Bildung - Wie können Erzieher/innen den neuen Erwartungen gerecht werden?

Martin R. Textor

 

"Weichen für Bildungschancen und damit für Lebenschancen werden bereits früh gestellt. Insbesondere die Motivation und die Fähigkeit zu kontinuierlichem und selbstgesteuertem Lernen sind früh zu wecken. Neben dem wichtigen Lernen in der Familie sind die Möglichkeiten der Kindertageseinrichtungen zur Unterstützung früher Bildungsprozesse deutlich besser zu nutzen" - so lautet die 1. Empfehlung des Forum Bildung (Arbeitsstab Forum Bildung in der Geschäftsstelle der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung 2001, S. 9).

Welche Schlüsselqualifikationen sollen sich Kinder nun durch (frühe) Bildungsprozesse aneignen? Die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (1998) nennt in einer anderen Veröffentlichung folgende:

  1. System- und Problemlöseorientierung: Verstehen komplexer Situationen, Fähigkeit zum Wechseln der Perspektive, vernetztes Denken, Urteilsfähigkeit, zukunftsgerichtetes Denken, Fantasie, Kreativität, Forschungsgeist, Methodenkompetenz usw.
  2. Verständigungs- und Wertorientierung: Sprachkompetenz, Dialogfähigkeit, interkulturelle Verständigung, Konfliktlösefertigkeiten, Selbstreflexionsfähigkeit, Werte/ ethische Ziele usw.
  3. Kooperationsorientierung: Teamfähigkeit, interdisziplinäre Zusammenarbeit, Gemeinsinnorientierung usw.
  4. Situations-, Handlungs- und Partizipationsorientierung: Entscheidungsfähigkeit, Handlungskompetenzen (Fertigkeiten), Praxis- und Lebensbezug, Mitbestimmung usw.
  5. Selbstorganisation: Selbstverantwortung, Eigeninitiative, selbsttätiges, selbst geplantes Lernen (Nutzen von Quellen, Aufbereiten und Präsentieren der Ergebnisse), prozess- und ergebnisorientierte (Selbst-) Evaluation, Bereitschaft und Fähigkeit zum lebenslangen Lernen etc.
  6. Ganzheitlichkeit: umfassende Wahrnehmungs- und Erfahrungsfähigkeit, konstruktiver Umgang mit Vielfalt, universale Orientierung, globale Perspektive usw.

Diese Fähigkeiten sollen sich Kinder auch in realen Lebenssituationen und mit Hilfe innovativer Lernformen- bzw. Methoden aneignen (z.B. Projektarbeit, Rollen- und Planspiele, Freiarbeit, kreative Methoden, Partner- und Teamarbeit, spielerisches Lernen).

Außerdem soll in Kindertagesstätten mehr naturwissenschaftlich-technische Bildung vermittelt, mehr musisch-ästhetische Erziehung praktiziert, Medienkompetenz erworben und eine Fremdsprache gelehrt werden (Arbeitsstab Forum Bildung in der Geschäftsstelle der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung 2001).

Die Anforderungen an das Personal in Kindertageseinrichtungen werden also immer höher geschraubt. Aber Aus- und Fortbildung der Fachkräfte sind in den letzten Jahren kaum verbessert worden, geschweige denn auf ein höheres Niveau gebracht worden. Wie sollen also Erzieher/innen diesen hohen Erwartungen gerecht werden können?

Hierzu heißt es in den Empfehlungen des Forum Bildung: "Für die Neubestimmung und Verwirklichung des Bildungsauftrags des Kindergartens sowie die Steigerung der Qualität sind externe Unterstützungsstrukturen für die fachliche Anleitung, Beratung und Fortbildung des pädagogischen Personals erforderlich. Die Aus- und Weiterbildung der Erzieherinnen und Erzieher muss verbessert und aufgewertet werden, damit das Fachpersonal besser darauf vorbereitet wird, die frühen Bildungsprozesse von Kindern zu erkennen und zu fördern" (Arbeitsstab Forum Bildung in der Geschäftsstelle der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung 2001, S. 10).

Da ist viel Skepsis angebracht. Ich glaube nicht, dass sich hier in den nächsten Jahren viel zum Besseren verändern wird. Aber wie sollen dann die Fachkräfte wissen, wie sie "mehr Bildung" in Kindertageseinrichtungen realisieren können? Wer hilft ihnen, die hehren Bildungsziele - wie sie derzeit von vielen Gremien in Dutzenden von Papieren niedergelegt werden - so "herunterzubrechen" (zu "operationalisieren", wie es in der Fachsprache heißt), dass sie realistische Ziele für ihre Kinder in der Form erschließbarer bzw. beobachtbarer Denk- und Verhaltensweisen bekommen? Dass sie Ziele haben, an denen sie sich in der täglichen Praxis orientieren können? Wer hilft ihnen, Aktivitäten zu finden und in einem systematischen Bildungsplan niederzulegen, durch die sich diese Ziele erreichen lassen? Wer lehrt sie Beobachtungsmethoden und gibt ihnen Erhebungsbögen, durch die sie erfassen können, ob die Kinder die angezielten Denk- und Verhaltensweisen bzw. Eigenschaften ausgebildet haben?

