Aus: Handbuch Kindertageseinrichtungen, hrsg. von Hildegard Rieder-Aigner, ergänzbare Sammlung. Regensburg: Walhalla 1999

Werkstatt, Bauhütte, Labor

Herbert Österreicher und Edeltraud Prokop


Das, was Kinder tun, nennen die Erwachsenen gerne "Spielen". Das ist natürlich nicht falsch, aber häufig wird damit ein wichtiger Aspekt übersehen und verkannt: der Wille der Kinder zum Bauen und Gestalten, die Lust, durch Anstrengung und Findigkeit etwas zu schaffen - die Arbeit. Es handelt sich dabei um ein Tätigsein, das einem zweckfreien und ziellosen Spielen im eigentlichen Sinn zwar oft eng benachbart ist, aber aufgrund einer plötzlichen Idee oder einer konkreten Anregung den Charakter eines Vorhabens gewinnt. Es lässt sich immer wieder beobachten, wie Kinder "Feuer fangen" - wenn etwas Gestalt annimmt, wenn ihnen plötzlich bewusst wird, nur durch eine bestimmte Anstrengung etwas erreichen zu können, oder in der "spielerischen" Beschäftigung mit einem Gegenstand unvermutet eine interessante Veränderung erkennbar wird. Dieses prozesshafte Handeln ist es, in dem Kinder beglückende Entdeckungen machen, auf etwas Neues stoßen und dieses "von innen" kennen lernen.

Der Weg ins Unbekannte, oder: Basteln ist etwas ganz anderes...

Der Einwand, Kinder würden immer schon gerne basteln und etwas zusammenbauen, mag richtig sein, aber es gibt hier im grundsätzlichen Vorgehen einige entscheidende Unterschiede: Während Werken und Basteln üblicherweise feste Vorgaben und Regeln kennen, geben Kinder im offenen Handlungsprozess sich selbst ein Ziel. Sie stehen erst einmal vor der Aufgabe, das Mögliche und Machbare zu erkunden - ohne jede Hilfe von außen, ohne Bauanleitung. Auch das zur Verfügung stehende Material sowie Hilfsmittel und Werkzeuge bieten in diesem Fall höchstens eine diffuse Anregung; das Fehlen von Mustern oder Vor-Bildern ermöglicht und erzwingt eigene Kreationen.

In derartigen Situationen schöpfen Kinder weit mehr als sonst aus ihrer Phantasie und lernen, auf sich selbst zu bauen: Sie lassen sich etwas einfallen, sie experimentieren, sie überlegen, wie ein Problem zu lösen ist, und sie lernen, dass Manches einfach nicht funktioniert. Emotionale, praktische und kognitive Fähigkeiten werden gebraucht, um erfolgreich zu sein, auch und gerade weil der Erfolg ein höchst individueller ist.

Mit dieser Abgrenzung soll der Wert angeleiteten Bastelns nicht geschmälert, sondern es soll lediglich hervorgehoben werden, wie wichtig eigenständiges Planen und Handeln für Kinder ist.

Finden führt zum Erfinden

Um Kindern solche Erfahrungen zu ermöglichen, brauchen sie einen möglichst großen und vielfältigen Fundus an Materialien, ein nicht zu kleines "Spielfeld" zum Entdecken von Dingen und Strukturen sowie Zeit und Gelegenheit zum Ausprobieren. Es sind dann häufig die Dinge selbst, die ihre Verwendungsmöglichkeiten offenbaren - Dinge aus der Welt der Erwachsenen, bestimmte Baustoffe oder Montagematerialien, Teile eines früheren Ganzen, unbekannte und rätselhafte Formen. Die Verwendung dieser Dinge mag dann ganz neu festgelegt werden, aber genau darin besteht der Prozess des Entdeckens und Erfindens, der uns hier wichtig ist.

