Aus: Handbuch Kindertageseinrichtungen, hrsg. von Hildegard Rieder-Aigner, ergänzbare Sammlung. Regensburg: Walhalla 1999

Wahrnehmung mit allen Sinnen

Herbert Österreicher

 

Die Auseinandersetzung mit den menschlichen Sinnesorganen und den jeweiligen Wahrnehmungsmöglichkeiten gehört inzwischen wohl zum "Standard" der Arbeit in Kindertagesstätten. Dennoch gibt es hier immer wieder auch neue Möglichkeiten, Ideen und Erfahrungen, wie diese Thematik aufgegriffen und umgesetzt werden kann. Das liegt zum einen sicherlich an der großen Bandbreite einschlägiger Spiele oder Experimente, zum anderen aber auch an neueren Ergebnissen der Forschung wie etwa der Hirnforschung und der Wahrnehmungspsychologie - dabei bieten gerade derartige Erkenntnisse einen wichtigen und hilfreichen Schlüssel zum Verständnis unserer Sinne und ihrer Funktionsweise.

Wahrnehmungen - aktiv und tätig sein oder passives Überrascht-Werden?

Während bis vor wenigen Jahren das Ich als Bündel von Empfindungen gesehen wurde und jede Wahrnehmung als passiver Vorgang, müssen wir heute diese Dinge grundlegend anders beurteilen: Wahrnehmung ist ein aktiver Prozess unseres Gehirns, wobei die Frage des Bewusstseins eine wichtige Rolle spielt. Wir können zwischen unterschiedlichsten Bewusstseinszuständen unterscheiden, wie zum Beispiel das so genannte "Wach-Bewusstsein", ein "eingeschränktes Bewusstsein" oder spezielle Formen wie das "Bewusstsein einer autobiografischen Identität", "Realitätsbewusstsein" oder das "Selbst-Bewusstsein". Diese Formen können unterschiedlich stark ausgeprägt sein, nebeneinander oder kurz aufeinander folgend aktiv sein oder auch (weitgehend) fehlen. Unser Gehirn mit seinen etwa 1/2 Billion Nervenzellen und ungefähr 1 Trillion Verbindungen spielt bei all dem über Vermittlung und Auswertung der Reize die entscheidende Rolle schlechthin.

Bezogen auf unser Wahrnehmungsvermögen spricht man in der Hirnforschung heute vom so genannten "Integrationsproblem": Jede Wahrnehmung kann nur durch die gleichzeitige Arbeit verschiedener Gehirnzentren stattfinden; das Wie dieser Arbeit ist dabei aber noch umstritten und unklar. Feststeht lediglich, dass das Gedächtnis von zentraler Bedeutung ist, indem es gleichsam Bausteine zur (späteren) Verwendung bereithält. So gesehen findet in allen Wahrnehmungsprozessen auch stets eine starke Verflechtung bewusster und unbewusster Gehirnaktivitäten statt.

Im Gegensatz zur landläufigen Vorstellung vom Gehirn funktioniert das Bewusstsein auf der Ebene der Schaltungen und Verknüpfungen relativ einfach, während das Unbewusste wie der Ablauf "automatisierter" Bewegungen unendlich kompliziert und so gut wie nicht imitierbar ist. Der ungeheuer vielfältige Bereich der Wahrnehmungen ist dabei nur zu einem geringen Teil dem Bewusstsein zugänglich und lässt sich demnach auch willentlich nur teilweise beeinflussen.

Dabei wird der Willensakt, wie er früher verstanden wurde, nach den Erkenntnissen heutiger Forschung "nur" als Moment der Bewusstwerdung ("Ich-Bewusstsein") gesehen. Und nur sehr wenige so genannte Entscheidungen sind bewusste Willensentscheidungen, in den allermeisten Fällen herrscht ein (unbewusster) Automatismus, dessen konkrete Auswirkungen allerdings häufig als Willensakt erlebt werden. Auch wenn wir unsere Aufmerksamkeit beispielsweise auf einen bestimmten, uns rätselhaften Gegenstand richten, finden wir eine Erklärung oder Interpretation letztlich nur im Zusammenspiel unserer Unterbewusstseins und wacher, zielgerichteter Fragestellung. Entscheidend ist dabei, dass gerade in unvorhergesehenen Situationen oder Begegnungen unsere Wahrnehmung Bewusstsein braucht, um im Neuen Sinn zu finden.

Die Vielfalt dieser unbewussten und oft gleichzeitigen, alle Lebensfunktionen vorbereitenden und begleitenden Tätigkeiten des Gehirns erfordert gleichsam die Konstruktion einer Art Leitstelle, das, was wir als Ich bezeichnen. Es gibt Gehirn ohne "Ich-Bewusstsein", aber kein "Ich-Bewusstsein" ohne Gehirn. Unser Gehirn kann "Ich-Bewusstsein" schaffen.

In der pädagogischen Praxis spielen diese Zusammenhänge nur indirekt eine Rolle: dort, wo wir uns mit dem Hintergrund und den Möglichkeiten oder Einschränkungen von Wahrnehmung und Aufmerksamkeit beschäftigen. Und wenn im Folgenden nun der Blick auch auf einzelne Sinne und ihre jeweiligen Besonderheiten gelenkt wird, so sollte doch nicht übersehen werden, dass an beinahe jeder Wahrnehmung stets verschiedene Sinnesorgane gleichzeitig beteiligt sind.

Üblicherweise unterscheiden wir zwischen Tast-, Geruchs-, Gehör-, Geschmacks- und Sehsinn. Der Tastsinn gilt aber als derart komplex, dass seine Qualitäten oft einzeln benannt werden: Druck-, Wärme- und Kraftsinn. Außerdem spricht man heute auch vom Schmerzsinn, vom Gleichgewichtssinn und anderen mehr. Setzt man die Aktivität dieser Sinne in Beziehung zu den unterschiedlichen Ebenen unseres Bewusstseins, so erhält man rasch eine Vorstellung von der Vielfalt, Komplexität und Bedeutung menschlicher Wahrnehmungsmöglichkeiten.