Wenn diese Fragen nicht beantwortet werden, wird sich am "Bildungsnotstand" in Kindertageseinrichtungen wenig ändern, werden all die von vielen Gremien verfassten Papiere Makulatur. Ohne eine vom Niveau höhere Ausbildung, ohne eine intensivierte, flächendeckende Fortbildung und ohne Anleitungen zum Umsetzen abstrakter Ziele in die tägliche Praxis wird es höchstens etwas Flickschusterei geben (z.B. "Sprachkurse" für ausländische Kinder) - aber nicht nennenswert "mehr Bildung" in Kindertagesstätten.

Im Folgenden soll nun zumindest anhand von Beispielen gezeigt werden, wie einige der vorgenannten Bildungsziele in die Praxis umgesetzt werden könnten.

Beispiel: Begriffsbildung

"Begriffe" sind die Bausteine des Denkens; der Erwerb von Begriffen ist ein wichtiger Teil der kognitiven und Sprachförderung in Kindertageseinrichtungen. Wir können Kindern helfen, zu "klareren" Begriffen zu kommen, wenn wir sie mit unterschiedlichen Gegenständen (z.B. Tierbildern) konfrontieren und diese dann nach gemeinsamen Eigenschaften (groß - klein, wild - zahm) ordnen lassen. Anschließend können wir mit ihnen nach einem Begriff für die gefundenen Kategorien von Objekten suchen (z.B. Großwild, Haustiere, Nutztiere). Auch mit den Kindern angelegte Sammlungen (Steine, Blätter, Metallteile ...) eignen sich gut, um Begriffe und Eigenschaften bzw. das Kategorisieren und Klassifizieren zu lernen.

Der Erwerb von Begriffen ist natürlich auch in der Erzieherin-Kind-Interaktion möglich. Wichtig ist beispielsweise, dass die Erzieherin genau hinhört, wenn ein Kind Begriffe - insbesondere abstrakte Konzepte - gebraucht, und dann zu erfassen versucht, ob das Kind den verwendeten Begriff wirklich versteht. Eventuell muss sie nachfragen. Zeigt sich, dass das Kind den Begriff noch nicht richtig versteht oder falsch verwendet, kann die Erzieherin versuchen,

  1. dem Kind den Begriff zu erklären (möglichst unter Verwendung von Beispielen), oder
  2. das Kind zum Nachdenken über den Begriff anzuregen, oder
  3. dem Kind durch eine relevante Aktivität (s.o.) zu ermöglichen, neue Erfahrungen zu machen, die ihm helfen, das Konzept besser zu verstehen, oder
  4. ein Gespräch mit älteren Kindern zu initiieren, die bereits ein besseres Verständnis von dem Begriff haben, sodass durch diese das Vorverständnis (der "Pseudobegriff") des jeweiligen Kindes hinterfragt wird bzw. dieses von den älteren Kindern lernt.

Hier wird deutlich, dass Erzieher/innen eine aktivere Rolle hinsichtlich des Lernens jeden einzelnen Kindes einnehmen müssen: "Wesentlich ist für diesen Entwicklungsverlauf die Qualität der Interaktion mit den Erwachsenen, die - wenn sie wirksam sein soll - das Denken und Handeln des Kindes durch einfühlsame Herausforderungen gemäß seiner Entwicklungsstufe aktivieren muss" (Sigel 2000, S. 88). Jedes einzelne Kind muss immer wieder von dort abgeholt werden, wo es steht. Es entwickelt sich am besten und am schnellsten weiter, wenn viele seiner Lernerfolge auf "Ko-Konstruktion" beruhen - wenn es im Dialog mit einem Erwachsenen bzw. unter dessen Anleitung einen Begriff oder eine Fertigkeit lernt.

Beispiel: Denken lernen

Hier gilt Ähnliches: Kinder können zum Nachdenken motiviert werden, wenn Erzieher/innen sie mit Erfahrungen oder Aussagen konfrontieren, die im Widerspruch zu ihren momentanen "Theorien" stehen. Dies kann im Rahmen von Aktivitäten wie z.B. Experimenten, von Erzieherin-Kind-Interaktionen oder Kleingruppengesprächen geschehen.