Das klingt alles selbstverständlich und wird sicherlich von jedem so gesehen, nur tauchen in der Praxis dann rasch die ersten Probleme auf: Platzmangel (fast immer an erster Stelle der Schwierigkeiten), der Wunsch nach Übersicht und Ordnung (von Fall zu Fall sehr unterschiedlich zu beurteilen), Sicherheitsbedenken (insbesondere bei der Nutzung von Werkzeugen und "unüblichen" Gegenständen) u.v.a.m. Es handelt sich dabei in aller Regel um verständliche und ernstzunehmende Fragen, die beantwortet werden müssen, will man Kinder in einer "Werkstatt" spielen und arbeiten lassen.

In diesem Zusammenhang muss auch der Begriff "Werkstatt" diskutiert werden: Ob man diese Art des Spiel- und Betätigungsangebotes so nennen will, ist nicht wirklich wichtig. Man könnte auch von einer "Bauhütte" sprechen oder von einem "Labor". Entscheidend ist vielmehr, dass es sich um einen Bereich handelt, der in besonderem Maß ein ergebnisoffenes und variantenreiches Tun ermöglicht und unterstützt - bei gegebenenfalls bestimmten Verhaltensregeln (z.B. bei der Verwendung von Werkzeugen) und in gewisser Abgrenzung zu anderen Bereichen der Einrichtung. Letzteres hat nicht nur viele praktische Vorteile, sondern verleiht diesem speziellen Angebot auch einen besonderen Status, einen gewissen Kennwert, eine eigene Identität. Damit ist es für Kinder leichter, sich an bestimmte Sonderregeln zu halten, und Eltern können die pädagogischen Hintergrund-Überlegungen besser nachvollziehen - wiederum nicht unwichtige Aspekte für den alltäglichen Arbeitsablauf in der Einrichtung.

Die Aneignung der Welt

So wichtig und interessant naturwissenschaftliche Erkenntnisse und Lernerfahrungen auch sein mögen, so geht es hier keineswegs um eine Art Vorschulcurriculum. Zwar liegt es nahe, Handlungsabläufe und die Verwendung bestimmter Geräte, Werkzeuge und Hilfsmittel beispielsweise als einfache physikalische Modell-Versuche auszubauen, aber solche Ziele sollten zumindest nicht an erster Stelle stehen. Nicht die Vorführung von Demonstrationsversuchen, sondern die eigenen Handlungsmöglichkeiten führen zum Verständnis elementarer und wichtiger Zusammenhänge.

Dabei lassen sich folgende Einzelaktivitäten unterscheiden, die sich - wie wir sehen werden - auch in den Nutzungsmöglichkeiten geeigneter Materialien und Werkzeuge widerspiegeln und deren Auswahl mitbestimmen:

  1. aufnehmen und sammeln,
  2. transportieren,
  3. sortieren und lagern,
  4. fixieren und befestigen,
  5. verlängern und erweitern,
  6. zerkleinern und mischen,
  7. saugen, blasen und auffüllen,
  8. (halbfertige) Teile montieren,
  9. beobachten und vergleichen,
  10. zählen, messen, untersuchen,
  11. Oberflächen behandeln und verändern,
  12. präsentieren und erklären.

In dieser sehr allgemeinen Auflistung zeigt sich bereits, wie facettenreich sich der Umgang mit Material gestalten kann. Und selbstverständlich sind die jeweiligen Aktivitäten mitunter durchaus anspruchsvoll und ihre Auswirkungen weitreichend.