Das Haut-Ich oder: Vom Eingehüllt-Sein zum Fingerspitzengefühl

Die Haut ist unser größtes Sinnesorgan. Die Bedeutung, die dieses Organ für unser Leben hat, können wir unschwer bereits in der Alltagssprache ausmachen: Jemand legt sich auf die faule Haut; er fühlt sich nicht wohl in seiner Haut; da möchte man am liebsten aus der Haut fahren; mit einer Glückshaut geboren sein usw.

Zusammen mit dem Gehirn wird die Haut aus dem Ektoderm gebildet: Die Oberfläche und das Zentrum unserer Wahrnehmungsmöglichkeiten haben denselben Ursprung. Indem die Haut den ganzen Körper umhüllt, vermittelt sie jede mögliche Berührung, jeden Wärme- oder Kältereiz. Sie atmet und ist am Stoffwechsel beteiligt, spielt aber auch in psychischer Hinsicht eine bedeutende Rolle: Sie fungiert als Hülle und Schutz, als Grenze zwischen innen und außen. Die Erfahrungen, die der Mensch über und durch seine Haut macht, bestehen in unterschiedlichsten Informationen, Anregungen, Eindrücken; sie dienen der Kommunikation und Vermittlung und tragen wesentlich zur Entwicklung von Wahrnehmung und Denken bei.

Anzieu (1991) gibt dafür ein besonders eindrucksvolles Beispiel: Bei den Inuits werden Babys häufig nackt am Rücken der Mutter getragen, mit ihr zusammen in Tücher und Pelze gehüllt. Die Mutter erspürt die Bedürfnisse des Kindes durch die Haut; sie "wäscht" es, indem sie es ableckt. Anzieu sieht in diesen frühen und direkten Hauterfahrungen einen wesentlichen Grund für die Ausgeglichenheit und Friedfertigkeit der Eskimos.

In unserem Alltag haben Berührungen weit häufiger negativen als positiven Charakter: Das "Bitte nicht berühren!"-Schild wird zwar in manchen modernen Ausstellungen gegen ein "Berühren erwünscht!" ausgetauscht; aber wollen wir die Dinge wirklich anfassen und befühlen? Wir stellen uns lieber vor, wie es sich anfühlen könnte, und verzichten allzu schnell darauf, eine möglicherweise neue, überraschende Erfahrung zu machen. Vielleicht sollten wir uns aber bei mancher Berührungsscheu auch fragen, ob wir damit nicht etwas vermeiden wollen, weil es uns andernfalls "zu nah geht", weil da etwas ist, das dann uns berührt.

Tasten heißt Begreifen. Es heißt aber auch Ausprobieren und Prüfen. Und letztlich bedeutet diese Wahrnehmung auch ein Verstehen, ein Auffassen und Erfassen. Damit wird unser Tastsinn, insbesondere die Hand, zu einem ganz eigenen Instrument der Bildung im doppelten Wortsinn: Wir können damit erfühlen und erkennen, aber auch gestalten und formen.

Von allen unseren Körperteilen ist die Hand mit ihrer hochspezialisierten Muskulatur vermutlich das aktivste Organ: 25 Millionen mal in einem Leben öffnen und schließen wir sie. Die faszinierende Komplexität ihrer Bewegungsmöglichkeiten hat auch im Bereich des Nervensystems ihre Entsprechung: Auf jedem Quadratzentimeter der Fingerkuppen enden 3.500 Nervenbahnen, und allein für die wichtigsten Daumen-Zeigefinger-Bewegungen braucht das Gehirn zehnmal so viele Impulse wie für übliche Fußbewegungen. In der Hirnrinde, dem Cortex, ist für die Hand und ihre Steuerungen mehr Platz reserviert als für den ganzen Rumpf.

Unabhängig von solchen medizinischen Details haben die Menschen aber seit jeher die Bedeutung der Hand besonders hoch eingeschätzt und ihr auch Eigenschaften zugeschrieben, die über manuelle Fertigkeiten hinausgehen: So war es etwa in Schleswig-Holstein früher verboten, Kindern die Handinnenseiten zu waschen; ihnen würde so die Ruhe genommen. Und im mittelalterlichen Volksglauben verkörperte die Hand sogar eine ganze Welt für sich, in der der kleine Finger als Sitz geheimer Mächte, als Zentrum des Bösen berüchtigt war. Ein alter, fast vergessener Kinderreim weist noch auf diese Vorstellung hin:

"Das ist der Daumen,
der schüttelt die Pflaumen,
der sammelt sie ein,
der trägt sie heim,
der isst sie ganz allein..."

Im Händedruck teilen Menschen anderen sehr viel von sich mit und zeigen in direkter Weise ihre Persönlichkeit. Und die Art, wie wir uns mit der Hand berühren, kann alle Facetten von Zärtlichkeit bis Grobheit umfassen. Interessant ist auch, dass die meisten Menschen ihre eigenen Hände nicht erkennen, wenn ihnen Bilder von Händen vertrauter Menschen vorgelegt werden. Ein Test ergab, dass nur 18% auf Anhieb ihre Hände erkannten, 10% erst nach Hinweis auf Vorhandensein des Bildes ihrer eigenen Hände und 72% der Befragten keinerlei Wieder-Erkennen äußerten.

Im Gegensatz zur Hand hat der Fuß in unserem Alltag keine besondere Bedeutung. Er ist für uns kaum mehr als die Plattform, auf der wir stehen, und interessiert nur dann, wenn er schmerzt. In früheren Zeiten und Kulturen galt er hingegen ebenfalls als Sitz einer besonderen Macht und symbolisierte sogar Lebenskraft und Fruchtbarkeit. Unser Körperbild mit dem Kopf als Sitz des Gehirns, als Ort des ICH, verweist den Fuß zwangsläufig in den entlegensten Randbereich. Und das, obwohl gerade Barfußgehen in ganz elementarer und direkter Weise der Wahrnehmung unserer Umwelt dient (Kükelhaus 1995). Zudem könnte uns die Beschäftigung mit dem Fuß und seinen Bewegungen nicht nur einen Weg zum besseren Verständnis des Gehens an sich eröffnen, sondern auch deutlicher machen, wie wir durch unseren Gang beeinflusst werden - und was unser Gang unserer Umgebung signalisiert. Denn jeder Mensch hat seine Gangart: stolz, gelangweilt, schleichend, hinkend, schleppend, zögernd, unsicher, tastend, eitel, steif, majestätisch, hastend, gelassen,...

