Aus: Forum: Frau und Gesellschaft (siehe www.forumfrau.de), Februar 2002

"Hilf mir, es allein zu tun!" - Vor 50 Jahren starb Maria Montessori

Manfred Berger

 

Am 6. Mai 1952 starb Maria Montessori, die "weibliche Klassikerin" (Hedderich 2001, S. 12) und "Säulenheilige" (Siebenschön 1999, S. 27) der Pädagogik, in Noordwijk aan Zee (Holland). Noch an ihrem Todestag soll sie die Idee erwogen haben, einen Ruf folgend nach Ghana zu reisen. Dort beabsichtigte sie, beim Aufbau eines neuen Erziehungssystems mitzuarbeiten. Doch ein Leben im unermüdlichen Einsatz für die Erziehung der Kinder und ihre Rechte auf Freiheit, Selbstentfaltung, Selbstständigkeit und Frieden ging zu Ende.

Maria Montessori, von ihren AnhängerInnen zeitlebens ehrfurchtsvoll Dottoressa tituliert, wurde auf dem römisch-katholischen Friedhof von Noordwijk aan Zee beigesetzt. In ihren Grabstein ritzte man die Worte: "IO PREGIO I CARI BAMBINI, CHE POSSONO TUTTO DI UNIRSI A ME PER LA COSTRUZIONE DELLA PACE NEGLI UOMINE E NEL MONDO" (Übersetzt: "Ich bitte die lieben Kinder, die alles können, mit mir zusammen für den Aufbau des Friedens zwischen den Menschen und in der Welt zu arbeiten").

Die Pädagogik der ersten Ärztin Italiens "stellt eines der Konzepte der großen europäischen Reformpädagogik dar, die an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden sind, als Hoffnungsträger für die Gestaltung einer besseren Welt rasch Verbreitung finden, mit dem 'Ausgehen der Lichter in Europa' im Ersten Weltkrieg schwer beeinträchtigt werden, in den Zwanzigerjahren wieder kurz aufblühen, in den Zeiten des Faschismus und Nationalismus die vollständige Vernichtung erleiden müssen, nach 1945 zunächst wenig beachtet werden, seit den Achtzigerjahren nun einen erstaunlichen Aufschwung erleben. Unter den am öftesten aufgegriffenen Konzepten ist das der Montessori-Pädagogik" (Oswald 1998, S. 10).

Und Sigurd Hebenstreit (1999, S. 9) vermerkte treffsicher in seiner lesenswerten Veröffentlichung: "Maria Montessori hat es als einzige Frau geschafft, ein Werk zu erarbeiten, das auch noch 50 Jahre nach ihrem Tod vielfach studiert wird und das sich zu lesen lohnt. Sie entwarf keine Eintagsfliege, kein modisches Programm der Methodenlehre, das nur für kurze Zeit öffentlichkeitswirksam ist, um im nächsten Moment im Bücherschrank zu verstauben. Ihr Werk ist eine umfassende Erziehungstheorie, die auf immer gleichbleibenden pädagogischen Fragen spannende Antworten gibt. Maria Montessori muss eine große Ausstrahlung gehabt haben, immer wieder gelang es ihr, eine breitere Öffentlichkeit für ihre Theorien zu begeistern. Doch diese persönliche Komponente gilt nur für die Vergangenheit, wäre sie alles gewesen, dann wäre ihr Werk mit ihrem Tod vergangen".

Gegenwärtig steigt noch immer die Zahl der national und international neu gegründeten Montessori-Einrichtungen (Schulen, Kindergärten, heilpädagogische Institutionen, Vereine u.a.m.), unabhängig von Kulturkreis und Religionszugehörigkeit. Auf die feststellbare weltweite Aktualität weist auch eindringlich die Fülle der über Maria Montessori als Person sowie über ihre Pädagogik publizierte Literatur hin. Beispielsweise wurden allein 1996 150 Bücher und Aufsätze veröffentlicht (vgl. Böhm 1999).

Daraus ergibt sich für mich ein anderer Zugriff, diese bedeutende Pädagogin anlässlich ihres 50. Todestages zu würdigen. Ich möchte hier nicht erneut ihr Leben, ihr Werk und ihre Bedeutung für die Gegenwart repetieren. Das hieße "Eulen nach Athen tragen", zumal dazu genügend aktuelle Publikationen (auch nach 1996) vorliegen (vgl. u.a.: Biebricher/ Speichert 1999; Hagemann/ Börner 2000; Hebenstreit 1999; Heddrich 2001; Raapke 2001; Schwegmann 2000; Vogel 2001; Waldschmidt 2001), dabei die unzähligen Aufsätze in diversen (Fach-) Zeitschriften nicht berücksichtigend.

Vielmehr liegt mir daran, die publizistischen und praktischen Verdienste von ausgewählten Frauen vorzustellen, denn es waren schließlich und vor allem sie, die die Montessori-Pädagogik in Deutschland sozusagen "hoffähig" machten. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, dass das Werk der italienischen Ärztin und Pädagogin nicht mit ihrem Tod verging. Jedoch im jahrzehntelangen "Montessorifieber" fielen die Frauen im Dienste Maria Montessoris völlig der Vergessenheit anheim. Vielleicht wäre die Dottoressa ohne diese Epigoninnen in Deutschland nicht zur "weiblichen Klassikerin", zur "Säulenheiligen" der Pädagogik geworden (!).