Welche der genannten Tätigkeiten für Kinder von besonderem Reiz ist, wird von sehr unterschiedlichen Faktoren beeinflusst. Neben dem Alter bzw. dem Entwicklungsstand und den entsprechenden Fähigkeiten spielt auch das Materialangebot selbst eine große Rolle. Eine auf das Alter der Kinder bezogene genaue Zuordnung der Dinge und Hilfsmittel ist dabei wenig sinnvoll, zeigt sich doch immer wieder, dass Kinder in aller Regel rasch und sicher jene Möglichkeiten herausfinden, die ihrem Entwicklungsstand entsprechen. Das bedeutet natürlich nicht, auf bestimmte Vorsichtsmassnahmen bei einzelnen Materialien oder Werkzeugen verzichten zu dürfen, aber die Freiheitsgrade im Einsatz dieser Dinge sollten möglichst hoch gehalten werden - zugunsten der Förderung von Kreativität und Eigenverantwortlichkeit.

Geräte, Hilfsmittel und Werkzeuge

Wenn nun im Folgenden versucht wird, die Ausstattung einer "Werkstatt" oder eines "Labors" zu beschreiben, so kann diese Auflistung nur als Richtschnur dienen - als erste Zusammenstellung, die selbstverständlich je nach Einzelfall überdacht werden muss. Was im einen Fall vielleicht zu umfangreich oder zu problematisch erscheint, wird in einer anderen Einrichtung möglicherweise noch durch eigene Ideen und Vorstellungen erweitert.

Eine "Einkaufsliste" für den unmittelbaren Einstieg in ein derartiges Angebot kann und soll es auch gar nicht geben: Jeder konkreten Umsetzung sollte eine sorgfältige Klärung im pädagogischen Team vorangehen, und auch die Eltern sollten über dieses neue Angebot im Vorfeld informiert werden.

Statt einer Bestellung nach Katalog oder Liste ist es viel sinnvoller - und vielleicht auch spannend und anregender -, gemeinsam nach Läden und Gelegenheiten Ausschau zu halten, wo interessante Dinge erhältlich sind. Das kann ein Flohmarkt ebenso sein wie ein Fundbüro, eine Haushaltswarenhandlung oder ein Schraubenfachgeschäft, eine Sperrmüll-Sammelstelle oder ein Handwerksbetrieb. Vielleicht gibt es sogar die Möglichkeit, die eine oder andere Suche gemeinsam mit den Kindern zu unternehmen.

Am reizvollsten und interessantesten sind für Kinder oft jene Gegenstände, die aus der Arbeitswelt der Erwachsenen (ihrer Eltern) stammen. Dabei handelt es sich eben um "echte" Materialien und Werkzeuge, deren Gebrauch eine Atmosphäre bedeutender Handlungen schafft. Dass derartige Gegenstände mitunter gewisse Sicherheitsregeln erfordern, ist deshalb für Kinder nicht nur gut nachvollziehbar, sondern vergrößert sogar den Wert der jeweiligen Aktionen. Alter, Aussehen sowie der Geldwert dieser Dinge sind von untergeordneter Bedeutung, in vielen Fällen sogar ziemlich unwichtig - vorausgesetzt, sie ermöglichen durch ihre Herkunft und Art eine Annäherung an die "Welt der Großen". Und alle etwas rätselhaften Formen, manche komplizierteren oder geheimnisvollen Funktionen sind natürlich besonders faszinierend.

Der Flaschenzug braucht die Last...

Werkzeug ohne Material, das sich mit jenem bearbeiten ließe, wäre wenig sinnvoll. Und natürlich wird man in der Materialwahl neben dem Alter, den Möglichkeiten und Interessen der Kinder auch das ihnen zur Verfügung stehende Werkzeug- und Geräteangebot berücksichtigen. Was darüber bereits gesagt wurde, gilt sinngemäß auch für alle Materialien und "Arbeitsstoffe": Eine überall einsetzbare und sinnvolle Liste lässt sich nicht aufstellen, eine schrittweise Einführung der geeignet erscheinenden Stoffe bietet die beste Gewähr für eine verständige Handhabung durch die Kinder sowie Akzeptanz bei den Eltern.