Konsequenzen für die Erziehung

In der pädagogischen Praxis sollte den Kindern eine große Vielfalt unterschiedlichster Tast-Erfahrungen angeboten werden. Das will aber nicht heißen, vermehrt angeleitete Spiele und Übungen durchzuführen, sondern vielmehr Räume und Situationen so zu gestalten, dass die Kinder angeregt werden, mit verschiedenen Materialien, Geräten und Gegenständen zu hantieren.

Eindrucksvolle und erlebnisreiche Erfahrungen kann man - Kinder wie Erwachsene - mit einer "Deckenwiege" machen: Ein Kind legt sich (mit geschlossenen Augen) auf eine große Decke und wird dann von mehreren anderen gleichzeitig vorsichtig hochgehoben, geschaukelt, niedergelassen.

Die Suche nach einem Baum, dessen Stamm zuvor blind ertastet wurde, ist ein weiteres, sehr einfaches Spiel, das Kinder gerne immer wieder spielen. Und das Suchen und Sammeln unterschiedlicher Naturmaterialien kann zu sehr attraktiven Wandreliefs o.ä. führen - Gebilde, die natürlich auch später noch zum Betasten und Fühlen auffordern.

Natürlich wird man auch das eine oder andere Regelspiel wie zum Beispiel ein Tast-Memory (am besten selbst hergestellt) oder eine "Blinde Reise" (mit verbundenen Augen an einem Führungsseil einen bestimmten Weg durch den Garten gehen) machen, aber wichtiger ist vielleicht, immer wieder neue Wege (auch außerhalb der Einrichtung) zu suchen, neue Begegnungen zu machen, verschiedene Formen des Tätigseins zu ermöglichen und zu unterstützen. Das Ziel sollte nicht sosehr der aufwendig gestaltete Barfuß-Weg im Garten sein, sondern eine "Bauhütte", in der Kinder vielleicht auch selbst einmal einen Weg planen und bauen.

Duft - Geruch - Aroma: Wahrnehmungen eines "Fernsinns"

Düfte stellen eine Dimension dar, die völlig ungreifbar bleibt, auch wenn sie manchmal aufdringlich und zudringlich sein mag. Alle Dinge und alle Lebewesen besitzen ihren je eigenen Geruch, und er ist ihnen untrennbar verbunden: spürbar oder unmerklich, stark oder schwach, angenehm oder unangenehm; verändern oder beeinflussen können wir ihn nur schwer.

Es gibt eine enge, eine ganz direkte Verbindung zwischen Geruch und Affekt: Gerüche wecken Lust- oder Abwehrgefühle, meist ohne unsere bewusste Wahrnehmung. Die über unser Geruchsempfinden aufgenommenen Reize finden ihren Weg direkt in einen sehr eigentümlichen Gehirnabschnitt, das Limbische System, wo die Gefühle, Lust und Unlust, Angst und Zuneigung, entstehen. Die Reizleitung beginnt in der nur etwa 5 bis 10 qcm großen sog. Regio olfactoria in unserer Nase, wo sich an die 10 Millionen Riechzellen befinden. Diese Zellen sind sehr empfindlich und mit einer Lebensdauer von 28 Tagen vergleichsweise kurzlebig (zum Vergleich: Viele Hunde besitzen bis zu zehnmal mehr Riechzellen als der Mensch).

Über die biochemischen Prozesse beim Riechen gibt bis heute nur Hypothesen, wobei aber feststeht, dass die Reizleitung bis in das Limbische System lediglich drei Zellverbindungen braucht. Von dort gelangt die Geruchsbotschaft dann in die jeweiligen Zentren im Gehirn und beeinflusst Nahrungs-, Sexual- oder Fluchtverhalten. Wie stark uns ein lädierter Geruchssinn beeinträchtigt, lässt sich daraus ersehen, dass beispielsweise der Genuss beim Essen zu 80% vom Riechen und Schnuppern kommt.

Gerüche kann man sich schlecht vorstellen, doch sie wecken Erinnerungen, lassen uns manchmal merkwürdig erscheinende Bilder assoziieren. Ein Geruch vermag deutlicher als jeder andere Sinnesreiz intimste persönliche Erlebnisse zu vergegenwärtigen - und manchmal führt uns ein Geruch in eine Welt, die für jeden von uns anders ist, auch wenn der Geruch der gleiche ist. Die Macht, die ein bestimmter Geruch über uns haben kann, ist oft äußerst subtil, und seine Wirkung ist mitunter erstaunlich (Süskind 1994).

Wir Menschen können schätzungsweise zwischen 2.000 und 4.000 verschiedenen Gerüchen unterscheiden. Benennen können wir nur wenige davon - ein interessantes Phänomen, das in allen Sprachen festzustellen ist. Allein bei den ätherischen Ölen kennen wir heute etwa 3.000 (die ihrerseits wieder aus 20 bis 200 Einzelsubstanzen bestehen), wovon an die 150 wirtschaftlich genutzt werden. Diese Öle werden in teilweise sehr aufwendigen Verfahren gewonnen, was auch den hohen Preis für echte Duftextrakte erklärt. Die betreffenden Pflanzen sind überwiegend in wenigen Familien zu finden wie etwa Lippenblütler (Rosmarin, Thymian, Oregano, Majoran, Melisse, Minze,...), Doldenblütler (Anis, Fenchel, Kümmel,...) oder Lorbeergewächse (Lorbeer, Zimt, Sassafras,...).