Lisa Jaffé

Erste nachweisbare Auseinandersetzungen mit Maria Montessoris Pädagogik gingen noch vor Ausbruch des I. Weltkrieges insbesondere von Hamburg und Berlin aus. Die aus einer bedeutenden Hamburger Kaufmannsfamilie stammende Lisa Jaffé veröffentlichte als eine der ersten Frauen in Deutschland mehrere Aufsätze über die neue Pädagogik aus dem Ausland. Ausgehend von dem Erziehungssystem der letzten Jahrhunderte, konstatierte sie über das "Ziel des Montessorisystems":

"Das Erziehungssystem der letzten Jahrhunderte war auf der Basis der Erbsünde aufgebaut, und das Problem hieß, aus einem kleinen von Natur aus mit bösen Instinkten behafteten Wesen so etwas ähnliches wie einen gehorsamen und nützlichen Bürger zu gestalten. Das Ideal war als eine vorhandene Form gedacht, aus der ein Geschöpf hervorgehen sollte, das so viel wie möglich einen vorhandenen Modell entspräche.
Heutzutage aber vermindert sich von Jahr zu Jahr die Zahl derer, die an eine Erbsünde glauben, und die alten Zwangsmaßregeln der Erziehung fordern allseitige Kritik heraus. Es wächst der Glaube ans Leben und an die Fähigkeiten in der Natur des Menschen, an die wir heute als größte Forderung 'Selbstverwirklichung' stellen, ohne sie können wir uns kein vollkommenes Leben mehr denken, ihre einzige Schranke ist die Achtung vor der Freiheit unserer Mitmenschen. - Zu dieser Entwicklung bedarf das wachsende Menschenkind der 'Freiheit' und der 'Ermutigung', damit die in ihm schlummernden schönen, natürlichen, schaffenden Impulse des Guten gefördert und ausgebildet werden können. Dem Kinde muss von den allerfrühesten Jahren an Gelegenheit zur Selbst-Entwicklung geboten werden, zur Vertiefung seiner Individualität und Initiative. Das ist das Ziel des Montessorisystems" (Jaffé 1914, S. 15).

Leider konnte Lisa Jaffé nicht mehr wie beabsichtigt Montessori-Einrichtungen gründen. Die finanziellen Mittel dafür waren durch ihre Familie, die zu den reichsten Hamburgs gehörte, gesichert. Der I. Weltkrieg jedoch vereitelte ihr Vorhaben.

Clara Grunwald und Elsa Ochs

Als Nestorin der Montessori-Pädagogik in Deutschland vor 1933 ist zweifelsohne die in Berlin tätige Lehrerin Clara Grunwald zu sehen. Sie hatte viele Frauen (und auch Männer) für die Pädagogik der Italienerin begeistert, wie beispielsweise die junge Lehrerin Irene Dietrich. Genannte erinnerte sich an ihre erste Begegnung mit Clara Grunwald:

"Es war in den Herbstferien 1925. Auf der Suche nach einer Schulreform war ich an die Schriften Maria Montessoris gelangt. Man empfahl mir, mich wegen der Beschaffung von Lernmaterialien für meine Schülerinnen an die Deutsche Montessori-Gesellschaft in Berlin-Tiergarten ... zu wenden. Clara Grunwald, die erste Vorsitzende dieses Vereins, empfing mich freundlich ... Clara Grunwald hatte mich als Helferin in einem Ganztags-Montessori-Kinderhaus in der Düsseldorfer Straße in Wilmersdorf engagiert ... Die neue Einstellung zum Kinde, dessen spontane Selbsttätigkeit das Wichtigste im pädagogischen Geschehen, sagte mir sehr zu ... Was meine Einzelgespräche mit Clara Grunwald betraf, so waren diese oft auch sozialistischen Inhalts ... Clara Grunwald war Sozialdemokratin und Pazifistin, was mich sehr beeindruckte" (zit. n. Biesenbaum 1994, S. 4 f).

Die Berliner Lehrerin, die sich für eine Erneuerung des kaiserlichen Schulsystems engagierte, las im Jahre 1913 mit großer Begeisterung Maria Montessoris epochales Werk "Selbsttätige Erziehung im frühen Kindesalter", das wir heute unter dem Titel "Die Entdeckung des Kindes" kennen. Diese Pädagogik erschien ihr als adäquatere Lösung sowohl für die drängenden sozialpolitischen Probleme als auch für die Gestaltung des öffentlichen Erziehungswesens. Sie suchte umgehend nach Möglichkeiten, um die Pädagogik aus Italien in die Tat umzusetzen. Clara Grunwald wandte sich an den verantwortlichen Stadtschulrat von Berlin, Dr. Fischer, um die Montessori-Methode zuerst einmal in den Kindergärten der Stadt zu erproben. Ferner beteiligte sie sich mit ihren Freundinnen Elsa Ochs und Herlint von Steinen an den Vorbereitungen zur 1914 in Köln stattfindenden "Deutschen Werkbundausstellung". Dort wurde u.a. auch für das Montessori-System geworben (vgl. Berger 2001a).

Der I. Weltkrieg jedoch verhinderte alle geplanten Vorhaben zur Verbreitung der Montessori-Pädagogik in Deutschland. Italien wurde zum Kriegsgegner, und damit unterlag alles, was aus Feindesland kam, einer strengen Zensur und öffentlichen Verleumdung - auch die Pädagogik Maria Montessoris.