Bei der häufig eher schwierigen Unterbringung von Materialien für eine "Werkstatt" oder ein "Labor" stellen sich zunächst Fragen nach den Auswahlkriterien und dem Umfang der jeweiligen Dinge. Immerhin erfordern derartige Angebote eine Art "Lager", das sowohl einfachen, so genannten Schüttgütern wie Kies oder Lehm Platz bietet als auch Raum für einen absperrbaren Schrank für bestimmte Werkzeuge und wertvollere Geräte. Es versteht sich von selbst, dass ein solcher "Lagerraum" wiederum als Spiel- und Betätigungsbereich nutzbar sein kann; eine (halb) überdachte Pergola, eine etwas geschützte Ecke im Garten oder ein Gerätehaus sind dafür gut geeignet. Das erfordert natürlich eine gewisse Berücksichtigung der Raum- bzw. Gartenplanung insgesamt.

Eine bereits etwas umfangreichere Materialausstattung könnte nun zum Beispiel folgende Dinge und Stoffe umfassen, wobei die Verfügbarkeit von Wasser hier einmal vorausgesetzt werden soll:

  • Steine, Sande, Erden: Kieselsteine in unterschiedlichsten Größen und Formen, verschiedene Mineralien und Gesteine, verschiedene und verschiedenfarbige Sande und Erden, gegebenenfalls nach Art und Herkunft sortiert/ getrennt gelagert; besonders leicht bearbeitbare Steine wie Speckstein;
  • Komposterde, Lehm, Aussaat- und Pflanzerden,...
  • Pflanzenteile, Holz: Samen, Zapfen, Trockenfrüchte verschiedener Pflanzen, trockene Binsen/ Schilfhalme, Trockengut aus dem Fundus von Floristen (gegebenenfalls Reste und Abfallstücke); getrocknete Blätter, Blüten, Nadeln, Zweige; Holz in unterschiedlichsten Formen wie Bretter, Rundstäbe, Leisten, Kanthölzer, Scheite, Platten, Holzwolle, Sägespäne; verschiedene Holzarten;
  • Baustoffe: Ziegel, Klinker und Pflastersteine (eher kleinere Formen, allerdings sehr unterschiedlichen Aussehens bzw. für verschiedene Verwendungszwecke gefertigt; auch Bruch);
  • Kacheln und Fliesen in verschiedenen Formen und Farben, auch selbst angefertigte Gipsplatten mit Abdrucken etc.; Ytong, Kunststeine, Blähton, Splitt,...
  • Eisenwaren, Kleinteile: verschiedene Nägel, Schrauben, Beilagscheiben, Muttern; Gewindestangen, Dübel, Abstandhalter, Büroklammern, Winkeleisen, Dichtungsringe, Räder und Reifen,...
  • Verbund-/ Kunststoffe: Noppenfolie, Luftpolsterfolie, Styropor, Schaumstoff,...
  • Textilien: Sackleinen, Jute, große Tücher aus verschiedenen Stoffen, Stores, Wollreste, Markisenstoffe;
  • Sonstiges: Wachs, Kerzen, Halbedelsteine (als so genannte Trommelsteine), verschiedene Papiere und Kartons, farbige Tinten, Leder,...
  • bestimmte Lebensmittel wie Zucker, Salz, Öl, Hefe u.a. (nur für bestimmte, eingeschränkte Verwendungszwecke).

Situationen, Fragen, Versuchsergebnisse

Die Art und Weise, wie die jeweiligen Materialien von den Kindern genutzt werden, spiegelt neben ihren individuellen Fähigkeiten auch ihr Interesse am Gemeinsamen, an Gedankenaustausch und Teamarbeit wider. Der durchweg ergebnisoffene Charakter dieser Tätigkeiten unterstützt deutlich die Entwicklung einer gewissen sozialen Kompetenz. Ein Beispiel:

Eine Gruppe von etwa acht Kindern im Alter zwischen ein und fünf Jahren beginnt im Garten ein Spiel mit Sanden, Sieben, Behältern und Magneten. Es handelt sich dabei um Sande, die sich sowohl in Körnung wie in Farbe unterscheiden, und auch die Siebe haben unterschiedliche Maschenweiten.

