Familienrollen im Rollenspiel

Martin R. Textor

 

In der Rollentheorie wird als Rolle ein Bündel normativer Verhaltenserwartungen bezeichnet, die an den Inhaber einer mit bestimmten Funktionen, Rechten und Pflichten verbundenen Position gestellt werden. Diese Vorschriften sind von einem unterschiedlich hohen Grad der Verbindlichkeit und müssen zumindest teilweise aufgrund der sozialen Kontrolle befolgt werden. Sie werden von der jeweiligen Person internalisiert und zu eigenen Verhaltensmaßstäben gemacht. Die Ausübung einer Rolle zeigt sich in bestimmten Verhaltensweisen, die den an den Rollenträger gestellten Erwartungen entsprechen. Somit erlaubt der Rollenbegriff die Überbrückung der Kluft zwischen der psychischen und der gesellschaftlichen Sphäre.

Generell werden Primärrollen wie Geschlechts-, Alters- und Familienrollen von Sekundärrollen wie die des Kindergartenkindes, der Erzieherin oder des Mitglieds eines Sportvereins unterschieden. So vereinigt jedes Individuum in sich eine Vielzahl von Rollen. Diese können miteinander in Konflikt geraten (Rollenkonflikt, z.B. wenn eine Frau nach der Geburt eines Kindes sowohl die Berufs- als auch die Mutterrolle ausüben will) oder das Familienmitglied überfordern (Rollenstress). Zudem kommt es manchmal zu Problemen, wenn unterschiedliche Erwartungen an den Träger einer Rolle gestellt werden, also beispielsweise Großeltern von einer Frau und Mutter ein anderes Erziehungsverhalten fordern als deren Mann. Das Familienmitglied kann sich aber auch von seinen Rollen distanzieren (Rollendistanz), sie verändern und in sie eigene Persönlichkeitscharakteristika einbringen (Rollenmodifikation).

Somit üben nie zwei Personen dieselbe Rolle auf gleiche Weise aus. Die Bandbreite des Verhaltens ist besonders groß in pluralistischen Gesellschaften wie der deutschen, da es hier einerseits eine Vielzahl unterschiedlicher Leitbilder, Normen und Erwartungen in Bezug auf eine bestimmte Rolle und andererseits eine nur schwach ausgeprägte soziale Kontrolle gibt. Insbesondere die Medien tragen stark zu der Vermehrung von Orientierungs- und Verhaltensmustern bei.

Geschlechts- und Familienrollen

Für den Strukturfunktionalismus - eine in den 50er- und 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelte soziologische Theorie - gelten Geschlecht und Generationszugehörigkeit als Bezugspunkte der familialen Strukturbildung: Je nach Alter und Geschlecht übernehmen Familienmitglieder bestimmte, einander entsprechende Familienrollen wie die des Ehepartners, der Mutter, des Kindes oder des älteren Bruders. Diesen Rollen sind unterschiedliche Funktionen, Aufgaben, Rechte und Pflichten zu Eigen, die sich vielfach mit dem Alter und den Bedürfnissen der Betroffenen ändern. Manche Familienrollen, z.B. die der Tochter oder des Sohnes, werden direkt nach der Geburt erlernt, andere erst nach dem Eintritt in eine bestimmte Phase des Familienzyklus, etwa die des Vaters oder der Mutter. Generell erfolgt die Übernahme einer Rolle durch Nachahmung, Identifikation, Verstärkung und andere Lernprozesse.

Heute gibt es viele mit einander konkurrierende Leitbilder, wie Familienrollen ausgeübt werden sollten. So finden Sie in den Familien Ihrer Kindergartenkinder ganz unterschiedliche Formen der Rollenausübung vor. Gerade Rollenspiele, in denen Kinder Vater, Mutter und Kind spielen, vermitteln einen guten Eindruck davon, wie Familien- und Geschlechtsrollen zu Hause praktiziert bzw. von den Kindern erlebt und verstanden werden. Beobachten Sie einmal spielende Kinder und versuchen Sie zu erfassen, welche der folgenden Rollenleitbilder befolgt werden!

Mutterrollen

Das traditionelle Leitbild: Mütter sollten verheiratet sein und ihren Beruf zugunsten ihrer Kinder aufgegeben haben, also Hausfrauen sein. Mutterschaft wird als Lebenserfüllung der Frau und als "Essenz" ihrer Weiblichkeit gesehen. Hier sind Mütter nahezu ausschließlich für die Erziehung, Versorgung und Betreuung der Kinder zuständig. Sie sollen "expressive Funktionen" verkörpern und vor allem sensibel, offen, kommunikativ, emotional und eher passiv wirken. Im Mittelpunkt ihres Lebens sollte das Umsorgen anderer Menschen und das Aufgehen in persönlichen Beziehungen stehen.

Die Supermutter: Nach diesem Idealbild - das heute von den Medien und feministischen Gruppierungen verbreitet wird - sollen Frauen gleichzeitig attraktive Sexualpartnerinnen, erfolgreiche Berufstätige, perfekte Hausfrauen und gute Mütter sein. Als "Beziehungsexpertinnen" sichern sie eine befriedigende Partnerschaft mit ihrem Mann und entwicklungsfördernde Eltern-Kind-Beziehungen, ohne dass die eigene Selbstverwirklichung und Persönlichkeitsintegration zu kurz kommen. Und trotz ihrer Vollerwerbstätigkeit erbringen sie einen enormen Aufwand an Zeit und Energie für die Betreuung und Erziehung ihrer Kinder.