Nach dem grausamen Krieg engagierte sich Clara Grunwald sofort wieder, in Verbindung mit dem "Bund Entschiedener Schulreformer", für eine grundsätzliche Erneuerung des Schul- und Erziehungssystems. Im Jahre 1919 gründete sie, unterstützt von der ausgebildeten Montessoripädagogin Elsa Ochs, das "Montessori-Komitee". Diesem durften laut Satzung nur Fachleute beitreten. Beide Frauen waren auch maßgebend an der Errichtung des ersten Montessori-Kinderhauses in Deutschland beteiligt, das 1919 in Berlin-Lankwitz eröffnet wurde. Clara Grunwald wollte die neue Institution weiter ausgebaut sehen. In einer Petition an das "Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung" schrieb sie:

"Lankwitz ... hat nur einen Fehler: 'Das Haus der Kinder' nimmt seine Vierzig nur für vier Stunden auf. Es ist also kein eigentliches 'Haus der Kinder'. Als solches müßte es ein Tagheim sein. Die Kinder dürfen nicht während des Nachmittags auf die Straße zurückgegeben werden. Wäre es ein Tagheim, so könnte es vorbildlich sein und den ersten deutschen Versuch mit der Montessori-Methode bedeuten ... Es ist deshalb von größtem Interesse für die deutsche Pädagogik, daß Montessori-Versuchsklassen in Groß-Berlin errichtet werden, und daß das Lankwitzer 'Haus der Kinder' zu einem Tagesheim ausgebaut wird" (Grunwald 1920, S. 426).

Doch das Gegenteil trat ein. Das Lankwitzer 'Haus der Kinder' wurde am 1. Oktober 1922 auf Beschluss der Bezirksversammlung Steglitz - trotz massiver Proteste der Eltern und der pädagogisch Verantwortlichen - "aus Mangel an Mitteln" geschlossen. Seltsamerweise wurde wenige Tage später an gleicher Stelle, aus welchen Gründen auch immer, ein Fröbel-Kindergarten eröffnet.

Clara Grunwald, die zwischenzeitlich einen Montessori-Kurs in London absolviert hatte, und Elsa Ochs ließen sich nicht entmutigen. Sie initiierten eine weitere Montessori-Vereinigung, die "Gesellschaft der Freunde und Förderer der Montessori-Methode in Deutschland e.V.". Diese wandte sich in erster Linie an Laien. Dadurch erhofften sich die beiden Frauen eine stärkere Breitenwirkung.

Des weiteren konnte auf ihr Engagement hin am 1. November 1921 in Berlin ein neues Montessoriheim seiner Bestimmung übergeben werden. Trotz Öffentlichkeitsarbeit besuchten kaum mehr als 10 Kinder die Einrichtung. Bitten um finanzielle Unterstützung seitens der staatlichen Administration wurden negativ beschieden. Und so musste auch dieses "Haus der Kinder" fünf Monate später seinen Betrieb einstellen.

Um die Aufmerksamkeit stärker auf die Montessori-Pädagogik zu lenken, bat Clara Grunwald Maria Montessori um einen Vortrag in Berlin. Am 27. Oktober 1922 sprach die Dottoressa in der Universität von Berlin über "Grundlinien meiner Erziehungsmethode". Die charismatische Italienerin sorgte für Furore, bedingt nicht nur allein durch ihre Persönlichkeit, sondern ebenso durch ihre revolutionäre Erziehungsansicht, das Kind zur Entwicklungsfreiheit zu führen. Dazu konstatierte Maria Montessori:

"Als wir das Kind erzogen, um aus ihm einen Erwachsenen nach unserem Bilde zu machen, erzogen wir es nur bis zu unseren Fähigkeiten. Es konnte uns die Frische seiner jungen Seele nicht offenbaren, weil wir es zu einer Nachahmung unserer selbst führten und so die Kraft des neuen Menschen in ihm unterdrückten. Die kindliche Seele ist zart; sie braucht es mehr als jede andere, daß man sie schützt, weil sie nicht die Kraft hat, sich gegen Unterdrückung durch die Seele des Erwachsenen zu wehren: Das Kind ist das einzige menschliche Wesen, das leiden kann ohne zu klagen. Sein Reichtum ist die Lebensflamme, die es dazu treibt, zu wachsen und sich zu entfalten. Die Gesetze des Lebens sind in ihm enthalten, aber es kann sie uns nur offenbaren, wenn wir ihm Entwicklungsfreiheit lassen. Wir können also nichts anderes tun, als ihm die Mittel darbieten, die es zu dieser Entwicklungsfreiheit führen" (Montessori 1923, S. 8).

Ein Montessori-Boom setzte ein, der weit über Berlin hinaus reichte. In Berlin selbst wurden Montessori-Kinderhäuser am 1. Februar 1923 in Wilmerdorf (Leitung Elsa Ochs) und am 2. Mai 1924 im Wedding (Leitung Ilse Simachowitz) eröffnet. Nach Maria Montessoris Vortrag wollten mehrere ZuhörerInnen einen Ausbildungskurs bei ihr absolvieren. Um den Nachfragen gerecht zu werden, organisierten Clara Grunwald und Elsa Ochs, mit Genehmigung der Dottoressa, im Berliner "Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht" einen Montessori-Ausbildungskurs (April bis September 1923).

Im Winter 1926/27 kam Maria Montessori höchst persönlich nach Berlin, um LehererInnen, Kindergärtnerinnen und Jugendleiterinnen in ihrer Methode auszubilden. An dem Kurs nahm auch die Leiterin des Aachener Fröbelseminars, Helene Helming, teil. Doch dieser erste Diplomkurs auf deutschen Boden endete mit einem Eklat: Die "Deutsche Montessori-Gesellschaft e.V." (1925 von Clara Grunwald gegründet und präsidiert), die als Veranstalter des Kurses verantwortlich zeichnete, erschien Maria Montessori "sozialistisch unterwandert und zu wenig religiös untermauert" (zit. n. Wegner 2001, S. 86). Maria Montessori wollte den Kurs annullieren und verweigerte die Diplomurkunden zu unterschreiben. Daraufhin drohte Clara Grunwald, rechtliche Schritte zu unternehmen. Nach langen Auseinandersetzungen bequemte sich die Dottoressa erst 1929, die letzten Zeugnisse zu unterschreiben.

