Was Kinder brauchen. Erziehung und Bildungsziele in der Waldorfpädagogik für Kinder bis zur Schulfähigkeit

Internationale Vereinigung der Waldorfkindergärten e.V.

 

Kinder kommen nicht als leere Gefäße zur Welt. Sie sind Individualitäten, die sich mit ihren Begabungen, Neigungen, Interessen und auch Handicaps entwickeln und ihren eigenen Weg gehen wollen. Um diesen Prozess so gut wie möglich zu gestalten, brauchen sie kompetente erwachsene Vorbilder, liebevolle und sichere Beziehungsverhältnisse und ihre eigene Entwicklungszeit. Kinder passen nicht in das Zeitraster der Erwachsenenwelt und auch nicht in deren politische oder wirtschaftliche Zweckvorstellungen.

Kinder sind lernfähige, lernfreudige und lernbereite Wesen. Ihre Entwicklungsfenster sind gerade in den ersten Kindheits- und Schuljahren besonders weit geöffnet. Daraus entsteht die Verantwortung, die Lebenswelt der Kinder so zu gestalten, dass im Sinne eines "Salutogenese"-Ansatzes (Antonovsky) mindestens drei Hauptkomponenten die Erziehung prägen:

  1. Kinder sollen - und wollen - die Welt in ihren Zusammenhängen erkennen und verstehen lernen, wobei der methodische Weg hierbei vom Erfassen einfacher und gut durchschaubarer Zusammenhänge ausgeht und zu immer komplexeren hinführt (Verstehbarkeit).
  2. Kinder gewinnen Vertrauen in die eigenen wachsenden Kräfte und Fähigkeiten in erster Linie dadurch, dass sie viele Gelegenheiten bekommen, Dinge selber zu tun und Aufgaben zu meistern. Wo Hilfe nötig ist, soll sie selbstverständlich erfolgen (Handhabbarkeit).
  3. Kinder sollen sich die Sinnhaftigkeit des eigenen Handelns, Fühlens und Denkens Schritt für Schritt erschließen; dazu bedarf es in der Kindheit und Jugendzeit qualifizierter Vorbilder als Orientierung und Wegbegleitung (Bedeutsamkeit).

In der Zeit bis zur Schulfähigkeit - die sich nicht nach gesetzlichen Regeln oder wirtschaftlichen Überlegungen, sondern nach der körperlichen und seelischen Entwicklung des Kindes bestimmt -, ist es nicht das spezifische, abprüfbare Wissen, was das Kind braucht. Im Gegenteil: Die Zeit vor der Schule dient, frei von schulischem Lernen, dazu, so genannte Basiskompetenzen entwickeln zu können, auf denen später die schulische Erziehung und Bildung aufbauen kann. Gerade diese Basiskompetenzen versetzen die späteren Jugendlichen/ Erwachsenen in die Lage, die Anforderungen des täglichen Lebens möglichst gut zu meistern, schaffen erst die erforderlichen Fundamente für weitere Spezialisierungen. Kinder vor der Schulfähigkeit brauchen - und vertragen - keine vereinseitigende Intellektualisierung. Und auch keine Kuschelpädagogik. Sie brauchen die aufmerksame Begleitung der Eltern und gut ausgebildeter Pädagogen, die ihnen Orientierung geben. Nur so können sie ihren eigenen Weg finden.

Waldorfkindergärten als Kompetenz-Zentren

Waldorfkindergärten verstehen sich von je her nicht als bloße Bewahreinrichtungen, sondern sie wollen die Start- und Entwicklungsbedingungen des einzelnen Kindes verbessern und ihm eine frohe, lernintensive und glückliche Kindheitszeit gewährleisten. Im Erziehungs- und Bildungsbereich der Waldorfpädagogik für die ersten sechs bis sieben Lebensjahre lassen sich insbesondere sieben Kompetenzbereiche aufzeigen.

1. Körper- und Bewegungskompetenz

Wissenschaftler und Lehrer haben bei mehr als der Hälfte der Erstklässler Haltungsschäden, Übergewicht oder Gleichgewichtsstörungen festgestellt. Viele Kinder leiden unter Bewegungsmangel, ihre Grob- und Feinmotorik ist unzureichend entwickelt. Da kündigt sich nicht nur ein Problem für die Krankenkassen an, sondern auch für die Gesellschaft: Die seelische und geistige Befindlichkeit des Menschen korrespondiert mit seiner körperlichen Beweglichkeit; wer sein körperliches Gleichgewicht nicht halten kann, bekommt eher Probleme mit der seelischen Balance. Auch beeinflusst die Fähigkeit sich zu bewegen ganz entscheidend den Spracherwerb. Etwas begreifen und darauf zugehen zu können prägt die Wahrnehmung, weitet den Erfahrungshorizont des Kindes und aktiviert den Sprachentwicklungsprozess. So bereiten sich Kinder, die sich aktiv und vielseitig zu bewegen lernen, auch auf eine immer qualifiziertere Denktätigkeit vor.