Gerüche werden aber auch manipuliert: Zahlreiche Nahrungsmittel enthalten Aromazusätze, "natürliche", "naturidentische" oder "künstliche". Eine feine Nase kann unterscheiden, aber wie, wenn die Vergleichsmöglichkeiten fehlen? Naturidentische Erdbeeraromastoffe sind wesentlich intensiver als die natürlichen. Es ist also nur natürlich, dass die meisten von uns jene Erdbeeren für echt halten, die am stärksten nach Erdbeere riechen...

Von den insgesamt etwa 500.000 Duftkomponenten gelten nur ungefähr ein Fünftel als angenehm, die anderen lösen aber oft sogar wesentlich heftigere (unangenehme) Gefühle aus. Deshalb spielt der Geruch gerade auch in unserer Warenwelt eine zunehmend wichtigere Rolle. Beispielweise werden sogar Kosmetika parfümiert, die damit werben, unparfümiert zu sein: Sie sollen ja keinesfalls unangenehm nach Fett riechen.

Duftdesign bedeutet auch längst nicht mehr nur die Kreation von Parfums für den persönlichen Bedarf. Es geht heute mehr und mehr um eine Raumbeduftung, die auf unsere Befindlichkeit und Stimmungslage abzielt: Wir sollen uns wohlfühlen, besser fühlen, morgens Zitronenduft als Muntermacher, mittags Rosenduft zur Entspannung, nachmittags Holzgeruch für neuen Schwung - und wer hätte etwas gegen Wohlgerüche einzuwenden?

Aber mit der Wirkung von Gerüchen ist es so eine Sache: Nach spätestens einer halben Stunde ist auch der stärkste Geruch verschwunden - nicht etwa nur, weil er sich verflüchtigt hätte, sondern auch weil unser Geruchssinn inzwischen ermüdet ist. Das mag vielleicht manchmal tröstlich sein.

Umgang mit Düften in Kindertageseinrichtungen

Die Beschäftigung mit Düften und Gerüchen ist sicherlich spannend und macht gerade auch Kindern viel Spaß, allerdings sollte man damit auch vorsichtig und überlegt umgehen: Nicht jeder Duft ist gleichermaßen gut verträglich. Duftlampen sollten - wenn überhaupt - nur sehr sparsam eingesetzt werden, und allen starken, künstlichen Gerüchen ist ohnehin mit Vorsicht zu begegnen.

Sinnvoll ist sicherlich die Auseinandersetzung mit unverfälschten Pflanzendüften, vor allem dann, wenn es sich um Pflanzen im Garten handelt, beispielsweise an einem "Tast- und Riechpfad" (Österreicher 1994). Mit einer einfachen Topfdestille könnten Sie auch selbst Duftwässer herstellen, oder Sie versuchen es einmal mit einer "Riech-Rallye":

Am Boden werden acht Schnüre gespannt, drei in Längs-, fünf in Querrichtung (an den Enden von Kindern gehalten oder mit Tesakrepp festgeklebt). An die Kreuzungspunkte knotet man kleine Stoffstreifen, die jeweils mit einem bestimmten Duftöl beträufelt worden sind. Ein Kind nach dem anderen versucht nun, mit verbundenen Augen krabbelnd und sich an den Schnüren vorwärtstastend, den "richtigen Weg" durch das Duftlabyrinth zu finden. Es handelt sich nämlich um drei, gut unterscheidbare Duftnoten, denen jeweils eine Richtung zugeordnet ist:

Minze-Duft = geradeaus (G)
Orangen-Duft = rechts (R)
Lavendel-Duft = links (L)

Kommt das Kind an eine Schnurkreuzung, soll es den Duft erkennen und die richtige Entscheidung über das Weiterkrabbeln treffen. Wichtig ist dabei, bei jeder Richtungsänderung stets auch den ganzen Körper mitzudrehen, um die Orientierung nicht zu verlieren.

Ein Sinn wird geplündert - Klänge, Geräusche, Signale, Musik

Der Hörsinn nimmt unter den Sinnen eine Mittelstellung ein: Während Tasten, Riechen und Schmecken ganz unmittelbare Eindrücke vermitteln, lässt uns der Sehsinn vor allem auch das Ferne erkennen. Die Mittelstellung des Hörens ist aber von zentraler Bedeutung, denn Töne, Klänge oder Sprache - kurz: Schallwellen - sind das Medium unserer Kommunikation.

Wir haben es hier mit einem Sinnesorgan zu tun, das in der Entwicklungsgeschichte erstaunliche Wandlungen durchgemacht hat. Bereits die noch im Wasser lebenden Vorfahren der Wirbeltiere entwickelten einen Sinn für Vibrationen. Nach und nach entstand daraus der Gleichgewichtssinn und das Gehör, das wir bei allen Wirbeltieren finden. Eine grundlegende Veränderung besteht nun darin, dass die Sinneszellen, die früher außen von Flüssigkeit umgeben waren, nach innen verlegt wurden: eine Art Wasserwaage für den Gleichgewichtssinn im Innenohr. Dieser gemeinsame Ursprung von Gleichgewichts- und Hörsinn zeigt sich auch darin, dass beide mit winzigen Haarzellen schon auf minimale Druckveränderungen reagieren. Die Empfindlichkeit unseres Ohres ist so groß, dass es nur wenig mehr brauchte, um die Luftdruckschwankungen zu hören - ein ständiges Rauschen durch umherfliegende Luftmoleküle.

Welche Art von Ton oder Geräusch wir hören, hängt von der Wellenlänge ab. Je kürzer die Wellen, desto höher der Ton. Sehr hohe Töne haben Wellenlängen von wenigen Zentimetern, sehr tiefe von einigen Metern. Meist wird aber statt der Wellenlänge die so genannte Frequenz in Hertz (Hz) angegeben: die Zahl der Einzelwellen pro Sekunde und Meter. Je kürzer die Wellenlänge, desto größer die Frequenz, desto höher der Ton. Dabei ist unser Ohr nicht für alle Frequenzen gleich empfindlich. Zwar können wir im Bereich zwischen etwa 16 Hz und 16.000 Hz (bei jungen Menschen bis 20.000 Hz) hören, aber die größte Sensibilität besitzen wir zwischen 1.000 und 3.000 Hz, dem Bereich der Sopranstimme.