Gezwungenermaßen erwerbstätige Mütter: Sie sind allein erziehend oder können nicht nur von dem Einkommen ihres Ehemannes leben. So sind sie gezwungen, auch nach der Geburt eines Kindes erwerbstätig zu sein und Geld zu verdienen. Aufgrund ihrer zumeist geringen schulischen und beruflichen Qualifikationen stehen ihnen in der Regel nur schlecht bezahlte Jobs zur Verfügung. So ist es illusorisch, von Möglichkeiten der Selbstverwirklichung im Beruf, von Karrierechancen o. Ä. zu sprechen. Da die Arbeitgeber solcher Frauen wenig Rücksicht auf Mutterschaft nehmen, muss die Arbeit - auch Nacht-, Schicht- oder Wochenendarbeit - vorgehen.

Die "neuen" Mütter: Sie verzichten nach der Geburt eines Kindes bewusst auf die Berufsausübung, ohne jedoch das traditionelle Mutterbild zu übernehmen. Diese Frauen entziehen sich den Belastungen der Konkurrenz, Vereinzelung und Austauschbarkeit im Beruf und suchen nun in der Beziehung zu Kind (und Mann) Selbstverwirklichung und die Befriedigung emotionaler Bedürfnisse. Ihrer Meinung nach können Frauen nur in der Familie sie selbst sein und ihre eigenen Vorstellungen vom Leben realisieren. Vor allem in der Mutter-(Eltern-)Kind-Beziehung seien Liebe, Fürsorge, Selbstlosigkeit, Uneigennutz u.Ä. lebbar und erlebbar.

Vaterrollen

Der Patriarch: Er ist als Familienoberhaupt die oberste Autorität in der Familie, der "Herr im Hause". Er verkörpert instrumentelle Funktionen, ist also aggressiv, hart, dominant, leistungsbereit, rational und tatkräftig. Der Mann wird überwiegend in seiner Berufsrolle gesehen; er ist der "Ernährer" der Familie und vertritt sie nach außen hin. Die Beschäftigung mit Kindern gilt als "unmännlich" (dasselbe trifft auf Hausarbeit zu). So achtet der Vater vor allem auf Leistung und Gehorsam; er straft die Kinder. Generell wird das männliche Geschlecht höher bewertet als das weibliche.

Der Nicht-Vater: Hier befindet sich der Vater am Rande der Familie und tritt nicht mehr als Erzieher in Erscheinung. Er ist wohl noch "(Mit-) Ernährer" der Familie, lebt aber ansonsten sein eigenes Leben - nach der Arbeit vor dem Fernseher, am Stammtisch, im Verein, am Computer, im Fitness- oder Hobbyraum. Viele dieser Väter sind auch "Workaholics", die 60 Stunden und mehr pro Woche arbeiten und somit keine Zeit für ihre Familie haben. Sie kümmern sich kaum um Frau und Kinder; ihre Autorität und innerfamiliale Macht sind gering.

Der Spiel- und Freizeitkamerad: Diese Väter, unter denen sich auch viele Wochenend-, also geschiedene (nicht sorgeberechtigte) Väter befinden, engagieren sich bei der Kinderbetreuung, vor allem aber bei "angenehmen" Tätigkeiten wie Spielen, Herumalbern, Raufen, Fahrradtoren u. Ä. Wickeln und Füttern von Säuglingen, Baden und Waschen von Kleinkindern, Hausaufgabenkontrolle bei Schulkindern usw. werden jedoch gerne den Müttern überlassen. Auch die Hausarbeit wird eher als "Frauensache" angesehen.

Die neuen Väter: Sie sind engagiert, gefühlvoll, fürsorglich und kompetent, sehen sich als Erzieher ihrer Kinder und verhalten sich auch entsprechend. Sie verbringen den Großteil ihrer Freizeit zu Hause, führen eine partnerschaftliche Ehe und legen viel Wert auf den Dialog mit ihrer Frau. Auch übernehmen sie einen signifikanten Anteil der Hausarbeit. In manchen Fällen (z.B. bei Vätern im Erziehungsurlaub) verschwimmen die Unterschiede zwischen "väterlichem" und "mütterlichem" Verhalten, also zwischen den geschlechtsrollenspezifischen Aspekten der Elternrollen.

Schlusswort

Bei den gerade skizzierten Mutter- und Vaterrollen handelt es sich natürlich nicht um eine abschließende Darstellung - neben ihnen gibt es viele andere Formen und Unterformen der Ausübung von Elternrollen. Und selbstverständlich hat die Art und Weise, wie ein Ehepaar Mutterschaft und Vaterschaft versteht und lebt, Konsequenzen für die Definition der Kinderrolle - beispielsweise wird ein autoritärer "Patriarch" von seinen Kindern ein ganz anderes Verhalten fordern als ein "neuer Vater". So entsprechen sich Eltern- und Kinderrollen.

Wenn Sie Kinder beim Rollenspiel beobachten, gewinnen sie einen Eindruck davon, wie deren Eltern vermutlich die Familienrollen ausüben (oder welche Rollenleitbilder schon aus Fernsehen, Bilderbüchern usw. internalisiert wurden) und wie die Kinderrolle definiert wird. Jetzt können Sie überlegen, ob Sie im Rahmen der Geschlechtserziehung nicht die Bandbreite geschlechtsspezifischen Verhaltens erweitern können oder ob Sie die Kinder mit anderen Leitbildern und Definitionen von Familienrollen konfrontieren wollen. Sie können die Familienbeziehungen der Kinder besser einschätzen und gewinnen Ideen für Elterngespräche. Und vielleicht veranstalten Sie sogar einen Elternabend, in dem Eltern ihre Familienrollen reflektieren können...