Im Waldorfkindergarten wird deshalb besonders darauf geachtet, dass die Kinder sich vielseitig bewegen: regelmäßige Spaziergänge oder Spielen und Arbeiten im Garten gehören ebenso in dieses Spektrum wie Reigen- oder Fingerspiele und Handarbeiten (etwa Nähen oder Weben).

Methodische Hinweise: Körperwahrnehmung, Körpergefühl und die Grob- und Feinmotorik entwickeln sich z.B. beim Laufen, Klettern und Seilhüpfen, beim Reigen, bei Spiel und Arbeit im Garten oder in der Küche, beim Spielen einfacher Musikinstrumente, bei Arbeiten an der Werkbank (Herstellen von einfachen Gegenständen, z.B. einem Vogelhäuschen).

2. Sinnes- und Wahrnehmungskompetenz

Virtuelle Welten breiten sich aus, sie gaukeln uns Qualitäten vor, die real so nicht vorhanden sind. Um nicht auf diese Trugbilder hereinzufallen, müssen wir uns mehr denn je auf unsere Sinne verlassen können, brauchen wir eine erhöhte Wahrnehmungskompetenz. Unsere Kinder brauchen ein waches Bewusstsein für das, was um sie herum geschieht, was mit ihnen geschieht. Das entwickelt sich mit dem Vertrauen in die eigene Wahrnehmungskraft, deshalb brauchen sie in dieser Zeit verlässliche, unverfälschte Eindrücke. Auch die später erforderliche Medienkompetenz erfährt hier eine pädagogische Grundlegung. "Medienkompetenz", so entwickelt der amerikanische Computerexperte Joseph Weizenbaum, "bedeutet die Fähigkeit, kritisch zu denken. Kritisch zu denken lernt man allein durch kritisch verarbeitendes Lesen, und Voraussetzung hierfür ist eine hohe Sprachkompetenz".

Im Waldorfkindergarten sollen die Kinder deshalb zuerst einmal die reale Welt mit ihren Sinnen entdecken und erforschen können und dabei einfache, wahrnehmbare Zusammenhänge kennen und verstehen lernen. Auf diese Weise, gepaart mit der eigenen Entdeckerfreude, erfahren sie allmählich auch elementare Naturgesetze. Solche grundlegenden Voraussetzungen sollten zumindest vorhanden sein, bevor Kinder sich dann kompliziertere Zusammenhänge erschließen. Computer oder Fernseher bereits im Kindergarten fördern deshalb keineswegs die später erforderliche Medienkompetenz.

Methodische Hinweise: Pflege der menschlichen Sinne, besonders von Tastsinn, Gleichgewichtssinn, Eigenbewegungssinn, Lebens- oder Wohlbehagenssinn, Geschmackssinn, Hörsinn, Sehsinn, Wärme-Kälte-Sinn. Proportional harmonisch gestaltete Räume, wohltuende Abstimmung von Farben und Materialien, gesund und naturnah produzierte Lebensmittel, Echtheit der Materialien und keine Sinnestäuschungen (sieht so aus wie Holz, ist aber Plastik).

3. Sprachkompetenz

Denken und Sprechen sind eng miteinander verbunden. Nur mit der Sprache können wir das Gedachte ausdrücken, unsere Gefühle zum Ausdruck bringen, allen Dingen in der Welt einen Namen geben und miteinander ins Gespräch kommen. Doch dieses Instrument bedarf der frühen, aktiven und sorgfältigen Pflege. Kinder lernen sprechen in einer sprechenden Umgebung. Dabei kommt es in erster Linie auf das menschliche Beziehungsverhältnis zwischen Sprechendem und Hörendem an. Das sprachliche und seelisch warme Verhältnis zwischen Kind und Erwachsenem bildet den Nährboden für eine gute und differenzierte Sprechweise.

Wann Kinder zu sprechen beginnen ist individuell verschieden. Alle brauchen aber gute sprachliche Vorbilder im Erwachsenen, um in die Sprache hineinzuwachsen.