Neben den physikalischen Eigenschaften des Schalls und den medizinischen Befunden über unser Hörvermögen spielen beim Hören aber vor allem auch psychische Aspekte eine herausragende Rolle. Die individuelle Bewertung der Hörwahrnehmungen führt dazu, ob wir etwas als angenehm, vielleicht sogar melodiös, oder störend bis hin zu aggressiv empfinden: Dem Freund wird mehr Spielraum zugebilligt als dem Feind. Außerdem versuchen wir anscheinend automatisch, im Gehörten stets einen Sinn zu entdecken. Möglicherweise ist das ein Grund, warum unsere Aufmerksamkeit bei zunehmender Lautstärke bzw. unterschiedlichen, gleichzeitig zu hörenden Geräuschen beeinträchtigt wird. Wir nutzen zwar unser Gehör häufig selektiv - nützliche Geräusche beachten, unbrauchbare ausblenden -, aber das verringert natürlich nicht die Menge an Geräuschen und Klangwellen, denen wir ausgesetzt sind.

Beinahe überall - so scheint es wenigstens - nimmt der Lärm zu, und keiner tut etwas dagegen. Wir resignieren bei der Bekämpfung des akustischen Mülls, sei es bei der Berieselung durch Musikkonserven im Kaufhaus oder bei Folkloremusik im Restaurant, und dem Geräuschpegel des zunehmenden Autoverkehrs begegnen wir höchstens mit der Forderung nach Schallschutzfenstern und Schallschutzmauern.

Lärm signalisiert uns aber immer noch wie in den ersten Menschheitstagen nahende Gefahr und bereitet unseren Körper auf Auseinandersetzung oder Flucht vor, die in unserer heutigen technisierten Welt nur mehr stellvertretend stattfinden kann. Lärm ist Aggression, löst Aggression aus und ist damit wesentlich beteiligt an der Zunahme von Gewalt. Besonders schlimm erscheint uns Lärm, der plötzlich und überraschend auf uns hereinbricht: das Donnern eines Tieffliegers oder das Aufheulen einer Sirene. Gerade kleine Kinder erleben solche Situationen als sehr beängstigend.

Bei ständiger Lärmbelastung reagiert unser Körper auch mit Krankheit bzw. erhöhten Krankheitsrisiken wie Bluthochdruck, erhöhtem Herzinfarktrisiko oder unheilbarer Schwerhörigkeit. Heute weisen bereits rund 60% der 18- bis 20-Jährigen Hörschäden auf. Die von Tinnitis ("Ohrenklingen", eine ernste Erkrankung des Hörsinns) Geplagten nehmen von Jahr zu Jahr zu.

Implikationen für die pädagogische Arbeit

In der praktischen Auseinandersetzung mit dem Hörsinn ist es vielleicht gerade bei Kindern besonders wichtig, nicht bloß vom (verständlichen) Ruhe- und Harmoniebedürfnis der Erwachsenen auszugehen. Kinder wollen natürlich - neugierig und experimentierfreudig - die Welt der Geräusche, Töne, Klänge erst einmal richtig kennen lernen. Spiele, die das ermöglichen und unterstützen, sind naturgemäß selten ruhig und besinnlich, aber wenn ausreichend kreative Momente enthalten sind, kann man sicherlich nicht mehr nur von Krach-Machen sprechen.

Selbstgefundene oder selbstgebaute Instrumente zum Schlagen, Zupfen, Blasen sollten das Repertoire der gekauften Standardinstrumente ergänzen. Gemeinsam gemachte Musik, angefangen von "Geräusch-Landschaften" bis hin zu aufwendigeren Orff-Spielen kann dabei stets auch die Geräuschkulisse einer bestimmten Umgebung aufgreifen. So bietet es sich an, eine "Waldmusik" oder eine "Wassermusik" zu machen, wobei die Stimmung je nach Tageszeit, Jahreszeit, Art des Gewässers oder Waldgebietes unterschiedlich sein wird. Unterstützung bieten dabei bestimmte Naturklangaufnahmen auf CD (z.B. verschiedene CDs von Walter Tilgner, erhältlich bei Natural Sounds/ WERGO), aber auch selbst - und vielleicht gemeinsam mit den Kindern - aufgenommene Hörbilder. Dazu gehören Geräusche und Laute, die Tiere von sich geben - ein weites und nicht nur für Kinder hoch interessantes Gebiet.

Die Beschäftigung mit dem Hörsinn führt zu Konzentration, Warten-Können und Geduld. Hier gibt es zahlreiche so genannte Naturerfahrungsspiele, wie zum Beispiel "Schlafender Geizhals": Dabei bewacht ein Kind mit verbundenen Augen einen vor ihm liegenden Gegenstand, vielleicht eine kleine Glocke. Nacheinander versuchen nun andere Kinder, sich anzuschleichen und die Glocke wegzunehmen. Wenn der "Geizhals" vorher erkennt, aus welcher Richtung ein "Dieb" kommt und mit dem Finger in die richtige Richtung zeigt, ist der Versuch gescheitert; ein anderes Kind wagt dann den Raub. Wem das letztlich gelingt, darf den nächsten "Geizhals" spielen.

Eine andere, inzwischen sehr bekannte Methode konzentrierten Hörens bezieht auch bewusst die Fantasie der Kinder ein: das Malen nach Musik. Auch hier sind wieder zahlreiche Variationen denkbar; und wer einmal so gearbeitet hat, weiß, wie sehr Kinder diese Technik lieben.

Zuletzt seien noch Gongs und Klangstäbe erwähnt. Ihre Besonderheit besteht darin, dass die Vibrationen nicht nur durch das Gehör wahrgenommen werden, sondern als feine Druckunterschiede über die ganze Haut. Es sind ganz eigene Hör-Erfahrungen.

Auf der Suche nach dem guten Geschmack oder: Wie schmeckt 's?