Die jüngeren Kinder schütten oder schöpfen anfangs Sand in verschiedene Behälter, leeren sie wieder aus und vermischen auch manche Sande miteinander. Die älteren Kinder interessieren sich rasch für die Siebe und füllen diese randvoll mit Sand. Da aber müssen sie feststellen, dass die Technik des Siebens nicht ganz so einfach ist und dass bei derart vollen Sieben bei den Rüttelbewegungen viel Sand auch über den Rand fällt. Die Kinder diskutieren diese Erfahrung und versuchen es mit weniger Sand. Trotzdem dauert es einige Zeit, bis sie mit den verschiedenen Sieben zurecht kommen. Dabei machen sie auch nach und nach die Beobachtung, wie durch den Einsatz der unterschiedlichen Siebe eine Größensortierung der Sandkörner gelingt, und sie fangen an, diese unterschiedlichen Körnungen sehr konzentriert in passende Behälter zu füllen. Nicht wenige Kinder wiederholen diese Arbeitsschritte mehrmals und sehr sorgfältig, indem sie ihre Filtrate immer wieder mischen und aufs Neue trennen.

Das macht deutlich, dass auch schon Kleinkinder die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung ergründen wollen. Je öfter sie dabei gleiche oder vergleichbare Ergebnisse erzielen, desto bewusster werden ihnen Vergleichsmöglichkeiten und desto stärker nähern sie sich dem Bereich von Theorie und Theoriebildung. Selbstverständlich spielen bei diesen Tätigkeiten auch der Tastsinn, die Feinmotorik und andere Sinne eine wichtige Rolle.

Einzelne Kinder finden bei diesen Betätigungen einen schwarzen, etwas glitzernden Sand besonders faszinierend und versuchen lange und hingebungsvoll, magnetische Teilchen mit einem größeren Magneten aus der Sandmenge herauszuholen.

Ein etwa einjähriges Mädchen spielt mit einem kleineren Sieb und ist unentwegt damit beschäftigt, Sand in das Sieb zu schöpfen und ihn durch schnelles Schütteln wieder auszuleeren. Ein älteres Kind versucht zu helfen und will dem Mädchen zeigen, wie man das Sieb am besten hält und rüttelt, aber umsonst: Das Mädchen findet ihre Technik ganz in Ordnung und spielt ungeachtet aller Hilfestellungen fröhlich und laut quietschend weiter.

Ein anderes Beispiel:

Etwas Wasser in Wannen und Gießkannen sowie etliche Schläuche, Strohhalme und Pipetten sind der Anlass für einen "Wassertag", an dem Altersunterschiede besonders deutlich hervortreten.

Die etwa 2- bis 3-jährigen Kinder üben sich im Ein- und Umgießen des Wassers in kleinere und größere Messbecher und Kannen. Es geht ihnen offensichtlich immer und immer wieder darum, welches Fassungsvermögen die einzelnen Behältnisse haben. Die teilweise ungewöhnlichen Formen mancher Gefäße machen die Sache noch interessanter...

Jüngere Kinder bleiben lange an einer kleinen Wanne, wo sie versuchen, das Wasser mit Strohhalmen und später mit Pipetten anzusaugen. Dann wird das Wasser wieder zurückgespritzt, bis sie dazu übergehen, gemeinsam mit den Strohhalmen in das Wasser zu blasen, um ein möglichst starkes Sprudeln zu erreichen. Dieser Vorgang nimmt viel Zeit in Anspruch, und die Kinder genießen dieses gemeinsame Tun sehr.

Die ungefähr 3- bis 5-jährigen Kinder lassen sich von einer Erzieherin anregen, mit einem längeren Schlauch Wasser von einem Gefäß in ein anderes zu leiten. Sie üben mit großer Ausdauer, bis es ihnen endlich gelingt, eine große Wanne mit Wasser durch diese Technik völlig zu entleeren.