Clara Grunwald war von Maria Montessoris Reaktionen enttäuscht, setzte sich aber weiterhin für ihre Pädagogik ein, die sie nach wie vor für "richtig und würdig" (zit. n. Berger 1995, S. 27) befand. Weiterhin erstellte sie Informationsbroschüren und publizierte für die unterschiedlichsten Adressatenkreise über das neue Bild des Kindes, der Erziehung und Bildung im Montessori-Kinderhaus und in der Montessori-Schule.

Clara Grunwald setzte sich für die Errichtung von Montessori-Klassen in Berliner Volksschulen ein. Sie protegierte die Gründung einer zweiten privaten Montessori-Schule, neben Dahlendorf in Zehlendorf, und die eines "Freiluftkindergartens für Tuberkulöse Kinder". Auch einen Montessori-Ausbildungskurs organisierte sie für den Winter 1928/29.

Jedoch geriet Clara Grunwald innerhalb der Berliner Montessori-Bewegung immer mehr an den Rande. Ihre GegnerInnen gründeten schließlich 1930 unter der Präsidentschaft von Maria Montessori höchstpersönlich den "Verein Montessori-Pädagogik Deutschlands e.V.", der oft genug unfaire Mittel gegen Clara Grunwald, ihre AnhängerInnen und der "Deutschen Montessori-Gesellschaft e.V." einsetzte. Der neue Verein nahm für sich in Anspruch, die "richtige und reine Montessori-Methode in Deutschland" (Wegner 2001, S. 104) zu vertreten. Und so traf im April 1931 aus heiterem Himmel ein Brief aus Rom beim "Provinzial-Schulkollegium der Provinz Brandenburg und von Berlin" ein, mit folgendem denunzierenden Inhalt:

"Wir unterzeichneten deutschen Lehrkräfte aus dem 16. internationalen Montessori-Ausbildungskurs in Rom gestatten uns, dem Provinzial-Schulkollegium der Provinz Brandenburg und von Berlin folgenden Bericht zu übersenden.
Wir haben bereits an früheren von der Deutschen Montessori Gesellschaft veranstalteten Ausbildungskursen teilgenommen. Bei dem letzten Kursus 1928/29 erklärte Frau Grunwald, daß Frau Dr. Montessori diesen Kurs autorisiert habe. Dies entsprach aber nicht der Wahrheit. Ungefähr 45 deutsche Lehrkräfte nahmen an diesem Kursus z.T. unter großen finanziellen Opfern teil. Verschiedene Kursisten waren von Behörden und Regierungen geschickt.
Schon während der Ausbildungslehrgänge haben wir stark daran gezweifelt, daß Frau Grunwald geeignet sei, die Montessori-Pädagogik zu übermitteln. In der dann folgenden praktischen Berufsarbeit haben wir erkennen müssen, daß diese Zweifel voll berechtigt waren. Es war uns nur das nahe gebracht worden, und noch dazu in vollkommen unzulänglicher Weise, was Frau Dr. Montessori vor vielen Jahren geschaffen hat. Wir ahnten nichts davon, daß die Montessori-Methode lebendig ist und von der Schöpferin ständig ausgebaut wird. Die Erfahrungen der Praxis ließen den Entschluss in uns reifen, eine weitere Ausbildung von Frau Dr. Montessori selbst zu erhalten.
Während des Kursus in Rom haben sich unsere Vermutungen bestätigt, dass wir nach unserer bisherigen Ausbildung nicht vollwertige Montessori Arbeit haben leisten können, da die Montessori Gedanken entstellt übermittelt worden sind. Die Kurse in Berlin haben durch ein unharmonisches Vielerlei psychologischer und pädagogischer Anschauungen die Kursisten verwirrt. Die Dozenten haben z.T. in ausgesprochenem Gegensatz zur Gedankenwelt Frau Dr. Montessoris gestanden. In dem jetzigen Kursus in Rom dagegen, dessen Grundlage ein tiefes Eindringen in die Montessori Idee ist, wird ein organischer Entwicklungsgang aufgebaut, der alle Möglichkeiten zu vertiefter pädagogischer Arbeit in sich birgt.
Mit ganz besonderer Dankbarkeit möchten wir hervorheben, daß uns die Teilnahme an dem Kursus nur durch besonderes Entgegenkommen von Frau Dr. Montessori ermöglicht worden ist. Die Gebühren sind stark ermäßigt, zum großen Teil erlassen worden. Frau Dr. Montessori hat sich zu diesem Schritt auf Anregung des Vereins Montessori Pädagogik Deutschlands, Berlin W 8, Wilhelmstrasse 57, entschlossen, weil sie erkannt hat, daß wir durch die früheren Kurse in unverantwortlicher Weise irregeführt worden sind.
Wir wenden uns mit diesem Schreiben an das Provinzialkollegium, weil wir den Wunsch haben, in Deutschland vorbildliche Montessori-Arbeit zu leisten und den deutschen pädagogischen Behörden ein richtiges Urteil über die Montessori-Methode zu ermöglichen.
Wir sind uns klar, daß wir hierzu der wohlwollenden Unterstützung des Provinzial-Schulkollegiums bedürfen und zeichnen
Mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst" (Brandenburgisches Landeshauptarchiv).

Sicher fand dieser von zehn Lehrerinnen unterzeichnete Brief die Zustimmung Maria Montessoris. Diesbezüglich schreibt Inge Hansen-Schaberg (1996, S. 31) sehr zutreffend: "Es wirkt so, als ob der Preis für die Teilnahme an dem Kurs mit diesem Brief bezahlt wurde".

