Aus: beziehungsweise 2/2002 vom 24. Januar 2002 (herausgegeben vom Österreichisches Institut für Familienforschung, Wien)

Demokratie im Kindergarten: Über Partizipationsmodelle in deutschen Kindergärten

Irene Kernthaler

 

Auch Kindergartenkinder sind bereits in der Lage, ihren Alltag bewusst und gezielt mitzugestalten und Entscheidungen zu treffen. Teilhabe, aktive Mitgestaltung und Verantwortung, von Experten auch Partizipation genannt, sind nicht an ein Alter gebunden, sondern an geeignete Strukturen und Unterstützung durch Erwachsene. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI), für die in einer quantitativen Befragung eine Stichprobe von 1.003 Gemeinden und Städten der Bundesrepublik Deutschland und elf unterschiedliche Beteiligungsmodelle qualitativ untersucht wurden.

In Kindertagesstätten ist eine Teilhabemöglichkeit der "Morgen- oder Stuhlkreis", wo Kinder von ihren Erlebnissen und Gefühlen erzählen können. Dort werden überschaubare Zeitabschnitte besprochen, neue Aktivitäten geplant, Gruppenregeln entwickelt und Stimmungslagen besprochen. Wenn alle Kinder einer Einrichtung teilnehmen, dann wird von Kinderkonferenzen oder Vollversammlungen gesprochen. Einige Kindergärten bieten den ältesten Kindern als Möglichkeit der Mitbestimmung ein sogenanntes "Kinderparlament" an. Bei diesem Projekt treffen sich einmal in der Woche die Vorschulkinder zum Sammeln von Ideen, zu konträren Diskussionen und Abstimmungen über das Programm, zur Einrichtung des Kindergartens, zur Erstellung von Umgangsregeln und zur Lösung von Konflikten. Geleitet werden diese Sitzungen von einem alle vier Wochen rotierenden Vorstand. Im Laufe eines Jahres haben alle Kinder einmal die Möglichkeit, dieses Kinderparlament zu leiten. Unterstützt werden sie dabei von den Erzieher/innen.

Die Untersuchungsergebnisse zeigen deutlich, dass für die Kinder die Beteiligung erstens eine ernsthafte und wichtige Angelegenheit und zweitens nicht nur toll, sondern auch anstrengend ist. So ist es fürs Erste nicht gerade leicht, den eigenen Standpunkt zu finden und die vielen verschiedenen Interessen unter einen Hut zu bringen. Als Kind vor Erwachsenen zu reden oder die Wünsche der anderen Kinder auszudrücken will, auch einmal gelernt sein. Ferner sind viele Beteiligungsangebote eher auf das Gespräch ausgerichtet. Da gilt es, eine gewisse Disziplin beim Zuhören und eine Gesprächskultur zu entwickeln. Entsprechend unterschiedlich fallen auch die Meinungen der Kinder dazu aus. Für einige Kinder ist es eine große Auszeichnung, ins Parlament zu kommen, weil "man da mitbestimmen kann". Andere wiederum finden, dass man "da nur [...] Sachen sagen soll". Interessanterweise sind es oft die Buben, die das Parlament langweilig finden. Die Ursache für das unterschiedliche Handeln im Parlament könnte sein, dass Mädchen in diesem Alter in der verbalen Entwicklung häufig einen Schritt voraus sind. Die Buben betonten in den Interviews oft, dass das Parlament ihrem Bewegungsdrang nicht gerecht wird. Sie empfinden das Stillsitzen und Zuhören-Müssen häufig als anstrengend und langweilig.

Partizipation gelingt dann besonders gut, wenn die Kinder von den Erwachsenen gut begleitet werden. Die Fähigkeit, miteinander zu reden und in Dialog zu treten, wird von den 5- bis 6-jährigen Kindern erst erprobt und geübt. Die Erzieher/innen unterstützen diesen Prozess, indem sie beispielsweise auf bereits gemachte Vorschläge hinweisen. "Die Daniela hat das und das gesagt. Was könnte man denn da machen?" Schüchterne Kinder sprechen die Erzieher/innen direkt an, so dass auch diese zu Wort kommen. So erleben die Kinder, dass nicht nur die Lauten immer das Wort haben. Die gesamte Kindergruppe lernt dadurch, genauer hinzuhören und auch die leisen Töne wahrzunehmen.

Mangelnde Unterstützung der Kinder beim Erproben ihrer neuen Rollen und fehlende Vorbereitung lassen sich häufig auf Unstimmigkeiten und Widerstände im Team zurückführen. Und ernstgemeinte Beteiligung stellt auch die Machtfrage. Die Erwachsenen werden von ihrer Macht einen Teil abgeben müssen, wenn Teilhabe nicht nur eine leere Phrase sein soll. Wer entscheidet aber, wer welche Macht abgibt? Wenn zugunsten der Kinder Kompetenzen der Mitarbeiter/innen beschnitten werden sollen, dann kann das nicht ohne deren Einwilligung geschehen. Ansonsten wird das Modell unterlaufen oder nicht ausreichend unterstützt.

Neben der gefühlvollen Führung durch die Erzieher/innen hat sich auch gezeigt, dass die Anregung der Phantasie der Kinder sehr zum Erfolg von Mitsprache beiträgt. In einem Kindergarten zeigte sich bei der Planung des neuen Spielplatzes sehr deutlich, dass die Kinder ohne Anregung nicht auf neue Ideen kamen. Daher wurden Ausflüge aufs Feld und auf Waldspielplätze unternommen, andere Einrichtungen besucht und Beispiele auf Bildern gezeigt. Angeregt durch das Erlebte und Gesehene sammelten die Kinder zahlreiche Gestaltungsideen und bauten in ihren Gruppen je ein Modell "ihres" Außengeländes. Diese Entwürfe hatten plötzlich kaum noch Ähnlichkeit mit einem "normalen" Spielplatz.

Weitere Informationen

Claudia Franziska Bruner, Ursula Winkelhofer, Claudia Zinser, Tel.: 089/62306-77, Email: cfbruner@web.de

In Vorbereitung: Bruner, C.F./Winkelhofer, U./Zinser, C: Partizipation (er)leben, Erfahrungen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Opladen: Verlag Leske+Budrich, Frühjahr 2002