Nachdenken wird aber auch stimuliert, wenn Erzieher/innen beispielsweise

  • auf Warum-Fragen eingehen (selbst wenn diese "endlos" sind) bzw. diese initiieren,
  • selbst Warum-Fragen stellen und die Kinder nach Erklärungen suchen lassen,
  • mit Kindern über die Ursachen von Missverständnissen reden,
  • nur den Anfang einer Geschichte erzählen und dann die Kinder verschiedene mögliche Ausgänge der Geschichte entwickeln lassen,
  • über die eigenen Gedanken sprechen und damit den inneren Ablauf von Denk- und Entscheidungsprozessen verdeutlichen, oder
  • die Kinder nach ihren Gedanken fragen.

Beispiel: Mathematik

Um es gleich vorweg zu sagen - hier geht es nicht um Rechnen oder das Schreiben von Zahlen wie in der Schule. Eher um Mengenlehre: Schon Kleinkinder können ein Verständnis von "größer als - gleich groß - kleiner als" oder von "am meisten - mehr - weniger - am wenigsten" entwickeln, wenn Erzieherinnen sie z.B. verschieden große Mengen von Perlen vergleichen lassen (Schätzungen). Ferner kann das Zählen gefördert werden - auch dadurch, dass z.B. die Kinder am Morgen die Zahl der Anwesenden zählen, dass ein Nebenraum nur von einer bestimmten Anzahl von Kindern aufgesucht werden darf, wenn "Mannschaften" für Gruppenspiele aufgestellt werden oder wenn häufig Abstimmungen durchgeführt werden. Außerdem kann mit den Kindern darüber gesprochen werden, was überhaupt eine Zahl ist und wofür Zahlen gut sind. Mit etwas Nachdenken kann man jeden Tag in der Kindertageseinrichtung so gestalten, dass Kinder immer wieder mit Zahlen und Mengen in Berührung kommen.

Beispiel: Naturwissenschaftlich-technische Bildung

Im Kleinkindalter geht es hier vor allem um Sinnesschulung: Kinder sollen "wissenschaftliche Erkenntnisse" gewinnen, indem sie Objekte anschauen, betasten, belauschen und beschnuppern sowie anschließend ihre Sinneserfahrungen beschreiben und diskutieren. Es geht um Fragen, wozu diese Gegenstände da sind, was mit ihnen gemacht werden kann, wie sie funktionieren und wie sie in ihrem Inneren aussehen. Aus diesen Fragen können sich z.B. Experimente ergeben, oder die Objekte werden auseinandergenommen, um ihr "Innenleben" kennen zu lernen. Dann können beispielsweise Ursache-Wirkungs-Beziehungen (Kausalität) ermittelt werden.

Beobachtung, Reflexion und aktives Handeln sind somit zentrale Bestandteile naturwissenschaftlich-technischer Bildung. Kinder sollten lernen,

  • Daten über ein Objekt oder ein Phänomen (z.B. Wetter) zu sammeln, zu ordnen und zu klassifizieren,
  • Eigenschaften und Zusammensetzungen zu analysieren und zu messen,
  • Reaktionen von Objekten vorherzusagen, zu testen und zu kontrollieren,
  • Objekte auseinander zu nehmen, die Bestandteile zu untersuchen und wieder zusammenzusetzen,
  • Beobachtungsergebnisse zu formulieren und zu reflektieren.

Auf diese Weise erwerben Kinder nicht nur Wissen über die dingliche Welt, sondern lernen auch elementare wissenschaftliche Fertigkeiten. Geeignete Objekte und Phänomen können aus der Natur oder aus der von Menschen geprägten Umwelt entnommen werden - Samen, Pflanzen, Wind, Wasser (-dampf, Eis), Magnet, mechanische Uhr, kaputtes Radio, Fahrrad usw.

Schlussbemerkung

Die Liste solcher Maßnahmen ließe sich natürlich über viele Seiten hinweg verlängern. Die Umsetzung der genannten Beispiele führt sicherlich zu etwas "mehr Bildung" in Kindertageseinrichtungen. Ohne die weiter oben genannten anderen Maßnahmen - bessere Ausbildung von Erzieher/innen, intensivere Fortbildung, Bildungsplan, Beobachtungsbögen - wird dieses aber nur ein erster Schritt sein.

Literatur

Arbeitsstab Forum Bildung in der Geschäftsstelle der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (Hrsg.): Empfehlungen des Forum Bildung. Bonn: Selbstverlag 2001

Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung: Bildung für eine nachhaltige Entwicklung - Orientierungsrahmen. Bonn: Selbstverlag 1998

Sigel, I.E.: Kommentar: Was Wygotski der Frühpädagogik (nicht) bietet. In: Fthenakis, W.E./ Textor, M.R. (Hrsg.): Pädagogische Ansätze im Kindergarten. Weinheim: Beltz 2000, S. 84-92