse sowie in Anlehnung an Erik H. Erikson an dem System der Autonomie.

Wir gehen davon aus, dass Kinder in ihrem Spiel ihre Grundbedürfnisse nach Sicherheit ("survival"), Bindungen und Wir-Gefühl ("love"), Ichstärke und Identität ("power"), Entscheidungsfreiheit und Selbstverantwortung ("freedom") und Kreativität und Lernen ("fun") verwirklichen.

Dies zeigt sich in der Art und Weise, wie sie ihre Lebensthemen mit ihren Vorerfahrungen verknüpfen und eine Spielstimmung kreieren, in der Spielmotive wie "Vater - Mutter - Kind", "Indianer", "PokéMON", "Feuerwehr" oder "Hexen" eine Herausforderung darstellen, gemeinsam groß zu werden. Dafür bringen Kinder alle Erlebnis- und Verhaltensweisen ins Spiel, die sie zur Verfügung haben. Es sind dies somatisch-sensorische und somatisch-motorische, emotionale, soziale und kognitive Begabungen und Fähigkeiten, die Kinder von Klein auf als "Werkzeuge" einsetzen, um für ihr Überleben zu sorgen - solange sie von einer irritierenden und einengenden Erwachsenenwelt daran nicht gehindert werden.

Bildung

Der pädagogisch handelnde Erwachsene taucht in die Wirklichkeit der Spielwelt der Kinder ein und stellt ihnen all das zur Verfügung, was mehrdeutig und somit vielseitig für die Konstruktion bleibenden Wissens verwendbar ist. Dies sind zum einen Baumaterialien und zum anderen somatische, emotionale, soziale und kognitive Anreize in Form von spielbegleitenden, ganzheitlichen Kindergartenmethoden, die jedes Kind auf seine individuelle Art und Weise nach dem Prinzip "Freiheit der Wahl" für seine Persönlichkeitsentwicklung nutzen kann. Bildungsinhalte werden fortlaufend mit den Spielmotiven des Spielprojektes verknüpft, und zwar ganz so wie es die Spieldynamik bestimmt. Somit folgen die pädagogischen Ziele den Zielen nach, die die Kindergruppe sich mit ihren Spielinteresse selber stellen.

Spielwerkstatt

Die konsequente Umsetzung der systemisch-konstruktivistischen Spielpädagogik verlangt eine Spielwerkstatt, die (befreit von Kuschel-, Puppen-, Bau- und Tobe-Ecken) den Kindern gestattet, jeden Tag aufs Neue gemäß ihrer eigenen Vorstellungen ihre (Spiel-) Welt zu gestalten.

Spielen in Spielprojekten ist ein Spielen ohne Spielzeug. Dies verlangt aktive Fantasietätigkeit der ganzen Kindergruppe mit selbsterfundenen Spielgeschichten, kontinuierliches Reflektieren und Planen von Spielhandlungen und die organisatorische und moderierende Unterstützung eines empathischen Erwachsenen, der jederzeit die kindliche Erfindungsgabe respektiert und sich besonders an solchen "Spielzügen" freut, die festgefahrene Verhältnisse der Erwachsenenwelt aus den Angeln heben. Denn die Welt von morgen wird bereits im Kindergarten erfunden.

Strukturen

Die systemisch-konstruktivistische Spielpädagogik ist ein freiheitliches Konzept, das auf Autonomie jedes einzelnen Kindes und der ganzen Kindergruppe vertraut. Selbstbestimmung und Eigenverantwortung sind die Prämissen für die kontinuierliche Entfaltung systemisch-konstruktivistischer Prozesse in der Kindergruppe. Nicht als Widerspruch, sondern im Gegenteil als unabdingbare Voraussetzung dafür sind Strukturen zu etablieren, die dem pädagogischen Handeln Klarheit und Eindeutigkeit verleihen und somit das Kind befähigen, für die Verwirklichung eigener Interessen in Übereinstimmung mit den Interessen der ganzen Kindergruppe einzustehen und Verantwortung zu übernehmen.