Vermutlich muss dabei auch eine Portion Eifersucht der Dottoressa auf die Erfolge der Berliner Lehrerin mit einbezogen werden. Daraufhin zog sich Clara Grunwald immer mehr aus ihrem aktiven Einsatz für die Montessori-Pädagogik zurück. Jedoch in ihrer Wohnung unterrichtete sie weiterhin Kinder nach der Montessori-Methode, selbst noch als ihr die Nazis dies verboten (vgl. Wegner 2001).

Emmy Bergmann

Clara Grunwalds zehn Jahre jüngere Schwester, die Kinderärztin Emmy Bergmann, eröffnete im Mai 1925 in ihrer Wohnung in Freiburg (Rheinstraße) ein Montessori-Kinderhaus. Dieses wurde von ca. 20 nicht schulpflichtigen Kindern frequentiert. Zusätzlich besuchten noch einige vom Schulbesuch zurückgestellte Kinder die Institution (vgl. Bergmann 1925, S. 2 ff.). Somit erfüllte das Montessori-Kinderhaus auch die Funktion eines Schulkindergartens, dessen Ziel es war, die "zurückgestellten Kinder auf den Stand der Normalschule zu bringen" (zit. n. Hatzfeld 2000, S. 34). Dabei spielte die freie Beschäftigung mit den Montessori-Materialien eine wichtige Rolle, da "gerade sie für die von der Schule zurückgestellten Kinder von besonderer Bedeutung sind:

  • die Fehlerkontrolle, ohne dass die Montessori-Lehrerin eingreifen muss;
  • die Isolierung der einzelnen Eigenschaften wie: Breite, Länge, Höhe, Farbe, Gewicht, Form...;
  • die Variationsbreite des Materials, das verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten zu verschiedenen Altersstufen zulässt;
  • die Heilfaktoren des Materials" (zit. n. Hatzfeld 2000, S. 53).

Im Jahre 1927 entstand in Freiburg ein Zweigverein der "Deutschen Montessori-Gesellschaft e.V." in Berlin, den Emmy Bergmann leitete. Zwei Jahre später wurde auf ihre Initiative hin die erste Montessori-Volksschulklasse ins Leben gerufen. Darüber berichtete Emmy Bergmann:

"In der Montessori-Schule gibt es keine Zeugnisse, keine Versetzungen im üblichen Sinne. Hier wird der Arbeitswille, die Arbeitsfreudigkeit des Kindes anerkannt, jede Arbeit, die mit dem Bemühen, das Beste zu geben, geleistet wird. Die Arbeit wird nicht abgeurteilt nach ihrem äußeren Erfolge, vor allem nicht nach dem Verhältnis, in dem sie zur Arbeit der anderen steht. Aber das Kind erlangt die wertvolle Erkenntnis, dass jede Arbeit ihren Lohn und ihren Wert in sich selbst trägt, und dass die innere Befriedigung über die Arbeit das höchste Glück ist, dass der Mensch erringen kann" (Bergmann 1925, S. 167).

Der Schulversuch stieß allgemein in Freiburg auf gute Resonanz, zumal es Emmy Bergmann verstand, ihre Erziehungs- und Bildungsstätte in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Die örtliche Presse berichtete mehrmals überaus positiv über die Montessori-Einrichtung. Als die Nazis an die Macht kamen, wurde die Erziehungs- und Bildungsstätte vom neuen Bürgermeister Franz Kerber verboten, trotz mancher Proteste aus der Bevölkerung.

Elisabeth Schwarz-Hierl und Elfriede Glückselig

Neben Berlin, Freiburg/Br. und Hamburg entwickelten sich in Jena, Rostock und Breslau weitere bedeutende Zentren der Montessori-Pädagogik. Auch hier waren Frauen die Initiatorinnen.

Im Jahre 1922 erbat sich die Jenaer "Heimstättengenossenschaft" von Clara Grunwald Hilfe für den Aufbau eines Montessori-Kinderhauses, ähnlich den Berliner Einrichtungen. Daraufhin schlug die Angefragte Elisabeth Schwarz-Hierl als kompetente Montessori-Pädagogin vor. Diese hatte bereits in Berlin-Lankwitz und Nürnberg als leitende Montessori-Pädagogin gearbeitet. Anfang September 1923 konnte nach längeren schwierigen Verhandlungen das erste Jenaer Montessori-Kinderhaus unter Leitung von Elisabeth Schwarz-Hierl übernommen werden. Auf Vermittlung von Clara Grunwald kam noch Elfriede Glückselig hinzu.

Beide Frauen riefen Anfang des Jahres 1925 die "Montessori-Gesellschaft für Thüringen e.V." ins Leben, mit dem erklärten Ziel, die "Montessori-Methode in Thüringen zu verbreiten und durchzusetzen". Diese Tatsache führte zu einer hart geführten Auseinandersetzung mit Clara Grunwald, die eine "Zersplitterung der Montessori-Methode in Deutschland" befürchtete "und dadurch die 'einzelnen Kräfte schwerlich gebündelt' werden könnten. Sie wollte eine 'Ortsgruppe des Berliner Montessorivereins' in Jena errichten. Doch Elisabeth Schwarz-Hierl war anderer Ansicht. Sie meinte: 'Je mehr selbständige Vereine, desto stärker auch die Verbreitung der Montessori-Methode in Deutschland'. Letztlich kam es zwischen Clara Grunwald und Elisabeth Schwarz-Hierl zu unüberbrückbaren Querelen, zumal insbesondere die Vorsitzende des Thüringer Montessori-Vereins die 'reine Weitergabe der Montessori-Methode zu leisten' beanspruchte. Wie aus Dokumenten ersichtlich wird, hatte Elisabeth Schwarz-Hierl von Jena aus oft in maliziöser Weise gegen Clara Grunwald integriert. Sie unterstellte der Vorsitzenden der Berliner Montessori-Gesellschaft (in Briefen an AnhängerInnen Maria Montessoris), dass diese die 'Montessori-Methode auf unseriöse Weise verwässert und verunreinigt'. Und so wurden aus einstigen Verbündeten Rivalinnen" (Berger 1999, S. 54).