Alle Geschmacksempfindungen können auf vier Geschmacksqualitäten zurückgeführt werden: süß, sauer, salzig und bitter. Die jeweiligen Geschmackssensoren sind auf der Zungenoberfläche lokalisiert: Die vorderen Abschnitte der Zunge sind besonders empfindlich für süß und salzig, die seitlichen für sauer und die hinteren Abschnitte für bitter. Viele natürliche Geschmacksreize lösen Mischempfindungen aus; so schmeckt eine Orange beispielsweise süß und sauer. Die Stärke einer solchen Empfindung hängt in erster Linie von der Konzentration des Reizstoffes ab.

Die Aufnahme der Reize erfolgt an den so genannten Papillen in der Schleimhaut der Zungenoberfläche. Sie treten in drei verschiedenen Formen auf: als Pilz-, Wall- und Blätterpapillen. In diesen "Geschmacksknospen" befinden sich gebündelt - als die eigentlichen Sensoren - die Geschmackssinneszellen.

Die Fähigkeiten der Geschmackswahrnehmung scheinen aber im Vergleich zu Tieren sehr ungleich verteilt zu sein: Während der Mensch ungefähr 2.000 derartiger "Geschmacksknospen" besitzt, hat ein Huhn zum Beispiel nur etwa 25, ein Schwein aber 15.000 und ein Rind sogar rund 25.000.

Der Geschmackssinn ist wie der Geruchssinn ein chemischer Sinn. Das bedeutet eine komplizierte Kette chemischer Vermittlungen, bei denen einzelne "Botenstoffe" dafür sorgen, dass der Reiz weitergeleitet werden kann. Das limbische System, in dem die Reize oder Informationen verarbeitet werden, besitzt dabei zentrale Bedeutung: Es handelt sich hier nicht - wie heute noch oft angenommen wird - um einen älteren Abschnitt des Gehirns, in dem lediglich Affekte, Triebe und Gefühle ihren Ursprung haben, sondern um nicht weniger als unser "Verhaltensbewertungssystem". Seine Leistung darf nicht mit bloßer Datenverarbeitung verglichen werden, sondern es geht letztlich darum, ein Verhalten zu erzeugen, mit dem das Individuum die immer wieder aktuelle Frage beantworten kann: "Was tue ich jetzt?" Und dass unser Organismus es schafft, in einer komplexen und vielfältig unvorhersehbaren Umwelt den richtigen Weg zu finden, ist nur möglich, weil wir in unserem Nervensystem diese Instanz besitzen, die alle eingehenden Reize bewertet: Aus Informationen werden Bedeutungen.

Der Geschmackssinn ist auch besonders eng mit unserem Erinnerungsvermögen verbunden und gleicht auch in dieser Beziehung dem Geruchssinn. Die Folge sind frühe und starke Festlegungen: Jeder kennt Speisen oder Geschmacksnoten aus der eigenen Kindheit, die er in lebhaftester Erinnerung behält - sei es als Lieblingsessen auch über die Jahre hinweg, sei es als unveränderbar eklig, gräulich, säuerlich und schleimig zugleich.

Dennoch gibt es im Lauf des Lebens auch hier Veränderungen, Gewöhnungen, Lernprozesse. Kinder mögen weder den Geschmack von Ingwer oder Kümmel, Kognak, Kaffee, Zigarette oder rohem Fisch. Aus verschiedenen Gründen steigen im Lauf des Lebens unsere Ansprüche, der Hang zum Raffinierten nimmt zu. Das ist nicht neu - und der erste Schritt zur Dekadenz: Ein römischer Patrizier ließ seinen Gästen gebackene Haselmäuse servieren, in Honig und Mohnsamen gerollt; dazu gab es gebratenes Wildschwein, aus dessen Magen beim Tranchieren lebende Drosseln entwichen. Und sprichwörtlich wurde bei der Zubereitung von Wild der "Hohe Geschmack", eine Art von Verwesungsaroma.

Heute liegen die Übertreibungen an anderer Stelle: Die Lebensmittelindustrie hat es längst übernommen, unsere Nahrungsmittel auch in Fragen des Geschmacks zu gestalten. Weit über 10.000 künstliche Aromastoffe stehen den Chemikern zur Verfügung - wir haben uns vermutlich bereits an mehr gewöhnt, als wir ahnen.

Geschmacksversuche in Kindertageseinrichtungen

Gerade wegen dieser allgegenwärtigen Künstlichkeit und Manipulierbarkeit unserer Nahrung sollten wir Kindern immer wieder die Gelegenheit geben, selbst elementare Geschmacksversuche zu machen. Das kann im Garten beginnen, bei verschiedenen Wildpflanzen, Beerenobst oder Wurzelgemüsen, aber selbstverständlich bietet auch jede Küche zahlreiche Möglichkeiten und Anregungen.

Wenn es um selbst geerntete Wildpflanzen geht, ist eine entsprechende Pflanzenkenntnis Voraussetzung; und es versteht sich von selbst, dass auch überlegt sein will, an welchem Ort und zu welcher Zeit Blätter und Früchte gesammelt werden dürfen. Zahlreiche Bücher bieten dazu aber hilfreiche Tipps und Rezepte zur Verarbeitung des Gesammelten (z.B. Fischer 1998; Fischer-Nagel 1997).

Einfacher mag es sein, im Gartengelände der eigenen Einrichtung nach geeigneten Pflanzen zu suchen bzw. diese anzubauen. Meist finden sich in Grenzhecken oder anderen Anpflanzungen ohnehin viele Gehölze mit essbaren Früchten wie Zierquitte, Holunder, Felsenbirne, Wildrose, Berberitze, Kornelkirsche oder Vogelbeere, aus denen sich leicht Marmelade, Gelee, Saft oder Suppe machen lässt. Knoblauchsrauke, Bärlauch, Löwenzahn, Birke, Brennnessel, Spitzwegerich, Sauerklee, Giersch, Gänseblümchen, Gundermann u a. lassen sich - vielleicht vermischt mit Küchenkräutern wie Petersilie oder Schnittlauch - zu Brotaufstrichen und Salaten verwenden.