Nach ungefähr zwei Stunden, in denen die Kinder größtenteils völlig auf sich gestellt mit diesen Gerätschaften experimentierten, zeigt eine Erzieherin ihnen ein paar kleine Versuche mit farbiger Tinte, die in eine Schüssel mit Wasser getropft wird; ein runder Spiegel am Boden der Schüssel verstärkt den Effekt der Farbschlieren. Nach einiger Zeit wird ein Tropfen Spülmittel zugegeben: Die Wasserspannung wird schlagartig verringert und die Farbpartikel auf der Wasseroberfläche drängen blitzartig an den Rand der Schüssel - ein Experiment, das die Kinder gar nicht oft genug sehen können. In einer Variation dieses Versuchs mahlt dann ein Kind etwas Pfeffer in die wieder gereinigte und neu mit Wasser gefüllte Schüssel. Auch hier führt die Zugabe einer winzigen Menge an Spülmittel zu einer faszinierenden "Flucht des Pfeffers"...

(Anmerkung: Am darauffolgenden Tag holten die Kinder gleich morgens diese Dinge wieder hervor, probierten alles nochmals, gaben sich gegenseitig Tipps und entdeckten eine Reihe anderer Möglichkeiten, mit diesen Gerätschaften zu spielen).

Anteilnahme (fast) ohne Anleitung: die pädagogische Begleitung

Wenn es in erster Linie darum gehen soll, Kindern einen erweiterten Handlungs- und Erkundungsspielraum zu geben, so erfordert die pädagogische Begleitung zunächst vor allem die Organisation günstiger Rahmenbedingungen. Dazu zählen sorgfältige Überlegungen bezüglich des Platzbedarfs und bestimmter Sicherheitsfragen ebenso wie die Frage nach dem grundsätzlichen Verhältnis zu Ordnung und Unordnung innerhalb des pädagogischen Teams.

Wesentlich wichtiger als diverse physikalisch-naturkundliche Vorkenntnisse ist, dass die Betreuer/innen selbst Lust und Neugier auf den Umgang mit Dingen, Stoffen, Materialversuchen und Werk-Experimenten haben. Innerhalb des Teams ist eine gewisse allgemeine Akzeptanz und Verständigung über Zielsetzung und entsprechende Durchführungsmöglichkeiten unerlässlich. Es ist dabei sinnvoll, solche Ideen langsam und schrittweise umzusetzen.

Vor der Einrichtung einer solchen "Werkstatt" kann es hilfreich sein, wenn sich das gesamte Team im Rahmen einer speziellen Fortbildung theoretisch und praktisch mit dieser Thematik auseinandersetzt. Dadurch können nicht nur viele wichtige Fragen bereits im Vorfeld geklärt werden, sondern das Team wird auch in die Lage versetzt, einen gemeinsamen inhaltlich-organisatorischen Ansatz zu entwickeln. Zudem bieten eigene praktische Versuche mit den entsprechenden Materialien und Werkzeugen auch Anregungen für die spätere Arbeit mit den Kindern, und nicht zuletzt kann bei dieser Gelegenheit gleich geklärt werden, wie auch bereits vorhandene Materialien, Werkzeuge oder (alte) Möbel dafür genutzt werden können.

Die pädagogische Begleitung an sich ist vermutlich dort am wertvollsten, wo sie die anteilnehmende Beobachtung der Kinder in den Vordergrund stellt. Das schließt nicht aus, gelegentlich die eine oder andere Hilfestellung zu geben, unter Umständen einzugreifen, wenn ein Experiment den Kindern "über den Kopf zu wachsen" droht, - aber entscheidend erscheint eine Unterstützung durch Anerkennung, Fragen und Ermutigungen.