Im Waldorfkindergarten haben Lieder, Geschichten, Verse, Fingerspiele und Reime einen großen Stellenwert. Denn spielerisch lernen die Kinder so die Sprache und beheimaten sich in ihr. Die Sprechweise der Erzieherinnen sollte dabei liebevoll, klar, deutlich und bildhaft sein - und der Altersstufe angemessen. Die so genannte Babysprache wird deshalb hier nicht zu finden sein, ebenso wenig wie abstrakte Erklärungen.

Methodische Hinweise: Gute sprachliche Vorbilder, deutliche, wortreiche und bildhafte Sprache, Lieder, Verse, Fingerspiele, Reime, fach- und sachgerechtes Benennen der Gegenstände, z.B. der Namen von Pflanzen und Tieren, tägliches Erzählen oder Vorlesen von sinnvollen Geschichten, Märchen u.ä., Kinder aussprechen lassen, nicht sprachlich korrigieren, Zeit zum Zuhören nehmen - daraus entsteht Lesefreude und Lesefähigkeit.

4. Phantasie- und Kreativitätskompetenz

Der Widerspruch ist allgegenwärtig: Um uns herum ist immer mehr genormt, vorgefertigt und festgelegt. Auf der anderen Seite ist menschliche und gesellschaftliche Entwicklung ohne Phantasie und schöpferische Kreativität kaum denkbar. Doch sind wir dazu bald überhaupt noch fähig? Wie erwerben und erhalten wir diese Kompetenz? Wenn vom späteren Erwachsenen zu Recht Ideenreichtum, seelisch-geistige Beweglichkeit und Phantasie bei der Lebensgestaltung und in der Arbeitswelt gefordert wird, so müssen diese Fähigkeiten im Kindergartenalter angelegt werden. Alles Phantasievolle, alles Künstlerische weitet die Seele und das Bewusstsein des Menschen.

Im Waldorfkindergarten nehmen die Entwicklung und Pflege der kindlichen Phantasiekräfte ganz konkrete Gestalt an. Da gibt es besonders viele noch nicht genormte und kaum fertig ausgestaltete Spielsachen, die die schöpferischen Kräfte der Kinder anregen. Erzählte Geschichten animieren die Kinder, das Gehörte in spielende Kreativität umzusetzen und zu verwandeln. Tägliche Spielzeiten geben die erforderliche Zeit, damit die Kinder ausgiebig, mit Konzentration und immer wieder sich entzündender Schaffensfreude tätig werden können.

Methodische Hinweise: Spielzeug und Spielmaterialien, die phantasieanregend, d.h. freilassend gestaltet sind, wie Steine, Bretter, Hölzer, Tücher; regelmäßige Spielzeiten im Wald oder Garten, vielseitige Spiel- und Gestaltungssituationen, z.B. Rollenspiele, Puppenspiele; angeleitete Freispiele; Handwerke nachspielen, z.B. Schuster, Schreiner, Schneider, d.h. so genannte "Urtätigkeiten" spielend kennen lernen und ein Verhältnis dazu entwickeln; anregende Geschichten hören und spielend umsetzen.

5. Sozialkompetenz

Soziales Miteinander will gelernt sein. Ohne Sozialkompetenz ist das Leben des einzelnen Menschen und einer Gemeinschaft undenkbar. Kinder sind von Geburt an soziale Wesen und wollen sich lernend in menschliche Beziehungsverhältnisse einleben. Diese Lernprozesse beginnen in der Familie und setzen sich im Kindergarten fort Doch immer mehr Kinder wachsen zum Beispiel in "Ein-Kind-Familien" auf, oft nur mit einem Elternteil. Dadurch sind ihre sozialen Übungsfelder begrenzt Der Kindergarten muss daher mehr den je Grundlagen für soziale Erfahrungsfelder schaffen. Im sozialen Miteinander geht es immer darum, die Interessen, Wünsche, Bedürfnisse des Einzelnen in ein Verhältnis zur sozialen Gemeinschaft zu bringen. Dabei muss einerseits der einzelne Mensch sich mit seinen Fähigkeiten und Intentionen einbringen können (Gestaltungsraum), um aus einem verantwortlichen Freiheitsimpuls heraus Gemeinschaft zu schaffen, in der andererseits möglichst die Belange aller ihren Platz haben. Dazu sind Regeln, Verabredungen und Vertrauen erforderlich. Kinder brauchen Gemeinschaften, in denen sie möglichst viele dieser sozialen Lebensregeln lernen und sich an ihnen orientieren können.