Pädagogische Standards hierfür sind:

  • Gruppenansprache als Grundprinzip,
  • der gemeinsame Anfang für alle Spiel- und Erkundungsaktionen,
  • der gemeinsame Sinn durch ein verbindliches Spielthema,
  • Gruppendifferenzierung nach individuellen Vorlieben im Rahmen des Spielprojektes,
  • regelmäßiges Reflektieren und Planen in Stuhlkreis-Gesprächen,
  • Verknüpfung der Spielwelt mit der sozialen Wirklichkeit außerhalb der Einrichtung durch regelmäßige Exkursionen sowie
  • organisierte Lernzeiten und Wahlangebote an wechselnden Spielorten für die Entfaltung von kraftvoller und entschlossener Eigeninitiative.

Dies alles verlangt einen immer gleichen Rhythmus über den Tag mit Phasen der Ruhe und Besinnung im Wechsel mit Phasen von Aktionen, damit die Kindergruppe für die Erfüllung ihrer Spielinteressen unabhängig wird von der Tagesform des Erwachsenen.

Integration

Die systemisch-konstruktivistische Spielpädagogik ist ein klares Handlungskonzept für Integration: Mädchen und Jungen lernen im gemeinsamen Spiel voneinander. Kinder mit einer Behinderung oder mit zeitweiligen Verhaltensproblemen und so genannte Regelkinder erleben, dass jeder auf seine ganz eigene Weise mitspielen kann. Und nicht zuletzt einheimische und ausländische Kinder werden durch die Kommunikation im Sinngehalt des gemeinsamen Spielmotivs, das ein umfassendes Sprach-Klima schafft, inspiriert, den Wortschatz zu erweitern, Sprachflüssigkeit und Redegewandtheit zu verbessern und begriffliches Denken zu entwickeln. All dies dient dem integrativen Zusammenleben auch außerhalb des Kindergartens.

Schöpferisches Gestalten

Die hier skizzierten Grundzüge der systemisch-konstruktivistischen Spielpädagogik begünstigen soziale und dingliche Kreativität, die sich in Spielprojekten aus sich selbst heraus fortgesetzt erneuern. In meinem Buch "Kommt, wir wollen schön spielen", das Anfang 2002 im Juventa-Verlag erschienen ist, zeige ich an vielen lebendigen Beispielen, wie aus der Spielbeobachtung das passende Spielthema für die ganze Kindergruppe abgeleitet, wie das Hinführen der Kindergruppe in das gemeinsame Rollenspiel methodisch vielseitig gestaltet und ein umfassendes Bildungsangebot rund um das Spiel abgerufen werden kann. Gleichzeitig lebt sich die Leserin oder der Leser unmerklich in theoretische Zusammenhänge und systemisch-konstruktivistische Sichtweisen der Pädagogik ein. Zuallererst jedoch soll das Buch Spielfreude der Erzieher und Erzieherinnen wecken und sie dazu anstiften, eigene Ideen zu entwickeln, den beruflichen Alltag gemeinsam mit den Kindern schöpferisch zu gestalten.

Literatur

Erikson, Erik H.: Kindheit und Gesellschaft, Pan Verlag, 1957

Glasser, William: Choice Theory, HarperPerennial, 1998

Oerter, Rolf: Psychologie des Spiels, Beltz Verlag, 1997

Partecke, Erdmute: Kommt wir wollen schön spielen. Praxishandbuch zur Spielpädagogik im Kindergarten, Juventa Verlag, 2002

Piaget, Jean: Nachahmung, Spiel und Traum, Klett Verlag, 1969

Voß, Reinhard (Hrsg.): Schulvisionen, Theorie und Praxis systemisch-konstruktivistischer Pädagogik, Carl-Auer-Systeme-Verlag, 1998

Autorin

Erdmute Partecke, Diplompsychologin und Psychotherapeutin, ist freiberuflich tätig in der "Praxis für Psychologie, Partecke und Sandtner". Ihre Arbeitsschwerpunkte sind neben Beratung, Supervision und Therapie Fortbildungen im sozialpädagogischen Kontext.

Adresse

Erdmute Partecke
Praxis für Psychologie, Partecke und Sandtner
Jahnstr.18
21465 Reinbek
Email: Mute.K.-D.Partecke@t-online.de
Website (mit dem gesamten Fortbildungs-Programm): http://www.praxis-fuer-psychologie.de