Erwartungen und Befürchtungen

Neuerungen, und bringen sie auch nur relativ kleine Veränderungen, lösen häufig eine Vielzahl von Reaktionen aus, die manchmal nur schwer vorhersehbar sind: begeisterte Zustimmung ebenso wie ablehnende Gleichgültigkeit, Verunsicherungen und Ängste, hohe Erwartungen und ungeduldige Hoffnungen. Wir meinen, dass die Einführung einer "Werkstatt" oder gar eines "Labors" insbesondere den Eltern gegenüber gut und sehr deutlich erklärt werden sollte: Fühlen diese sich ausreichend informiert, werden sie dieses Projekt vermutlich gerne und hilfsbereit unterstützen - und viele Bedenken oder gar Widerstände sind damit hinfällig. Allerdings ist ohnehin eher damit zu rechnen, dass manche Eltern angesichts dieser Ideen übertriebene Erwartungen bezüglich einer Art Vorschulunterricht entwickeln. In diesem Fall sollte klargestellt werden, dass das damit eben nicht angestrebt wird: Hier entscheiden die Kinder noch im Wesentlichen selbst, womit sie sich beschäftigen möchten.

Bisherige Erfahrungen zeigen, dass viele Eltern für ein derartiges Vorhaben gerne auch Gegenstände und Materialien aus dem eigenen Haushalt oder ihrem beruflichen Umfeld zur Verfügung stellen. Sie bieten ihre Hilfe bei bestimmten Umbauten im Garten oder in der Einrichtung an und informieren sich regelmäßig über den Fortgang dieses Projekts. Umgekehrt erzählen die Kinder daheim von ihren Experimenten und Erfahrungen, oder sie zeigen ihren Eltern stolz das eine oder andere Ergebnis.

Alltag: Wartung und Pflege, Zuständigkeiten und Perspektiven

Die Ausstattung einer "Werkstatt", wie sie hier vorgestellt wird, lässt sich grob in zwei Gruppen von Materialien und Hilfsmittel bzw. Werkzeuge teilen: Zum einen wird es sich um Dinge handeln, die keine besondere Pflege oder Sicherung brauchen und jederzeit auch im Gartengelände der Einrichtung den Kindern zur Verfügung stehen; zum anderen gibt es jene Gegenstände oder Geräte, die am besten im Haus verwahrt werden und nur zeitweise zum Einsatz kommen. Unter diese Gruppe fallen Dinge wie z.B. Lupen, Qualitätssiebe oder Handbohrer, die manchmal vielleicht eine gewisse Wartung erfordern, in Teilen hin und wieder ergänzt oder auch mal repariert werden müssen. Es empfiehlt sich, dass ein Teammitglied diese Verantwortung übernimmt und dafür sorgt, dass gerade auch die wertvolleren Dinge richtig behandelt werden.

Zusammenfassend sei aber betont, dass es keinesfalls darum geht, einen Spielbereich "für die Ewigkeit" einzurichten, sondern dass gerade hier Veränderungen wesentlich zur Grundidee des Projekts gehören. Und es ist auch nicht entscheidend, dabei eine wie immer geartete Vollständigkeit anzustreben: Eine "Werkstatt", eine "Bauhütte" oder ein "Labor" leben vom Bruchstückhaften, Vorläufigen und dem Erfindungsgeist derer, die dort arbeiten.

Autor/in

Herbert Österreicher, Dipl. Ing. (FH), ist als freiberuflicher Planer für Außenanlagen an Kindertageseinrichtungen verschiedener Träger sowie als Weiterbildungsreferent im Bereich der Umweltbildung und Naturkunde tätig. Kontakt über: http://www.kinderfreiland.de

Edeltraud Prokop, Kinderkrankenschwester und Erzieherin, leitet eine Kinderkrippe der Stadt München und arbeitet dort mit ihrem Team an Konzepten einer Freilandpädagogik mit erweiterter Altersmischung einschließlich der Integration behinderter Kinder.