In Jena zeichnete Elfriede Glückselig für die Nachmittagsgruppe im Kinderhaus verantwortlich. Diese umfasste 22 Kinder, die bis auf zwei schon fünf und sechs Jahre alt waren. Hier handelte es sich sozusagen um eine "Modellgruppe", aus der eine Grundschulklasse hervorgehen sollte. Diesem "pädagogischen Versuch" brachte man allseitiges Interesse entgegen. Dazu Elfriede Glückselig:

"Montessori-Kinderhäuser für vorschulpflichtige Kinder gibt es schon in einigen Städten Deutschlands, aber daß eine öffentliche Montessori-Klasse für schulpflichtige Kinder eingerichtet werden sollte, das war etwas Neues. Immer mehr pädagogisch interessierte Personen baten um die Erlaubnis zum Hospitieren. Die Entwicklung der Kinder hatte in kurzer Zeit so sichtbare Fortschritte gemacht, daß, um des Bekanntwerdens der Montessori-Methode willen, Besucher zugelassen wurden. Sie kamen nicht nur aus Jena, sondern auch aus vielen anderen Städten Thüringens. Unter ihnen waren Studenten, Lehrer, Seminaristen und Kindergärtnerinnen. Besonders die Jüngeren empfanden die durch die Anwendung der Montessori-Methode gegebene Möglichkeit, den Kindern die Freiheit zu gewähren, ihre Beschäftigung selbst zu wählen, wie eine Offenbarung. Alle aber waren überrascht von der Fähigkeit der Kinder, stundenlang ohne Hilfe des Erwachsenen zu arbeiten, und von der Heiterkeit, die von diesen aus eigenem Antrieb arbeitenden ausstrahlt" (zit. n. Berger 1999, S. 57 f).

April 1928 verließ Elfriede Glückselig Jena und übersiedelte nach Berlin, da dort günstigere Bedingungen herrschten, die Montessori-Pädagogik umzusetzen. Stets versuchte die Jenaer Administration die finanziellen Mittel für die Montessorianischen Einrichtungen zu kürzen. Elisabeth Schwarz-Hierl kämpfte weiter. Sie hielt Vorträge, führte Sonderkurse zur Einführung in die Montessori-Pädagogik an mehreren Kindergärtnerinnen- und Jugendleiterinnenseminaren durch. Aber die im August 1932 gebildete faschistische Sauckel-Regierung hatte kein Interesse an dieser Art von "undeutschen Erziehung" und kündigte Elisabeth Schwarz-Hierl, trotz einer von der Bevölkerung organisierten Protestversammlung gegen die von der NS-Regierung verfügten Schließung des Montessori-Kinderhauses.

Rosa Katz

In Rostock setzte sich die promovierte Psychologin Rosa Katz für die Verbreitung der Montessori-Pädagogik ein (vgl. Berger 2000a). Ihr Interesse dafür wurde durch die Erziehung ihrer beiden Söhne hervorgerufen. Sie veröffentlichte 1925 eine Einführung in "Das Erziehungssystem der Montessori". Diese Schrift ist hervorgegangen aus einer Reihe von Vorträgen, die Rosa Katz vor Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, Jugendleiterinnen und interessierte Eltern hielt. Bewusst wandte sich die Autorin mit ihrem 61 Seiten umfassenden Werk auch an Eltern, damit die Montessori-Pädagogik in den Familien mehr Anwendung findet. Sie griff damit eine Anregung Maria Montessoris auf, die diese zwei Jahre zuvor mit ihrer Publikation "Das Kind in der Familie" gegeben hatte. Wie die Mutter im Sinne dieser Pädagogik wirken kann, veranschaulichte Rosa Katz aus eigener familiären Erfahrungen. Nachstehend ein Beispiel zur Selbständigkeitserziehung:

"Schon dreijährigen Kindern kann man es beibringen, sich selbst an- und auszuziehen, ihre Schuhe auf- und zuzuschnüren und ihre Kleidung aufzuhängen. Man kann sie dahin bringen, ihre Hände selbst zu waschen, sie abzutrocknen, die Waschschüssel wieder in Ordnung zu bringen. Wird dabei Wasser verspritzt, so haben die Kinder es selbst aufzunehmen. Selbständig sollen auch die Kinder ihre Zähne putzen und gurgeln und ihr Haar bürsten ... Natürlich wird die Mutter hier und da, wie z.B. beim Kopfbürsten und beim Waschen, zunächst noch behilflich sein müssen, aber doch sollte sie so weit als möglich mit der Zeit immer mehr ihre Hilfe einschränken. Man darf bei diesem Verfahren nicht die Geduld verlieren, es dauert natürlich anfangs sehr lange, bis ein Kind etwas selbständig durchgeführt hat. Beispielsweise hat unser dreijährige Sohn zuerst eine volle Stunde gebraucht, um seine Schuhe zuzuschnüren. Mütter müssen sich eben bei jeder Tätigkeit des Kindes sagen, daß man nur auf diesem Wege selbständig unabhängige Menschen erziehen kann" (Katz 1925, S. 12 f).