Der Geschmack verschiedener Kräutertees bietet manche Überraschungen, so schmeckt zum Beispiel der Tee aus Mädesüß-Blüten wunderbar süß nach Honig, während ein Tee aus Himbeer-, Brombeer- und Erdbeerblättern etwas herb schmeckt und nach den Früchten duftet.

Die Geschmacks-Vorlieben sind nicht nur individuell höchst unterschiedlich, sondern werden auch kulturell stark beeinflusst. Es kann nicht darum gehen, Kindern unbedingt Mehrkornmüsli schmackhaft zu machen, nur weil man es vielleicht selbst wunderbar findet. Und es ist nur wahrscheinlich, dass sich von Generation zu Generation auch die Ernährungsvorlieben verändern.

Auch der Geschmackssinn braucht gewisse Anforderungen, will trainiert und immer wieder neu erprobt werden. Es ist besonders fatal, wenn bereits Kinder aufgeben, neugierig und experimentierfreudig zu sein - eben auch in der Wahl von Nahrungsmitteln. Kinder, die nur noch gewisse Süßigkeiten oder Nudelgerichte essen mögen und denen das vielleicht auch noch zugestanden wird, sind arm dran - sie wissen es nur nicht.

"Schlussfolgerung: Nichts ist umsonst auf dieser Welt. Schon gar nicht der Genuss. Schmecken ist Arbeit, alles andere Betrug. Der Mensch allerdings neigt zur Faulheit. Ergo: decipiatur" (Jörg Albrecht).

Sehen, erkennen, beobachten - und die Macht des Blickes

Dem Auge kommt unter allen Sinnesorganen eine unvergleichliche Doppelrolle zu: Es dient nicht nur der Wahrnehmung bestimmter Reize, sondern es sendet auch selbst Signale aus. Im Blick kann alles liegen: Wachsamkeit, Erschöpfung, Zärtlichkeit, Terror, Spott, Erstaunen, Begierde, Geduld, Verzweiflung, Entschlossenheit, Vertrauen,...

Sehen heißt Konstruieren: Die optische Widerspiegelung eines Gegenstandes oder einer Szene auf der Netzhaut unserer Augen ist noch kein Sehen, sondern gibt dem Sehsinn nur ein Eingangssignal. Erst die Verarbeitung dieses Signals bedeutet Sehen - und dabei kann bis zu einem Viertel der menschlichen Großhirnrinde beteiligt sein. Die Verknüpfungen innerhalb des Gehirns sind nicht nur äußerst komplex, sondern auch in vielfacher Weise flexibel und veränderbar. Das zeigen unter anderem Lernvorgänge bei Menschen, deren Sehsinn verletzt wurde.

Farben, Formen, Bewegungen nehmen wir sozusagen auf der untersten Ebene der Bildverarbeitung wahr. Dadurch entstehen bildhafte Karten mit bestimmten Werten von Helligkeit, Begrenzungslinien oder räumlicher Tiefenschärfe. Auf einer zweiten Stufe untersuchen wir bereits, wie die einzelnen Bild-Bestandteile untereinander zusammenhängen; das Ziel ist eine möglichst fehlerfreie Interpretation der Umwelt. Die oberste, anspruchsvollste Ebene des Sehens besteht in unserer Fähigkeit, Objekte oder Gesichter wiederzuerkennen: Aufmerksamkeit und Gedächtnis sind wichtige, unverzichtbare Faktoren dieser erstaunlichen Leistung. Auch hier zeigt sich, dass Sehen und Verstehen als aktive Vorgänge in unserem Gehirn untrennbar miteinander verbunden sind.

Die Physiologie der optischen Wahrnehmung reicht für das Verständnis des Blickes zwar nicht aus, stellt dafür aber eine notwendige Voraussetzung dar. Von allen Details und Besonderheiten muss vielleicht hervorgehoben werden, wie eng der Bereich der elektromagnetischen Wellen ist, für den der menschliche Sehsinn empfänglich ist: Es ist eigentlich nur ein winziger Bereich zwischen infrarot und ultraviolett, allerdings genau jener Anteil des Sonnenlichts, der die Erdatmosphäre durchstrahlt. Das ist kein Zufall, sondern der Evolution zu verdanken, die im Lauf der Entwicklungsgeschichte zu immer besser "passenden" Augen geführt hat.

Dabei geht es aber nicht nur um das Sehen an sich. Licht beeinflusst über das Auge unseren Stoffwechsel, vom Zucker- und Wassergleichgewicht über Hormonhaushalt und Blutbild bis hin zu Sexualfunktionen. Häufige und andauernde Aufenthalte im Kunstlicht können deshalb durchaus zu Stoffwechselstörungen führen.

Der menschliche Blick bedeutet - über die aktiven Vorgänge von Sehen, Erkennen, Verstehen hinaus - noch eine ganz andere Form der Aktivität: Mit dem Sehen und Gesehenwerden stellen wir uns auch in einen sozialen Zusammenhang. Wir gucken, betrachten, taxieren, beobachten, staunen, locken, verurteilen oder verständigen uns. Mit unseren Blicken regulieren wir Beziehungen, auch dann, wenn wir den Blickkontakt vermeiden wollen. Nicht von ungefähr verhüllt auch die kleinste Faschingsmaske noch die Augenpartie: Das Gesicht, und hier vor allem der Blick, sendet Zeichen aus. Und wir sehen, was wir sehen wollen.

Konsequenzen für die pädagogische Praxis

In der Arbeit mit Kindern spielt das "Anschauliche" häufig eine überragende Rolle - manchmal vielleicht sogar auf Kosten des Gesprächs und des Wartens. Dennoch: Das Sichtbare beinhaltet auch eine Form des Beweisbaren, und das braucht keinesfalls andere Wahrnehmungsmöglichkeiten auszuschließen. Die schimmernde Oberfläche eines Steins lässt sich nicht nur betrachten, sondern auch betasten; seine Realität schließt die Magie nicht aus; ein zweiter Stein bringt ihn vielleicht sogar zum Klingen. Auch visuelle Wahrnehmungen sind wohl stets mit anderen verknüpft.