Der Waldorfkindergarten ist ein solcher orientierender Lebensraum. In ihm lernen die Kinder, dass es Regeln gibt sowie einen Struktur gebenden Tages- und Wochenrhythmus bis hin zu klaren Aufgabenverteilungen für die einzelnen Kinder und die Gruppe (etwa aufräumen oder Tisch decken). Sie lernen dabei auch, Verantwortung zu übernehmen und den dabei entstehenden eigenen Gestaltungsraum zu nutzen - und gleichzeitig üben sie sich in praktischen Tätigkeiten.

Methodische Hinweise: Gegenseitiges Helfen und Achten etwa in altersgemischten Gruppen, Aufgaben übernehmen wie Spülen, Aufräumen, Blumen Gießen; soziale Orientierung durch das Hören von sinnvollen Geschichten, Rollenspiele wie Vater-Mutter-Kind, Feuerwehr, Krankenhaus, Kaufladen; geben, nehmen und teilen lernen; die Mitarbeit der Eltern im Kindergarten erleben, z.B. beim Reparieren von Spielzeug, bei Festen und Feiern oder Renovierungsarbeiten; Üben von Konfliktlösungen, z.B. sich entschuldigen lernen.

6. Motivations- und Konzentrationskompetenz

Viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene leiden heute unter Konzentrationsmangel, Nervosität, Hyperaktivität. Sie sind gehandicapt in ihrer Schaffensfreude und in der Fähigkeit, sich mit bestimmten Aufgaben für eine Zeit lang zu verbinden. In Wissenschaft und Pädagogik werden seit langem hierfür die verursachenden Faktoren untersucht (Pathogenese). Gleichzeitig gilt es, die gesundenden und stabilisierenden Faktoren zu kennen und zu stärken (Salutogenese).

Die Waldorfpädagogik sieht ihre Aufgabe darin, beide Konzepte miteinander zu verbinden: Eindrücke, die sich als schädlich für die Entwicklung des kleines Kindes herausgestellt haben, versucht sie von ihm fernzuhalten (z.B. Fernsehen im frühen Alter), demgegenüber richtet sie den Schwerpunkt auf die gesundenden Faktoren. Beispielsweise schaut sie bereits im frühen Kindesalter auf das Lern- und Betätigungsbedürfnis der Kinder und versucht, es konsequent anzuregen. Regelmäßige Wiederholungen und rhythmisierende Gestaltungselemente vom Tagesablauf bis hin zum Jahreslauf im Kindergarten mit seinen vielen Höhepunkten und den Jahresfesten helfen, die Konzentrationsfähigkeit der Kinder zu entwickeln. Interessante und anregende Betätigungsmöglichkeiten wirken auf die Kinder motivierend.

Methodische Hinweise: Selbstgestaltete Spiele, Spielzeug, das zur Eigenaktivität anregt und vielfältige Möglichkeiten bietet, Arbeiten ganzheitlich von Anfang bis Ende kennen lernen und selber ausprobieren (Backen, Waschen, Gartenarbeit), Anregung durch das Interesse des Pädagogen schaffen, Erleben von lebensgemäßen Tätigkeiten der Erwachsenen statt plan- und sinnloser oder ungesunder Aktivitäten.

7. Ethisch-moralische Wertekompetenz

Kinder wie Erwachsene brauchen zur eigenen Lebensgestaltung seelisch-geistige Orientierungen, Wertvorstellungen und Aufgaben, mit denen sie sich innerlich verbinden können. Kinder brauchen Regeln, Rituale, Klarheit und Wahrhaftigkeit. Sie wollen Erwachsene erleben, die sich engagieren, die ihnen moralische Orientierung geben - ohne zu moralisieren. Viele Kinder finden aber heute in ihrem Umfeld oft nur die Maßstäbe der Spaß- und Freizeitgesellschaft ohne tragende Verbindlichkeiten vor.

Die Waldorfpädagogik nimmt die moralisch-ethische Erziehung ganz bewusst in ihr pädagogisches Konzept auf. Sie geht darauf ein, dass Kinder ein Koordinatensystem für das Gute, Schöne und Wahre brauchen ebenso wie die Achtung vor anderen Menschen, anderen Kulturen und der Schöpfung. Und sie sollen auch lernen, dass damit persönliches Engagement verbunden ist.

Methodische Hinweise: Orientierung gebende Geschichten, Feste vorbereiten und feiern, liebevoller Umgang mit der Natur, Vermeiden von Wischi-Waschi-Pädagogik, praktizierte Nächstenliebe, Dankbarkeit (Tischspruch vor dem Essen) und Hilfsbereitschaft, Erleben des Engagements der Eltern in Vereinen, in der Politik, im Kindergarten; multikulturelle Besonderheiten im Kindergarten zu achten lernen; Lieder, Verse anderer Völker hören und singen.

Adresse

Peter Lang
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