Rosa Katz verbrachte die Sommermonate oft mit ihren Kindern im nur 12 km von Rostock entfernten Seebad Warnemünde. Sie stellte fest, dass es keine Unterbringungsmöglichkeiten für Kinder gab, damit sich die Eltern wenigstens ein paar Stunden am Tag ohne ihre Kinder in aller Ruhe erholen könnten. Kurzerhand gründete die Psychologin einen sog. "wandernden Kindergarten", der dorthin wanderte, "wo infolge einer vorübergehenden Ansammlung von Kindern ein Bedürfnis nach ihm vorhanden ist" (Katz 1927, S. 492). Der Kindergarten, der unter ihrer Leitung stand, war wochentags von 9-12 Uhr und von 15-18 Uhr geöffnet. Seine konzeptionelle Ausrichtung orientierte sich an der Montessori-Pädagogik:

"Weniger Spielcharakter hatten gewisse Gleichgewichtsübungen, die wir auch zuweilen auf der Veranda veranstalteten. Es wurde einfach auf dem Boden ein Strich mit Kreide gezogen, und die Kinder hatten dann genau mit diesem Strich zu gehen, ohne ihn zu verlasen. Um die Übung zu erschweren, bekamen die Kinder einen Löffel mit Wasser in die Hand, wobei kein Tropfen vorbeifließen durfte, oder, was ihnen noch weit mehr Spaß machte, es wurde auf den Löffel ein Ei - natürlich hart gekocht oder nur die leere Schale - gelegt, und das Kind hatte die Balance zu halten, das Ei durfte nicht vom Löffel herunterfallen ... Es wurden schließlich auf der Veranda auch praktische Arbeiten ausgeführt wie Staubwischen, Ausfegen, Teller und Tassen waschen, Metall putzen ... Die Kinder wurden unterwiesen, wie sie sich die Hände zu waschen hatten und wie man sich an- und auskleidet ... Die zuletzt beschriebenen Beschäftigungsarten sind den Übungen aus Montessori-Kindergärten entnommen. Es entsprach auch deren Grundsätzen, wenn wir uns bemühten, die Kinder nicht zum Arbeiten oder Spielen zu zwingen, sondern ihnen selbst nach Möglichkeit die Wahl der Beschäftigung zu überlassen" (Katz 1927, S. 498).

Käthe Stern

Mit Hilfe von Clara Grunwald konnte 1924 in Breslau ein Montessori-Kinderhaus seiner Bestimmung übergeben werden. Leiterin war die promovierte Psychologin Käthe Stern, eine Vertreterin des "erweiterten Montessori-Systems". Genannte bemängelte an Maria Montessori, dass diese immer stärker die Materialien ins Zentrum ihres "Systems" rückte:

"Während Montessori in der 'selbsttätigen Erziehung' noch die handwerkliche Betätigung, den Fröbelschen Singreigen, das gemeinsame Frühstück in ihr System einbezieht, hat sie jetzt das Schwergewicht ganz auf die Materialarbeit gelegt und so eine Einseitigkeit geschaffen, die mit Recht von struktur-psychologischer Seite ... angegriffen wird" (Stern 1932, S. 5).

Die Leiterin des Breslauer Montessori-Kinderhauses strebte mit ihrem "erweiterten Montessori-System" eine Synthese der Fröbel- und Montessori-Pädagogik an, von beiden das Beste, jedoch beider Einseitigkeiten überwindend. Dazu schrieb Käthe Stern (1933, S. 99 f):

"Fröbel hat mit genialem Blick die charakteristischen Züge der kindlichen Entwicklung erkannt, und nur dort können wir ihm nicht folgen, wo er anstatt 'nachzugehen und zu behüten' den Kindergarten ganz auf primitive Denkart des Kindes zuschneidet und das 'Phantasiespiel' organisiert. Montessori wieder betont allzu sehr, daß die 'Phantasie' ein Übergangsstadium kennzeichnet, und um der nächst höheren Stufe willen - die in der Tat jedes Kind erklimmt - unterdrückt sie die primitiven Äußerungen. Dadurch droht tatsächlich die Gefahr, daß das Kind sich wie ein kleiner, zielstrebiger Erwachsene verhält, der ebenso wie er den Finger nicht mehr in den Mund steckt - auch zu 'groß' ist, um 'Schaffner' zu spielen.
Das 'Erweiterte Montessori-System' vermeidet beide Klippen ... In unserem Kinderhause sehen wir das Kind mit Fröbels Augen und freuen uns an seinem Spiel. Wir helfen ihm aber vorwärts mit Montessoris klar durchdachten 'Entfaltungsmitteln' und erleben seine Fortentwicklung zur Leistung".

Käthe Stern schien von den diskreditierenden Reaktionen Maria Montessoris auf Abweichungen von ihrer Methode gewusst zu haben, denn selbstsicher schrieb sie über den Versuch mit ihrem "erweitertes Montessori-System":

"Das hier beschriebene System der Kleinkinder-Erziehung hat von der Montessori-Methode seinen Ausgang genommen. Daher erschien es mir als ein Akt selbstverständlicher Pietät, den Namen Montessoris beizubehalten. Es könnte jedoch sein, daß Maria Montessori in unserem Versuch keine natürliche Fortsetzung, sondern eine Form der Loslösung sieht, der sie ihren Namen entziehen will. Dann werden wir versuchen, auch weiterhin den Weg zu gehen, den unser Gewissen uns vorschreibt, da wir auf pädagogischem Gebiet uns kein Dogma verschreiben können. So liegt uns jeder Anspruch auf eine starre Befolgung der von uns erprobten Richtlinien fern" (Stern 1932, S. 163).