Eine für Kinder besonders spannende Situation ist die Orientierung in einem Labyrinth. Das kann ein kunstvoll angelegter Irrgarten ebenso wie ein Versteckspiel zwischen Stoffbahnen sein: Zum Versuch, den richtigen Weg zu finden (zu sehen), gehört untrennbar eine innere Angespanntheit; alle Sinne sind hellwach.

Wie schwierig (und interessant) es sein kann, sich mit den Möglichkeiten unseres Sehsinns zu beschäftigen, zeigen verschiedene visuelle Irritationen. "Wunderscheiben" oder "Streifenkino", "Wellenbilder" und "Daumenkino" lassen sich leicht basteln und bieten unterhaltsame und aufschlussreiche Beispiele (Stebler 1987).

Einen ganz eigenen und für die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts wegweisenden Zugang zu unseren Seh- und Verständnisgewohnheiten hat Marcel Duchamp entwickelt: Seine "Fontaine", die er 1917 in einer Kunstgalerie ausstellte, war nichts anderes als eine umgedrehte Pissoirschüssel - Das "Ready-made" war geboren. Nicht die Herstellung eines neuen Gegenstandes war das Ziel von Duchamp, sondern die Konfrontation des Betrachters mit gewohnten und bekannten Dingen in einer unerwarteten Position, Anordnung oder Kombination. Die Suche nach solchen Ideen macht auch Kindern viel Vergnügen und regt sicher nicht nur ihre Fantasie an.

Ausflüge und Unternehmungen außerhalb der Einrichtung sollte man nutzen, Kinder nicht nur auf besonders auffällige Erscheinungen aufmerksam zu machen, sondern sie hin und wieder auch auf das anscheinend Banale hinzuweisen: die Form eines Blattes an einem Baum, den Schatten von Wolken über einer Landschaft oder die Färbung einer Häusergruppe. Die vielleicht überraschende Thematisierung löst vermutlich mehr an Assoziationen und Gedankenspielen aus als jede Erklärung.

"Naturerfahrungsspiele", die den Blick auf das weniger Spektakuläre lenken wollen, stellen zwar eine interessante Bereicherung dar, aber meist entsteht allein aufgrund des zugehörigen Regelwerks etwas Künstliches, Gezwungenes. Wichtige Erfahrungen, so lässt sich immer wieder beobachten, machen Kinder ohnehin oft für sich selbst - nicht selten gerade im Regelverstoß. Entscheidend sind aber die Voraussetzungen: eine stressarme Atmosphäre, ein möglichst großes und vielfältiges Angebot an Materialien, Situationen und Anregungen und - Zeit zum Erleben: Auch die einfachsten Spiele mit Spiegeln, Kreiseln oder Glasmurmeln erfordern Geduld und Ausdauer, Ruhe und Zeit zum Ausprobieren und Wiederholen.

Wahrnehmen, verstehen, lernen oder: Der Aufwand des Denkens

Alle Wahrnehmung dient dem Leben, dem Überleben. Und weil es sich dabei eben um keinen Selbstzweck handelt, sondern um Aufrechterhaltung und Weiterententwicklung unserer Lebensgrundlagen, ist jede Wahrnehmung auch Lernprozessen verpflichtet. Diese ruhen auf drei Säulen: dem emotionalen Zugang zur jeweiligen Thematik, ihren Einordnungsmöglichkeiten in vertraute Zusammenhänge sowie der Verfestigung durch Wiederholung und Bestätigung. Alle Sinnesreize unterliegen der Kontrolle durch unser Gedächtnis, wobei die im Lauf des Lebens sich verfestigenden Gehirnstrukturen eine eminent wichtige Bedeutung haben: Ohne sie könnte letztlich unsere Gesellschaft nicht funktionieren, da der Einzelne sich auf Verhaltensweisen anderer wie auch auf seine eigene Persönlichkeit verlassen können muss. Andererseits bildet auch das Vergessen-Können einen unersetzlichen Wert: Die so genannten Gedächtniskünstler sind nicht unbedingt zu beneiden.

Die Verarbeitung unserer Sinnesreize bzw. unser Denken stellt eine enorme Stoffwechselbelastung dar: Das Gehirn des Säuglings benötigt dafür etwa 60% der zugeführten (Nahrungs-) Energie, das des Erwachsenen immerhin noch 20%; dabei sollte der Vergleich der Gehirnmasse mit der jeweiligen Körpermasse nicht übersehen werden. Man könnte sagen: Unser Bewusstsein wird sehr teuer bezahlt, das Denken ist ein Körperakt (Roth 1994).

Sehen, riechen, schmecken, hören, tasten: Mit den Sinnen erschließen wir uns die Welt. Doch unser Welt-Bild erfordert einen ganz individuellen Prozess, in dem wir wählen und verwerfen, gewichten und urteilen. Es ist ein Prozess, den wir in seinen Einzelheiten vielleicht nie völlig verstehen werden; zu viele und zu komplizierte Abläufe scheinen daran beteiligt zu sein. Das Ergebnis ist jedenfalls das, was wir Individualität nennen und woran wir von unserem ersten Tag an arbeiten - eine faszinierende Sache.

Literatur

Anzieu, D.: Das Haut-Ich. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1991

Kükelhaus, H.: Fassen - Fühlen - Bilden. Gaia, Köln, 6. Aufl. 1995

Süskind, P.: Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders. Roman. Diogenes, Zürich 1994

Österreicher, H. in: Löscher, W. (Hrsg.): Vom Sinn der Sinne. Don Bosco, München 1994

Fischer-Nagel, H.: Mein schönes Gärtchen. Kosmos, Stuttgart 1997

Fischer, E. Gesundes aus dem eigenen Garten. BLV, München 1998

Stebler, H.: Optische Spielereien. Hugendubel, München 1987

Roth, G.: Das Gehirn und seine Wirklichkeit. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1994

Autor

Herbert Österreicher, Dipl. Ing. (FH), ist als freiberuflicher Planer für Außenanlagen an Kindertageseinrichtungen verschiedener Träger sowie als Weiterbildungsreferent im Bereich der Umweltbildung und Naturkunde tätig. Kontakt über: http://www.kinderfreiland.de