Die Zeit des Nationalsozialismus

Als 1933 die Nazis an die Macht kamen, war es um die Montessori-Pädagogik und ihre Einrichtungen schlecht bestellt. Bereits noch im Jahr der Machtergreifung wurden die ersten Kinderhäuser und Montessori-Schulen geschlossen. Mit allen Mitteln versuchte man, die "undeutsche" Pädagogik "auszumerzen" und zu desavouieren, wie folgender Textauszug aus dem "Westdeutschen Beobachter" vom 23. Januar 1936 anschaulich belegt. Unter der Überschrift "Haben die Montessori-Kindergarten heute noch eine Daseinsberechtigung" ist nachlesen:

"Wir entsinnen uns der Montessori-Kindergärten, die gestern und heute noch ihr Dasein haben. In ihnen lebt der Geist der Einzelerziehung. Jedes Kind hat seinen Tisch, schaltet und waltet nach eigenem Wollen, alle Momente der Gemeinsamkeit, wie zum Beispiel Geschichtenerzählen oder Singen, finden hier kaum Beachtung. Wer diese Erziehung fordert oder tätigt, empfindet nicht deutsch und - nicht natürlich ... Es ist erwiesen, daß ausschließlich jüdische und marxistische Elemente jene Montessori-Pädagogik als willkommene Methode aufgriffen und für sie Propaganda machten. Denn 1. war die undeutsche und egoistische Haltung ihnen selbst gemäß, und 2. konnten sie unter Zuhilfenahme des wohldurchdachten Montessori-Materials bei den kleinen Kindern jene zersetzende Macht des Individualismus geltend machen, der die Menschen vereinsamt und für eine lebendige Volksgemeinschaft unfähig macht" (zit. n. Berger 1988, S. 64).

In einem Punkt hatte der "Westdeutsche Beobachter" durchaus recht. Denn in der Tat, die Montessori-Pädagogik wurde bis 1933 überwiegend von Frauen jüdischer Herkunft propagiert (vgl. Berger 2001b). Alle von mir vorgestellten Frauen entstammten aus (meist bürgerlichen) jüdischen Verhältnissen. Sie wurden mit der Machtergreifung ihrer öffentlichen Ämter enthoben. Viele von ihnen konnten emigrieren, beispielsweise Elsa Ochs in die USA und Rosa Katz nach England, später Schweden. Für manche führte der Weg nach Auschwitz oder in ein anderes KZ des Ostens, erinnert sei an den prominentesten Namen: Clara Grunwald. Ihr Lebensweg endete im Inferno von Auschwitz. Dadurch gelang den Nazis die völlige Vernichtung der Montessori-Pädagogik - nach außen hin, aber nicht nach innen.

Irene Dietrich und Helene Helming

Wenn nach dem Zusammenbruch in Deutschland der Name Maria Montessori wieder laut wurde, so war dies der Verdienst der Frauen (und Männer), die von einer Elfriede Glückselig, Clara Grunwald, Käthe Stern ... in irgendeiner Form für die Montessori-Pädagogik begeistert wurden, sei es als SchülerInnen oder als Montessori-Kind. So ist es beispielsweise dem unermüdlichen Eifer Irene Dietrichs, die 1925 als junge Lehrerin Clara Grunwald aufsuchte, zu verdanken, dass bereits ab1947 kontinuierlich in Berlin Montessori-Klassen errichtet wurden. Auch war sie maßgebend an der Durchführung eines Ausbildungskurses (Dezember 1948 bis Juli 1949 in Frankfurt/Main) für deutsche Montessori-Lehrkräfte beteiligt. Vor allem Helene Helming, Teilnehmerin des Montessori-Kurses 1926/27 in Berlin, hatte sich große Verdienste um die Montessori-Pädagogik nach 1945 erworben. Sie knüpfte kurz vor deren Tod wieder Kontakte zu Maria Montessori.

Der Dottoressas besondere Zuneigung galt den Kindern im Nachkriegsdeutschland, wie sich aus einem Bericht ihres Sohnes erschließen lässt: "Als Maria Montessori nach dem Krieg von Indien nach Europa zurückkehrte, wurde sie auf dem Internationalen Kongress in San Remo gefragt, welches Land das nächste Ziel ihrer Arbeit sei. Zur Überraschung aller Anwesenden gab sie zur Antwort: 'Deutschland'. 'Viele Kinder in Europa leiden noch immer unter der Not und dem Elend des Krieges, aber die Kinder in Deutschland haben meine Hilfe besonders nötig, weil ihr Land ausgestoßen und geächtet ist'" (zit. n. Günnigmann 1979, S. 16 f).

Helene Helming schrieb zum Tod der international bekannten Frau: "In vielen Ländern der Welt werden Verehrer der großen Pädagogin ihrer Lehre treu bleiben und ihr Werk weiterführen" (zit. n. Günnigmann 1979, S. 24).

Und Helene Helming sollte Recht bekommen: 50 Jahre nach Maria Montessoris Tod ist ihre Pädagogik aktueller denn je. In unzähligen Montessori-Einrichtungen im In- und Ausland steht nach wie vor im Zentrum des pädagogischen Alltags die Forderung des Kindes an den Erwachsenen: "Hilf mir, es allein zu tun!"

Literatur

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Archive

Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam, Rep. 34 Provinzialschulkollegium Nr. 3856

Ida-Seele-Archiv Dillingen; Akten: Montessori-Bewegung, Nr. 1/2/3/4/5; Clara Grunwald, Nr. VI, C. G. 1/2/3; Elisabeth Schwarz-Hierl/Elfriede Glückselig, Nr. II. 1/2/3; Rosa Katz Nr. 1/2/3

Autor

Manfred Berger, Jg. 1944, ist ehrenamtlicher Leiter des Ida-Seele-Archivs in 89407 Dillingen sowie Dozent u.a. für Heilpädagogik, Psychologie und Pädagogik an Fach(hoch)schulen/ -akademien für Sozialpädagogik.